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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Rahmenbedingungen für produktives Lernen


barbara seiler
21.07.2008, 21:23
Hallo zusammen!

Alles rund ums Lehren und Lernen wird ein neues Schwerpunktthema auf Spiriforum sein, das mir sehr am Herzen liegt - und darum gibts hier auf dem Forum eine neue Rubrik, aber auch die Artikel zum Thema werden nicht mit den andern Artikel zusammen aufgeführt werden, sondern in einer eigenen Ecke.

Der erste Artikel zum Thema lautet "Rahmenbedingungen für produktives Lernen" und den gibts hier zu lesen:

http://www.in-formations.net/ad1-rahmenbedingungen-lernen.php

... den ich hiermit zur Diskussion stelle. für Ergänzungen und Kommentare aller Art bin ich dankbar, gerade auch, wenn ihr den Eindruck habt, irgend etwas Wichtiges fehle noch.

liebe grüsse
barbara

barbara seiler
26.09.2008, 20:11
Lernen, in die Tiefe zu gehen...

ich habe gemerkt, dass ich, wenn ich mit SchülerInnen arbeite, immer Wert darauf lege, dass nicht nur der Kopf lernt, sondern auch der Bauch. Gerade bei Sprachen empfinde ich es als wichtiger und sinnvoller, ein Sprachgefühl zu entwickeln, das gerne auch zu einem grossen Teil unbewusst gespeichert ist, als nur Grammatik zu lernen.

Sprachgefühl, das heisst: die Sprache hören, die Rhythmen hören... oft auch ein paar "Ankersätze" auswendig lernen, die dann in analogen Fällen abgerufen werden können. Nervenbahnen anlegen. Automatismen schaffen. Einzelne Kenntnisse miteinander vernetzen...

ich stelle auch fest: offenbar gibt es Leute, denen das zu nahe geht - die regelrecht Panik bekommen bei der Idee, aufs Gefühl zu hören lernen. Die auch Panik bekommen bei der Idee, dass sie längst nicht so unfähig sind, wie sie sich halten.

ich finds traurig - und weiss nicht so recht, wie ich damit umgehen soll... ich hoffe immer, ich sei dann nicht allzu eifrig, denn ich möchte niemandem Angst machen. Andererseits kann ich auch nicht eine Art Unterrricht machen, die ich selbst für unsinnig halte...

grüsse, barbara

Roadrunnerfn
26.09.2008, 22:51
Hi Barbara,

ich kann Dich gut verstehen.
Vielleicht mag es ein bissel vermessen klingen, aber es scheint mir unerheblich zu sein, ob wir anderen was beibringen wollen oder Löcher bohren...oder andere heilen wollen oder ein Klo fliesen.

Wir werden immer unterscheiden müssen: was will unser Kunde, was die gesellschaft und was wollen wir.

Meine Erfahrung ist es, dass man, vor allem zu Anfang, kleine Brötchen backen muss. Man macht, was verlangt wird.
Schüler werden kommen und gehen, und Du wirst mit jedem Schüler neue Erfahrungen sammeln.

Wer weiss, was dabei rauskommt?--keiner!
Vielleicht erkennst Du ja, dass das allg. gängige System zwar fehlerhaft ist, aber evtl. eine Lösunge für die breite Masse darstellt?
Oder Du brichst mit den mitteleuropäischen Lehrsystemen, setzt Dich in Tibet auf einen Berg und lehrst die Menschen, dass es die grösste Kunst des KungFu ist, nicht zu kämpfen.

Beides bestimmt Extrembeispiele.
Aber ich kenne es halt aus meiner Arbeit: In meinem Kopf sind die tollsten Ideen. Sie scheitern am Alltag, während dieser bereits durch eine Vielzahl der eigenen Ideen ganz anders aussieht als anderswo.
Zum einen fühlt man sich einem System und den Kunden gegenüber prostituiert, zum anderen jedoch haben wir unsere Ideale...und sie werden Spuren hinterlassen.

Und ich bin fest davon überzeugt, dass Du mit einer bestimmten Einstellung bzgl. des Lernens bereits dann einen anderen Eindruck hinterlässt, wenn Du "nur" das ganz übliche Lehrprogramm vermittelst.
Eben weil DU es machst, und nicht jemand anderer.

Lass Dir Zeit.

So sind wir halt...und wir sind doch so, oder?;)

Grüssle

Frank

barbara seiler
27.09.2008, 10:40
Hallo Frank

du hast da recht.:)

Allerdings ist es bei mir immer mehr ein Thema: was bin ich bereit, willig und fähig zu tun? und was nicht (mehr)? Ich stelle auch in meinem Leben fest: wenn sich meine Seele sträubt, so klappts auch nicht, ganz egal, wie ich mich anstelle und bemühe. Auf der andern Seite: wenn ich mit meiner Seele gehe, dann kommen viele Dinge mühelos und wie von selbst, das flutscht dann so richtig.

Und ja, das hab ich mir auch überlegt: es ist nicht wichtig, WAS ich tue. Der Kontext hingegen, der ist mir je länger je wichtiger. Mit welchen Leuten zusammen tue ich was? In welcher Stimmung? In welcher Wertschätzung?

Vielleicht erkennst Du ja, dass das allg. gängige System zwar fehlerhaft ist, aber evtl. eine Lösunge für die breite Masse darstellt?

Es ist schon eine Lösung - aber eine, die viele Unannehmlichkeiten mit sich bringt, viel Unglück. In den Schulen werden Dinge verlangt, die eigentlich unmöglich sind zu leisten - und es sind Dinge, dazu nicht unbedingt die Kinder und Jugendlichen auf die Anforderungen des Lebens vorbereiten und ihnen die Werkzeuge geben, später gute Berufsleute zu sein. Oder generell gute Beziehungen zu haben.

Die ganzen Themen von hyperaktiven Kindern, Pisa-Studien, Gewalt auf dem Schulhof etc, die kommen ja nicht von nichts...

Oder Du brichst mit den mitteleuropäischen Lehrsystemen, setzt Dich in Tibet auf einen Berg und lehrst die Menschen, dass es die grösste Kunst des KungFu ist, nicht zu kämpfen.

ich lehr mich zuerst vielleicht selbst diese Kunst, aber nicht in Tibet - die sind ja noch viel autoritäter als wir hier. ;)

Und ich bin fest davon überzeugt, dass Du mit einer bestimmten Einstellung bzgl. des Lernens bereits dann einen anderen Eindruck hinterlässt, wenn Du "nur" das ganz übliche Lehrprogramm vermittelst.

nun ja, das tu ich ja. Ich mach mit den SchülerInnen die Hausaufgaben, ich mache mit ihnen die Übungen aus ihren Schulbüchern... und versuche dabei auch einige Dinge zu berücksichtigen, die in Bezug aufs Lernen bekannt sind. zB die verschiedenen Sinneskanäle Hören, Sprechen, Lesen, etwas in die Hand nehmen... und vermittle ihnen dabei "du kannst das, und was du noch nicht kannst, das lernen wir jetzt, und dann kannst du das auch." Allerdings gibts Leute, die offenbar nichts können wollen. Denen es irgendwo Angst macht, nicht mehr dumm und unfähig zu sein, sondern klug und fähig. Während ich überzeugt bin, dass alle (zumindest alle, die ich bisher kennen gelernt habe) das Zeug dazu haben, klug und fähig zu sein.

grüsse, barbara

barbara seiler
08.08.2009, 16:55
in diesem Blog habe ich eine schöne Zusammenfassung von alten und neuen Lerngrundsätzen gefunden:



Old belief: Learning is the absorption of information.
New belief: learning is the creation of meaning, value, and actionable knowledge by the learner.
Old: Learning is an individualistic endeavor.
New: Learning improves greatly in a social environment rich in collaboration and human interaction.
Old: Knowledge is mainly verbal and cognitive.
New: Knowledge involves the whole body/mind, the emotions, the senses, and all aspects of intelligence.
Old: Standardization saves time and money.
New: One-size-fits-all solutions waste money. Learning works best in an option-rich, multipathed environment.
Old: We must test for immediate recall as part of the learning program.
New: Long-term performance, not immediate recall, is the aim of learning.
Old: Learning requires a controlled delivery system.
New: Learning is hampered by too much structuring and too much external, hierarchical control.
Old: Learning is serious business.
New: Learning is best when done in the spirit of joy and playfulnes

http://www.creaffective.de/blog/archives/13-02-2009.html

gerade Schule findet leider immer noch allzu häufig in den alten Bereichen statt... und im Unterricht mit meinen Schülern geht es sehr oft darum, wie sie Strategien entwickeln können, um mit dem intellektuell und visuell orientierten öffentlichen Schulsystem auch dann Erfolg zu haben, wenn ihre Talente in andern Richtungen vorherrschend sind. Zum Beispiel manuelle Intelligenz, und soziale Intelligenz, und musische Intelligenz...

grüsse, barbara

R.Daneel
15.08.2009, 11:35
Hallo allerseits,
...
ich stelle auch fest: offenbar gibt es Leute, denen das zu nahe geht - die regelrecht Panik bekommen bei der Idee, aufs Gefühl zu hören lernen. Die auch Panik bekommen bei der Idee, dass sie längst nicht so unfähig sind, wie sie sich halten.
Dieses "Gefühl des Lieber-nicht-können-wollens" bemerke ich (selten, aber doch) inzwischen bei mir selbst. Ist das vielleicht eine Alterserscheinung? Wenn das Lernen einigermaßen "langsam" vor sich geht, geht es noch, aber wenn vergleichsweise "große, sehr neue" Dinge/Vorgänge in relativ kurzer Zeit gelernt werden müssen (teilweise erstmal auswendig gelernt, ohne die Zusammenhänge wirklich zu verstehen), dann spüre ich einen Widerwillen, der darauf hin führt, dass ich, überspitzt gesagt, "am liebsten dumm bleiben würde".

ich finds traurig - und weiss nicht so recht, wie ich damit umgehen soll... ich hoffe immer, ich sei dann nicht allzu eifrig, denn ich möchte niemandem Angst machen.
:nick: Das dürfte wohl das einzige Gegenmittel sein: Den Schüler "spielen" lassen, bis er von selbst neugierig auf mehr wird. Dummerweise frisst das Zeit, die man mitunter nicht hat. Und manchmal geht es auch nicht.

Andererseits kann ich auch nicht eine Art Unterrricht machen, die ich selbst für unsinnig halte...
Na, so weit, dass du "Schulunterricht" machen musst, wird es doch hoffentlich nicht kommen. :o


Nachtrag:
http://www.spiriforum.net/artikel/a21-lernen-rahmenbedingungen.html
Barbara, der Link funktioniert nicht!

Liebe Grüße
R.

barbara seiler
15.08.2009, 12:15
Hallo R.!

Dieses "Gefühl des Lieber-nicht-können-wollens" bemerke ich (selten, aber doch) inzwischen bei mir selbst. Ist das vielleicht eine Alterserscheinung? Wenn das Lernen einigermaßen "langsam" vor sich geht, geht es noch, aber wenn vergleichsweise "große, sehr neue" Dinge/Vorgänge in relativ kurzer Zeit gelernt werden müssen (teilweise erstmal auswendig gelernt, ohne die Zusammenhänge wirklich zu verstehen), dann spüre ich einen Widerwillen, der darauf hin führt, dass ich, überspitzt gesagt, "am liebsten dumm bleiben würde".

nein, keine Alterserscheinung. Die Leute, mit denen ich arbeite, sind ja in der Regel jung bis sehr jung - 10-18 Jahre. Die Erwachsenen hingegen, die ich unterrichte, sind alle super motiviert und ehrgeizig, die lassen sich darauf ein und nehmen dafür auch ziemlich viel Geld in die Hand.

Ich würde sagen, es ist genau das, was du beschreibst: innerhalb von kurzer Zeit viele grosse, sehr neue Dinge lernen müssen. Was Kindern in der Schule logischerweise sehr häufig passiert. Und wenn dann ein Gefühl der Überforderung kommt, blocken sie ab.

Ich stelle aber auch fest - zB bei Kindern mit Lese- und Schreibschwierigkeiten - dass sie oft spontan die richtige Lösung kennen, wenn ich ein Wort abfrage, dass wir das letzte Mal geübt haben. Dann aber beginnen sie zu studieren und zu überlegen, und bauen noch ein paar Fehler ein in das Wort, das bis dahin richtig war. :grins: Sie vertrauen ihrem Gefühl nicht, das spontan die richtige Lösung bringen kann.

Den Schüler "spielen" lassen, bis er von selbst neugierig auf mehr wird.

nun, es gibt welche, bei denen das nicht der Fall ist...

Andererseits habe ihc gemerkt, dass ich manchmal auch autoritärer werden muss. Dass zB keine Hemmungen haben darf, bei älteren Jugendlichen und bei Erwachsenen auf Dinge wie die Darstellung oder die Schönschrift hinzuweisen.

Na, so weit, dass du "Schulunterricht" machen musst, wird es doch hoffentlich nicht kommen.

Glücklicherweise nicht. Ich bin wirklich froh, dass ich mit dem individuellen Unterricht nicht nur meinen Beruf, sondern auch meine Berufung gefunden habe...

und der Link, der ist jetzt tatsächlich anderswo, danke für den Hinweis:
http://www.in-formations.net/ad1-rahmenbedingungen-lernen.php

grüsse, barbara

barbara seiler
04.07.2011, 19:52
hier gibt es eine Doku "der Ernst des Lebens":

http://www.videoportal.sf.tv/video?id=a6af5b6d-34b6-4664-a3c1-e5fa6feaded3;DCSext.zugang=videoportal_teaserbox

Eine Klasse von Jugendlichen wird durch das letzte Schuljahr vor der Lehrstellensuche begleitet.

beeindruckt hat mich der Unterschied von Lehrern und Lehrmeistern: in der Schule gab es doch viel blabla und nichtssagende Worte - in den Lehren klare Ansagen: "dieser Schraubenzieher ist zu klein, das Feingefühl fehlt noch - siehst du, hier ist das Kabel zerquetscht - die Ordnung muss besser werden und du musst schneller arbeiten"

interessant auch wie das Gesicht von John, dem Schwerenöter im Film, sein einziges richtig strahlendes Lächeln dann hat, als er einen kurzen Arbeitseinsatz beginnt.:)

ich glaube, Schule muss praktischer werden - und genauer.

gerne auch mit sehr klaren, detaillierten Anweisungen, wie es geht, womöglich bis in die kleinsten Bewegungen und Handlungen - wie muss der Bleistift gehalten werden, wie muss der Stuhl eingestellt werden... das ist erholsam, weil es eindeutig und einfach umzusetzen ist, besonders auch für jene, die sonst Mühe haben.

grüsse, barbara