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barbara seiler
21.10.2011, 20:14
Ich bin dran, mir Gedanken darüber zu machen, wie Schule auch noch sein könnte.

Das beste Modell, das mich am meisten überzeugt, ist das mit dem Bildungsgutschein.

Eckdaten sind so:

- Jeder Mensch erhält am Anfang seines Lebens ein Heft mit Bildungsgutscheinen - sagen wir, im Gegenwert von 20 Jahren Unterricht.

- Mit diesen Gutscheinen kann man zu einer Schule gehen, die Schule löst den Gutschein beim Staat ein und erhält dafür das Geld. Es kann von Kinderkrippe bis Nachstudiengang für ALLE Arten von Studien und Lernen benutzt werden.

- Schulen werden alle privatisiert. Es gibt keine Volksschule mehr. Jede Schule entscheidet sich selbst, nach welchem Konzept sie unterrichten will, welche Schwerpunkte sie hat, welche Organisation... das schafft Vielfalt.

- der Staat organisiert zentrale Prüfungen, damit die Vergleichbarkeit gegeben ist und Leute zB auch umziehen können, und schnell eine passende Schule finden.

- Die Schulpflicht ist abgeschafft. Jede/r darf im eigenen Tempo die Schulen besuchen, die ihm/ihr zusagen, und die Prüfngen ablegen, wann es am besten passt. man kann alle Schule schon als Jugendlicher belegen, man kann es aber auch erst später im Leben tun, oder gar nicht.

ich bin überzeugt, dass dies im Grossen und Ganzen der Gesellschaft gut tun würde.

Was meint ihr dazu? Ist es möglich?

grüsse, barbara

Roadrunnerfn
21.10.2011, 21:54
Deine Idee beinhaltet einige Punkte, die wohl nie über eine mehrheitliche Abstimmung kommen würden.

Darum halte ich ein solches System nur "auferlegt" für denkbar und deshalb auf dauer zum Scheitern verurteilt.

Aber es sind mE einige interessante Ideen drin. Manche hatte ich in ähnlicher Form schon selbst, andere sind mir neu.
ZB die Idee, dass jeder Bürger eine Lernberechtigung erhält, die für ein bestimmtes Maß an Bildung ausreicht. Keine Schulbindung, ein freier Schulmarkt aber als Zielbindung zentralisierte Prüfungen. Da könnte jeder Schultyp beweisen, wie richtungsweisend und effektiv er ist.

Was hier noch weiter zu spinnen wäre:
der Staat könnte -zB durch gemeinnützige Arbeit- in einer Art eigener Bildungswährung jedem die Möglichkeit geben, Bildungsberechtungen hinzuzuverdienen. Eine Zweck- und Personengebundene Bildungswährung.

Das würde nicht nur bedeuten, dass Leute, die von Beruf "Sohn" oder "Tochter" sind nicht mehr alles erkaufen können, es würde auch bedeuten, dass jeder lernwillige sich seine Bildungsberechtigung erarbeiten kann.
UND man könnte verhindern, dass sauer verdientes Geld nicht in der Kneipe landet, sondern im eigenen Bildungsweg: mit einer Lernberechtigung kann man kein Bier kaufen.

Thema Wehrdienst oder soziales Jahr: Wer studieren will, muss über diese Hürde. Wir haben hier in D zB das Problem gehabt (solange es den Wehrdienst noch gab), dass austrainierte Sportler meist befreit blieben und "Sport und Biologie" studieren konnten. Warum?
Weil sie beim Sporttreiben so oft aufs Maul gefallen sind, dass sie zur Musterung 17 Röntgenaufnahmen mitschleppen konnten, die vom Gehirnkrebs bis zum 39-fachen Steissbeinbruch alles belegt haben: untauglich!

Schulpflicht abzuschaffen halte ich dagegen für wenig sinnvoll.
Es ist belegt, dass Menschen im Kindesalter am effektivsten lernen. Es ist -meiner Meinung nach- die Pflicht des Staates, dafür zu sorgen, dass Kinder in einer Zeitspanne (über die man vielleicht diskutieren könnte) eine Wissenbasis erhalten (über deren Umfang man auch diskutieren könnte).

Aber ohne Schulpflicht sehe ich soziale Randgruppen völlig abgleiten. Denn es ist für mich keine Frage:
diejenigen, die keine Schulpflicht brauchen, würden eh die Schuloption unbedingt wahrnehmen.
Diejenigen jedoch, die die Bildung, gerade in jungen Jahren, unbedingt brauchen, gerade die würden NICHT zur Schule gehen.

Das ist kein gutes System, und es wäre auch, wie ich finde (und zurecht finde) nicht Mehrheitstauglich.

Einige andere Dinge jedoch würde ich mir SEHR wünschen.

Vielleicht würden wir auf diesem Weg loswerden, dass wir, um ausgebildeter Waldarbeiter sein zu können, im Bildungsleben dreimal die Quadratparabeln diskutieren müssen....

Grüssle

Frank

barbara seiler
21.10.2011, 22:10
hallo Frank

nun, ich hab mir vorgestellt, deine Einwände seien schlimmer. Du wirst schon richtig sanft aufs Alter hin.... :D


Deine Idee beinhaltet einige Punkte, die wohl nie über eine mehrheitliche Abstimmung kommen würden.


Geduld bringt Rosen... aber wo du recht hast, eine sofortige radikale Änderung, das ist politisch nicht machbar. Das hab ich mir auch schon überlegt, es müsste eine sanfte Übergangsphase geben, doch diese Schritte seh ich noch nicht im Detail vor mir.

Als nach wie vor überzeugte Direktdemokratin kommt für mich natürlich nur ein System in Frage, das auch durch Volksabstimmungen bestätigt wird. Es muss von unten nach oben wachsen.

die Idee, dass jeder Bürger eine Lernberechtigung erhält, die für ein bestimmtes Maß an Bildung ausreicht. Keine Schulbindung, ein freier Schulmarkt aber als Zielbindung zentralisierte Prüfungen. Da könnte jeder Schultyp beweisen, wie richtungsweisend und effektiv er ist.

HA!
Endlich mal jemand, der dieses Prinzip von Anfang an versteht! Juhui!

Da sieht man, dass du die freie Wirtschaft gewohnt bist... die meisten Lehrer kriegen nämlich als Erstes einen riesen Schreck, wenn sie Worte wie "Leistungsvergleich" oder "Wettbewerb" hören... nun, ungezähmter Kapitalismus will ich auch nicht, aber gewisse Dinge kann der freie Markt definitiv am besten regeln.


der Staat könnte -zB durch gemeinnützige Arbeit- in einer Art eigener Bildungswährung jedem die Möglichkeit geben, Bildungsberechtungen hinzuzuverdienen

Sicher, ja - das ist möglicherweise besonders für Leute mit Problemen interessant, für Gefangene oder Sozialhilfebezüger...

Es ist belegt, dass Menschen im Kindesalter am effektivsten lernen.

Stimmt.

Und dann kommen sie in die Schule, die ihnen die ganze Freude am Lernen so gründlich austreibt, das viele nur noch wie Zombies seelenlos herumhängen... :-(
Das allereffektivste Lernalter ist so um 3 Jahre rum, glaube ich - das wird im Moment sowieso vom Staat verpasst, weil Schule erst um 6 oder 7 Jahre beginnt.

in der Prägephase als 3-jährige wird fürs Leben definiert, wie lernfreudig und neugierig ein Mensch ist. Also nur eine Schulpflicht für diese Zeit der Prägephase, wo die Kinder mit Massen ans Sinnesreizen und intellektuellen Reizen herausgefordert werden, das wär sicher eine gute Investition.

Aber danach kann man die Schulpflicht wieder weglassen. Die meisten würden eh zur Schule gehen, weil die Eltern es für wichtig halten, und jene, deren Eltern es nicht für wichtig halten, müssten wohl auf andere Weise abgeholt werden - oder mit anderen Schulformen. Solchen, die offen sind, frei, auf der Strasse...

Vielleicht würden wir auf diesem Weg loswerden, dass wir, um ausgebildeter Waldarbeiter sein zu können, im Bildungsleben dreimal die Quadratparabeln diskutieren müssen....

ja, wir haben eine zu starke Last auf den theoretischen Fähigkeiten, die praktischen Fähigkeiten werden hingegen zu knapp gehalten.

grüsse, barbara

Roadrunnerfn
21.10.2011, 22:30
beim freien Schulsystem gehts mir nicht mal um einen Wettbewerb im herkömmlichen Sinne.
Es geht vielmehr um Vielfalt.

Unsere Kinder könnten in einem Schulsystem "Schwung" holen, dass besser zu ihnen passt. Wir verhindern damit, dass Menschen, die nicht "rund" genug sind aussen vor bleiben und damit auf der Strecke, während die oft genug struntzdämlichen Auswendiglerner die Doktortitel zusammenstehlen.

Wir haben bei uns grade die ersten "G8" Jahrgänge. Ein Greuel! Die Leute sind fix und fertig! Und warum?
Weil in Indien ein Ingenieur bereits mit 18 ein Diplom hat.

ABER WAS FÜR EINES DENN?

Wir fahren hier Mercedes und geben diesen Status auf, weil irgendwo auf der Welt ein Volk von der Rikscha auf den Motorroller umgestiegen ist!!!!

Sollte ein fast erwachsener Mensch nicht die Wahl haben dürfen, im Zweifel auch 2 Jahre später sein Abi zu machen?
Ich will keine Greise, die den jungen Leuten Lehrplätze wegnehmen.
Alles in Grenzen, sicherlich.
Aber was spricht denn dagegen, aus einem 30-jährigen, berufserfahrenen Industriemechaniker einen Ingeneur zu machen, wenn der es verdient hat und beweist, dass er es leisten kann.

Ist es nicht die Schuld gerade derer, die mit Ach und Krach einen Abschluss machen, um dann mit dem erworbenen Schein irgendwelche niederen Arbeiten zu verrichten, dass wir heute in der Situation stecken, dass ein Realschulabschluss nichts mehr wert ist.
Warum denn nicht?
Weil die Realschüler nichts können?
NEIN!
Weil es Heerscharen von völlig ungeeigneten Abiturienten gibt, die später einen Doktortitel im Strassenkehren vor sich hertragen.

Ich bin KEIN Unterstützer der skandinavischen Modelle, die sich durchaus der Kritik stellen müssen, dass NUR hohe Anteile an gehobenen Abschlüssen nicht das Maß der Dinge sein können.
Dürfen wir nur noch Akademiker erziehen?
DAS wäre ein GAU!

Besser, schneller, ....optimiert.... das hat alles einen Haken: wir reden nicht von Produkten, sondern von Menschen.
Und wir SEHEN, dass Konfektionierung in diesem Bereich nicht über ein gewisses Maß an Ergebnissen hinauskommt.

Wir müssen da schon beweisen, dass wir das besser drauf haben, wenn wir Schulsysteme umsetzen wollen, die dem INDIVIDUUM gerecht werden.

Und damit meine ich auch, dass es möglich sein muss, Schreiner zu werden ohne studiert haben zu müssen.


Grüssle

Frank

barbara seiler
22.10.2011, 09:12
ja, Vielfalt ist ein wichtiges Stichwort. Sodass die Vielfalt an Menschen mit ihren verschiedenen Bedürfnissen auch eine Schule finden können, die zu ihnen passt.

Sollte ein fast erwachsener Mensch nicht die Wahl haben dürfen, im Zweifel auch 2 Jahre später sein Abi zu machen?

von mir aus auch 20 Jahre später. Schliesslich werden wir immer älter, viele haben auch Lust noch lange zu arbeiten, es wird immer häufiger werden, dass Leute mit 40 oder 50 Jahren nochmals einen ganz neuen Beruf lernen und in diesem Beruf nochmals 20-30 Jahre arbeiten. Nicht weil sie müssen, sondern weil sie wollen. (Flexibilisierung der Rentensysteme ist da ein nächstes Thema)

Aber Abi machen ist nicht unbedingt nötig. Abi wird überschätzt, würde ich sagen.

Und damit meine ich auch, dass es möglich sein muss, Schreiner zu werden ohne studiert haben zu müssen.

Sicher, dazu ist eine Berufslehre als Schreiner der bessere Weg.

In der Schweiz gibt es zum Glück nach wie vor viele, die eine Berufslehre machen. Spätere Weiterbildung in Fachhochschulen ist möglich und wird jedem vorstellbaren Ehrgeiz gerecht.

grüsse, barbara

Roadrunnerfn
24.10.2011, 19:22
gestern in 3 sat:

Remo Largo:
Wir müssen den Kindern demütig entgegentreten, sie respektieren und einsehen, dass die Kinder nicht für die Eltern da sind, sondern vorrangig für sich selbst. Daran müssen wir die Anforderungen messen, die wir stellen wollen.
Wir müssen die Kinder als eigenständige Individuen erkennen und ihnen zugestehen, dass sie -jeder für sich- individuelle Ausbildung benötigen.

Er wurde noch gefragt, was er ändern würde, wenn er die Zeit zurückdrehen könnte.
Darauf sagte er:
"Ich würde meinen Kindern mehr Vertrauen schenken."

Das war sehr rührend. Der Mann stellt einige einfache, eindrückliche Dinge in den Raum.
Und was er sagt, ist einfach nur richtig.



Grüssle

Frank

barbara seiler
25.10.2011, 09:16
Wir müssen die Kinder als eigenständige Individuen erkennen und ihnen zugestehen, dass sie -jeder für sich- individuelle Ausbildung benötigen.

ja, das ist ein wichtiger Aspekt. Unsere Schule orientiert sich noch viel zu sehr am Ideal der industriellen Produktion, des Fliessbands, und der exerzierenden Soldaten. Auch wenn das viele Lehrer wohl empört verneinen würde, die Grundstrukturen sind dennoch jene, die ich genannt habe: gleiches Programm für alle, Aufteilung in Klassen nach Alter, vorgeschriebene Lern- und Lösungswege für einzelne Probleme...

grüsse, barbara

Roadrunnerfn
25.10.2011, 20:06
musst mal den Namen "gurgeln": Remo Largo.
Das ist übrigens ein Schweizer....so ungern ich das zugeben mag.:p