Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Suizid
Roadrunnerfn
23.11.2009, 18:24
Ich denke, man darf diesem Thema ganz offen einen eigenen Thread widmen.
@Theo:
Hawkins kennt eine Stufe vor dem Tod, und es ist eine Stufe der Selbstaufgabe. Es passt also ganz prima zum Thema.
Dabei handelt es sich mE bei seiner Skala um eine eindeutige Ego-Ebene. Ich muss zugeben, dass ich selbst nicht auf den Gedanken gekommen wäre, das so zu definieren:
SCHAM!
Nicht Hass, Gewalt oder Leid stellt Hawkins vor das "Nichts", sondern Scham.
Das fand ich schon immer bemerkenswert, und mE ist es eine seiner treffendsten und auch für mich SELBST-treffendsten Beschreibungen.
Sehr oft sehe ich an mir selbst mit jeder "Schamsituation" die Kraftlosigkeit dieses Zustandes. Und rufen die kleinen, neckischen Schämlichkeiten ein eher schmunzelndes Rotgesicht :o bei uns hervor, so müssen wir doch gestehen, daß die tiefgreifende Scham etwas Zerstörerisches hat.
Stell es Dir vor: Du hast etwas verbockt, und anklagende Gesichter verlangen Rechenschaft. Kein Problem, solange Du vor Dir selbst Rechenschaft finden kannst......aber wenns wirklich und objektiv Mist war......--> ohje!
Inzwischen sind es 3-4 Menschen pro Tag bei der Bahn, allerdings sind ja nicht alle (aber viele) Selbstmörder.
Viele misachten die Abstandslinie, und werden mitgerissen. Wir haben keine näheren Informationen bekommen....
..was man tun will?
ETWAS.....jedenfalls was anderes als rumzusitzen. Notsituationen verlangen Aktion. Konzertierte Aktion, das ist in meinem Planungshirn drin und springt sofort auf Abruf an....
..Warum grade hier?
ich bin ausgebildeter Kleinlokbediener und Rangierer. Wer die Gefahren kennt, der hat kätzische Gefahrenschnurrhaare und entwickelt ein nackenhaariges Aufpassersyndrom:
Was nutzts dem Sanitäter, wenn ihm der Zug auf dem Nachbargleis den Fuss abfährt?
ich WEISS, dass da lauter Profis rumrennen, und dass man nur im Weg wäre.
..was soll ich machen..so sind wir halt.. :o
@Theo:
Hawkins kennt eine Stufe vor dem Tod, und es ist eine Stufe der Selbstaufgabe. Es passt also ganz prima zum Thema.
Folgt der Selbstaufgabe zwingend der Tod? So sehe ich das aber nicht!
Roadrunnerfn
23.11.2009, 18:59
naja, das war jetzt eher meine Wortwahl.
Ich sehe diese Hawkinsche, tödliche Scham schon als Synonym für Selbstaufgabe.
Dabei ist es immer wichtig -denke ich- dass man dazu eine Art Bezug herstellt.
Selbstaufgabe ist so--vielbedeutend.
Ich meine das im Sinne von Auflösung.
Schwer zu beschreiben.....ein BILD muss her!
ähnlich wie ein Wirbelsturm:
ein tödlicher Sog eines wild um sich schlagenden, alles in sich aufsaugenden Egos, welcher mit einem explosionsartigen Schlag verpufft: Ego-Overload: BUMM!
Ohne Ego, kein Menschsein: Tod.
Was ich so interessant finde an dem gedanken:
Warum bringt sich jemand um?
Denk mal nach und sage mir, ob Du nicht auch viele Punkte findest, die zumindest im weitesten Sinne mit starker Scham zu tun haben!
Scham also nicht im Sinne einer harmlosen Selbstzurechtweisung, sondern Scham als wirkliche, wirksame oberste Stufe der Ego-Selbstdarstellung.
Das klingt so paradox, isses aber nicht!
Wir werden von unserer Selbst-Wichtigkeit so tief hinuntergezogen, dass wir mit unserem Selbstwert vor den geringsten Wirklichkeiten nicht mehr im Wettbewerb bestehen können:
die Existenz eines Steines (jaja--ich weiss, ich habs mit Steinen..:D ) "gewinnt" vor unserem Selbstwert.
Das ist so schwierig. Ich meine, es kapiert zu haben, kanns aber nicht in Worte fassen:
wie ein frenquenzgeregelter Motor, der bei zu hoch gedrehten Frequenzen sich innerlich selbst überholt und damit in ein totales Leistungsloch fällt: bis zum Stillstand!
Grüssle
Frank
wie ein frenquenzgeregelter Motor, der bei zu hoch gedrehten Frequenzen sich innerlich selbst überholt und damit in ein totales Leistungsloch fällt: bis zum Stillstand!
Das nennt sich in Neudeutsch Burnout, glaube ich...
Wenn Du damit ein Weltbild ansprichst, entspricht das dem klassischen Nihilismus.
Ich für meinen Teil kann die Beweggründe für einen Suizid nicht nachvollziehen, denn ich habe gelernt, dass es nach jedem Tief immer wieder bergauf geht. Und wo "unten" und "oben" ist, ist definitiv eine Frage des Standpunktes. Welche Werte als so wichtig angesehen werden, dass man sich deswegen umbringt ist sehr subjektiv. Deswegen kann ich auch keinen um seiner selbst Willen verurteilen, der sich dazu entscheidet aus dem Leben zu scheiden, wohl aber um seiner Liebsten Willen...
barbara seiler
24.11.2009, 10:30
Warum bringt sich jemand um?
Aus der Logik eines Egos gesehen: Ego braucht Kontrolle. Und ein Suizid, auch wenn er im Tod endet, ist ein Akt, den man selbst kontrolliert - im Gegensatz zu allen möglichen unkontrollierbaren Dingen, die geschehen könnten bei einem Tod oder anscheinenden Tod des Egos...
Ich für meinen Teil kann die Beweggründe für einen Suizid nicht nachvollziehen, denn ich habe gelernt, dass es nach jedem Tief immer wieder bergauf geht.
Was schon mal bedingt, mindestens ein Tief bewusst durchlebt zu haben. Denn im Moment, wo das Tief da ist, ist es ja nicht wirklich einfach, daran zu glauben, dass es wieder aufwärts gehen könnte. Und nicht selten habe ich geglaubt, den tiefsten Punkt erreicht zu haben, und dann gings aber noch tiefer.
Als ich mich gestern mit meinem Allerliebsten unterhielt und meinte, das nächste jahr werde einfacher und schöner als dieses Jahr 2009, schaute er mich ganz sarkastisch an und meinte "das ist ja auch nicht besonders schwer, nä?":o
ich hoffe mal, er hat recht, dieses jahr hatte tatsächlich so einige sehr schwierige Momente, die tiefer gingen, als ich mir das vorstellen konnte.
grüsse, barbara
Roadrunnerfn
24.11.2009, 11:04
Hi Theo,
...hm interessant....
...und dennoch stelle ich schon wieder fest, dass diese "Hawkinsche Scham" hier sehr gut passt:
Menschen sind in einem Zustand solcher Selbsterniedrigung, daß es sich in ihrem Kopf nur noch um sie selbst dreht:
Die Lage ist so dramatsich schlimm, daß sie nur noch den Wunsch verspüren, sich ihr zu entziehen.
Gedanken an die Lieben, an Mitmenschen, Mit-Unfallopfer, den Lokführer, das Rettungsteam...sie existieren nicht oder müssen hinter dem Plan zurücktreten.
Ich sage ja, zuerst klingt es paradox:
in dieser Grenzenlosen Egozentrik eine Erniedrigung zu sehen.
Aber das ist Suizid nun mal: eine grenzenlose Egozentrik.
Im Grunde ist es eine Entwicklung aus diesem Ego-Overload:
blanke, schreckliche Ängste gewinnen zu 100% an Bedeutung;
und in dieser Situation beweist sich, dass Ego auch ein eigentlich inaktives, eher REAGIERENDES denn AGIERENDES SEIN ist, und keine "Intelligenz": denn das ist ein klassisches "Eigentor".
Diese Reaktion des Ego führt zur Selbstzerstörung. Unclever. Sehr unclever!
Um hier keine Misverständnisse aufkommen zu lassen: wir reden hier von der verzweiflungs-motivierten, einer klaren Sicht beraubten Affekt-Tat.
Wenn Menschen - zB durch Krankheit - eine sehr bewusste Entscheidung treffen, evtl gar im Einvernehmen mit den Angehörigen, dann ist das ein ganz anderer Fall.
GRUNDSÄTZLICH motivativ (Angst) zwar ähnlich gelagert, aber in der Ausführung, der wirklichen Situation doch völlig unterschiedlich.
Denn während hier eine bedachte Entscheidung steht, die Körperlichkeit aufzugeben (!),
ist ein Verzweiflungssuizid im Grunde der Versuch, das Ego loszuwerden.
Scham vor sich selbst, vor der Welt, versagt zu haben...die Dinge nicht im Griff zu haben. Das muss "objektiv" gar nicht so sein. Es reicht, wenn die betreffenden Personen das denken.
Grenzenlose Scham. Erniedrigung bis zur "0". Auflösung. Tod.
DIESER Tod ist das Hawkinsche "Nichts". AB-wesenheit. GOTT-losigkeit.
Und dieser Gedanke ist für mich sehr anschaulich ein möglicher Grund, warum die Kirche den Suizid als schwere Sünde betrachtet. Er bildet eine Erklärung dafür, warum Leben so wertvoll ist und wirft ein Licht auf die unrichtige Ansicht, JEDER Suizid wäre Selbstmord.
Wie die Kirche eben so ist, ne?
Sie können nur Regeln machen, denen man folgen muss, will man kein Sünder sein: wenn man sie hinterblickt, ist das kein Schaden; wenn nicht: der Pöbel funktioniert so besser!
Der rein-körperliche Tod hingegen ist in seinem Sinne kein "Nichts". Nur die Überschreitung einer Ebene.
Die bewusste Entscheidung, vielleicht ein Ereignis schmerzlos vorzuziehen. Nicht nur aus Angst, vielleicht bei Vielen aus Erkenntnis: keinen Sinn in einem verlängerten Leiden zu sehen.
Jedes weltliche Gericht würde dies unterscheiden!
die ungezügelten unteren Ebenen der Skala in wildem Blutrausch:
Hass, Gewalt, Scham, Erniedrigung, Auslösung.
MORD.
Dagegen eine bedachte Entscheidung. Im Idealfall mit allen Beteiligten Menschen kommuniziert. Abgewogen. Besonnen. Mit dem äussersten an Sanftheit, was der "Tötungsgewalt" zur Verfügung steht.
TÖTUNG.
Für mich ein gravierender Unterschied.
Ich weiss nicht, ob Du herauslesen kannst, wie ich das meine. Es ist auch nur meine Interpretation von Hawkins. Das braucht man bei dem Mann, sonst legt man das Buch weg und sagt: Hirnkrämpfe!
Grüssle
Frank
Ich weiss nicht, ob Du herauslesen kannst, wie ich das meine.
Hi Frank,
kann ich, sehe ich nämlich (oh Wunder!) genauso. Das meinte ich, als ich geschrieben habe, ich kann keinen um seiner Selbst Willen verurteilen. Letztendlich ist das die persönlichste aller Entscheidungen...
So kann hier keine anständige Diskussion aufkommen, wenn wir immer einer Meinung sind!! Verdammt noch mal!! :D
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