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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : das absolut Böse


barbara seiler
18.10.2008, 08:21
Hallo zusammen!

ich habe auf einem anderen Forum eine kleine Geschichte gefunden, die der User pispezi geschrieben hat. Sie hat etwas in mir angerührt... etwas Tiefes, sie scheint mir sehr vielschichtig zu sein. Und lohnend für eine Diskussion. Hier ist sie:

Ein wunderschöner Oktobernachmittag, ein Straßencafe in sehr belebter Citylage.
Ein Paar, sie Anwältin, er Arzt, sitzt unter einer Kastanie an einem Tisch des Cafes.

Sie: "Siehst Du da hinten den seltsam schlenkrig laufenden Menschen?"
Er: "Wo?"
Sie: "Na auf der anderen Straßenseite!"
Er: "Ach ja, wirklich seltsam. Nennen wir ihn Schlenki?"
Sie: "Hihihi, abgemacht!"

Nach einer Weile.

Sie: "Hey, Schlenki ist wirklich strange, der läuft rum, hin und her, Kreise, Kurven. Scheint ein bischen zu spinnen, der Typ. Au, jetzt kommt er her, guck mal, da neben dem Tisch steht er!
Er (sich umwendend): "Tatsächlich, schade dass er mit dem Rücken zu uns steht. Ja, der ist wirklich seltsam, jetzt hat ganz merkwürdig heftig drehend mit den Schultern geruckt. Das ist ja direkt medizinisch interessant, was könnte der haben? Na ja, nicht unsere Sache..."

Nach einer Weile.

Sie: "Du, da wo Schlenki eben war, da an dem Tisch, guck mal, schläft der Gast da, oder ist der betrunken? Also heute ist ja was los..."

Er wendet sich um, steht erstaunt auf und geht nach dem Gast sehen, in der Absicht, ihm eventuell zu helfen.

Er: "Ach du heiliger... Der ist ja tot! ... Genickbruch anscheinend!"

Im selben Augenblick verschwindet ein seltsam schlenkrig gehender Mensch in der Menge.

http://www.denkforum.at/forum/showthread.php?t=7005&highlight=absolut+b%F6se... und was meint ihr dazu?
liebe grüsse
barbara

Celestine
18.10.2008, 08:54
und was meint ihr dazu?


... dass das eine komische Frage ist...

... oder ich "komisch" drauf bin...

Die Geschichte spricht mich null an... nur Deine zitierte Frage ...

Was meinst Du denn dazu?

barbara seiler
18.10.2008, 09:29
Hallo

ich meine dazu, dass die Geschichte wirklich sehr viel sagt darüber, wie das sogenannte Böse bei uns Menschen funktioniert. Dass da ein Paar ist, gedankenlos grausam sich lustig macht über einen "Schlenki", und diese seltsame Figur (dieser Teufel?) dann wiederum selbst diese Grausamkeit - ebenso gedankenlos, nur etwas drastischer - weitergibt.

während das Paar - steht möglicherweise für das bewusste Bewusstsein - entsetzt ist ob dem Resultat der eigenen Grausamkeit, sobald sie offensichtlich wird, aber nicht erkennt, was es mit ihnen selbst zu tun hat.

Die Geschichte spricht mich nicht in dem Sinne an, dass ich sie erhebend oder tröstend finde - sie spricht mich an durch die Wahrheiten, die sie transportiert. Und die vom Autor (wie er selbst sagt) keineswegs beabsichtigt wurden. Sie kam "einfach so heraus", und er wunderte sich selbst darüber, was er da geschrieben hat. Sie hat kafkaeske Qualitäten...

grüsse, barbara

Celestine
18.10.2008, 09:43
Sie hat kafkaeske Qualitäten...


Der, der den "Käfer" geschrieben hat... ach ne, "Die Verwandlung" hieß es, oder?... ist lange her, Schullektüre :)

Ich sehe was Du meinst, tiefenpsychologisch betrachtet.
Und stelle fest, dass mich das nicht wirklich tangiert.

Ich geh dann mal, und räume den Platz für die, die damit was anfangen können... ;)

barbara seiler
18.10.2008, 09:46
Ja, genau der. "Die Verwandlung" - wo sich der Gregor Samsa (so hiess der Held, glaub ich) in einen Käfer verwandelt.

und wenn ich Geschichten lese, dann so gut wie immer tiefenpsychologisch. Und ich hab den Verdacht, bei dieser bin ich noch nicht auf den Grund gekommen. nun, vielleicht findet sich noch jemand, der sich auch angesprochen fühlt...:)

und jetzt muss ich los, Ausbildungswochenende...

grüsse, barbara

R.Daneel
18.10.2008, 10:12
Hm, das Ende erinnert mich an einen Film, den Titel hab ich vergessen. Da gibt es einen Dämon, der in der Bibel beschrieben ist, und der, wenn er will, durch Berührung von einem Menschen zum anderen wechseln kann.
Ist der Tote der Gast, der da saß, oder ist es der alte Schlenki, der schon vorher tot war und dessen Körper von dem Dämon zurückgelassen wurde, wobei sich der Dämon einen neuen Körper geholt hat?

So ein Spitzname muss weder abwertend gemeint sein noch so empfunden werden. Ich kannte jemanden, der (wegen Contergan) verkürzte Arme hatte und davon abgesehen "normaler" (d.h. besser in sein Umfeld integrierter) war als ich. Alle nannten ihn Shorty und es war so sehr "einfach sein Name", dass, von heute aus betrachtet, die Idee ebensogut von ihm hätte stammen können.

Grüße
R.

Roadrunnerfn
18.10.2008, 10:23
Hi Daneel,

ich kenne die Situation mit Behinderten, und ich habe die Erfahrung gemacht, dass eine tiefe Ausgeglichenheit in dem offenen und lockeren Umgang mit Tatsachen liegt.
Diejenigen, die immer in der Lage waren, einen Witz zu ertragen oder auch selbst einen über die eigene Situation zu machen, waren viel umgänglicher als diejenigen, die es peinlich oder "politisch inkorrekt" empfunden haben.
Ich hab auch ne grosse Nase und einen Kugelbauch.....darüber werden auch Witze gemacht.

Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass die offenen, lockeren Leute weniger hadern. Und wenn sie es tun, dann ganz ehrlich:
"Weisst Du, es gibt Tage, da nervt es, im Rolli zu sitzen--heute ist so ein Tag"

Und das fand ich immer ganz toll. Damit kann ich gut umgehen.

Was mir schwerfällt sind Leute, die sich nur zB in einer Kunstform ausdrücken können.
Oder Therapeuten, die ihren Patienten einreden, sie könnten alle ihre Probleme in einem Bild unterbringen. Und was dabei rauskommt sind dann Bilder mit nichtgefundenen Schlüsseln für nichterreichbare Luftschlösser oder was weiss ich. Vielleicht hab ich auch einfach nur zu wenig Ahnung davon. Wer weiss.


Grüssle

Frank

barbara seiler
18.10.2008, 19:28
Hallo R.

So ein Spitzname muss weder abwertend gemeint sein noch so empfunden werden.

muss nicht sein, da hast du recht - doch im Zusammenhang der Geschichte empfinde ich ihn durchaus als abwertend.

Oder Therapeuten, die ihren Patienten einreden, sie könnten alle ihre Probleme in einem Bild unterbringen. Und was dabei rauskommt sind dann Bilder mit nichtgefundenen Schlüsseln für nichterreichbare Luftschlösser oder was weiss ich. Vielleicht hab ich auch einfach nur zu wenig Ahnung davon. Wer weiss.

Hallo Frank

nein, ich glaube, du triffst das ganz gut. So ähnlich erlebte ich mal ein paar Sitzungen Maltherapie... die Bilder selbst, das Malen, das war super, nur nachher hat mir die Therapeutin immer Interpretationen aufgestülpt, die mir gar nicht stimmig schienen. Und bestand noch darauf, dass sie natürlich recht hatte.

Allerdings erlebe ich immer mehr, dass sich der ganze Mensch ausdrückt, in Bildern, in Texten... doch eine gute Interpretation muss mit viel Sensibilität geschehen.

grüsse, barbara

R.Daneel
23.10.2008, 20:09
Nach-Idee:

Was, wenn der Schlenki ein Profikiller war? Der nur so schlenkerig tat, um auffällig/unauffällig an sein Opfer heranzukommen - und dann in der Menge verschwand, wobei er die Schlenkerei jederzeit sein lassen konnte?

Insbesondere hat er ja seine mörderische Aktion nicht gegen dieses wenig respektvolle Paar gerichtet sondern gegen einen anderen Gast, der ihn nicht mal kommen sah und insofern ein Unbeteiligter war.

Hat die Geschichte da ein Loch? Haben die beiden nur Glück gehabt? Oder waren sie in Wirklichkeit die unbeteiligten Zeugen eines kaltblütigen, geplanten Auftragsmordes?

"Das absolute Böse" - nun ja, aber wo genau in der Geschichte ist s zu suchen?

Fragen über Fragen, die man mit dem vorliegenden Wissen nicht entscheiden kann.

Grüßleins
R.

barbara seiler
25.10.2008, 14:39
Hallo R.

ich empfinde die Geschichte am stimmigsten, wenn ich den Schlenki als eine Projektion der Emotionen dieses Paars betrachte. So in guter alter Fantasy- und Science Fiction Manier, nach dem Vorbild des Zauberlehrlings: da setzen Menschen etwas in Gang, kreieren ein Monster, das sich nachher ihrer Kontrolle entzieht und tut, was es will.

Das absolut Böse finde ich nicht - nicht zuletzt darum, weil ich nicht an ein absolut Böses glaube. Sondern nur an ein relativ Böses.

grüsse, barbara

R.Daneel
26.10.2008, 16:33
Hallo Barabara,

... nach dem Vorbild des Zauberlehrlings: da setzen Menschen etwas in Gang, kreieren ein Monster, das sich nachher ihrer Kontrolle entzieht und tut, was es will.
Hm. An der Geschichte fehlen m.E. ein paar Sachen, die man eigentlich wissen müsste, um sich eine Meinung zu bilden, die aber nicht mitgeliefert werden.

Ein Monster kreieren... insofern würde ich die Geschichte eher schwach finden. Kennt jemand Stephen Kings "Stark"? Über den Autor, der seine böse Romanfigur "begräbt", worauf sich diese manifestiert und im wahrsten Sinne des Wortes zum wandelnden Alptraum wird? Da kommt das wesentlich besser rüber.

Von der anderen Seite betrachtet, wie kann man als Mensch verhindern, in der Weise Monster zu kreieren? Nicht über andere Menschen lästern? Wäre sicher schon mal ein Anfang, aber ob das reicht? Und manchmal ist man eben schlecht drauf oder in explosiver Stimmung, hat's ja hier auch schon gegeben.

Das absolut Böse finde ich nicht - nicht zuletzt darum, weil ich nicht an ein absolut Böses glaube. Sondern nur an ein relativ Böses.
Ja, allerdings - ein absolutes Böses ist noch unvorstellbarer als ein absolutes Gutes.

Liebe Grüße
R.

barbara seiler
26.10.2008, 16:42
Hallo R.

ich halte diese Geschichte für so etwas wie einen Traum in schriftlicher Form, und wie ein Traum sehr knapp gehalten. Ich denke aber, dass alles Wichtige darin zu finden ist. Und dass da auch keine bewusste Dramaturgie dahinter ist, sondern ziemlich ungeschminkter Ausdruck des Unbewussten. So wie auch Märchen oder biblische Geschichten oft die schrecklichsten Sachen ganz lapidar erzählen... "und dann tanzte die böse Stiefmutter in den rotglühenden Eisenschuhen, bis sie tot umfiel, und der Prinz und die Prinzessin lebten glücklich bis an ihr Ende"...

Kennt jemand Stephen Kings "Stark"? Über den Autor, der seine böse Romanfigur "begräbt", worauf sich diese manifestiert und im wahrsten Sinne des Wortes zum wandelnden Alptraum wird?

nein. Ich lese Stephen King nicht, nicht weil er schlecht ist, sondern weil er zu gut ist in seinen Albträumen... *grusel* diese Sachen verfolgen mich dann bis in den Schlaf.

Von der anderen Seite betrachtet, wie kann man als Mensch verhindern, in der Weise Monster zu kreieren?

ich würde sagen, durch Bewusstheit. Durch das Annehmen der eigenen dunklen Seiten, und indem diese dunklen Seiten auch gelebt werden. Eben zB in Form von Schriftstellerei wie bei King. Oder in Form von Sport. Monster entstehen immer dann, wo die besten Absichten herrschen, zB bei der Inquisition, die ja nur ein paar Seelen retten wollte... auch zum Preis, Menschen zu Tode zu foltern. Aber es war eindeutig gut gemeint.

Und manchmal ist man eben schlecht drauf oder in explosiver Stimmung, hat's ja hier auch schon gegeben.


ja richtig, aber eine schlechte Stimmung haben und sie zeigen, das macht noch kein Monster. Monster gibts dann, wo schlechte Stimmungen eben nicht gezeigt werden dürfen, und wo das, was eigentlich innen drin ist, nach aussen projiziert wird. Zu den Ausländern, den Juden, den Homosexuellen oder wem auch immer.

grüsse, barbara