Die erste und direkteste Funktion von Stiefeln ist es, den Fuss vor dem Wasser zu schützen. Je nach Höhe des Schaftes erlaubt er dem Träger oder der Trägerin, im Mist zu arbeiten, durch Bäche zu waten, oder im Fall der Fischerstiefel, die bis zu den Oberschenkeln reichen, weit hinaus in einen See zu waten, um ihre Arbeit zu machen.
Arbeitsstiefel müssen daher nicht nur einen genügen hohen Schaft haben für den jeweiligen Zweck, sondern sie müssen auch wasserdicht sein und eine robuste, kräftige Sohle haben.
Kavallerist in Stiefeln
Also verwundert es nicht, dass jene Berufsgruppen Stiefel tragen, die häufig im Dreck und Schlamm arbeiten müssen: Soldaten, Fischer, Bauern, Hirten, Bauarbeiter, Metzger... ein gutes Paar Stiefel macht das Leben für dieser Berufsleute wesentlich leichter - und umgekehrt auch, wo die Füsse und Unterschenkel nicht gut geschützt sind, wird das Leben zur Hölle.
Nasse, kalte Füsse waren eines der grössten Probleme aller Armeen und die Qualität der Schuhe trug oft wesentlich zu Sieg und Niederlage bei.
Stiefel machen es möglich, sich an einem schmutzigen, kalten, nassen Ort zu bewegen, ohne selbst dreckig zu werden und zu frieren. Durch ihre Robustheit wird es auch möglich, kräftig und ohne Angst für die feinen Fussknochen zu treten - sei es, eine Tür einzutreten, sei es, einen Feind zu treten... Stiefel sind nicht zuletzt eine sehr effektive Waffe. Ganz besonders dann, wenn sie - wie die Sicherheitsschuhe von Bauarbeitern - mit Metallsohlen und Metallkappen ausgerüstet sind, was ihr Gewicht und ihre Härte noch einmal deutlich erhöht. Stiefel erlauben es, Kontrolle auszuüben.
Der symbolische Aspekt von Stiefeln wird besonders oft bei Damenstiefeln in den Vordergrund gestellt, die häufig durch hohe und spitze Absätze bedrohlich wirken, deren dünne Sohlen und dünnes Material den Fuss kaum schützen - und wenn sie hohe Absätze haben, auch nicht mehr Trittsicherheit verleihen, als ganz gewöhnliche Schuhe oder gar keine Schuhe.
Umgekehrt wie bei den Damenstiefeln, die vor allem zur Zierde dienen und als Symbol der Macht gerne auch bei Prostituierten und in BDSM-Kreisen, wird es bei Gummistiefeln gehandhabt, besonders bei Gummistiefeln für Kinder: Diese müssen alle Funktionen von Stiefeln erfüllen - Schutz vor Nässe, Schutz vor Dreck, je nachdem auch Schutz vor Kälte - doch sie sollen nicht allzu sehr die Macht betonen und sind deshalb oft in harmlosen, freundlichen Farben gehalten und/oder mit niedlichen Mustern verziert.
Stiefel sind ein Werkzeug des Ego und geben eine äusserliche Macht - nicht jedoch die entsprechende innere Haltung.
Annick de Souzenelle schreibt in ihrer Untersuchung zur Symbolik des menschlichen Körpers über die Ur-Verletzung am Fuss des Menschen - jene, die in der Geschichte von Adam und Eva erwähnt wird - jene, die darin besteht, dass die Schlange - der Satan den Menschen in den Fuss beissen wird.
Wir alle leiden an dieser Wunde. Sie besteht darin, dass unser Blut - unsere Lebenskraft, unsere Energie - auf der niedrigsten Stufe des Lebens weggegeben wird. Die niedrigste, dichteste Stufe, das ist die Materie: wir alle lernen, die Materie sehr ernst zu nehmen, unsere Handlungen vor allem darauf auszurichten, dass unser körperliches und soziales Wohlbefinden gewährleistet wird.
Diese Wunde verhindert, dass das Blut - die Energie - für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit verwendet wird - dafür, mehr Mitgefühl, mehr Weisheit, mehr Richtigkeit im eigenen Leben zu erlangen.
Stiefel sorgen für eine Täuschung: So wie keine Flüssigkeit von aussen in einen Stiefel dringen kann, ebenso wenig kann Flüssigkeit von innen nach aussen abfliessen. Wer Stiefel trägt, erscheint cool, überlegen, unberührbar - doch wer kann schon wissen, was sich im Schuhwerk drinnen abspielt?
Mit diesem Motiv spielt das Märchen vom Aschenputtel, wo die zwei bösen Schwestern durch Selbstverstümmelung versuchen, die Braut des Prinzen werden - und dabei versagen. Es ist das unscheinbare, schmutzige Aschenputtel, dessen innere Reinheit und Schönheit den Prinzen berührt hat an diesem einen Abend, an dem sie mit Hilfe eines magischen Baumes am Fest teilnehmen konnte - nicht die äussere Schönheit des Ego der beiden Schwestern.
Gelegenheiten, Stiefel zu tragen, gibt es zweierlei:
Zuerst natürlich all jene Gelegenheiten, wo aus praktischen Gründen Stiefel die naheliegende und sinnvolle Option sind. Beim Wandern, auf der Baustelle, beim Ausflug im Wald...
Dann zweitens all jene Gelegenheiten, wo durch das Tragen von Stiefeln ein Statement gemacht wird, wo aber die äusseren Umstände dies nicht unbedingt erfordern: he, seht ihr, ich bin da!
Wo Stiefel als Schmuck und Symbol eingesetzt werden, müssen sie mit Grösse und Grosszügigkeit getragen werden. Stiefel und graue, schüchterne Mäuschen passen nicht gut zusammen. Stiefel erfordern selbstbewusste Persönlichkeiten - umso mehr, wenn sie harte Sohlen und Absätze haben, die bei jedem Schritt klappern und hörbar sind.
Andererseits können Stiefel durchaus dazu beitragen, das Selbstvertrauen zu erhöhen - Kleider verleihen auch immer Haltung und Stütze, sie können für die äusserliche Erscheinung teilweise ersetzen, was im Innen fehlt - oder, im Idealfall, betonen und zeigen, was im Inneren schon vorhanden ist.
Auf alle Fälle sind Stiefel glamourös und sexy - gute Gründe, nicht nur für Schuhfetischistinnen, mindestens ein Paar - gern auch mehrere - regelmässig zu tragen.
© Barbara
Seiler
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