Der Narr ist von seinem Felsen hinunter auf die Erde gesprungen und beginnt diese Erde zu erforschen. Er ist zum Magier geworden - eine aktive, männliche Energie. Eine Energie, die handelt, eindringt, manipuliert und durch ihren Willen den Urkräften der Welt eine von ihm gewünschte Form geben will.
Der Magier im Rider-Waite-Tarot
Im Spiel von Rider Waite sehen wir den Magier, einen jungen Mann, in einer mit Blumen geschmückten Landschaft vor einem Tisch stehen, auf dem die Symbole der vier Elemente liegen:
Der Tisch stellt die Welt dar, die Spielwiese , in der wir leben.
Dass der Magier selbst am Tisch steht, und nicht auf dem Tisch, deutet auf die verschiedenen Schichten der Realität hin: Der Tisch, das ist die Welt, wie wir sie kennen - seine viereckige Form deutet darauf hin. Der Magier selbst wird als Seele, als Essenz des Menschen dargestellt, in einem paradisischen Garten: über seinem Kopf schwebt das Unendlichkeitszeichen, und sein Gurt ist eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beisst, der Ouroboros. Der Ouroboros ist allerdings auch ein Hinweis darauf, dass die Seelenhaftigkeit eine unbewusste ist, die ozeanische undifferenzierte Einheit mit allem, was ist.
in seiner rechten Hand trägt der Magier noch einen Stab, die linke Hand weist nach unten - wie ein Blitzableiter empfängt er die Lebenskraft aus der Ebene des reinen SEINS und leitet sie in die Erde, wo sie als schöpferische und gestaltende Kraft wirkt.
Der Magier im Crowley-Tarot
Wo bei Rider Waite der Magier ernsthaft still steht, unbeweglich in der Pose, tanzt der Magier von Crowley.
Wie eine Balleteuse steht er mit seinen Zehenspitzen auf der Spitze eines steilen Berges. Umgeben ist er von einem Netz von Energielinien, das er kreiert, indem er mit den Symbolen der vier Elemente jongliert.
Seine Füsse sind beflügelt wie die des Götterboten Hermes, und über seinem Kopf trägt er die Schlange wie eine Krone, während ein Vogel - eine Taube? - über ihm schwebt. Dies einnert an den Spruch von Jesus an seine Jünger: seid klug wie die Schlangen und harmlos wie die Tauben!
Crowley's Magier scheint angstfrei zu sein, wo bei dem Magier von Rider Waite der Gesichtsausdruck nicht nur ernsthaft ist, sondern auch eine gewisse Sorge erahnen lässt - ein fast krampfhaftes Bemühen, es ja richtig zu machen. Es dürfte beide diese Magier geben - verschiedene Arten, die Aufgabe des in-die-Welt-kommens zu lösen, für jeden Menschen anders - und indem in der Arbeit mit dem Tarot nicht nur ein Spiel verwendet wird, sondern mehrere, können die jeweiligen Vorlieben und Abneigungen gegenüber verschiedenen Versionen Aufschluss über sich selbst geben. Rider Waite ist solide, aber auch etwas langweilig, bürgerlich, nostalgisch und konservativ - Crowley ist aufregend, zukunftsorientiert, chaotisch, aber auch verrückt und psychisch labil, wie sein in extremis balancierender Magier.
Egal in welcher Form der Magier in Dein Leben tritt, lieber Leser, liebe Leserin - immer fordert er auf, sich auf die Welt und das Leben in seiner Fülle einzulassen.
Er weist auf die Macht hin, die jeder Mensch hat, sein Leben zu gestalten. Das ist keine absolute Macht, sondern eine relative - der Grundstoff unseres Lebens wurde uns gegeben. Wir haben einen Körper erhalten, der gewisse Schwächen hat, aber auch seine Stärken - wir haben eine Familie und ein Umfeld und eine Kindheit, die uns prägte und wo durchaus schon viele Weichen gestellt wurden, die wir heute nicht mehr anders wählen können, wo wir nicht zurück gehen können und alles anders machen können - doch unabhängig davon, wo wir uns jetzt gerade befinden, kann uns der Magier dabei helfen, unsere Welt nach unserem Willen zu gestalten - nach dem Willen des Egos, aber auch nach dem Willen der Seele .
Unser Eintscheidungsspielraum ist meist deutlich grösser, als wir uns das eingestehen wollen. Jeder Mensch trifft täglich mehrere hundert Entscheidungen. Kleine Entscheidungen sind das, gewiss - doch wenn diese Unmenge an kleinen und kleinsten Entscheidungen bewusst getroffen wird, im Hinblick auf die gewählten Ziele, so macht dies langfristig einen enormen Unterschied.
Der Geschmack unseres Lebens wird nicht vom Kaviar bestimmt, der an den grossen Festen gereicht wird - er wird von der Qualität des Brotes bestimmt, das wir täglich essen.
Der Magier fordert uns auf, uns auf den Alltag zu achten und in jedem Moment bewusst zu wählen.
Wie jeder junge Mensch ist der Magier ausserordentlich verspielt und lernt durch das Spiel.
Kleine Kinder bewegen sich spontan - und experimentieren mit ihrer Welt, ihren Kräften und ihrem Körper , indem sie alles anfassen, in den Mund nehmen, darauf schlagen und immer mehr Fakten über die Welt, sich selbst und ihren Körper lernen.
Spiel ist spontan, offen und frei. Die spielende Person befindet sich vollständig in der Gegenwart, ohne Gedanken an Vergangenheit und Zukunft, und alles was geschieht, baut sie in dem Moment in ihr Spiel ein. Die Elemente sidn immer um uns, immer vorhanden - der Magier fordert auf, genau hinzusehen, genau zu fühlen, und der Welt mutig in die Augen zu schauen.
© Barbara
Seiler
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