Null - der Narr

Das Weltenei

Der Narr im Rider Waite-Tarot der Narr im Rider Waite Tarot

Die Zahl Null hat die Form eines Eis. Die Null ist der Anfang vor dem Anfang - das Versprechen - das Potenzial, das noch keine Form angenommen hat, und in dem alle Formen enthalten sind und realisiert werden können. In seiner perfekten Leere und der Kreisform erinnert die Null an den Vater in der göttlichen Trinität.

In der Darstellung des Rider-Waite-Tarots sehen wir, wie der Narr ein Bündel mit sich trägt, in dem dieses Ei enthalten sein könnte. Er ist ein junger Mensch, der seine Kräfte noch nicht erprobt hat. Die Blumen auf seiner Weste deuten auf den Frühling des Lebens hin, die weisse Rose auf Unschuld und Reinheit: und er wird sich von der Höhe der multidimensionalen Ebenen des Jenseits auf die Erde herunter begeben, um das Geschenk, das in seinem Bündel enthalten ist, auszupacken und zu realisieren.

Wir alle sind Narren

Der Narr ist ein Symbol des Menschen - jedes Menschen. Jeder Mensch ist ein Wesen aus den jenseitigen, feinstofflicheren Welten, das die Erfahrung macht, wie das Leben in der Materie stattfindet. Und wie der Narr kommen wir unschuldig und ohne Bewusstsein auf der Erde an.

Jedes Leben beginnt bei Null - der grösste Teil der Menschen erinnert sich nicht an die Geburt, noch nicht einmal an die ersten Lebensjahre - die ersten Erinnerungen fangen in dem Moment an, in dem sich ein erstes Gerüst des Ego gebildet hat und verankert wurde. 

Der Narr aber ist Seele pur. Die Essenz des Menschen, die sich im Spiel selbst erfährt.

Der Narr im Tarot

Der Narr im Marseille-Tarot der Narr im Marseille-Tarot

Der Narr im Tarot symbolisiertt den Menschen auf seiner Reise - und stattet ihn mit den dazu notwendigen Werkzeugen aus. 

Marseille und Rider Waite statten ihn beide mit einem Stab aus, dem Symbol für die feurige Lebenskraft - ein Phallussymbol, yang, männlich.

An diesem Stab befestigt ist ein Bündel, mehr oder weniger eiförmig, yin, ein Symbol der Fruchtbarkeit, das offenbar den ganzen Besitz des Narren beinhält. Der Narr reist leicht! - und schweres Gepäck hat er ja nicht nötig, da er bekanntlich närrisch ist, voller Urvertrauen, und nicht vernünftig, nicht würdig, nicht reif.

Der Narr ist von einem Hündchen begleitet, das bei Rider Waite ein unbekümmerter Spielgefährte zu sein scheint, bei Marseille zur Lächerlichkeit beiträgt, indem es die Hose aufgerissen hat, sodass das Hinterteil des Narren deutlich sichtbar ist. Den Narren selbst bekümmert es nicht weiter, er schämt sich nicht... mit der Gesellschaft und ihren Konventionen hat er nichts zu schaffen. Noch nicht. Der Narr ist spontan, einfältig und lebt vollkommen im Moment. 

Allerdings ist der Narr auch unbewusst - was er nicht weiss, macht ihn nicht heiss, und mit grösster Naivität geht er vollkommen angstfrei Situationen entgegen, die die älteren Menschen, die ihre Egos schon entwickelt haben, in grösste Sorgen und Befürchtungen stürzen würden.

Der Narr des Crowley-Tarot ist rätselhafter, mit all den Symbolen die ihn umgeben - eher ein Abenteurer, nicht der Hans-Guck-in-die-Luft der beiden andern Versionen, sondern einer, der klar und frech geradeaus schaut, mit einer Betonung der animalischen und sexuellen Seite, die beim bräveren Rider-Waite praktisch vollständig verloren gegangen ist.

Die Zahl Null

Die Zahl Null und ihr Gebrauch im Stellenwertsystem ist eine relativ neue Entdeckung; auch wenn diverse Formen der Null schon 5000 v. Chr. bei den Sumerern nachgewiesen wurde, fand das heute benutzte Stellenwertsystem erst ab ungefähr dem 12. Jahrhundert n. Chr. im europäischen Kulturkreis Verbreitung.

Dies hat natürlich auch einen Einfluss auf die Wahrnehmung der Zahlenergien und die Zahlenmystik, die bis zu diesem Zeitpunkt mit der Eins als erste Zahl rechnete. Ein Symbol für das Nichts zu haben ist eine Leistung des abstrakten Denkens, die wohl kaum hoch genug geschätzt werden kann. Es gehört zu jenen Dingen, die völlig einleuchtend sind, sobald erst mal jemand darauf gekommen ist - die aber ungeheuer schwer zu entdecken sind, da sie eine neue Qualität des Denkens erfordern. Wie gross der Sprung ist, mag jeder selbst herausfinden, der sich mit Rechnungen wie zB 3891 : 3 amüsieren möchte - bzw in der römischen Version MMMDCCCLDDDDI : III ... oder so ähnlich. Nur schon die Notation der römischen Zahlen ist deutlich schwerer hinzukriegen, besonders wenn die Übung fehlt, wie das bei mir der Fall ist.

Eine mathematische Besonderheit der Null ist, dass sie in Bezug auf die Addition neutral ist - jede beliebige Zahl plus Null gibt eben diese Zahl - und dass sie jede Multiplikation in sich aufsaugt wie ein schwarzes Loch (auch wieder ein Kreis wie die Null selbst) und von all den Informationen, die vorher vorhanden waren, nicht die geringste Spur zurücklässt. Hinzu kommt, dass die Null immer wieder einmal die Physiker ärgern kann - wenn nämlich durch sie dividiert werden soll, wird das Resultat sinnlos. Was zum Beispiel bei Berechnungen rund um den Urknall (wiederum ein punktförmiges Nichts als Ursprung von allem...) geschieht.

Ähnlich verwirrende Eigenschaften hat nur noch das Zeichen für "unendlich", die liegende Acht ∞, die wie die Null auf das Unbegreifliche, Unverständliche, Göttliche hinzeigt: die Null durch ihre Leere, das Unendliche durch seine Fülle... Sie weisen auf das Absolute hin, auf den Ursprung von allem.

Die Geometrie der Null

Geometrisch ist die Null ein Kreis, das Symbol der Vollkommenheit: jeder Punkt des Umfangs ist gleich weit vom Mittelpunkt entfernt, unendlich viele Symmetrieachsen strahlen wie die Sonnenstrahlen in alle Richtungen des Universums. Analog gilt dasselbe natürlich für die Kugel, wie die Sonne auch eine ist - und die Sonne wiederum ist ein Symbol Gottes, des SELBST, des Lichtes, das Menschen erleuchtet.

Die Null ist auch der Kreis, der das Yin und Yang umschliesst, sobald sich das göttliche Potenzial auf der Erde manifestiert - was im Tarot durch die Figur des Magiers (Yang, Eins) und der Hohepriesterin (Yin, Zwei) und alle nachfolgenden Figuren ausgedrückt wird. 

Im Lebensbaum der Kabbalah entspricht die Null dem Ain-Soph, das das reine Sein, das Absolute, die Gottheit repräsentiert. Auf dieser Ebene existiert noch keine Form, kein Wille, keine Materie, keine Grenze, kein Raum und keine Zeit - es ist reines Potenzial. Das Ain-Soph ist durch nichts geschaffen und erzeugt. es ist durch keine positiven Begriffe bestimmbar, man kann sich ihm nur durch Verneinungen annähern, indem man beschreibt, was es nicht ist. Es ist für den Verstand unbegreiflich und unbeschreiblich; allerdings ist es möglich, diese Qualität unter geeigneten Bedingungen zu erfahren und zu erleben.

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© Barbara Seiler 2010 - www.spiriforum.net
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Literatur