Wer ist ein echter Christ?

Auf die Frage, was der Kern des Christentums ist und was einen wirklichen Christen ausmacht, gibt es fast so viele Antworten, wie es Christen und Christinnen gibt. Die Antwort, die ich in diesem Artikel gebe, stütze ich auf ausgewählte Stellen des Neuen Testamentes, in denen Jesus so weit wie möglich selbst die Antwort auf diese Fragen liefert.

Was nicht im Sinne von Jesus Lehre ist

Als erstes ein paar Punkte, um die es nicht geht, auf die aber gerade in evangelikalen und freikirchlichen Kreisen oft sehr viel Wert gelegt wird.

Es geht nicht darum, welcher Religion oder Institution jemand angehört. Es geht nicht darum, zu welchem Volk, welchem Beruf oder welcher sozialen Gruppe jemand gehört.

Jesus selbst, dem wir Christen nachfolgen wollen, war selbst nicht Christ, sondern Jude; In seinen Beispielgeschichten und in seinen Taten lobte er immer wieder Menschen, die ganz verschiedene Religionen und Tätigkeiten hatten: einen Offizier der römischen Besatzungsmacht ebenso wie einen Samariter oder eine Frau von nicht ganz tadellosem Ruf und einen Zöllner, der sein Amt des öftern zu seinem persönlichen Vorteil ausgenutzt hatte.

Es geht auch nicht darum, was jemand öffentlich sagt oder zeigt, wie jemand betet. Bekundungen von Tugend als reine Show haben nicht den geringsten Wert, sondern befriedigen lediglich das Ego, das glaubt, wieder ein paar Pluspunkte in den göttlichen Bilanzen gesammelt zu haben.

Solche sündigen Verhaltensweisen waren es immer wieder, die Jesus zum Ausruf in Lukas 6.46 veranlasst haben:

Was nennt ihr mich aber Herr, Herr! und tut nicht, was ich sage?

"tut was ich sage"

Christ ist, wer tut, was Jesus uns empfohlen hat. Was er empfohlen hat, ist unter anderem nachzulesen in Matthäus, Kapitel 25:

Denn mich hungerte, und ihr gabt mir zu essen; mich dürstete, und ihr gabt mir zu trinken; ich war Fremdling, und ihr nahmt mich auf; nackt, und ihr bekleidetet mich; ich war krank, und ihr besuchtet mich; ich war im Gefängnis, und ihr kamt zu mir. (...) Wahrlich, ich sage euch, was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan.

Christ sein ist, Mitgefühl zu haben, ein offenes Herz zu haben, und zu tun, was im Moment gerade getan werden muss. Es ist einfach und menschlich. Es benötigt keine komplizierten Dogmen, keine Rituale - nur Aufmerksamkeit und Achtsamkeit gegenüber sich selbst und anderen Wesen.

Dieses Mitgefühl betrifft nicht nur Menschen; es ist genau so ein Akt des Mitgefühls, ein hungriges Tier zu füttern oder einer durstigen Pflanze Wasser zu geben, wie dasselbe für einen Menschen tun - Tiere und Pflanzen sind, genetisch wie geistig, unsere "geringeren Geschwister" - unsere Cousins und Cousinen, die etwas weniger Bewusstheit als wir Menschen haben, und für die wir sorgen dürfen, wenn wir ihre Bedürfnisse erkennen.

christliche Besonderheit?

Manchmal wird eingewendet: doch dieses Mitgefühl, das ist ja nicht speziell christlich; es ist nicht sehr originell; das tun ja alle anderen auch!

Stimmt, das tun alle anderen auch. Fast alle Religionen, spirituellen Traditionen, Philosophien und Ethiken der ganzen Welt fordern Menschen dazu auf, achtsam und freundlich und sozial zu sein.

Jesus hatte nie das Ziel, eine neue Institution zu gründen - und schon gar nicht diese unüberschaubare Fülle von Institutionen, die sich alle "christlich" nennen und deren einziger gemeinsamer Nenner ist, dass sie sich auf die Bibel als Grundlage ihres Glaubens berufen. 

Jesus lag daran, Menschen zur Wahrheit und zum Licht zu führen - Menschen zu zeigen, wie ihr Bewusstsein vergrössert werden konnte und wie ihr Leben dadurch ganzer, heiler, voller, freudiger wird. Und das unabhängig von der Teilnahme an einer bestimmten Organisation.

Wenn es eine christliche Besonderheit gibt, so ist es der Fokus auf die Liebe - während andere Richtungen ihren Fokus auf anderen wesentlichen Begriffen haben: Achtsamkeit im Buddhismus, zum Beispiel.

Eine weitere Besonderheit spricht Rudolf Steiner an: er sagt, dass die Evangelien und besonders die Gleichnissen einerseits so einfache Geschichten sind, dass sie jedes Kind ansprechen, dass jedes Kind sie verstehen kann; andererseits so tief, komplex und bedeutungsvoll, dass sie auch höchsten intellektuellen Ansprüchen genügen und immer wieder neue Facetten an Bedeutung offenbaren. Wenig Lehrer gibt es, die mit so wenig Worten so viel zu sagen vermochten, wie Jesus.

liebe deinen Nächsten...

Ein echter Christ ist, wer seinen Nächsten liebt. Jesus illustriert dieses Prinzip am Gleichnis mit dem Samariter in Lukas 10,30-36:

Jesus aber nahm das Wort und sprach: Ein Mensch ging von Jerusalem nach Jericho hinab und fiel unter Räuber, die ihn auch auszogen und ihm Schläge versetzten und weggingen und ihn halb tot liegen liessen. Zufällig aber ging ein Priester jenen Weg hinab; und als er ihn sah, ging er an der entgegengesetzten Seite vorüber. Ebenso aber kam auch ein Levit, der an den Ort gelangte, und er sah ihn und ging an der entgegengesetzten Seite vorüber. Aber ein Samariter, der auf der Reise war, kam zu ihm hin; und als er ihn sah, wurde er innerlich bewegt; und er trat hinzu und verband seine Wunden und goss Öl und Wein darauf; und er setzte ihn auf sein eigenes Tier und führte ihn in eine Herberge und trug Sorge für ihn. Und am folgenden Morgen zog er zwei Denare heraus und gab sie dem Wirt und sprach: Trage Sorge für ihn! Und was du noch dazu verwenden wirst, werde ich dir bezahlen, wenn ich zurückkomme. Was meinst du, wer von diesen dreien der Nächste dessen gewesen ist, der unter die Räuber gefallen war?

Die Antwort ist klar: jener war der Nächste, der dem Ausgeraubten geholfen hatte. Nicht der Priester und nicht der Levit, sondern einer, der den Juden als "nicht wirklich einer von uns" galt, einer, dem man seine Tochter lieber nicht zur Frau geben würde. 

Liebe ist, im Sinne von Jesus, mit Mitgefühl und Achtsamkeit zu handeln.

Und es ist am "Nächsten" so zu handeln - es ist unmöglich, alles Leid der Welt zu lindern. Was immer ein einzelner Mensch tut, er hat nur einen begrenzten Wirkungskreis; und das gilt sogar für so mächtige und reiche Menschen wie Besitzer von grossen Konzernen oder Präsidenten von mächtigen Staaten. 

Aber was alle tun können ist: das zu tun, was eben gerade jetzt, unter den aktuellen Umständen, möglich ist.

David R. Hawkins sagt - und mit ihm sagen es viele andere auch - dass jeder Akt der Liebe und des Mitgefühls, auch wenn er noch so klein ist und noch so diskret geschieht, ausstrahlt in die ganze Welt und Wirkung zeigt. 

Ebenso ist es wichtig zu beachten, dass ein Mensch kaum je alles erfährt, was er in anderen bewegt hat - gerade dort, wo eine Botschaft ins Herz trifft und tief geht, ist die Chance gross, das der Aussender dieser Botschaft nie etwas davon erfahren wird. Also, achte auf dein Tun und dein Denken und dein Sagen, denn es wirkt!

... wie dich selbst

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Versuche ihn, nicht mehr als dich zu lieben - oder weniger als dich selbst. Es wird dir auch nicht gelingen, denn die Liebe ist, was sie ist, und die Liebe, die du hast und geben kannst, wendest du gleichermassen auf alle Menschen, Tiere, Pflanzen und Wesen an. 

Jesus hätte auch sagen können: sei dir bewusst, dass es nur eine Liebe gibt: so wie du andere behandelt, genau so behandelst du dich selbst auch. Du kannst nicht anders. 

Aber auch: so wie du andere hasst, so hasst du dich selbst. Was immer du über andere denkst und anderen antust, das tust du im Grunde dir selbst an - und Gott, der durch dich wirkt, der in deinem Atem und im Leuchten deiner Augen und in deinen Worten und Taten lebt.

an den Früchten erkennst du sie

Ob ein Baum gut ist, erkennst du an den Früchten, die dieser Baum trägt. Um die Früchte zu erkennen, musst du die Zeit der Ernte abwarten. Und wenn geerntet ist, so iss und schmecke: ist es süss, aromatisch und kräftig?

Wenn du die Früchte eines Menschen sehen willst, beobachte und warte. Warte, wie beim Baum, mindestens einen Monat, ein Jahr, zehn Jahre - dann beurteile die Frucht.

Fühlst du dich wohl, aufgehoben und geborgen in der Gegenwart dieses Menschen? Ist er ehrlich, offen, gradlinig? Humorvoll? Hat er Freunde, die viele Jahre zu ihm halten, hat er Menschen die ihn lieben, die er liebt? Behandelt er Tiere, Kinder und Untergebene mit Freundlichkeit?

Wenn diese Fragen mit "ja" beantwortet werden, so ist die Chance sehr gross, dass du es mit einem echten, wahren Christen zu tun hast - ganz unabhängig davon, welches Bekenntnis dieser Mensch hat, oder zu welcher Religion er gehört. Denn in seinen Taten folgt er dem Beispiel und der Lehre, die Jesus uns gegeben haben.

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© Barbara Seiler 2010 - www.spiriforum.net
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Literatur