Adam und Eva

Hier sehen wir Adam - nicht ganz wie Gott ihn schuf. Aus Gründen der Sittlichkeit hat er ein Feigenblatt erhalten, das zugegebenermassen zeichnerisch nicht ganz gelungen ist. 

Sonst ist Adam nackt. Und auch Eva wäre es, wenn sie gezeichnet worden wäre - man verzeihe mir, dass ich lieber Männer zeichne als Frauen und somit Eva hier nicht auftaucht. 

Adam steht entspannt und locker. Nichts behindert ihn. Alle Körpersäfte können fliessen. Alle Muskeln sind geschmeidig. Alle Organe, alle Zellen werden mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Adam ist eine Einheit, ein Mensch, in dem alle Organe, alle Glieder zusammen arbeiten, wie mit dem grünen Kreis angedeutet ist, der rund um ihn herum führt. 

Die rosa Punkte auf seiner senkrechten Achse bezeichnen seine Chakren, Hauptenergiewirbel, die alle spezifische Aufgaben erfüllen. Ebenso haben die Hände und die Füsse ihre Chakren. Wir sehen:

Adam steht fest auf der Erde, in gutem Kontakt mit dem Boden. Spirit kommt hinein durch sein Kronenchakra - das ist der Trichter auf seinem Kopf - und kann ungehindert durchfliessen bis zu seinem Wurzelchakra - das ist der Trichter, der unter dem Feigenblatt hervorschaut - und noch weiter nach unten, zu den Füssen, in die Erde. Adam ist ein Mensch, der mit Himmel und Erde verbunden ist. Adam ist, ohne Zweifel, im Paradies.

ein freier Mensch

Wir alle wollen wie Adam sein. Wir alle sind auf der Suche nach dem verlorenen Paradies und streben zur verlorenen Einheit zurück.

Doch wir leben nicht mehr in der Einheit. Als Menschen sind wir kultivierte und zivilisierte Wesen. Wir können es uns nicht erlauben, nackt zu sein - und meistens wollen wir das auch gar nicht. Es ist zu kalt dafür. Und wir, die wir Spiegel erfunden haben und sie rege nutzen, sind uns unserer Unvollkommenheiten meist mehr als bewusst. Wir wollen sie nicht öffentlich zeigen.

Also kleiden wir uns. Und als Menschen, die frei sein wollen, können wir ein Kleid wählen, das uns Freiheit gibt:

Ein Kleid, das nirgends einschnürt. Es ist am Hals weit genug, um reichlich Platz zu lassen, doch auf eine Weise geschnitten, dass es nicht von den Schultern rutschen kann. Es ist lang genug, um alle möglicherweise anstössigen Anblicke zu verdecken, doch kurz genug, dass es nicht möglich ist, darüber zu stolpern. Es ist weit genug geschnitten, um den Beinen zu erlauben, ihre maximale Reichweite zu gehen. Es verkürzt unsere Schritte nicht. Die Sandalen geben uns eine künstliche Sohle, lassen aber durch die Öffnungen Luft zu den Füssen dringen, die nicht eingesperrt werden und die ihre Bewegungsfreiheit behalten. In einem solchen Kleid kann ein Mensch frei sein. Es ist ein Kleid, das vollkommene Bewegungsfreiheit schenkt - es ist aber auch ein Kleid, das nirgends stützt und hält. Du trägst sich selbst in diesem Kleid, sichtbar für alle. 

Nun - ich zweifle, lieber Leser, dass es dir möglich sei, ein solches Kleid zu tragen, vielleicht mit wenigen Ausnahmen - vielleicht bist du Mönch, Geistlicher oder im Showbusiness, wo das gehen mag . Ansonsten bist Du als Mann in der europäischen Kultur zu Hosen verpflichtet, alles andere erscheint seltsam und lächerlich - unabhängig davon, wie bequem und praktisch es sein mag.

Liebe Leserin, Du hast einen Vorteil - als Frau darfst Du ein solches Kleid tragen, und die Chancen stehen gut, dass es Dir gut steht und Du Komplimente dafür erhalten wirst. Was die Kleidung betrifft, gibt es noch keine Gleichberechtigung, die Frauen haben viel mehr Rechte als die Männer - bis heute ist das leider so.

der Gurt

Lieber Leser, Du wirst vermutlich eher so gekleidet sein, wie auf diesem Bild zu sehen ist: die Mitte Deines Leibes, ungefähr auf der Höhe des Bauchnabels, ist eingegürtet. Dies ist sogar dann der Fall, wenn Du keinen Gurt trägst, sondern der Einschnitt lediglich durch den Hosenbund geschieht. Annick de Souzenelle geht sogar so weit zu sagen, dass schon symbolische Gurte - also andersfarbige Streifen auf der Kleidung - die Wirkung haben, Körperregionen voneinander abzutrennen.

In diesem Beispiel werden die unteren beiden Chakren durch den Gurt abgeschnitten: der senkrechte violette Trichter, das Wurzelchakra, das dafür sorgen sollte, dass wir gut und solide mit der Erde verbunden sind - und das Nabelchakra, oft gleich direkt unter der Schnalle oder dem Knopf der Hose versiegelt, das für Fruchtbarkeit, Sex und Reproduktion verantwortlich ist. Auch die Chakren der Füsse werden dadurch natürlich abgetrennt.

Dass diese Bereiche abgeschnitten sind, bedeutet, dass sie aus dem bewussten Bewusstsein verdrängt werden. Der Mensch lebt bewusst nur noch mit der oberen Hälfte seines Seins. Der Kopf steht noch zur Verfügung mit seinen intellektuellen Fähigkeiten, den Fähigkeiten zur Erkenntnis und zur Kommunikation - die Hände sind immer noch bewusst, handlungsfähig - und der Brustkorb mit dem Herz ist da, liebesfähig. Aber nicht mehr der Bauch, nicht mehr der Sex. Sie dürfen im Alltag keine Rolle spielen - und wenn es doch die eine oder andere Energie schafft, die Schranke des Gürtels zu überwinden und nach oben zu steigen, so ist sie allzu oft verzerrt und verdreht, also pervers, geworden.

die Krawatte

Noch extremer verhält es sich mit der männlichen Business-Uniform unserer Tage, dem Anzug mit Hemd und Krawatte: Hier wird nicht nur der Unterleib von Brust und Kopf abgeschnitten, sondern es wird zusätzlich noch am Hals mit der Krawatte der Kopf von Brust und Bauch getrennt.

Die Folge davon: das bewusste Bewusstsein beschränkt sich auf die Kopfregion: Spirit kann oben durch das Kronenchakra hinein kommen - Erkenntnis kann durch das dritte Auge an der Stirn geschehen - und kraftvolle Worte können durch das Chakra am Hals ausgesprochen werden.

Doch sind diese Fähigkeiten nicht mit dem Herzen verbunden, nicht mit dem Solarplexus, nicht mit dem Bauchgefühl, und nicht mit der Erde. 

Männer in Krawatten waren es - zum grössten Teil, nur wenige Frauen! -  die abgehoben, realitätsfern und oft ohne Mitgefühl restrukturieren, entlassen, consulten und mit Firmen und Menschenleben spielen, als sässen sie am Monopolybrett, wo ihre Handlungen nur Spielfiguren aus Holz und Plastik betreffen. 

Es ist kein Zufall, dass die Krawatte nach Feierabend als Erstes abgelegt wird - wo man wieder Mensch sein darf. Es ist auch kein Zufall, dass Handwerker keine Krawatte tragen - sie brauchen schliesslich ihre Hände, und die Verbindung der Hände zum Kopf, sonst gelingt ihre Arbeit nicht richtig. 

Die Krawatte ist die Uniform des rationalen Zeitalters - eines Zeitalters, das die Körperlichkeit und Sinnlichkeit des Menschen gerne leugnet und es am liebsten hätte, wir wären alle nur Geist.

Einen spirituellen Weg zu gehen bedeutet aber nicht, den Körper zu leugnen und zu verdrängen - es bedeutet, im Gegenteil, den Körper anzuerkennen, zu ehren und zu lieben und ihn zur Wohnung des Geistes zu machen.

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© Barbara Seiler 2010 - www.spiriforum.net
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Literatur