Moby Dick ist eins der ganz grossen Bücher der Welt.
Dies gilt schon für die Anzahl Seiten - es ist ein stattliches Buch mit viel Text, und mit dichtem Text - es fordert Aufmerksamkeit, Zeit und Hingabe.
Es behandelt ein grosses Thema - die Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst, mit der Welt, mit seinen Engeln und Dämonen.
Und es bietet einen grossartigen Rahmen - die Welt des Walfangs im 19. Jahrhundert, eine farbige, sinnliche, grausame, extreme Welt.
Nenn mich Ishmael! - so beginnt die Geschichte: ein junger Mann sucht Abenteuer und finden die Kur für Depression des Lebens auf dem Trockenen im Leben auf dem Meer, als einfacher Matrose: viel frische Luft, viel Arbeit, Abenteuer und immer wieder ein Adrenalinkick. Diesmal soll's nicht nur auf ein Handelsschiff gehen, sondern in ein noch gefährlicheres Business. Es geht auf Walfang, Nervenkitzel par excellence, ein hoch riskantes Unterfangen, kaum eine Reise geschieht, ohne dass nicht Besatzungsmitglieder sterben und viele sich verletzen. Genau das Richtige für einen jungen Mann.
Currier&Ives: Pottwaljagd
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Und da Ishmael nicht nur jung und auf Suche nach Abenteuern ist, sondern auch einen gewissenhaften und fast pingeligen Charakter hat, macht er richtig, was er zu tun hat: er geht nach Nantucket, dorthin, wo einer der wichtigsten Walhäfen Amerikas liegt - dort, wo der Walfang Tradition hat und gross ist. Dorthin will er reisen und sich das Schiff für seine Reise aussuchen.
Melvilles Sinn für das pittoreste Detail kommt ab den ersten Seiten voll zum Tragen: er beschreibt die Reise, die Häfen, die Spelunken, die Schiffe. Ishmael begegnet einem Harpunier, der aus der Südsee stammt und dementsprechend exotisch aussieht, mit reichlich Tätowierungen bedeckt, einem kahl geschorenen Kopf und einer kleinen Statue, zu der er in seinen heidnischen Ritualen am Abend betet - ein Königssohn aus dem Pazifik, den es in den Walfang verschlagen hat.
Sie befreunden sich miteinander, und Queequeg bittet Ishmael, dass er sich das Schiff für die Reise aussuchen wollen, sie wollen beide auf demselben Schiff reisen, Blutsbrüder und Freunde sein... und Ishmael sucht sich das Schiff aus, die Pequod. Sie heuern an. Sie machen sich auf die Reise.
Die Geschichte so kurz und trocken zu beschreiben, wird ihr nicht wirklich gerecht. Es sind die Details, die ihren Geschmack ausmachen - die Beschreibung von Räumen, von Kleidern, von Menschen - mehrere Seiten die ausführliche Darstellung einer Predigt in der Kapelle von Nantucket, wo niemand drin sass, der nicht einen oder mehrere Brüder, Männer, Söhne auf den Schiffen verloren hatte. Die Beschreibung des Schiffs und seiner Ausrüstung, das Benutzen der Ausrüstung, bis in die kleinsten Details, lassen eine Welt auferstehen, eine Arbeit, ein Leben - und natürlich die Wale!
William Bradford Pottwaljagd
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Ishmael versteift sich darauf, sie "Fische" zu nennen, trotz Lunge und warmem Blut - und im Lauf der Geschichte lernen wir ebenso das Leben der Wale kennen, besonders der Pottwale, nicht nur das Leben der Menschen. Respekt hat er und Liebe hat er für die Wale - was ihn nicht daran hindert, sie zu jagen und zu töten und zu zerschneiden und ihr Öl für seine Kerzen und Lampen zu benutzen.
Diese Teile des Buches benötigen Geduld, besonders die systematischen, die Klassifizierung der Wale in verschiedene Arten, jeder Wal wird gemäss seines Charakters gewürdigt und sein Gebrauch für die Menschen beschrieben... Immer wieder wird darauf hingewiesen, wie wenig wir über die Wale wissen - und bis heute scheint sich daran nicht viel geändert zu haben. Besonders auch was die Pottwale betrifft, die tausend Meter und tiefer tauchen können, wohin Menschen ihren Fuss nach wie vor nicht setzen können, von denen wissen wir nach wie vor nicht viel.
Ziemlich lange dauert es, bis Ahab ins Spiel kommt - Ahab, der Kapitän der Pequod. Auf der letzten Reise verlor er ein Bein im Kampf mit einem grossen, heimtückischen weissen Wal - und er hat Rache geschworen. Sein Ziel ist, nicht mit der Suche aufzuhören, bevor er nicht Moby Dick gefunden und ihn getötet hatte - oder Moby Dick ihn findet und tötet. Dieser Obsession ist die Reise und das Buch gewidmet.
Er ist ein starker, auch ein unheimlicher Charakter - verrückt in seinen Motiven, aber klar und intelligent in der Ausführung seines Plans. Ein faszinierender Mensch. Ein Muster an dem, was passieren kann, wenn wir Menschen uns verrennen in eine fixe Idee und ihr nachgehen bis zum bitteren Ende...
Und dieses bittere Ende ist - natürlich - Moby Dick! Nach einer Reise rund um die Weltmeere wird der Wal gefunden, die Jagd beginnt, der Kampf beginnt... Ahab findet seine grösste Angst und stellt sich ihr. Der weisse Wal ist kräftig, klug und bösartig wie eh und je, ein alter Mann in seinen besten Jahren, wütend gemacht durch die Vielzahl der Harpunen, die auf ihn geworfen wurden und die schmerzhaft in seinem Fleisch stecken geblieben sind. Wer ist Mensch, wer ist Tier...? Die Frage ist so einfach nicht zu beantworten. Und so gibt es auch nur einen möglichen Ausgang des Kampfes, nämlich...
nun.
zuviel wollen Sie ja nicht wissen, falls sie das Buch noch nicht gelesen haben, oder? Und falls Sie es schon gelesen haben, so wissen Sie es ja schon.
Auf alle Fälle: Ishmael, Herman Melvilles Alter Ego, kehrt zurück und erzählt uns diese Geschichte, er macht uns dieses grosse Geschenk, in seiner wundervollen, blumigen, kräftigen Sprache.
© Barbara
Seiler
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