Gottesvorstellungen in der Skala des Bewusstseins

"Warum tust du das?" - "Gott hat es mir aufgetragen."

Und Gott trägt viele und widersprüchliche Dinge auf. Er beauftragte einen widerstrebenden Mose, zum Pharao zu gehen und sein Volk aus Ägypten in die Freiheit zu führen. 

Er beauftragte den heiligen Franziskus von Assisi, eine Kapelle zu bauen, und Mutter Theresa, in den Slums von Kalkutta zu arbeiten. Einige bekommen den Auftrag, heilige Kriege zu führen und die Ungläubigen zu vernichten, und andere werden beauftragt, gewaltlosen Widerstand zu leisten. Sehr widersprüchlich, all das.

Laut dem Modell von David R. Hawkins, das er in seinem Buch "Power versus Force" darstellt, hängt das Gottesbild, das ein Mensch hat, eng mit seiner Ebene des Bewusstseins zusammen.

Ein Gottesbild ist immer eine Aussage darüber, wie ein Mensch die höchste und mächtigste Kraft der Welt wahrnimmt, hat Carl Gustav Jung formuliert. Als Folge davon entstehen aus dem Gottesbild auch immer moralische Sätze und Handlungsanweisungen, nach denen das Leben ausgerichtet wird.

So wie ein Mensch denkt und/oder fühlt, dass Gott ist, so verhält er sich selbst gegenüber anderen Menschen - und Göttern.

Das Gottesbild auf den verschiedenen Ebenen des Bewusstseins (von unten nach oben) laut David R. Hawkins ist folgendes:

20 - Scham

Gott ist die Kraft, die verachtet. Dies kann entweder introvertiert als Selbsthass gelebt werden, oder extrovertiert als Verachtung gegenüber anderen Menschen. Im Verhalten macht das grosse Unterschiede, in der Essenz ist es aber dasselbe - die beiten Seiten einer Medaille. Scham sucht die Vernichtung.

Religiöse Gruppen mit dem Gottesbild der Scham betonen die Unwürdigkeit und Schlechtigkeit des Menschen. Dies wird bevorzugt festgemacht an der körperlichen und insbesondere an der sexuellen Ebene, die mit vielfachen Regulationen, Verboten und Tabus belegt werden. Ein typisches Zitat in diesem Zusammenhang lautet "denn das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an" aus dem Alten Testament: Genesis 8.21.

Natürlich lassen sich die Bedürfnisse des Körpers langfristig nicht unterdrücken und manifestieren sich in Fantasien, Pornokonsum oder sexueller Gewalt, was wiederum als Bestätigung für die Schlechtigkeit und Verächtlichkeit des Menschen gewertet wird.

30 - Schuld

Auf der Ebene der Schuld wird Gott als rachsüchtig wahrgenommen. Der Mensch ist schuldig allein aufgrund der Tatsache seiner Existenz und verdient Strafe - was eine mögliche (aber nicht die einzige) Interpretation des Begriffs der "Erbsünde" ist.

In diesem Bereich bewegen sich religiöse Gruppen, die den Fokus auf den Strafaspekt legen. Hier hin gehört das Bild des strafenden Vater-Gottes, eines brutalen Tyrannen, der aufgrund kleinster Verfehlungen drakonische Strafen verhängt und ganze Völker ausrottet. Hierhin gehören auch Selbstbestrafungen aller Art, selbstverletzendes Verhalten und das Vermeiden von allem, was Spass und Freude machen könnte, in der Hoffnung, zumindest einen Teil der Schuld abzutragen und durch vorauseilenden Gehorsam Pluspunkte in der göttlichen Buchhaltung zu sammeln.

Diese Rachsucht kann sich auch auf andere Menschen erstrecken und nach dem "Radfahrerprinzip" gelebt werden: nach oben buckeln, nach unten treten - im Namen göttlicher Gerechtigkeit. Eine zynische, lebensfeindliche Weltanschauung ist auch das, immer noch im Bereich der Erde der Erde, wo es um das nackte Überleben geht. 

50 - Apathie

Gott wird verurteilend erlebt. Der apathische Mensch ist das typische Opfer: das Opfer anderer Menschen, das Opfer der Umstände, und nicht zuletzt hilflos und machtlos Gott ausgeliefert. Widerstand ist zwecklos und wird schon gar nicht in Erwägung gezogen, das Urteil ist längst gesprochen.

Wer apathisch ist, hat resigniert und aufgegeben. Es ist eine Ebene der tiefsten Armut und tiefsten Depression. Ob es einen Gott gibt, das ist egal - und wenn es ihn gibt, so bin ich ihm bestimmt auch egal. Eigentlich lohnt es sich gar nicht, darüber nachzudenken. So der apathische Mensch.

75 - Trauer

Das Gottesbild in der Ebene der Trauer ist Geringschätzigkeit, auch ein sadistisches Bild.

Gott ist jener, der einem Menschen für kurze Zeit etwas Gutes, Angenehmes schenkt - und es ihm dann wegnimmt und sich am Schmerz des Menschen erfreut. Das verlorene Paradies wird beweint, ohne dass die paradiesischen Aspekte des Lebens im Hier und Jetzt wahrgenommen werden können.

Wo auf der Ebene 30 die Schuld des Menschen an der Vertreibung aus dem Paradies betont wird, so wird auf dieser Ebene der Verlust, der nicht verstanden wird und für den es keine annehmbare Erklärung gibt, betrauert. Alles ist unfair. Gott ist unfair. Er gibt, nur um zu nehmen. 

100 - Angst

Gott ist der Strafende. Im Gegensatz zur Ebene 30, wo die Tatsache der Existenz allein genügt, um Anlass für die Rache Gottes zu sein, geht es hier um Strafen für ganz konkrete Handlungen.

Da der Wille und die Wünsche Gottes aber mehr geahnt als gewusst werden können, versucht der ängstliche Mensch alles zu vermeiden, was Anlass zu einer Strafe geben könnte, nach dem Prinzip: was nicht ausdrücklich erlaubt ist, ist verboten und gefährlich. Und die Hauptsache ist: besser nicht auffallen, besser brav und gehorsam sein.

Auf dieser Ebene bewegen sich Aussagen wie "Aids ist die Strafe Gottes" oder "dieses Erdbeben ist die Strafe für die Sünden der Opfer."

125- Begehren

Das Gottesbild dieser Ebene ist die Zurückweisung. Gott verweigert dem Menschen einen Besitz, den er unbedingt haben möchte aus unerfindlichen Gründen. Gott ist jene Kraft, die "nein" sagt, gerade weil sich ein Mensch etwas wünscht.

150 - Wut

Hier wird Gott als Feind wahrgenommen, und auf dieselbe Weise verhält sich ein Mensch auf dieser Ebene gegenüber anderen Menschen. Oft stammt diese Wut und das Bedürfnis nach Vergeltung aus der nächstunteren Stufe, einem nicht erfüllten Begehren und der Idee "wenn ich das nicht haben darf, sollen andere es auch nicht dürfen." Auf dieser Ebene wird Gott als sehr emotional , leicht zu reizen, als unberechenbarer Choleriker wahrgenommen. Es ist der eifersüchtige und emotionale Gott - einer, dem eine Psychotherapie dringend empfohlen würde, wäre er denn ein Mensch.

175 - Stolz

Auf der Ebene des Stolzes ist das Gottesbild Gleichgültigkeit. So wie es einem Menschen gleichgültig ist, ob er gerade ein Insekt unter seinen Füssen tötet, so ist es Gott gleichgültig, wie es den Menschen geht. Menschen sind einfach zu klein, zu winzig und zu unwesentlich, um von Bedeutung zu sein.

In religiösen Gruppen äussert sich dieser Stolz auf die Weise, dass die eigene Gruppe und das eigene Dogma als unfehlbar und allwissend wahrgenommen wird, was Arroganz gegenüber allen anderen Menschen zur Folge hat, die nicht im Besitz dieser Wahrheit sind. Auch der Atheismus befindet sich in der Nähe des Stolzes; Arroganz, Elitismus und in Folge davon ein unflätiges Benehmen gegenüber anderen Menschen, die als minderwertig wahrgenommen werden, sind häufig in dieser Ebene zu finden.

Das Bedürfnis zu missionieren ist allerdings nicht immer gegeben, da man sich im eigenen exklusiven Klub oft ganz wohl fühlt und in keiner Weise das Bedürfnis hat, gewöhnliche Menschen zuzulassen.


Die bisherigen Gottesbilder unter BW 200 sind ausnahmslos alles Ego-Bilder - das heisst, dass eine Qualität, die zum eigenen Ego gehört, als Gott definiert wird.

In den höheren Stufen ab BW 200 kehrt sich das allerdings, und es werden immer mehr Seelenqualitäten - die auch alle göttliche Qualitäten sind - mit Gott identifiziert.


200 - Mut

Das Gottesbild im Bereich des Mutes ist erlaubend. Es ist dem Menschen möglich und es ist gestattet, sich zu entwickeln, zu experimentieren und neue Wege zu suchen. Der Agnostizismus befindet sich in diesem Bereich, der das Wissen und Nichtwissen um göttliche Realitäten offen lässt und bereit ist, sich in jede beliebige Richtung zu entwickeln, sobald Argumente für das Eine oder Andere auftauchen.

250 - Neutralität

Das Gottesbild der Ebene der Neutralität ist befähigend. Gott erlaubt es den Menschen nicht nur, sich zu entwickeln und zu forschen, sondern er gibt ihnen auch Talente und Begabungen als Werkzeuge, die zu diesem Zweck genutzt werden können und sollen, was Vertrauen in die Welt und in das eigene Sein vermittelt. Auch wenn es immer wieder mal Probleme geben mag, so ist die Welt und sind die Menschen doch grundsätzlich gut.

310 - Bereitwilligkeit

Das Gottesbild des Bereitwilligen ist inspirierend. Zusätzlich zu den Werkzeugen erhält der Mensch auch immer wieder Geistesblitze und gute Ideen, die als Wegweiser funktionieren und zeigen, wohin die Reise als Nächstes geht. Es herrscht das Vertrauen, dass ein Mensch, der betet oder sich auf andere Weise mit dem Göttlichen in Kontakt bringt, auch eine Antwort erhalten wird.

350 - Akzeptanz

Gott wird als barmherzig wahrgenommen. Gott meint es gut mit den Menschen und sorgt dafür, dass sie alles bekommen, was sie brauchen. Gott verzeiht und akzeptiert alle menschlichen Schwächen, die dem Menschen selbst nur allzu bewusst sind, gegen die er aber nicht viel tun kann - das Feierabendbier, ein reizbares Temperament, das immer wieder mal durchbricht, oder dass man so gern schnell Auto fährt. 

Wenn Gott ein Vater ist, so ist er doch ein gütiger Vater, der auch mal ein Auge zudrücken kann, und wenn er doch mal schimpft, so weiss man genau, dass es ein verdientes Schimpfen ist.

400 - Verstand

Gott ist Weisheit. Auf dieser Ebene ist Gott der Allwissende, der die richtige Lösung zu jedem Problem kennt und der alles im Griff hat. Es ist immer noch ein hierarchischer Gott, der der Chef ist und diesen Posten nicht abgeben will - warum denn auch, wenn er doch der Weiseste von allen ist, und alle anderen nie so gute Resultate erzielen?

Und er ist nach wie vor ein Gott, der "aussen" ist, ein "Anderer".

500 - Liebe

Gott auf dieser Ebene ist bedingungslose Liebe. Auch wenn man als Mensch gewisse Zweifel daran hat, ob sich diese Liebe tatsächlich auf die ganze Schöpfung erstreckt. Es scheint doch manchmal unwahrscheinlich, dass Gott den Stalin, den Hitler, die Vogelspinnen und die Blindschleichen genauso liebt wie die niedlichen Lämmchen und die eigenen Kinder.

540 - Freude

Das Gottesbild erweitert sich, und Gott wird als Eins-Sein wahrgenommen. Es ist akzeptierbar, dass Gott die gesamte Schöpfung auf gleiche Weise liebt, auch jene Teile, bei denen man es als Mensch immer noch schwer findet zu lieben. Doch immer öfters, wenn man versucht, mit Gottes eigenen Augen zu sehen, so wird die Schönheit und Liebens-Würdigkeit von allem sichtbar und erlebbar. Auch das von Hitler und der Vogelspinne. Alles ist Freude, alles singt, es ist ein Gefühl von Tiefe und Richtig-Sein, unglaublich schön, unglaublich gut. 

600 - Friede

Gott ist all-seiend; alles, was ist, ist ein Audruck des Wesens von Gott. Das Universum ist der Körper Gottes und durch und durch göttlich; dies wird nicht nur intellektuell verstanden, sondern auch auf der affektiven Ebene erlebt und gelebt. Die Heiligkeit von allem, was ist, durchdringt das ganze Leben.

700-100 - Erleuchtung

Gott ist das SELBST, die Seele - nicht das Ego, sondern das Leben in uns, der göttliche Funke, der Atem Gottes. Und Gott findet und erlebt man nicht nur im Aussen, sondern ebenso im Innen, wobei die Trennung zwischen einem Aussen und einem Innen je länger je mehr undienlich erscheint. Alles, was ist, ist SEIN.

copyright:

© Barbara Seiler 2007 - www.spiriforum.net
Dieser Text darf unter Hinzufügung dieser Fussnote gerne weitergegeben werden.