Die Angst und das Schwarze Loch

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Angst ist existentiell.

Die Angst ist das Warnsignal, daß mein persönliches Überleben bedroht ist.


Aber beim Aufwachen aus der persönlichen Geschichte heraus in ein überpersönliches Bewußtsein hinein geht es genau darum: Die Identifikation mit der Persona, mit der Geschichte von einem persönlichen Leben, zu beenden.

Das ist wie Sterben.

Ich falle regelrecht aus deiner bisherigen Identität heraus und in ein schwarzes Loch hinein.

Dieses Fallen ist zunächst einmal ein Verlust:

Ein Verlust von Wissen, von Konzepten, wer und was ich bin, was der Sinn meines Lebens ist, aber auch ein Verlust von Sicherheit im sozialen Netz. Wenn ich erfahre, daß ich dem Leben völlig ausgeliefert bin, daß sich das Leben keinen Deut darum schert, welche Ziele ich mir setze, welche Ambitionen ich verfolge, dann zerfällt die scheinbare strukturierte Sicherheit von „mein Leben“, „meine Beziehungen“, „mein Beruf“, „meine Wahrheit“ in tausend Stücke.

Häufig geht diesem Erwachen eine existentielle Krise voraus, die wie ein letzter Anstoß einen schweren Verlust mit sich bringt und dir klarmacht, daß deine Rechnung definitiv nicht aufgegangen ist. Nichts ist mehr, wie es vorher war, die geträumte Sicherheit ist nachhaltig erschüttert und das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben, ist ein für alle Mal dahin. Ob es nun um Geld geht oder um Beziehungen oder etwas anderes, spielt keine Rolle. Ob nun ein Job verloren ging oder eine Heimstatt oder ein geliebter Mensch: wenn einmal der Schleier gefallen ist, wenn einmal erfahren wurde, auf welch trügerischem Grund das alles erbaut ist und wie leicht ein kleiner Hauch von Schicksal das alles zum Einsturz bringen kann, dann ist auf nichts mehr Verlaß. Wenn die fundamentale Wahrheit von „wie gewonnen, so zerronnen“ und die Vergänglichkeit aller zeitlich-räumlichen Erscheinungen erst einmal ins Bewußtsein eingedrungen ist, läßt sie sich nicht mehr leugnen; dann ist ein Rückzug auf die trügerische Ruhe von materiellem Besitz, festen Beziehungen und stabilen Glaubenssystemen nicht mehr möglich.

Die fest gewebte Matrix, dieses versponnene System von sozialen Beziehungen, gesellschaftlichen Normen und Konventionen und allgemein anerkannten Glaubenssätzen ist plötzlich nur noch dünnes Eis, auf dem man sich zaghaft und unsicher vorwärtsbewegt, bis auch das nicht mehr geht, weil man dann in den Sog dessen gerät, das sich inmitten dieser Matrix wie ein Trichter nach unten ausstülpt: Das Schwarze Loch.

In diesem Schwarzen Loch verschwindet die ganze bisherige Welt wie in einem gewaltigen Strudel – auf nimmerwiedersehen, und mit dieser Welt stirbt auch das Ich, das sich ja einzig und allein durch seine Beziehungen zu den Dingen dieser Welt definiert hat.

Spannend, denn für einen außenstehenden Beobachter hat sich nichts verändert. Ich lebe mein profanes Leben weiter wie bisher, arbeite, esse und schlafe wie alle anderen auch. Im Grunde aber lebe und erlebe ich sogar noch intensiver, weil sich keine Konzepte und Bewertungen mehr als Filter vor meine Erfahrungen schieben. Es ist alles, wie es ist, ganz unmittelbar, und hat keine Bedeutung außer der, daß es unmittelbar erfahren wird – in diesem Augenblick, ohne einen Gedanken, ob es vorher schon da war oder nachher noch sein wird. Wer gestorben ist und wieder auferstanden, dem ist nichts Lebendes mehr fremd, aber für ihn ist auch auf nichts mehr Verlaß, bis auf die Tatsache, daß es lebt.

Das Schwarze Loch ist nicht nur das Ende von Raum und Zeit und von allen Dingen der Erscheinungswelt, es ist zugleich auch die Quelle, aus der alle Erscheinungen in diesem einen Augenblick entspringen – tausende und abertausende von Welten, denen nur das eine gemeinsam ist: Daß sie scheinbar existieren. Der kosmische Trichter, in dem alles verschwindet, ist zugleich die kosmische Posaune, die alles hervorbringt, nicht nur parallele Universen ohne Zahl, sondern auch alles, was wir Vergangenheit und Zukunft nennen. Alles ist in diesem Augenblick präsent und wird sowohl als Illusion wie auch als die einzige Realität erfahren und erkannt: Illusion, weil es mir nicht mehr möglich ist, mich mit einzelnen Aspekten dieser Erscheinungswelt zu identifizieren, und Realität, weil es mir ebenfalls nicht möglich ist, mich von irgendeinem dieser Aspekte zu dissoziieren als hätte ich nichts damit zu schaffen.

Ob man das nun schön findet oder nicht, die Frage stellt sich nicht. Es handelt sich um eine unpersönliche Erfahrung, die weder gewollt noch nicht-gewollt werden kann, die sich weder mit Absicht herbeiführen noch mit Absicht vermeiden läßt. Wenn die Frucht reif ist, fällt sie vom Baum – aus der Traum vom ewigen Sommer.

Eins steht fest: Der Körper reagiert mit Angst auf den drohenden Verlust der Persona. Er kann nicht unterscheiden, ob es nun ein profaner leiblicher Tod ist, der sich da ankündigt, oder der Tod des Ich und der persönlichen Geschichte. Und auch der Verstand kann die Angst nicht beschwichtigen, denn er wird immer versuchen, spirituelle Erfahrungen in ein bekanntes Raster einzuordnen („Aha, das ist jetzt wahrscheinlich DAS!“) und es damit zu einem kontrollierten Prozeß und einer persönlichen Erfahrung zu machen, nach dem Motto: „Boah, daß ich das noch erleben darf....“ – wohlgemerkt, die Betonung liegt auf dem „Ich“. Egal was auch passiert, dem Ich darf nichts passieren, das bleibt immer obenauf. Dadurch wird natürlich die Angst nur noch größer. 

Der Körper ist, was existentielle Dinge angeht, in der Regel viel klüger als der Verstand, er hat längst begriffen, wo die Reise hingeht und daß möglicherweise von dem schönen Konstrukt „Persönlichkeit“ kein Stein auf dem anderen bleibt. Und natürlich schüttet er jetzt Hormone aus, die den Überlebensmechanismus in Gang setzen. Alles wird in den Alarm-Modus versetzt, und die Angst nimmt immer konkretere Gesichter an, denn sie will nun die komplette Umgebung auf mögliche Gefahrenherde und Schwachstellen abchecken. Plötzlich tauchen ganz intensive Existenzängste auf. Der berufliche Status wird auf einmal als bedroht erlebt, selbst wenn gar keine unmittelbare Gefahr erkennbar ist, die Sorgen um Geld und um die Zukunft nehmen die Phantasie obsessiv gefangen, Mißtrauen und Unsicherheit schleichen sich in die Beziehungen zu anderen Menschen ein, und an die Stelle von naivem Urvertrauen und ungetrübter Selbstsicherheit treten nun alle möglichen Vorstellungen von Versagen und Verlust. Je näher man dem Schwarzen Loch kommt, desto größer wird die Angst davor, aus allen vertrauten Zusammenhängen herauszufallen und nicht mehr dazugehören zu dürfen. Es ist wie sterben, ohne Frage, und der Körper weiß das.

In gewisser Weise ist das Auftauchen von Angst sogar ein Zeichen von Reife, denn von da an ist der Zustand von kindlicher Unschuld und Geborgenheit, der eigentlich ein vorbewußter und präpersonaler Zustand ist, definitiv und unwiederbringlich vorbei. Jetzt gilt es, sich dem Leben zu stellen und in die tieferen Dimensionen des Seins vorzustoßen, wenn man nicht in der Angst erstarren will.

Das Leben geht weiter. Kleinbasler Rheinufer das Leben geht weiter

Man kann also durchaus davon ausgehen, daß plötzlich auftauchende und zunehmende Ängste ein Hinweis auf bevorstehende große Ereignisse sind –  nicht unbedingt angenehme Erfahrungen im Sinne von Geborgenheit und Wohlgefühl, aber in jedem Fall erschütternde Erfahrungen. Die Angst weist uns darauf hin, daß irgendetwas in Kürze ziemlich zerfleddert wird – ob das nun der Körper sein wird oder die Vorstellung von einem Körper, das spielt dabei keine große Rolle. Es geht so oder so ziemlich ans Eingemachte.

Das Zerfleddern der persönlichen Identität, die Autolyse des Ich, hat aber den Nebeneffekt, daß die erlebte Angst immer weniger mit einer persönlichen Geschichte verknüpft wird. Das gelingt einfach nicht mehr, und die Angst führt nicht mehr in das Drama, sondern wird schlicht und einfach als das erfahren, was sie ist. Da ist weder der Wunsch, die Ursache der Angst zu erforschen, noch der Versuch, sie mit bunten Bildern auszustatten, noch das Bestreben, sie in irgendeine Form des Angriffs zu überführen und in den Modalitäten Kampf, Flucht oder Totstellen auszuagieren. Sie taucht auf, sie wird erfahren, und wenn kein Impuls mehr da ist, sie als „meine“ Angst zu behandeln, dann ist sie ein selbstverständlicher Teil des unpersönlichen Lebens. Da gibt es keine Überlegung mehr, ob das jetzt meine Angst ist oder die kollektive Angst der Menschheit oder der Tiere oder Pflanzen oder was auch immer – es ist, was es ist. Es ist da, es wird von mir erfahren, und wenn ich es nicht zu klassifizieren oder zu schubladisieren versuche, dann kann die Angst  kommen und gehen wie Sonne und Regen oder Tag und Nacht. Sie ist immer eine Einladung, noch intensiver zu fühlen, noch genauer hinzuschauen und noch tiefer zu fallen.

„Du sollst Gott fürchten“ haben die Alten gesagt, und sie hatten Recht damit. Das waren Menschen, die eine tiefe Erfahrung gemacht und sich dem großen Geheimnis mit zitternden Händen und schlotternden Knien genähert haben.

Es ist ein Unterschied, ob man die Brücken hinter sich abbricht und sich zur Gänze in Gott hineinfallen läßt, ohne zu wissen, wer oder was das eigentlich ist (das weiß man nämlich vorher nie, und die mitgebrachten Vorstellungen sind nur hinderlich auf dem Weg), oder ob man ein Bild von Gott entwirft und sich das in die Matrix hereinholt, um sie sich auf diese Weise etwas schöner zu gestalten.

Der Unterschied ist: Ersteres kann gewaltig Angst auslösen.

Die Angst ist der Wegweiser, der in die Tiefe führt.

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© Jochen Engstfeld 2010 - www.spiriforum.net
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Literatur

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