Angst

Angst ist die Angst vor dem nächsten Schritt
je größer der Schritt, der fällig ist, desto größer ist die Angst.

Furcht ist die Furcht vor etwas Bekanntem. Angst ist die Angst vor dem Unbekannten.

Angst fordert dich auf, zu dem Bekannten zurückzukehren, vertraute Bedingungen wiederherzustellen und aufrechtzuerhalten.

Ich habe Angst vor der Leere, dem Ungeformten, dem Nichts.
Ich habe Angst, in diesem Nichts zu verschwinden, mich zu verlieren, mich auszuliefern an etwas, dessen Größe und Gestalt ich nicht abschätzen kann.
Was bleibt mir dann noch? Was bleibt von mir dann noch?

Ich habe Angst vor der Vision.

Angst lähmt Angst lähmt

Angst davor, daß meine Rechnung nicht aufgeht, mein Entwurf nicht stimmt, die Fundamente, auf denen ich mein Leben gegründet habe, nicht halten. Daß der Boden, auf dem ich mich bewege, nicht tragfähig ist – ich bewege mich auf dünnem Eis.
Was ist darunter? Was ist darüber? Ist da überhaupt irgend etwas?
Was, wenn das alles, was man mir erzählt hat, eine Lüge ist?
Wenn alle Theorien über den Sinn des Lebens nur eine Spekulationsblase sind?
Wenn es niemanden gibt, der sich auch nur einen Dreck für mich interessiert?
Wenn es mich auch nicht gibt, und das, was ich ein Ich nenne, nur durch eine dauernde Kraftanstrengung aufrechterhalten werden kann?
Was, wenn ich diese Kraft nicht mehr aufbringe?
Was wird aus der Welt, wenn ich nicht mehr in mein Weltbild investiere?
Wird die Welt ohne meine Gedanken über die Welt noch existieren?
Ich habe Angst vor meiner eigenen Schwäche, Angst vor dem Versagen. Was wird geschehen, wenn ich es geschehen lasse?

Ich habe schon vieles, an das ich geglaubt habe, als Lüge entlarvt.
Wie weit wird das noch gehen? Wird überhaupt etwas übrigbleiben?
Ich habe Angst vor der allerletzten Wahrheit.
Was bleibt dann noch?

Angst ist ein Warnsignal:
Achtung! Du verläßt gerade das geschützte Terrain. Du verlierst den sicheren Boden unter den Füßen. Du verlierst dein soziales Netz.

Die größte Angst ist die Angst vor der eigenen Bestimmung, vor dem eigenen Weg. Die Angst davor, aus der Gemeinschaft herauszufallen und nicht mehr dazuzugehören. Das Warnsignal sagt dir: Du verläßt den sicheren Bereich. Es kann dich das Leben kosten! Viele, die diesen Schritt gemacht haben sind nicht mehr zurückgekehrt!

Die Angst fordert dich auf, zu bleiben, dich rückzuversichern, die Bindungen zur Matrix zu erneuern. Angst macht eng, setzt den Lebensraum auf ein überschaubares Territorium zurück. Die Frequenz von Angst besagt. Ich tue alles, um nicht herauszufallen. Ich tue alles, um einer von euch zu sein.
Bitte laßt mich bei euch sein.
Ich mache jede Verrücktheit mit, Hauptsache, ich darf dabei sein. Die Frequenz der Angst ist der Stoff, aus dem die Matrix gewebt ist. Die Matrix ist der kleinste gemeinsame Nenner, das kollektive Glaubensbekenntnis. Angst ist die Sehnsucht nach der Uniformität. Angst ist der Ausdruck des inneren Zwiespalts zwischen dem Wunsch nach Individuation und dem Versuch, so zu sein wie alle anderen. Oder dem Versuch, etwas Besonderes zu sein und gleichzeitig anerkannt zu werden.

Angst ist der Widerspruch zwischen unserem limbischen System, welches Wohlergehen mit sozialer Geborgenheit gleichsetzt, und dem seelischen Potential, das auf Wachstum und Befreiung drängt.

Angst ist auf die Vermeidung von Hilflosigkeit und Einsamkeit gerichtet. Beides ist auf existentieller Ebene lebensbedrohlich, und zugleich auf essentieller Ebene lebensnotwendig. Ein Neubeginn ist nicht ohne vorherigen Abschied möglich, ein neuer Raum kann nicht entstehen, ohne daß der alte Raum verlassen wird. Eine neue Welt entsteht aus den Trümmern der alten Welt, ein neues Dasein geht aus der Asche der bisherigen Existenzweise hervor.

Es gibt keine sanften Übergang. Kein sowohl als auch.

Vor der Neugier kommt die Angst, die zu verhindern sucht, daß der sichere Boden der Matrix verlassen wird. Angst ist die Angst vor dem Bardo-Zustand, dem Zwischenreich, dem Zustand von "nicht mehr" und zugleich "noch nicht". Die Angst vor dem leeren Glas, vor der Leere, vor dem Gesicht ohne Maske, vor dem Gesichtsverlust. Wer bin ich, wenn ich nicht mehr der bin, der ich zu sein geglaubt habe?

Deshalb sagen die, die schon weitgereist sind:
Geh deiner Angst auf den Grund.
Das, was du um jeden Preis zu vermeiden suchst, ist das, wo deine Seele eigentlich hin will.
Dort, wo deine Angst am Größten ist, dort ist dein Schatz vergraben.
Du wirst ihn nur heben können, wenn du der Angst auf den Grund gehst.

Die Weitgereisten sagen dir auch:
Der Krieger ist nicht der, der keine Angst kennt, sondern der, der gelernt hat, mit ihr zu leben.
Angst ist eine Funktion des animalischen Körpers, des sozialen Wesens. Der Krieger ist nicht daran interessiert, Situationen zu vermeiden, die Angst auslösen. Er nimmt vielmehr die Herausforderung an und ist gewillt, der Angst auf den Grund zu gehen. Die rote Ampel "Angst" ist für den gewöhnlichen Menschen das Signal, stehen zu bleiben. Für den Krieger ist es die Aufforderung, weiter zu gehen: Dort geht es lang! Der Krieger ist bereit, sein Leben zu riskieren, um in ein anderes Leben einzutreten. Dem Krieger ist die Essenz wichtiger als die Existenz. Der Krieger weiß, daß er im Dienst einer höheren Macht steht, deren Ruf den profanen Drang nach dem Erhalt des persönlichen Lebens übertönt.

Angst ist die Angst vor dem Fehler, vor dem Fehltritt. Sie setzt einen Scheidepunkt voraus, eine Weggabelung, wo es in der eigenen Macht steht, die "richtige" oder die "falsche" Entscheidung zu treffen.
Der Krieger weiß, daß er nichts zu entscheiden hat.
Er steht im Dienste des Lebens, das durch ihn die Entscheidungen herbeiführt.
Daher gibt es für ihn kein richtig oder falsch, sondern nur die Tatsache der Entscheidung selbst. Er entscheidet und stellt sich den Folgen dieser Entscheidung, ohne etwas zu bedauern. Jede seiner Handlungen führt er so aus, als wäre sie "seine letzte Schlacht auf Erden" (Don Juan Matus). Er schaut nicht zurück, denn in dem Moment. wo er einen Schritt nach vorne macht, hört die Welt, die vor dieser Handlung existierte, für ihn auf zu existieren.

Es wäre unsinnig, sich mir ihr noch weiter zu beschäftigen im Sinne von "was wäre gewesen wenn..." Der Schritt in eine neue Welt ist für ihn unwiderruflich, und weil er selbst diesen Schritt gemacht hat, übernimmt er die volle Verantwortung für alles, was auf ihn zukommt. Er beklagt sich nicht und beschuldigt niemanden, denn es ist seine Welt, und alles was in dieser Welt geschieht, ist eine Folge seiner Entscheidung, seines letzten Schrittes. Deshalb gibt es auch für ihn kein Leiden, weil die Vorstellung, es sollte anders sein als es ist, für ihn nicht existiert. Er leidet nicht unter der Welt, sondern sieht die Welt als Herausforderung zum Handeln. Selbst wenn er sich engagiert in eine Auseinandersetzung stürzt und mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln seine Ziele verfolgt, so ist er doch nicht mit diesen Handlungen identifiziert sondern erlebt sich als das Leben, das sich dem Leben stellt. Deshalb kann es auch keinen Sieg und keine Niederlage geben - wenn das Leben mit sich selber ringt, geht immer das Leben als Sieger vom Platz. Da ist kein Raum mehr für persönlichen Erfolg oder persönliche Niederlage. Eine der größten und häufigsten Handlungen des Kriegers ist im übrigen der Verzicht auf Handlungen - selbst das Nicht-Handeln ist eine bewußte Antwort auf die Herausforderungen des Lebens. Er handelt also, als ob er nicht handelt, und handelt nicht, als ob er handelt. Er nimmt Teil, indem er nicht teilnimmt, und wo er nicht teilnimmt, nimmt er Teil.

Hinaus aus der Eierschale - hinein in das Leben.
Was bedeutet das?
Es bedeutet nicht, mich Hals über Kopf in jedes sich anbietende Chaos zu stürzen. Es bedeutet viel mehr, mich frei zu machen von Ansprüchen, von Erwartungen an mich selbst, von Selbstbildern.
Ich muß nicht erfolgreich sein im Sinne von: Etwas vorzuweisen haben.
Ich muß nicht um Anerkennung bemüht sein.
Ich muß keine besondere Identität haben oder etwas darstellen.
Ich lasse die Maske zersplittern.
Was bleibt, ist das Gesicht ohne Gesicht.
Schlichtheit, Anmut, kein Makel.
Ich muß mich nicht verstecken, weil es nichts mehr zu verbergen gibt.
Warum sollte NICHTS sich verstecken wollen?
Nur ein falsches Selbst fürchtet sich vor Angriffen.
Ich liefere mich dem Leben aus.
Ich bin bereits ausgeliefert.
Mehr nicht, das reicht.
Keine spektakulären Unternehmungen.

Hinein in die Angst und in die Erfahrung, ein NICHTS zu sein.
Wer bin ich überhaupt?
und wenn ja, woher weiß ich das?
Ich lasse die Schale platzen, splittern, zerfallen.
Ich lasse das filigrane, feine, verletzbare, unscheinbare hervortreten. Ich genüge nur noch mir selbst, lasse alles an mir vorbei und durch mich hindurch ziehen, regungslos und ohne Reaktion. Ich bin einfach gar nicht mehr da - jedenfalls nicht da wo man mich vermutet. Warum sollte ich reagieren? Was kann mir schon passieren? Ich lasse es passieren – vorbeiziehen, durchziehen.

Ich habe nichts mehr aufrechtzuerhalten, keinen Eindruck, keine Präsenz. Die Angst löst sich auf, wenn ich nicht mehr versuche, den Schein zu wahren. Wenn ich aufhöre, um irgendetwas oder für irgendetwas zu kämpfen. Wenn ich alles in Demut akzeptiere, auch das Scheitern. Ich höre auf, der Welt ein Gepräge aufzwingen zu wollen, und die Welt nach meinem Bilde zu gestalten.
Ich gebe das Bild komplett auf.
Ich lasse mich vom Leben prägen, vom Wind, vom Wetter, von den formbildenden Kräften. Ich bin nur eine flüchtige Momentaufnahme im Ozean des ungeformten Seins.
Form taucht auf, und verschwindet wieder.
Erst der Versuch, eine Form aufrechtzuerhalten, deren Zeit abgelaufen ist, löst die Angst aus. Angst stellt sich gegen das Leben. Angst dient dem Überleben - aber in DEM LEBEN als Ganzem spielt das Überleben eines einzelnen keine Rolle. Angst steht im Dienste der Trennung, der getrennten Existenz, und will diese Trennung aufrechterhalten.

Erst die Kapitulation vor der Angst löst die Angst auf.

Verzichten.
Verzichten auf Antworten, auf Lösungen.
Der Dichter sagt: suche nicht die Antworten - lebe deine Fragen!

Angst ist eine Frage.
Ich suche Antworten um die Angst los zu werden.
Vergeblich.
Angst ist die Aufforderung, das Unbekannte zu besiegen:
Durch Flucht, durch Vermeidung, oder durch Definition. (Denn was du schwarz auf weiß besitzt, kannst du getrost nach Hause tragen!) Aber dieser Versuch, das Unbekannte auf Distanz zu halten, in den Griff zu bekommen, macht die Angst nur noch größer - und den Lebensraum kleiner. Überall Schilder: Betreten verboten! Eltern haften für ihre Kinder! Aber wenn ihr nicht werdet, wie die Kinder...?

Ich kann mich sehen lassen:
Weil da nichts mehr ist, das ich aufrechterhalten muß,
muß ich auch nichts verstecken.

Jeden Tag mit einer Frage beginnen - und auf die Antwort verzichten.
Offene Leere.
Überraschende Wendungen.
Neugier.
Wenn keine Antwort mehr den Hunger befriedigen kann, und in jeder Antwort schon eine neue Frage entsteht, dann gibt es kein Halten mehr.

Noch Fragen?


copyright

© Jochen Engstfeld 2010 - www.spiriforum.net
Dieser Text darf unter Hinzufügung dieser Fussnote mit funktionierender Verlinkung auf diese Internetpräsenz gerne weitergegeben werden.

Literatur

Einige Lehren des Don Juan Matus, wie sie von Carlos Castaneda uns übergeben werden:


"Denn was du schwarz auf weiss besitzt..."