Gedanken zur Globalisierung

die aktuelle Situation

Anderthalb Jahre nach dem Crash ist die Situation nach wie vor alles andere als rosig: Die Arbeitslosigkeit ist hoch und steigt weiter, Produktionsbetriebe verlagern ihre Arbeitsplätze weiterhin ins osteuropäische oder nicht-europäische Ausland, wo billige Lohnkosten und mangelnde Ausgaben für soziale Sicherheit das Produzieren massiv billiger machen, und hierzulande ist der Geiz nicht mehr geil, sondern nur noch ein notwendiges Übel - besonders in Deutschland, wo sich in den letzten Jahren ein grosser Niedriglohnsektor entwickelt hat, was Gift ist für den allgemeinen Wohlstand. Wo nur wenig Leute Geld haben, um etwas zu kaufen, da können Firmen nicht überleben, besonders nicht jene, die als Rückgrat der Volkswirtschaften gelten, die kleinen und mittleren Unternehmen. Es entsteht eine Unterschicht, die wenig bis keine Zukunftsperspektive kennt, eine grosse Gruppe von Menschen, die resigniert: die Eltern waren schon beim Sozialamt, man selbst wird's nicht besser machen können. Abgesehen vielleicht von ein bisschen Taschengeld, das bei Drogenhandel oder beim Brennen von raubkopierten CDs erwirtschaftet wird.   

Die Situation hat natürlich auch ihre positiven Seiten - zumindest für uns Westeuropäerinnen: Wir können billig Produkte aus der ganzen Welt kaufen - und haben nicht vor Augen, unter welchen Bedingungen die Menschen, die diese Produkte herstellen, arbeiten müssen. Wir haben viele Freiheiten, viele Optionen. Wir können den Beruf wählen, den wir wollen und wofür wir begabt sind. Nur noch wenige sind verpflichtet, den Beruf zu ergreifen, den die Eltern schon ausgeübt hatten. Es gibt Aufstiegschancen für alle, die den notwendigen Ehrgeiz, den Fleiss, die Intelligenz und - möglicherweise - die Ellbogen dazu mitbringen. Frauenrechte sind nicht mehr nur Theorie, sondern zum grossen Teil in die Praxis umgesetzt. 

Es ist eine verrückte Zeit, eine spannende Zeit - auch eine schwierige Zeit. Eine der profundesten Analysen der Globalisierung stammt vom US-amerikansichen Journalisten William Greider, vollgestopft mit Fakten und Informationen zu den Hintergründen:

Viele Inhalte dieses Artikels habe ich in diesem klugen Buch im Detail ausformuliert gefunden und ich habe mich deshalb beim Schreiben stark darauf gestützt.

"Ich bin gegen die Globalisierung"

Seit einigen Jahren gibt es eine gesellschaftliche Strömung, die behauptet, "gegen die Globalisierung" zu sein.

Mit Verlaub, das ist Unsinn. Wir leben schon seit mehreren Jahrhunderten in einer globalisierten Welt, und wir Westler haben davon bisher kräftig profitiert: Kakao, Kaffee, exotische Früchte, Baumwolle, Rohstoffe aller Art, Getreide aus fremden Ländern haben uns seit Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten erlaubt, unseren Wohlstand stetig zu vergrössern. 

Jeremias Gotthelf, der grosse Schweizer Autor aus dem 19. Jahrhundert, beschreibt im "Geltstag", wie die Mutter der Wirtin Eisi haushälterisch mit ihrem Kaffeevorrat umgeht - ein exotisches Luxusgetränk, gewiss, doch aber auch eins, das sich die wohlhabenden Bauern regelmässig gönnen konnten, während der Ätti am Abend auf dem Bänklein eins tubaket - mit der aus Amerika und fernen Ländern importierten Pflanze. In der "Käserei in der Vehfreude" hingegen wird beschrieben, wie um 1850 herum die Bauern im Emmental sich zu Käsereigenossenschaften zusammenschlossen, um ihre Käse weit ins Ausland zu verkaufen - nach Paris, nach Berlin, nach St. Petersburg. Lehrstücke der Globalisierung von vor 200 Jahren! - und ebenso Lehrstücke in guter und schlechter Betriebswirtschaft, sehr empfehlenswert!

Kurz und gut: die Globalisierung ist eine Realität, und zwar eine Realität, die schon seit Jahrhunderten existiert, auch wenn sie durch die modernen Kommunikationsmittel und die Liberalisierung der Märkte rapide an Tempo gewonnen hat.

Macht ohne Verantwortung

Und hier kommen wir einem Teil des Problems auf die Spur: Die grossen Kapitalbesitzer haben heute eine grosse Macht, aber leider nur wenig Verantwortung. Greider schreibt in "Endstation Globalisierung" auf Seite 697:

Wirtschaft und Finanzwelt mögen die Gegenwart des Staates im sozialen Bereich abschaffen wollen - den Staat, der die Interessen des kapitals schützt und pflegt, wollen sie behalten. Dieser Widerspruch wird sich noch verstärken, wenn der Bevölkerung klar wird, dass der Staat das soziale Netz einholt, aber weiterhin die Wirtschaft unterstützt.

Und genau dies ist auch geschehen: in der Finanzkrise war das ganze weltweite Wirtschaftssystem in Gefahr, und die Vertreter des Kapitals, die sich nur ungern staatlichen Vorschriften beugen und im freien Markt das höchste Wohl sahen, liessen sich nur allzu gerne von dem Staat retten. 

Die öffentliche Meinung stürzte sich mit Eifer auf die "gierigen Banker" und die "bösen Investoren"... nicht ganz zu Unrecht, schliesslich haben viele Banker während langer Zeit profitiert, viel Geld verdient und sind rechtzeitig abgesprungen. 

Das Problem liegt aber tiefer, es ist ein strukturelles Problem: jene, die mit dem Kapital spielen durften - vor allem jene, die mit fremdem Kapital spielen durften - hatten so gut wie keine Verantwortung. Das Geld, das sie verloren, mussten sie nicht zurückzahlen. Manager gewährten sich selbst grosszügige goldene Fallschirme und Boni sogar dann, wenn es der Firma, die sie führten, gar nicht gut ging. Und solange, vor der Krise, reichlich Geld damit verdient wurde, schlossen alle die Augen. Natürlich die Manager und Händler selbst, die lebten wie die Maden im Speck - aber auch, und das ist schlimmer, die Politiker, deren Aufgabe es ist, für sozialen Frieden und die ganze Bevölkerung eines Landes zu sorgen, nicht nur für eine kleine Elite. 

Also: schimpft nicht mit den Bankern und den Managern, die sind nur ganz normal egoistisch, wie alle andern Leute auch - schimpft mit den Politikern, die dieses Schlamassel zugelassen oder gar gefördert hatten!

gehorsame Politiker

Die Liberalisierung des Geldes und die Öffnung der Märkte hatte zur Folge, dass dort produziert wird, wo es am billigsten ist. Das heisst: in jenen Ländern, für die Menschenrechte unbedeutend sind. Dort, wo ganze Landbevölkerungen enteignet werden, wo ein Heer von arbeitslosen Menschen entsteht, die sich nicht mehr von ihrem eigenen Grund und Boden selbst versorgen können, und die noch so gerne - notwendigerweise -  unter denselben schrecklichen Bedingungen in Asien und Afrika und Südamerika arbeiten, wie sie die Industrialisierung bei uns brachte.

Exemplarisch eine Aussage des dem Buchstaben nach sozialdemokratischen (!!) ehemaligen deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schröder vom 28. Januar 2005, die er am World Economic Forum in Davos äusserte:

Wir müssen und wir haben unseren Arbeitsmarkt liberalisiert. Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt. Ich rate allen, die sich damit beschäftigen, sich mit den Gegebenheiten auseinander zu setzen, und nicht nur mit den Berichten über die Gegebenheiten. Deutschland neigt dazu, sein Licht unter den Scheffel zu stellen, obwohl es das Falscheste ist, was man eigentlich tun kann. Wir haben einen funktionierenden Niedriglohnsektor aufgebaut, und wir haben bei der Unterstützungszahlung Anreize dafür, Arbeit aufzunehmen, sehr stark in den Vordergrund gestellt.

Quelle: Wikipedia: Entstehung des Niedriglohnsektors

Nun, setzen wir uns damit auseinander, heute, fünf Jahre später: Der Niedriglohnsektor in Deutschland hat tatsächlich kräftig zugelegt - viele Menschen können gerade noch knapp leben, von sehr tiefen Löhnen, die dazu noch staatlich subventioniert werden. Das Sozialsystem unterstützt jene, die keine Stelle mehr finden, die Nachfrage im Inland nimmt notwendigerweise ab, der gesamte Wohlstand Deutschlands nimmt ab, nur einige wenige profitieren überdurchschnittlich. Darunter auch Herr Schröder selbst, der in internationalen Firmen einige gutbezahlten Rentnerpöstchen annehmen durfte. 

Nun, ich gebe gerne zu, dieser Abschnitt wurde nicht zuletzt diktiert von einer starken Abneigung, die total irrational ist und in meinen Eingeweiden sitzt - aber dennoch - Guido Westerwelle, der aktuelle deutsche Aussenminister, der gerade letzthin die Mehrwertsteuer für Hotels herabgesetzt hatte und damit die deutschen Hotels interessanter gemacht hat für ausländische Gäste, da billiger, ist ja geradezu ein leuchtender Sozialist neben Schröder, der dem Grosskapital noch den Hi... also nein, lassen wir das. So vulgär, wie ich jetzt werden will, sollte ich nicht öffentlich schreiben. Und Tschuldigung, Herr Westerwelle, dass ich Sie einen Sozialisten nenne, aber es ist in dem Zusammenhang tatsächlich als Kompliment gemeint. :-) Ich traue Ihnen zu, mehr am Wohl der ganzen Gesellschaft interessiert zu sein und sich nach Ihrem besten Wissen und Gewissen dafür einzusetzen, als es Schröder je tat.

Proletarier aller Länder...

Ein alter kommunistischer Spruch ist wieder aktuell geworden: Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

Dies ist leider heute nicht der Fall. Die gewerkschaftlich organisierten Proletarier vertreten bevorzugt nationale Interessen - der österreichische und der französische Arbeiter sind zwar gegen die Globalisierung und gegen das Kapital, aber sie sind noch viel mehr dagegen, dass chinesische oder koreanische Arbeiter jene Aufträge erhalten, die sie bis jetzt ausgeführt hatten.

Diese nationale Orientierung der Arbeiterbewegungen ermöglicht es den international operierenden Kapitalisten, den alten römischen Grundsatz "divide et impera" anzuwenden - teile und herrsche. Säe Zwietracht zwischen den verschiedenen Gruppen und sahne ab. Das ist nicht nett, aber das ist effektiv. Zumindest für eine gewisse Zeit. 

"Geiz ist geil" hiess ein viel beachteter Werbeslogan. Ein tödlicher, ein destruktiver Slogan: denn er rief die hiesigen Menschen dazu auf, billige Waren zu kaufen - was auch immer bedeutet: Waren, die mit Kinderarbeit hergestellt werden. Waren, die von Menschen hergestellt werden, die keine Krankenversicherung, keine Unfallversicherung, keine Mindestlöhne und keine Rente haben. Menschen, die so leben wie es hier vor hundert und zweihundert Jahren üblich war. Geiz ist geil, das heisst: nimm dir selbst die langfristigen Lebensgrundlagen weg. Fördere eine Gesellschaft mit wenig Superreichen und vielen Superarmen, die früher oder später zugrunde gehen muss.

Massnahmen für eine gerechtere Welt

Wir hören es immer wieder: Nachhaltigkeit ist angesagt. Umweltschutz. Klimaneutrales Handeln. Doch leider gibt es in diesem öffentlichen Diskurs viel Ideologie und nicht immer genug Sachlichkeit.

Es werden Arbeitgeber gegen Arbeitnehmer ausgespielt - wo doch die wahren Konfliktgruppen die Kapitalbesitzer vs Kapitalnichtbesitzer sind. Diese zwei Gruppen entsprechen sich keineswegs, die meisten Arbeitgeber und Firmeninhaber besitzen nicht besonders viel Kapital, und oft ist das Kapital, das sie besitzen, in Form von Sachwerten in der Firma gebunden - als Werkzeuge, Maschinen, Fahrzeuge, Gebäude. Und sie leiden genauso unter den Kapriolen der Grossanleger wie alle andern auch.

Eine Welt mit Wohlstand bedingt, dass die niedrigsten Einkommen höher werden - dass alle Menschen, weltweit, sich an diesem Wohlstand beteiligen können. Auch jene in Afrika, in Asien, in den Entwicklungsländern, in den armen Ländern. Dazu gibt es private Initiativen wie zum Beispiel fair trade - wenn Produzentern anderer Länder fair und angemessen entlöhnt werden, so werden sie eines Tages auch unsere Produkte kaufen können. Hier kann man auch sagen: Konsumenten aller Länder, vereinigt euch! Nutzt eure Macht! Der Fall Shell/Brent Spar hatte gezeigt, dass Boykotte auch grossen Firmen schaden können.

Der absolut liberalisierte Freihandel ist schädlich - er zerstört Arbeitsplätze und sorgt dafür, dass jene, die schon etwas haben, nachher noch mehr haben. Und dass jene, die wenig haben, das Wenige noch verlieren. Freihandel in Kombination mit Zins und Schuldenfallen sorgt für immer ungleichmässigere Verteilung des Wohlstands. Politiker aller Länder, vereinigt euch! Sorgt für Regeln, die dem Kapital Zügel anlegen - schliesslich ist das nicht zu viel verlangt für eine Gruppe, die in guten Zeiten Narrenfreiheit will, und in schlechten Zeiten sich an Mama Staat's Rockzipfel hängt. Und schützt eure nationalen Bevölkerungen! Zölle sind durchaus angebracht - zum Beispiel Zölle, die jene ausländischen Waren privilegieren, die unter sozial und ökologisch angemessenen Bedingungen geschaffen werden. 

Es gibt Wege zu einer gerechteren Welt - nutzen wir sie, bevor die Katastrophen zu gross werden.

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© Barbara Seiler 2010 - www.spiriforum.net
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Literatur