"Der Knigge" ist heute ein Synonym für Benimmbücher geworden, besondere jene der feineren Art: wie werden Meeresfrüchte elegant gegessen, wer wird wem am Empfang in einer Botschaft wie vorgestellt, wer wird mit welchem Titel angesprochen?
Der originale Knigge ist allerdings etwas ganz anderes: es werden darin keinerlei Details des Benehmens vermittelt, sondern allgemein gültige Regeln, die sich überall anwenden lassen. Dies wird auch verständnlich aus dem Hintergrund Knigges: Er lebte im Deutschland des 18. Jahrhunderts, das in eine Unzahl von kleinen Ländereien im Besitz Adliger aufgeteilt war; jeder Ort hatte noch sein eigenes Geld, und jeder Hof seine ganz eigenen Besonderheiten, die zu erforschen und im Detail aufzuschreiben die Lebenszeit Knigges deutlich überfordert hätte - geboren ist er 1751, gestorben schon 1796 im Alter von 45 Jahren. Sein Buch über den Umgang mit Menschen erschien erstmals 1788 und ein zweites Mal 1790 in einer überarbeiteten Fassung, in der er auch auf die zahlreichen Leserkommentare eingeht, die sein Buch ausgelöst haben.
Als Basis seines Buchs dient Knigge die Beobachtung, das viele kluge und verständigen Menschen sich auf eine närrische Art benehmen - und andererseits es Windbeutel und Aufschneider gibt, die gesellschaftlich geschickt sind und weit herum in hoher Achtung stehen.
Knigges Buch will eine Hilfe sein für die Ungeschickten, die Schüchternen, die Redlichen, all jene, die gern in Gesellschaft gehört und geachtet werden wollen. Knigge selbst formuliert seinen Unterricht so:
Die Kunst des Umgangs mit Menschen - eine Kunst, die oft der schwache Kopf, ohne darauf zu studieren, viel besser erlauert als der verständige, weise, witzreiche; die Kunst, sich bemerkbar, geltend, geachtet zu machen, ohne beneidet zu werden; sich nach den Temperamenten, Einsichten und Neigungen der Menschen zu richten, ohne falsch zu sein; sich ungezwungen in den Ton jeder Gesellschaft stimmen zu können, ohne weder die Eigentümlichkeit des Charakters zu verlieren, noch sich zu niedriger Schmeicheiei herabzulassen.
Kurz gesagt, und modern formuliert: Knigge lehrt die Kunst, sozial kompetent zu sein. Und das tut er auf hervorragende Weise - wie er selbstironisch anmerkt, kann er es auch nur darum, weil er selbst keine Peinlichkeit und kein Fettnäpfchen ausgelassen hatte und es ihm darum ein Anliegen war, dieses Buch zu schreiben.
Knigge beginnt beim Allgemeinen, bei dem, was auf alle Menschen zutrifft und hat von Anfang an eine solche Fülle an Tips und Hinweisen, dass sie dieser Artikel unmöglich zu fassen mag. Sie laufen darauf hinaus: sei mässig. Übertreibe weder in die eine noch die andere Richtung. Sei ehrlich, sei edel. Strebe nach Vollkommenheit. Sei bescheiden. Falle anderen nicht zur Last. Prahle nicht. Sei bedachtsam. Sei ordentlich. Sei höflich und freundlich. Sei nicht banal...
Nur schon dieses erste Kapitel enthält mehr Substanz als so mancher moderne Ratgeber, und dies geschrieben in einem lockeren, plaudernden, amüsanten Ton, der doch der Tiefe nicht entbehrt. Es ist ein grosses Vergnügen, Knigge zu lesen! Er hat nicht nur viele Erfahrungen, er hat auch Humor. Und bleibt sich selbst dennoch treu:
habe immer ein gutes Gewissen! Bei keinem deiner Schritte müsse Dir Dein Herz über Absicht und Mittel Vorwürfe machen dürfen. Gehe nie schiefe Wege und baue dann sicher auf gute Folgen, auf Gottes Beistand und Menschenhilfe in der Not. Und verfolgt Dich auch wohl eine Zeitlang ein widriges Geschick - o, so wird doch die selige Überzeugung von der Unschuld deines Herzens, von der Redlichkeit Deiner Absichten Dir ungewöhnliche Kraft und Heiterkeit geben; dein kummervolles Anlitz wird im Umgange mehr, weit mehr Interesse erwecken als die Fratze des lächelnden, grinsenden, glücklich erscheinenden Bösewichts.
Das zweite Kapitel behandelt den Umgang mit sich selbst - ein Kapitel, da für unsere Zeit noch mehr Bedeutung haben dürfte als für Knigges 18. Jahrhundert, da wir viel mehr Möglichkeiten haben, uns selbst aus dem Weg zu gehen, als es damals möglich war.
Hüte dich also, Deinen treuesten Freund, Dich selbst, so zu vernachlässigen, dass dieser treue Freund Dir den Rücken kehre, wenn Du seiner am nötigsten bedarfst. Ach, es kommen Augenblicke, in denen Du Dich selbst nicht verlassen darfst, wenn Dich auch jedermann verlässt; Augenblicke, in welchen der Umgang mit Deinem Ich der einzig tröstliche ist - was wird aber in solchen Augenblicken aus Dir werden, wenn Du mit Deinem eignen Herzen nicht in Frieden lebst, und auch von dieser Seite aller Trost, alle Hilfe Dir versagt wird?
Willst Du aber im Umgange mit Dir Trost, Glück und Ruhe finden, so musst Du ebenso vorsichtig, redlich, fein und gerecht mit Dir selber umgehen als mit andern, also dass Du Dich weder durch Misshandlung erbitterst und niederdrückest, noch durch Schmeichelei verderbest.
Auch hier wieder eine Fülle von detaillierten Vorschlägen, wie ein Mensch gut für sich selbst sorgt: Sorge für deine Gesundheit; sei mutig; Respektiere dich selbst. Erkenne deinen eigenen Wert und deine Fähigkeiten, schätze dich selbst nicht zu hoch und nicht zu tief. Missgönne nicht anderen ihre höheren Fähigkeiten oder Besitztümer, nach denen du vergeblich strebst. Sei ehrlich mit dir selbst. Ziehe immer wieder Bilanz. Auch hier ist auf wenigen Seiten eine wahre Schatztruhe an Menschenkenntnis zu finden.
Der grosse Rest des Buches widmet sich einer Fülle von besonderen Situationen.
Er analysiert, wie man am besten mit Menschen von bestimmten Charakteren umgeht: wie lebt man mit dem Eitlen, dem Herrschsüchtigen, dem Stolzen? dem Eigensinnigen am besten zusammen? Was ist mit den Zanksüchtigen, den Jähzornigen, den Phlegmatischen? den Misstrauischen, den Neidischen, den Schadenfrohen, den Mürrischen, den Verschlossenen? Und was ist mit den Furchtsamen und Bescheidenen, den Unvorsichtigen und jenen, die einfach wunderlich sind? Mit scharfer Beobachtungsgabe notierte von Knigge lebendige Portraits solcher Menschen, manche durchaus mit sehr spitzer Feder und Zunge, immer begleitet von praktischen und durchführbaren Ratschlägen, die meist darauf hinaus laufen: lass dein Ego weg. Nimm's nicht persönlich. Lass dich nicht auf Spielchen ein...
In den nächsten Kapiteln betrachtet er den Umgang von Menschen mit verschiedenem Alter untereinander, von Kindern und Greisen; der Umgang von Familienmitgliedern , von engen Freunden, der Umgang zwischen Eheleuten. Die meisten dieser Hinweise sind allgemein gültig und anwendbar:
Eine Hauptvorschrift aber für alle Ständen und für alle Verhältnisse wende man auch auf den Ehestand an. Sie ist diese: Erfülle so sorgsam, so pünktlich, so nach einem festen Plane Deine Pflichten, dass Du womöglich darin alle Deine Bekannten übertreffest; so wirst du auch auf die wärmste Hochachtung Anspruch machen können und in der Folge alle diejenigen verdunkeln, welche nur durch einzelne glänzende Eigenschaften augenblickliche vorteilhafte Eindrücke machen. Aber erfülle sie auch alle, diese Pflichten! Der Mann prahle nicht etwa mit seiner Uneigennützigkeit, mit seinem Fleisse, mit seiner guten Hauswirtschaft, mit der Achtung guter Männer, der indes in der Stille sich wöchentlich ein paarmal ein Räuschchen trinkt. Die Frau poche nicht auf ihre Keuschheit, welche vielleicht das Verdienst des Zufalls oder eines kalten Temperaments ist, wenn sie indes sorglos die Erziehung ihrer Kinder vernachlässigt.
Ein sehr schönes und poetisches Kapitel ist den Verliebten gewidmet, das gerade Lust macht, selbst verliebt zu sein; Das Kapitel "über den Umgang mit Frauenzimmern" hingegen hat doch deutlich an Aktualität verloren; denn ein Grund, den auch Knigge nennt für dieses Kapitel ist der, dass die Frau ja kein eigenes Rechtssubjekt sei und somit einer besonderen Situation unterworfen sei, die ganz anders ist als jene der Männer. Das ist ja heute glücklicherweise nicht mehr so.
Die Anweisungen für den Umgang mit Menschen in der Öffentlichkeit sind teilweise stark von der Zeit des Freiherrn geprägt: wir reisen nun mal nicht mehr mit Kutschen, sondern pendeln im Vorortszug, und die wenigsten haben fixe Hausangestellte, die nicht nur einmal in der Woche putzen kommen, sondern die Teil der Familie sind. Auch die Höfe der Adligen sind selten geworden; heute haben wir es eher mit den Teppichetagen grosser Konzerne oder mit gewählten Politikern zu tun.
Die von Knigge beschriebenen Typen von Menschen existieren aber nach wie vor, einfach in neuen Kontexten, die leicht zu übertragen sind. Es gibt nach wie vor die Grossen, die Reichen, die "Erdengötter" - es gibt die Hofschranzen, die sich im Umfeld grosser Macht und grossen Geldes bewegen und nichts lieber tun als Intrigen spinnen; es gibt die modischen Szenen mit ihren individuell verschiedenen Codes, die Snobs, die auf die Äusserlichkeiten fixierten... Sie haben sich andere Gewänder übergestreift und neue Titel, doch in ihrer Essenz sind sie immer noch dieselben wie eh und je - die Welt wird nicht schlechter, nein, offenbar bleibt sie immer mehr oder weniger gleich. Knigge lehrt, wie mit all diesen verschiedenen Menschen ein angenehmes, korrektes und nahc Möglichkeit konfliktfreies Verhältnis aufgebaut werden kann.
Ebenso werden verschiedene Berufsstände beschrieben: die Geistlichen, die Gelehrten, die Künstler, die Ärtze, die Juristen, die Soldaten und Offiziere, die Buchhändler, die Pferdehändler, die Handwerker, die Bauern, die Spieler, die Betrüger, die Scharlatane, die Abenteurer. Auch sie gibt es alle noch; die Juristen praktisch genau gleich wie heute, die Ärtze mit ganz anderem Handwerkszeug und anderen Fachworten, die Pferdehändler sind auf Autos umgestiegen; die Soldaten und Offiziere haben allerdings an Prestige und Verbreitung verloren, genauso wie die Geistlichen auch an Einfluss verloren haben. Knigges Buch ist nicht nur eine Anweisung, wie man angenehm und erfreulich mit Menschen umgehen kann; besonders in dem hinteren Teil des Buches, wo die Berufe und Stände und konkreten Umstände beschrieben werden,zeichnet er ein präzises und farbiges Gemälde des Lebens seiner Zeit.
Eine nützliche Lektüre, psychologische Einsichten, ein Sittengemälde, ein flüssiger und angenehmer Stil, charmante altmodische Wahl der Worte - ein durch und durch erhebendes und empfehlenswerts Buch!
© Barbara
Seiler
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