Die Schweizer Demokratie und die Anti-Minarett-Initiatve. Eine Betrachtung in der Skala von Hakwins.

Die Anti-Minarett-Initiative

Am 29. November 2009 stimmte das Schweizervolk über eine Initiative ab, deren Begehren es war, folgenden Satz der Bundesverfassung hinzuzufügen: "Der Bau von Minaretten ist verboten."

Für viele überraschend, wurde die Initiative mit einer klaren Mehrheit von 57.5% Ja-Stimmen angenommen. 

Vor allem in ländlichen Gebieten fanden sich grosse Mehrheiten für die Initiative; in den grossen Städten wei Zürich, Ben, Basel und Genf wurde die Initiative abgelehnt, ebenso in reichen Gemeinden.

Das Ergebnis der Abstimmung hat sowohl in der Schweiz wie auch im Ausland für reichlich Emotionen gesorgt - ein praktisch ideales Objekt für eine Studie verschiedener Bewusstseinsebenen, wie sie David R. Hawkins in seiner Skala des Bewusstseins vorstellt.

dramatis personae - um wen es geht

Die Hauptgruppe ist natürlich das Schweizer Volk, deren kollektives Bewusstsein sich laut Hawkins im Jahr 2004 auf der Ebene 400* befand, also auf der Ebene der Rationalität. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sich dieser Wert in der Zwischenzeit wesentlich verändert haben könnte.

Ziel und Objekt der Abstimmung war der Islam. Islam, übersetzt als "Hingabe" wird von Hawkins auf Ebene 850 gesetzt, der Koran auf Ebene 700, ebenso wie Mohammed, der Prophet - höchste Werte, eine authentische Spiritualität, Menschenfreundlichkeit, Weisheit, Erleuchtung.

Im kollektiven Diskurs der letzten Jahre wurden in Bezug auf den Islam allerdings vowiegend Themen diskutiert, die sich auf der Ebene der Erde und des dominierenden Egos befanden: Jihad (50), Gewalt gegen Ehepartner und Famialienangehörige (65), Taliban (70), militanter Fundamentalismus (130), Diktatur als Regierungsprinzip (135), Frauenfeindlichkeit (155), Theokratien (175) und offene Konfliktbereitschaft (180)... Alles Dinge, die sich kein Mensch wünscht. 

Schweiz - Islam - das ist das Hauptthema dieser Abstimmung. Wie passen diese Welten zusammen, die sich von noch nicht allzu langer Zeit erst intensiv zu mischen begannen, und wo mehr und mehr Interaktion stattfindet?

*Alle Bewusstseinswerte, die in diesem Artikel vewendet werden, wurden der Aufstellung der Skala des Bewusstseins auf Spiritualwiki entnommen

genauer hinschauen - Untergruppen

Das Schweizer Volk besteht natürlich aus einer grossen Menge von Untergruppen, die selbst wieder ein breites Feld an Bewusstseinsebenen umfassen. 

Zuerst einmal das Initiativkomitee, das nach der Abstimmung folgendermassen kommentiert: "Jedem Versuch, Elemente des Scharia-Rechts in der Schweiz durchzusetzen, wurde mit dem Ja zum Minarettverbot eine kompromisslose Absage erteilt."

Das ist eine typische Aussage der Ebenen des Wassers, bei Hawkins von 200-400 angeordnet: das Individuum hat sich den Konventionen der Gemeinschaft unterzuordnen, und in diesem Fall handelt es sich eben um die Konventionen der schweizerischen Gesellschaft.

Dies hat natürlich vor allem die Konservativen und die Rechten angesprochen, aber nicht nur - auch viele Feministinnen sprachen sich für das Bauverbot von Minaretten aus, die vor allem die Frauenfeindlichkeit (155) des fundamentalistischen, patriarchalisch orientierten Version des Islam kritisieren. Julia Onken sagt in einem Interview mit "Welt Online":

Das Minarett ist ein politisches Symbol für eine Rechtsordnung, in der Frauenrechte nicht vorkommen, und somit ein Zeichen für staatliche Akzeptanz der Unterdrückung der Frau.

Die Atheisten und Agnostiker sind gespalten: einerseits mögen sie religiöse Symbole grundsätzlich nicht besonders, also auch nicht Minarette - andererseits pflegen sie die Werte der 400-er Ebene wie Rationalismus (470), naturwissenschaftliche Beweisführung (455), Altruismus (435), und die Goldene Regel (405), die fordert: behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Und aufgrund dieser Prinzipien geht es natürlich nicht, einseitig Minarette als Symbole des Islam zu verbieten, aber nicht Kirchtürme als Symbol des Christentums. Ein kluger Kommentar kommt von Michael Schmidt-Salomon, der im "humanistischen Pressedienst" schreibt: Wenn sich Bürger gezwungen sehen, gegen ihre demokratischen Überzeugungen zu stimmen, so ist dies ein deutliches Anzeichen dafür, dass in der politischen Debatte etwas grundlegend schief läuft. Der Westen hat es bislang nicht geschafft, seinen eigenen Wertekanon, das heißt: die Kultur der Menschenrechte, der Aufklärung und des Humanismus, mit der notwendigen Entschiedenheit zu vertreten und Menschenrechtsverletzungen im Namen der Religion zu bekämpfen. Dies hat im Laufe der Zeit gehörigen Unmut in der Bevölkerung produziert, der in der Schweizer Volksabstimmung nun ein Ventil gefunden hat.

Zu jenen, die die Initiative angenommen haben, gehören natürlich auch jene, die dies aus niederen Motiven taten - aus dualistischem Spaltdenken (135), aus Angst vor Islamisierung (120), aus Rassismus (110), aus Hass und Böswilligkeit (30- 70) oder aus einer Emotion des Demütigens und Unterdrückens (20)

Jene, die die Initiative abgelehnt hatten, taten dies, weil sie entweder als Muslime mit Schweizer Stimm- und Bürgerrecht selbst betroffen waren - diese Gruppe hat sich bisher allerdings kaum öffentlich geäussert und dürfte im Moment erst wenige Personen umfassen - und andererseits eine Gruppe, die sich in den 400-ern bewegt und die die Werte der Aufklärung, des Humanismus und der Menschenrechte vertritt, die - durchaus zu Recht - durch diese Initiative diverse rechtsstaatliche Prinzipien verletzt sehen. Zum Beispiel die Religionsfreiheit und das Diskriminierungsverbot.

Die Interaktion der verschiedenen Bewusstseinsebenen

Fassen wir zusammen: Es gibt verschiedene Gruppen, die sich auf verschiedenen Ebenen des Bewusstseins befinden, und die sich logischerweise nicht besonder gut vertragen - Ken Wilber weist darauf hin, dass gerade benachbarte Ebenen sich grundsätzlich nicht ausstehen können.

Da ist das Initiativkomitee, das auf der Ebene des Wassers ist: des Konventionellen, der Anpassung an die hier herrschende Kultur, aber auch der Emotionalität. Damit vermischt sind durchaus auch einige Grundsätze aus dem 400-er-Bereich - die Emanzipation der Frauen hat doch ihre Früchte getragen, auch bei den konservativen Männern - und natürlich auch gemischt mit Erde-Themen wie Gier und Wut und Angst.

Und die haben etwas gegen eine patriarchalische Kultur, die gern und grosszügig mit Zwang gegenüber Frauen, Homosexuellen und Ungläubigen arbeitet, und die das nicht nur in ihren Ursprungsländern tun, sondern auch hier in Westeuropa. Und weil diese benachbarten Bewusstseinsebenen sich nicht vertragen, enstand die Initiative der Konventionellen.

Dies hingegen rief jene auf den Plan, die sich in den unteren Bereichen der Luft befinden, in den Ebenen der Rationalität. Die haben's wiederum nicht so mit jenen der konventionellen Ebene, weil das ja eben gerade jene Ebene ist, die sie verlassen haben - dafür hingegen fällt ihnen natürlich krass ins Auge, dass mit einem Verbot eines bestimmten religiösen Symbols, des Minaretts, die Forderung nach Gleichheit aller Menschen und den gleichen Rechten bei Religionsausübung verletzt werden. Was durchaus auch eine schätzenswürdige und integre Position ist, doch die Feministinnen, die ihre Grundenergie meist auch im 400-er Bereich haben, weisen darauf hin, dass die Islamisten von unter 200 und ihren Scharia-Gesetzen ja ebenso die Gleichheitsgrundsätze ignorieren, und das auf krasse Weise. Woraus folgt, dass jene, die die patriarchalischen Zwänge nicht beschneiden, sich zu den Komplizen eben dieser Patriarchen machen.

Hat sich die Demokratie bewährt?

Vor allem aus dem Lager der 400-er Leute kommt der Vorwurf: die Schweizer Demokratie hat versagt. Besonders häufig kommen solche Stimmen aus dem deutschsprachigen Ausland, aus Deutschland und Österreich - etwas weniger häufig aus der Schweiz. 

Es wird gefordert, das Resultat der Abstimmung rückgängig zu machen. Es wird gefordert, solche Fragen überhaupt nicht zur Abstimmung zuzulassen. 

Es wird gefordert, dass die Grundsätze der 400-er Ebene über dem Willen des Volkes zu stehen haben und den Willen des Volkes begrenzen, einschränken und kontrollieren müssten. Denn: dem Volk sei nicht zu trauen. So direkt sagt das niemand und will es nicht sagen, das Misstrauen ist aber deutlich spürbar und zwischen den Zeilen klar zu lesen.

Darum geht es aber nicht in der Demokratie. Eine Demokratie ist nicht in erster Linie dem 400-er Bewusstseinsraum der Rationalität verpflichtet. Eine Demokratie ist in erster Linie dem Volk und seinem Willen verpflichtet, wie auch immer der sei - unvernünftig, kindisch, sperrig, trotzig. Wenn es trotz der Übermacht des Rationalen in der Gruppe der PolitikerInnen und der Medien möglich ist, dass eine 200-400-Ebene-Entscheidung des Konventionellen sich durchsetzt, die den Schutz der eigenen Gemeinschaft vor die rationalen Prinzipien stellt - die zu ihren Ängsten steht und diese artikuliert - und die nach wie vor vernünftig genug ist, diese Haltung in einer Abstimmung zum Ausdruck zu bringen, die von der Sache her nicht sehr wesentlich ist - so ist das kein Versagen der Demokratie, sondern ein Zeichen dafür, dass sie gut funktioniert.

Vergessen wir nicht: die beiden letzten Abstimmungen zum freien Personenverkehr mit der EU wurden angenommen. Und vergessen wir auch nicht: ein Bauverbot von Minaretten dürfte für die meisten Muslime in der Schweiz für ihre praktische Religionsausübung und den Alltag eine minimale Bedeutung haben - deutlich weniger als das Schleierverbot in öffentlichen Institutionen in der Türkei oder in Frankreich. 

Die Demokratie funktioniert.

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© Barbara Seiler 2009 - www.spiriforum.net
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