Über die grundsätzliche Unkontrollierbarkeit des Lebens

Was nicht kontrollierbar ist

Leben lässt sich nicht kontrollieren. Und dies ist nicht nur ärgerlich und befremdlich, es macht Angst. Klein-Ego hat das gar nicht gerne. Es fühlt sich als Opfer, unfair behandelt, oder ganz einfach hilflos.

Hier ein paar Beispiele - keine, die besonders dramatisch sind, sondern solche, die im Alltag vieler Menschen vorkommen dürften:

Wer eine Stelle sucht, kann die ausgehenden Bewerbungen kontrollieren - aber nicht, ob sich ein Personalchef für die Bewerbung interessiert. Wer über die Strasse geht, kann aufpassen, dass kein Auto kommt - doch ein Unfall kann trotzdem geschehen. Man kann dem Geliebten oder der Geliebten die schönsten Briefe schreiben - doch wer weiss, ob er oder sie die Gefühle auch erwidert?

Was für Menschen wichtig ist, ist nur eingeschränkt kontrollierbar. Das bedeutet, dass unser Leben gelenkt wird von Zufällen, vom Schicksal, von Fügung... wie immer das genannt werden soll. Aber bestimmt nicht vom Ego.

Die Illusion von Kontrolle

Wir leben in einer hoch technisierten Gesellschaft, die sich durch eine Unmenge an Vorschriften und Regeln auszeichnet, die meistens zun Ziel haben... richtig... Kontrolle zu schaffen. Die Beziehungen der Menschen untereinander und der Menschen zum Pflanzen- und Tierreich sollen berechenbar und sicher sein. Ohne Risiko. Bequem und billig. Und tatsächlich, dieses Ziel wurde so weitgehend erreicht, dass Risiko für viele Menschen gar kein Begriff mehr ist  - nur noch ein  Wort, nicht mehr eine gelebte Realität. 

Die breite Verbreitung der rationalen Bewusstseinsebene und ihrer vielfältigen technischen Leistungen und sozialen Sicherungssystemen ist beeindruckend und segensreich für die ganze Menschheit. Doch in der Zwischenzeit, nachdem das Potenzial der Aufklärung bis zum Grund ausgeschöpft wurde, erleben wir die Schattenseiten. 

Abwesenheit von Gefahr und Risiko wird nicht mehr als Geschenk und Privileg empfunden, sondern als Recht, das eingefordert werden kann, als Normalzustand. Doch die vollständige Kontrolle über das eigene Leben zu haben, ist ausser sehr kurzen Phasen der Geschichte nie ein Normalzustand gewesen, sondern immer eine Ausnahme. Wir kommen gerade aus einer solchen Ausnahmezeit hinaus... die älteren erinnern sich noch an eine Zeit, in der es Arbeit gab wie Sand am Meer und jeder, der nur einigiermassen guten Willens war, einen Beruf und eine Karriere vor sich hatte; die jüngeren bekommen die Versprechen eines ebenso guten Lebens vor die Nase gehalten, wenn sie nur fleissig lernen, viel arbeiten und eine gute Ausbildung haben - doch das Versprechen wird nicht eingehalten. Die beste Ausbildung ist keine Garantie mehr für ein erfolgreiches Leben im Mittelstand. Das Leben ist unberechenbar geworden, und das nicht nur für die Jungen - sondern für alle.

Der Kontrollwahn unserer Zeit

Die zunehmende Unberechenbarkeit der Welt in der Wahrnehmung des kollektiven Bewusstseins der westlichen Welt wird nach dem Rezept "mehr vom selben" zu kurieren versucht.

Alles wird wieder gut, heisst es, wenn es nur mehr Regeln gibt, mehr Polizisten, mehr Überwachungskameras, mehr Diplome, mehr Gesetze, mehr Stopschilder, mehr Ausbildung, mehr Anstrengung, mehr political correctness und mehr Bürokratie. Allerdings dürften die meisten unterdessen festgestellt haben: das funktioniert einfach nicht.

Den Beginn des globalen Kontrollwahns dürfte mit dem 11. September 2001 zusammenfallen, als Terroristen Passagierflugzeuge kidnappten und in einer Selbstmordaktion in das World Trade Center flogen und in andere Gebäude. Seither ging in Kontrollaktionen zunehmend jedes Augenmass verloren, und wer wie was da kontrolliert werden sollte, wird in zunehmendem Mass absurd. Aktuell, im November 2009, gerade die Komödie rund um die Schweinegrippe, wo eine relativ milde und harmlose Form der Grippe zum Staatsfeind Nummer 1 erklärt wird - warum auch immer. 

Selbstverständlich gilt auch: je detaillierter die Welt auf mögliche Risiken abgeklopft wird, desto mehr werden davon gefunden - die dann natürlich wiederum durch umfangreiche Kontrollmassnahmen verhindert werden müssen. Oder es muss zumindest so getan werden, als ob. Die ganze Sache hat sich zu einem hysterischen Selbstläufer entwickelt, der vor allem in den klassischen Medien fleissig weiter verbreitet wird. Kontrolle ist zu einem Wahn geworden, ein Werkzeug hat überhand genommen und tut so, als sei es Sinn und Selbstzweck.

Die Auflösung der Illusion

Was im Grossen auf der kollektiven Ebene geschieht, geschieht natürlich ebenso im Kleinen auf der persönlichen Ebene: die Illusion, es sei möglich, das eigene Leben zu kontrollieren. Ganze Industrien nähren sich von dieser Illusion: allen voran die Versicherungen, alle Hersteller von Sicherungssystemen, was  von Alarmanlagen bis über Schutzhelme bis Tampons alles Mögliche und Unmögliche beinhaltet, aber auch die Banken mit ihren Sparplänen fürs Alter und die Hersteller von Medikamenten. Auch einige Staaten mit starken Sozialsystemen leben wesentlich von dem Versprechen, für die Bürger und Bürgerinnen bedingungslos zu sorgen.

Immer mehr Leute erleben allerdings, dass diese Versprechen nicht eingehalten werden - nicht eingehalten werden können. Unglaubliches ist geschehen: Banken und Autohersteller machen Konkurs oder überleben nur mit staatlicher Hilfe. Firmen gehen zugrunde. Beziehungen zerbrechen. Die Gesundheit verschwindet. Das Geld fehlt. Unsicherheit und Ungewissheit auf allen Ebenen prägen das Leben. Nichts ist mehr, wie es war - nichts ist mehr sicher. Und das, was heute noch ist, kann morgen genauso verloren gehen.

Angst und Bange

Der Verlust der bisher felsenfest geglaubten Sicherheiten macht Angst. Und nicht nur ein bisschen: ein tiefes Gefühl von Hilflosigkeit, Verzweiflung und Existenzängsten ist die Folge davon. Das ist nicht lustig. Das ist schrecklich und schlimm. Das ist unerträglich... da wird das Bedürfnis nach Kontrolle ganz schnell ganz laut. 

Und Kontrolle versucht es noch einmal: noch mehr arbeiten, noch mehr hetzen, mehr trinken, mehr Medikamente nehmen, mehr tun, sich mehr engagieren, mehr konsumieren (Drogen, Schokolade, Kaffee, Zucker, DVDs, Tabak, Bücher oder was auch immer). Manchmal nützt es, sich durch eine vergrösserte Anstrengung wieder auf das Plateau der anscheinend sicheren Ilusion zu heben - für eine Weile. Aber es nützt nicht immer.

Zusammenbruch

Es kommt der Moment, wo auch das zäheste Ego seine Arme sinken lässt und sich eingesteht: ich kann nichts mehr tun. Ich bin fremden Kräften ausgeliefert. Was immer jetzt passieren wird, ich kann nichts dafür und nichts dagegen.

Für einen Menschen, der sich vollständig über das Ego definiert hat bis zu diesem Zeitpunkt, ist das mehr als nur ein ernsthaftes Problem. Es ist der Untergang einer Welt. Es ist ein Tod im wahrsten Sinne des Wortes. Was auch immer danach passiert, der Mensch wird nachher nie mehr derselbe sein. Das Leben ist nur noch ein einziger grosser Schrei nach Hilfe - oder eine Apathie - oder ein Schmerz - oder ein Versagen und Scham- und Schuldgefühl. Das äusserst sich bei allen auf andere Weise, je nach Charakter und Temperament.

Dazu gehört auch, dass der Alltag nicht weiter bewältigt werden kann. Einfachste Dinge sind eine zu grosse Hürde geworden.

Leben ohne Kontrolle

Dies war nun das schlimmste Szenario überhaupt: das, was mit einem Menschen passiert, der an absolute Kontrolle glaubt, und der vom Leben eines Schlechteren belehrt wird. 

Es geht auch anders. Es ist möglich - zumindest teilweise - sich mit der Unkontrollierbarkeit des Lebens zu arrangieren. Es ist auch möglich, dies nicht nur als Notbehelf zu leben, sondern als Prinzip., freiwillig und in allen Situationen. Es ist möglich, sich dem Strom des Lebens anzuvertrauen, und alle Kontrollaktivitäten strikt nur noch auf die Organisation des Lebens anzuwenden, auf das WIE - doch das WAS der grösseren Weisheit des Ich-Bin, der Seele zu überlassen.

Denn wo keine Kontrolle ist, da kann eine andere Qualität sein: eine innere Gewissheit, Urvertrauen, Geborgenheit. 

Dieses Leben ohne Kontrolle, Leben in der Seele zeichnet sich durch Leichtigkeit aus. Was kommen soll, kommt leicht und schnell, aus der Fülle des Kosmos. Was nicht kommen soll hingegen, fühlt sich anders an... schwer und sirupartig und extrem anstrengend.

Ein Leben ohne Kontrolle ist gleichzeitig sehr einfach und sehr schwierig. Es ist sehr einfach, weil es die Seele ist, die bestimmt, wie es weiter geht - und sie kommuniziert klar und eindeutig durch das Gefühl. Was richtig ist, fühlt sich gut und richtig an - das ist etwas ganz Anderes als das, was sich falsch, schwer und dumpf anfühlt. Es ist aber sehr schwierig, besonders für das Ego, weil der Weg oft nicht sichtbar ist, ausser dem nächsten Schritt, oder den nächsten zwei Schritten... was später kommt, ist wie in einem Nebel, unbekannt und unsichtbar. Es ist schwierig, ins Unbekannte zu gehen und auf die Führung der Seele zu vertrauen. Aber es lohnt sich.

Leben ohne Kontrolle ist ein Leben voller Überraschungen und Intensität. Es ist herausfordernd und grossartig. Es ist Leben mit Seele. Und wer einmal davon geschmeckt hat, kann nicht mehr zurück. 

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© Barbara Seiler 2009 - www.spiriforum.net
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Literatur