Skala des Bewusstseins 120 - 160 - Wut und Gier

Wut und Gier sind das Feuer der Erde. Feuer ist Geist, und Geist begeistert – hier entsteht zum ersten Mal ein Antrieb FÜR etwas, und nicht wie in den bisherigen Stufen eine Abwehr GEGEN etwas. Feuer ist das Feuer des Kochherdes, und das Brennen vor Begeisterung, und das Leuchten in strahlenden Augen. Hier aber, in der Erd-Version des Feuers, handelt es sich um Manifestationen der Feuer-Kraft auf der irdischen Ebene: im Sex, aber auch im Essen , im Trinken, im Status, generell: im Haben-Wollen.

Gier und Wut sind beides Qualitäten, die sich hier befinden, und die uns und die Welt in Flammen setzen können.

Gier und Begehren

Die Gier auf Ebene 125 ist eine erste Version einer spirituellen Suche nach dem Höchsten, Besten, Mächtigsten, nach Gott. Im Bereich der Erde wird Gott selbst in der Materie gesucht und während kurzer Zeit, auch gefunden. Das Feuer der Erde wird stark in der Sexualität erfahren, als das brennende Verlangen, einem Menschen nah zu sein, ihn zu berühren, zu besitzen und, manchmal, ihn oder sie zu verschlingen.

Sexualität ist eine sehr starke Kraft, die ohne weiteres in der Lage ist, alle bewussten Vorsätze auszuschalten. Der Körper schaltet auf Autopilot und tut, was er gerade tun muss.

Im Bereich unter 200 definiert sich ein Mensch durch das, was er hat - nicht durch das, was er ist, und nicht durch das, was er wird. "Desire motivates vast areas of human activity (...) Desire has to do with accumulation and greed. But desire is insatiable", schreibt Hawkins in "Power versus Force".

"Begehren ist die Motivation für sehr grosse Bereiche menschlicher Tätigkeiten. (...) Begehren hat zu tun mit Anhäufen und Gier. Aber das Begehren ist unersättlich."

- weil es ein Ego-Programm ist, sich am Äusserlichen festmacht und so nie vollständig erfüllt werden kann, im Gegensatz zu der inneren Zufriedenheit der höheren Ebenen.

Gier ist wie ein Monster

Gier wirkt monströs
© barbara seiler

Begehren und Wut sind Körperprogramme - nicht nur, aber auch. 

Wer Durst oder Hunger hat, kann diese Bedürfnisse nicht vergessen und wird mit aller Kraft danach streben, sie zu erfüllen. Auch das sexuelle Begehren will gelebt werden und sucht sich einen Weg.

Mensch-Sein und menschliche Kultur bedeutet allerdings immer auch, dass unmittelbare Bedürfnisse des Körpers für den Moment weggeschoben werden, um später erfüllt zu werden, und das ist gut so.

Auf destruktive Weise werden mit diesem Thema allerdings viele Jugendliche konfrontiert, die in einem fundamentalistischen, sexuell restriktiven Umfeld aufwachsen und sich schon vor der Pubertät dafür entscheiden, mit dem Sex bis zur Ehe zu warten – bis sie dann grosse innere Konflikte erleben, da sich ihr Körper und ihre Sexualität nicht an diese äusserst tugendhaften Vorsätze hält. Was einmal ein leichter Entscheid war, ist längst nicht mehr so leicht, wenn es um die konkrete Auseinandersetzung mit einem „neuen“, erwachsenen Körper geht. Ähnlich passiert es mit Diäten und dem Versuch Ernährung zu kontrollieren; es gibt heute sehr viele Menschen mit Essstörungen - bis hin zum erschreckienden Eindruck, dass es heute kaum noch jemanden gibt mit einem unverkrampften Verhältnis zu Essen und Genuss

Es ist ein Versuch, das Begehren und die Wünsche des Körpers zu kontrollieren, was bis zu einem gewissen Mass funktioniert; allerdings wird sich der Körper andere Auswege suchen.

Zu diesen anderen Wegen gehören alle Formen von Sucht, seien das nun stoffliche Süchte nach Alkohol, Kaffee, Zucker, Kokain und Cannabis, um einige weit verbreitete zu nennen, oder nicht-stoffliche Süchte wie die Arbeitssucht, Kaufsucht oder Sucht nach Anerkennung. Dethlefsen/Dahlke schreiben "Krankheit als Weg" zum Thema Suchtkrankheiten:

"Sucht" hängt nicht nur sprachlich mit "Suchen" zusammen. Alle Süchtigen suchen etwas, machen jedoch auf ihrer Suche zu früh halt und bleiben so auf einer Ersatzebene stecken. Diese Ersatzebene kann das wirkliche Bedürfnis natürlich nicht erfüllen, und so bleibt der Hunger bestehen, und die Gier nach immer mehr - auch mit der Wut, wenn das, worauf ein Mensch ein Recht zu haben glaubt, ihm verweigert wird.

Körperliches Begehren ist ein Instrument des Egos , ein Werkzeug zum Überleben - in diesem Kontext eine gute und sinnvolle Sache. Dies gilt auch für die Wut, die enorme Mengen an Energie zur Verfügung stellen kann, sodass in Krisensituationen Dinge erreicht werden, die in anderen Bewusstseinsebenen nicht möglich sind. Problematisch kann es werden, wenn diese körperlichen Bedürfnisse unterdrückt werden, und sich als Folge davon auf der emotionalen, und mentalen Ebene ihren Ausweg suchen. Unterdrückte Sexualität führt zu Scham und Schuldgefühlen, zu Selbsthass und einem tiefen Misstrauen dem eigenen Körper gegenüber. Folgen im Aussen davon sind Pornografie, Prostitution und der Missbrauch der Sexualität als Machtmittel über andere.

Wut

Ein nicht erfülltes Begehren kann sich aber auch in Ebene 150 also als Wut und Aggressivität äussern. Ein notwendiges Begehren ist das Begehren von Nahrung und Lebensmitteln. Es ist unser Körper, der Luft , Flüssigkeit und Nahrung begehrt, und immer dringlicher, je weniger er davon erhält. Hunger und Durst lassen uns an nichts anderes mehr denken als an Essen und Trinken. 

Wenn uns die notwendigen Lebensmittel vorenthalten werden, und gleichzeitig eine andere Gruppe von Menschen im Überfluss schwelgt, so kann die Stimmung leicht in Wut umschlagen und Revolutionen anstossen. „Gib uns Brot!“, schreit die Menge der Frauen, die für ihre hungrigen Kinder etwas zu essen wollen. „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen!“ soll Marie Antoinette geantwortet haben... - ein Satz, der wohl nicht böse gemeint war, lediglich fern von den Realitäten armer Leute, der aber in hungrigen Ohren aber reiner Zynismus ist. Und wenn diese Geschichte nicht wahr ist, so ist sie zumindest gut erfunden.

Wut fühlt sich für viele Menschen gut an, da es im Gegensatz zu den Ebenen 40-80 - Apathie und Trauer Tatkraft und Energie verleiht, und im Gegensatz zu den Ebenen 0-40 - Scham und Schuld ein Gefühl der Richtigkeit und des Recht-Habens vermittelt. Wer wütend ist, der zweifelt nicht. Allerdings ist es sehr belastend, ständig ein solches Niveau von Wut aufrecht zu erhalten; es ist ein Feuer, das muss gefüttert werden, doch fehlt irgendwann der Brennstoff dafür, umd dieses Feuer in Gang zu halten... Eien Pause erzwingt sich, wenn nicht freiwillig, dann erzwungen durch Burnout oder Krankheit . Und in diesen notwendigerweise nicht-feurigen, sondern eher passiven und ruhigen Phasen, da können sich die Zweifel dann anschleichen...

Mentale und spirituelle Aspekte

Das Feuer der Erde kann einen starken und klaren Fokus bringen; was sich positiv als Begeisterung und den Wunsch äussert, vorwärts zu kommen, kann aber auch leicht umkippen zu einer Besessenheit und fixen Ideen und Zielen, die um jeden Preis erreicht werden müssen. Verhältnismässigkeit ist die Sache des Feuers nicht. Die Feuerqualität der Erde zeigt sich sehr schön in Lebenshaltungen wie dem Skeptizismus (120) und dem Nihilismus (120) – zwei grundsätzlich negativ und ablehnend eingestellte Weltanschauungen, die oft von ihren Anhängern mit viel Feuer und Engagement vertreten werden.

Ein weiterer Ausdruck des Feuers der Erde ist die Täter-Opfer-Haltung (130 – 150). Gerade die subjektive Wahrnehmung „ich bin ein Opfer“ kann Menschen sehr stark in eine Feuerqualität bringen. Sie empfinden mit grosser Stärke die Ungerechtigkeit, die ihnen angetan wurde, und fordern Genugtuung und Bestrafung der Schuldigen. Oft kommt es dabei aber vor, dass diese Opfer über das Ziel hinausschiessen und selbst zu rachsüchtigen Tätern werden, denen es nicht um die persönliche Verantwortung des einzelnen Menschen für bestimmte Handlungen geht, sondern nur noch darum, möglichst brutal zu rächen und möglichst hart zu strafen. Ein Absturz in die Erde der Erde (30 Schuld) ist bei Täter-Opfer-Mustern nie weit weg und kann durch Krisen einfach und schnell ausgelöst werden.

Ein „guter“ Vorwand für sehr harte Strafaktionen ist auch, dass ein Mensch jenes Unrecht, das ihm selbst angetan wurde, als das Schlimmste der Welt empfindet, während er recht unempfindlich ist für die Leiden der Anderen. So erscheint nie eine Strafe hoch genug zu sein. 

Eine andere Variante des Opfer-Täter-Themas ist der Helferkomplex, wo in anscheinend edler und altruistischer Absicht ein Mensch sich selbst als kompetent und stark aufwertet, indem er jemanden andern als hilfloses und machtloses Opfer definiert - und durch seine Überverantwortung und Überhilfe auch effektiv verhindert, dass die andere Person je in ihre Selbständigkeit und Macht gelangen könnte.

Verbindungen zu anderen Ebenen der Skala des Bewusstseins

Die hauptsächliche Frage, die in diesem Bereich gestellt wird, lautet: wonach richte ich mich aus? Was ist das Wichtigste in meinem Leben? - ein Thema, das später in den Ebenen Quintessenz des Wassers (360-400), Erde des Feuers (600-640) und Wasser der Quintessenz (840 - 880) wieder aufgenommen werden wird, jedes Mal in einer neuen Qualität.

Die Antwort von Gier und Wut lauten: ich definiere mich durch das, was ich habe im Vergleich zu anderen Menschen. Diese Phase ist ein notwendiger Schritt in der Entwicklung jedes Menschen und der Entwicklung eines Ego während der ungefähr ersten sieben Lebensjahre. Doch für den erwachsenen Menschen ist das Haben irgendwann nicht mehr genug, um Befriedigung zu sein, da die emotionalen, mentalen und spirituellen Bedürfnisse damit nicht abgedeckt werden.

In der Ebene 360-400 geht es dann darum, wie sie ein Mensch in sein soziales Umfeld einbettet und als das Wichtigste werden nicht mehr materielle Güter definiert, sondern Freundschaft, Familie und das soziale Netz. In der Ebene 600-640 geht es darum, aus der Dualität herauszutreten und die Ausrichtung auf Gott wird zum wichtigsten überhaupt, unabhängig von Besitz und sozialer Anerkennung; dies wird noch einmal bestätigt auf der Ebene 840-880 mit der Bekräftigung "Dein Wille Geschehe!"

Literatur

David R. Hawkins: Power versus Force
Rüdiger Dahlke/Thorwald Dethlefsen: Krankheit als Weg

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© Barbara Seiler 2006 - www.spiriforum.net
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