Paracelsus
Arzt, Alchemist, Wissenschaftler und Philosoph

Ein Wanderer ist unterwegs auf den Strassen Europas. Er ist ein kleiner Mann in einfacher, nachlässiger Kleidung, einer beginnenden Glatze und einem vorzeitig gealterten Gesicht. Mit sich führt er ein grosses Schwert, das er angeblich von einem Henker geschenkt bekommen hat und von dem er sich nie trennt, nicht einmal im Schlaf. Dessen Knauf beinhaltet Pillen des geheimnisvollen „Azoth des Roten Löwen“, eines Mittels, das schon viele schwer Kranke zurück zur Gesundheit geführt haben soll. Wo immer er hinkommt, gehen die Emotionen hoch – seine eigenen wie auch die der anderen Menschen. Er wird gehasst und als Waldesel beschimpft und schimpft kräftig und kreativ zurück, er wird geliebt und verehrt wie der Gott Äskulap, und er kümmert sich liebevoll und fürsorglich um kranke Menschen. Er legt sich trotzig und jähzornig mit allen Autoritäten auf die unflätigste Weise an und scheut keinen Disput, auch wenn er sich oft Hohn und Spott aussetzt, wenn in der Erregung sein Sprachfehler ihn überwältigt und und er stotternd kaum mehr ein Wort hervor bringt. Er setzt sich hin und schreibt auf, was er zu sagen hat und was zu sagen ihm seine Zunge verweigert. Stolz trägt er sein Motto:

Alterius non sit, qui suus esse potest

– es gehöre niemand anderem, der sich selbst gehören kann. Schon zu Lebzeiten ist er eine Legende, und unzählige Mythen ranken sich um ihn und seine Gestalt: Er ist Philippus Aureolus Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, geboren im Spätherbst 1493 in Einsiedeln und gestorben im September 1541 in Salzburg.

Paracelsus portraitiert von Augustin Hirschvogel

Paracelsus portrait von
Augustin Hirschvogel, 1538
© public domain

Es ist eine Zeit des Umbruchs in Europa: Kolumbus hat ein fernes Land entdeckt, Martin Luther reformiert die Kirche und übersetzt die Bibel ins Deutsche, Leonardo da Vinci malt die Mona Lisa und entwirft Helikopter und Kriegsmaschinen, Niccolo Macchiavelli schreibt sein Werk „der Fürst“ über die Kunst des politischen Machtspiels. Die Welt ist kriegerisch und unruhig. Die Bauern rebellieren gegen Klerus und Adel, die Osmanen stehen vor den Toren Europas, die europäischen Fürsten und Könige sind in vielfältige Fehden und Kämpfe verwickelt, während in den Städten Handel, Handwerk und Bürgertum an politischer, finanzieller und militärischer Kraft gewinnen. Jahrhundertealte Sicherheiten lösen sich auf, und neue sind noch nicht gefunden.

In dieser chaotischen Welt bewegt sich Paracelsus und entwickelt sein philosophisch-medizinisches System, das wie kaum ein anderes die europäische Medizin prägte. Seine Lehre beeinflusste die Pharmaindustrie, die Chirurgie, die Medikamententherapie, die Homöopathie, die anthroposophische Medizin, die Kräuterkunde und die Psychotherapie. Neben seinen medizinischen Schriften verfasste er zahlreiche philosophische, theologische und politische Schriften, deren Bedeutung für die europäische Kultur wohl auch heute noch nicht vollständig gewürdigt werden.

1493 – 1507: Kindheit und Jugend

Philippus Aureolus Theophrastus Bombastus von Hohenheim wird in den Wintermonaten des Jahres 1493 geboren als Sohn des Wilhelm Bombast von Hohenheim, dem illegitimen Sohn eines schwäbischen Adligen, und einer unbekannten Mutter, einer Leibeigenen des Klosters Einsiedeln. Diese ungewöhnliche Verbindung eines wenn auch illegitimen Adeligen und einer Leibeigenen machte Paracelsus schon von Geburt an zum Aussenseiter, da er sich keinem Stand wirklich zugehörig fühlen konnte. Den Namen Paracelsus legte er sich selbst später zu. Die Bedeutung des Pseudonyms ist unklar; möglicherweise bezieht er sich auf den römischen Enzyklopädisten Celsus und sieht sich selbst als „über Celsus hinaus gehend“, also Para-Celsus.

Drei wesentliche Einflüsse prägten seine Jugend:

Um 1502 lassen sich Wilhelm Bombast von Hohenheim und sein Sohn im Kärntner Städtchen Villach nieder. Von der Mutter sind seither keine Dokumente überliefert; möglicherweise wurde der Umzug nach Villach durch den Tod der Mutter motiviert, und/oder durch wirtschaftliche Gründe. Der Vater wird bis zu seinem Tod in Villach als geehrter und geschätzter Arzt und guter Bürger leben.

1507 - 1515 – Studium

Paracelsus verlässt Villach, um Medizin zu studieren. Er studiert zuerst in verschiedenen deutschen Städten wie Tübingen, Heidelberg, Mainz, Frankfurt und Köln, wo er allerdings mit der Qualität der Lehre nicht zufrieden ist. Er übt harsche Kritik:

Eine grosse Schande ist es doch, dass die hohen Schulen solche Ärzte machen, die es nur dem Scheine nach sind; geben einem Kerl den roten Mantel, das rote Barrett und der Welt einen viereckigen Narren, der bloss fähig ist, die Kirchhöfe aufzufüllen.

oder auch:

Ihr seid nicht mal dazu wert, dass ihr einen Dreckhaufen anfasst, geschweige denn die menschliche Gesundheit und Leben.

1515 beendet er sein Studium im italienischen Ferrara und promoviert mit zweiundzwanzig Jahren zum "Doktor beider Arzneien", der inneren Medizin und der Chirurgie, was ihm das Recht verleiht, den roten Talar als Zeichen seiner Doktorwürde tragen zu dürfen; Diplome wurden damals keine vergeben.

1515 - 1524: Lehr- und Wanderjahre

Der frischgebackene Doktor der Medizin macht sich auf zu einer grossen Wanderung quer durch Europa, in der Tradition der Handwerksburschen, die nach abgeschlossener Lehre auf die Walz gehen, um erste berufliche Erfahrungen zu sammeln. Auch wenn die Reiseroute heute nicht mehr mit völliger Sicherheit rekonstruiert werden kann, so kann man doch davon ausgehen, dass Paracelsus fast ganz Europa bereist hat: von Italien gelangt er über Südfrankreich nach Spanien, nach einem Abstecher mit einem Heerzug nach Nordafrika geht es in den Norden nach Portugal, Paris, England, Schottland, dann nach Dänemark und Schweden, bis nach Moskau. Moskau wird gerade vom Reitervolk der Tataren angegriffen, in deren Gefangenschaft Paracelsus gerät; er kann aber flüchten, reist über den Balkan nach Süden, wo er Ägypten besucht und nach Jerusalem pilgert. Nach dieser zwölfjährigen Reise kehrt er zurück nach Villach, um seinen verehrten Vater zu besuchen.

Auf seinen Reisen sammelt Paracelsus aus allen ihm erreichbaren Quellen ein vielfältiges und profundes Wissen über die Medizin seiner Zeit:

"Nicht allein bei den Doktoren, sondern auch bei den Scherern, Badern, gelernten Ärzten, Weibern, Schwarzkünstlern, so sich dess' pflegen, bei den Alchemisten, bei den Klöstern, bei den Edlen und Unedlen, bei den Gescheiten und Einfältigen"

hat er seine Kunst gelernt.

Es ist möglich, dass er in Portugal, damals das Zentrum von Entdeckerfahrten und Handelshafen in die Neue und Alte Welt, mit amerikanischen Natives in Kontakt kam, aber auch mit Afrikanern und mit Indern, deren ausgeklügeltes medizinisches System ihn interessieren musste. Es geht das Gerücht um, dass er in seinem Aufenthalt in Ägypten geheimnisvolle magische Methoden lernte. Auf drei Heerzügen während seiner Reisen, die er als Feldscher begleitete, wurde er mit dem Elend des Krieges konfrontiert und wurde ein Experte in Wundbehandlung und Chirurgie. Diese Erfahrungen trafen ihn sehr, sodass er sich zum entschiedenen Kriegsgegner entwickelte und in späterer Zeit als „erster Pazifist Europas“ bezeichnet wurde.

1524 - 1528: Karriere

Paracelsus portraitiert von Quentin Massys

Paracelsus portraitiert von Quentin Massys
© public domain

Nach dieser langen Wanderzeit schien Paracelsus, nun etwas über dreissig Jahre alt, das Bedürfnis nach Sesshaftigkeit zu verspüren. Er liess sich 1524 in Salzburg nieder, wo er allerdings bald in Konflikt mit der Obrigkeit und vor allem dem Klerus kam, da er mit den aufständischen Bauern sympathisierte und die Kirche in einer Kampfschrift heftig angriff und viele Rituale des Katholizismus als überflüssig bezeichnete:

So ich etwan und etliche Male in Tabernen, Krügen und Wirtshäusern wider das unnütze Kirchengehen, üppige Feiern, vergebene Beten und Fasten, Almosengeben, Opfern, Zehnten, Leibfall, Dreissigsten, Jahrzeit, Beichten, Sakrament nehmen und alle andere dergleichen priesterliche Gebot und Aufenthaltung geredet habe"

Er musste als Folge dieser klaren und alles andere als diplomatischen Worte aus Salzburg fliehen.

Als Nächstes kam er nach Strasbourg, wo er das Bürgerrecht erwarb, ein Haus kaufte und der angesehenen Zunft "zur Lutzernen" beitrat. Er fand die Zeit, viel zu schreiben; unter anderem sein Werk über die drei alchemistischen Grundprinzipien Sal, Sulphur und Mercurius, sowie die Schriften „de spiritu vitae“ (über den Lebensgeist), „de mineralibus“ (über die Mineralien) und „liber de longa vita“ (Buch über das lange Leben). Doch auch in Strassburg eckte er an; hier wegen seiner ungewöhnlichen medizinischen Methoden, die viel umfassender und vielfältiger waren als die an den Hochschulen gelehrten Methoden, die auf die antiken Ärtze Galen und Avicenna zurück gingen. Wohl in der Absicht, ihn blosszustellen, wurde Paracelsus zu einer öffentlichen anatomischen Demonstration und Debatte an einer Leiche aufgefordert, wo ihm seine Strassburger Kollegen - Spezialisten der Anatomie - ihm seine Wissenlücken unter die Nase rieben. Seine stammlete Zunge und die daraus folgende Unfähigkeit zum Sprechen dürften die Demütigung vervollständigt haben.

Im Jahr 1527 nahm Paracelsus den Ruf nach Basel an, wo ihm eine Stellung als Stadtarzt und Dozent der Medizin an der Universität Basel angeboten wurde. Es ist der Höhepunkt seiner Karriere und die wohl am besten dokumentierte Zeit seines Lebens. C. G. Jung bezeichnete in seinem Paracelsus-Aufsatz die Berufung als einen jener historischen Fälle von Unvoreingenommenheit, die im Laufe der Jahrhunderte [in Basel] sich gelegentlich wiederholten, wie die Berufung des Jünglings Nietzsche beweist, während Rudolf Steiner diese Berufung gleichsam wie durch einen Irrtum erfolgt schien. Basel war zu jener Zeit ein Zentrum des Humanismus und der Buchdruckerkunst, das die grössten Geister seiner Zeit anzog, wie zum Beispiel Erasmus von Rotterdam, der damals in Basel lebte und auch Patient von Paracelsus war. Im pharmazeutischen Museum von Basel ist heute noch eine Büste von Paracelsus ausgestellt - neben dem damaligen Handwerkszeug der Ärtze und Apotheker inklusive einer Alchemistenküche.

Als Dozent revolutionierte Paracelsus den Unterricht, und nach kurzer Zeit erhöhte sich die Zahl der Medizinstudenten von fünf auf einunddreissig:

Zu Beginn seiner Lehrzeit liess er ein Flugblatt mit dem Namen „Intimatio“ verbreiten, in dem er sein Konzept darlegte und selbstbewusst versprach, die Medizin von „den Schlacken der Barbaren und ihren schwersten Irrtümern" zu reinigen.

Paracelsus hatte nicht nur nach kurzer Zeit die Ärzte gründlich verärgert, indem er ihre Arbeitsweise angriff, seinen Wohnsitz unstandesgemäss im schäbigsten Quartier von Basel nahm und so gut wie nicht auf sein Äusseres achtete, sondern auch die Apotheker, deren Oberaufsicht zu seinen Pflichten als Stadtarzt gehörte. Er kritisierte ihre Praktiken heftig. Es war zu jener Zeit nicht ungewöhnlich, dass Ärzte gleichzeitig Apotheker waren, und ihren Patienten oft sehr umfangreiche, oft aus mehreren Dutzend Zutaten bestehende Rezepte aus exotischen Ingredienzien verschrieben, die sie dann für teures Geld gleich selbst verkauften.

Die Situation wurde kritisch für Paracelsus: als ein Rechtsstreit um ein nicht bezahltes Honorar eines prominenten Patienten entstand, musste er im Frühjahr 1528 Hals über Kopf fliehen und seine ganze Habe zurück lassen.

1528 - 1532: Die Wanderung geht weiter

Nach dieser Episode schien Paracelsus die Idee der Sesshaftigkeit immer mehr aufgegeben zu haben. Er bezeichnete die Ereignisse in Basel als die entscheidende Wende seines Lebens, durch die alle Hoffnung auf ein normales, angepasstes und sesshaftes Leben zunichte gemacht wurde. Er mit seinem stachligen Charakter und seinen unorthodoxen medizinischen und philosophischen Vorstellungen konnte nicht darauf hoffen, zu seiner Zeit auf breiter Basis akzeptiert zu werden; auch wenn seine Patienten ihn liebten und verehrten und er sich einen Ruf als legendärer Wunderdoktor erworben hatte, so blieb der Beifall der Fachwelt dennoch aus.

Er reiste von Basel durch das Elsass, wo er gemäss der Aussage seines Baslers Famulus Oporinus „wie ein Äskulap verehrt wurde“, und kam nach einer längeren Reise in Nürnberg an, einem Zentrum der Buchdruckerkunst, wo er einige seiner Bücher zu veröffentlichen hoffte. Tatsächlich wurden dort zwei seiner Schriften über die Syphilis gedruckt, in der er die herkömmlichen Behandlungsmethoden (Quecksilberkur, Arsenlösugen um Geschwüre auszuwaschen, Hunger- und Schwitzkuren) heftig angriff und seine eigenen Ideen darstellte.

Er verliess Nürnberg um 1529 und liess bei seinem Drucker eine dritte Schrift über Syphilis zurück, in der Annahme, sie werde ebenfalls gedruckt und finde gute Aufnahme. Kurz nachdem er Nürnberg aber verlassen hatte, erreichte ihn die schlechte Nachricht, dass sein Buch nicht gedruckt werde, in dem er den Gebrauch des exotischen südamerikanischen Guajak-Holzes als unwirksam für die Behandlung der Syphilis kritisierte. Durch diesen Text geriet er in Konflikt mit den Fuggern, dem damals bedeutendsten Handelshaus Europas, das ganze Schiffsladungen von Guajakholz importierte und damit bedeutende Gewinne realisierte. Zudem bedeutete das Verbot dieses Buches auch noch, dass für seine medizinischen Schriften im ganzen deutschen Reich ein Druckverbot galt, denn der Nürnberger Senat fungierte als Zensurbehörde für das ganze Reich. Viele Texte von Paracelsus wurden auch erst nach seinem Tod veröffentlicht.

1531 kam er nach St. Gallen, wo er auf die Unterstützung des Bürgermeisters, Reformators und Humanisten Joachim von Watt, genannt Vadianus, hoffte; möglicherweise nahm Paracelsus an, dass Vadianus, selbst Arzt von Beruf, ihn unterstützen werde. So beendete Paracelsus in St. Gallen sein Opus Paramirum, das eine konzentrierte Essenz all seiner Anschauungen darstellt und die Lehre von den fünf Ursachen von Krankheit in ein einheitliches, umfassendes System bringt.

1532 - 1535: der Prophet

Paracelsus war nun in der Lebensmitte, knapp vierzig Jahre alt, Zeit seines Lebens ein Wanderer und Forscher, oft enttäuscht von seinen Zeitgenossen, immer weiterstrebend, häufig in Konflikt mit der Umwelt, und wohl auch müde geworden vom unablässigen Kämpfen und Arbeiten. 1531 nahm sein Leben eine neue Richtung, vielleicht ausgelöst durch mehrere Naturwunder: ein Komet erschien im Himmel (der später der Halley'sche genannt werden sollte), ein Erdbeben erschütterte die Ostschweiz, und über dem Bodensee erschien an ungewöhnlicher Stelle ein riesiger Regenbogen. Paracelsus widmete sich immer mehr gesellschaftlichen und sozialen Themen. Zu jener Zeit verdiente er einen guten Teil seines Einkommens mit Schriften namens "Prognostica", die er prophetische Schriften nannte, die aber viel eher Analysen der akuellen politischen und sozialen Situation waren, und nicht Prophezeihungen. Die erschienenen Naturwunder deutete er nicht wie viele andere als Ankündigung des Weltendes, sondern viel mehr als Ermahnung zum Frieden.

Es war eine Zeit der Besinnung, der Reflektion und Meditation. Paracelsus nahm diese Herausforderung in der ihm eigenen Art an: als bettelarmer und verlumpter Wanderprediger begab er sich in die Täler und Wälder des Appenzell, um dort in Armut so zu leben, wie Christus es in den Evangelien vorgelebt hatte. Zu dieser Zeit dürfte er mehr einem alttestamentlichen Propheten oder indischen Guru geglichen haben als einem Arzt. Von dieser Zeit sind auch keine amtlichen Dokumente überliefert, wohl aber Legenden über seine Taten; es scheint, Paracelsus habe zu dieser Zeit eine ganz besondere, mystische Ausstrahlung gehabt, wie er predigend und betend durch die Wildnis zog.

Die ärztliche Tätigkeit nahm aber bald wieder überhand; viele Kranke und Gebrechliche kamen zu ihm, dem Wunderdoktor, und baten ihm um Hilfe, die er nicht gern verweigerte. Die praktische Hilfe für Bedürftige nahm überhand vor dem mystischen Predigen und dem Suchen des Lebenssinnes: Indem er den Sinn des Lebens suchte und das Leben des Christus auf seine Art nachlebte, wurde er von seinen Mitmenschen wieder zu seiner Berufung, der Arbeit eines Artzes, gebracht.

Paracelsus verliess das Appenzellerland und wanderte weiter, zu verschiedenen Bergwerken in Österreich, wo er die Arbeitsbedingungen der Bergleute untersuchte und eine der ersten Arbeiten überhaupt über gesundheitliche Berufsrisiken schrieb, "von der Bergsucht und anderen Bergkrankheiten". Nach einem Abstecher über Graubünden verliess er die Schweiz. Er hat nun vollständig akzeptiert, dass sein Leben das eines Vagabunden und Landfahrers sei, und er nirgends sesshaft werden wird; seine Einsamkeit und Andersartigkeit, die von Jugend an ihm aufgezwungen wurde, akzeptierte er nun als freie Wahl.

1535 - 1541: Reife und Tod

In seinen letzten Lebensjahren kamen sowohl die Person des Paracelsus wie auch sein Werk zur Reife. Er wurde ruhiger und milder und hatte nicht mehr das Bedürfnis, gegen alle Menschen zu kämpfen, die nicht seine Ansichten teilten – es genügte für ihn, auszusprechen, wofür er einstand, und andere Menschen Menschen sein zu lassen. Er veröffentlichte in Augsburg die ersten zwei Bände seiner „Wundarznei“, die dank ihrer populärwissenschaftlich gehaltenen Sprache sehr viel Anklang fanden und deren erste Auflage schon nach wenigen Monaten verkauft war. Die von ihm vorher geplanten Bände drei, vier und fünf der Wundarznei schrieb er nicht mehr; ihm schien sein philosophisch-naturwissenschaftliches Grundwerk wichtiger zu sein, auf das er nun seine ganze Energie verwandte.

Bei einem längeren Aufenthalt 1539 bei Johann von Lepnick, dem obersten Erbmarschall von Böhmen, wird Paracelsus ein alchemistisches Labor zur Verfügung gestellt, und er beendet dort seine „Astronomia magna“ und die „Philosophia sagax“, die seine philosophischen Ideen in einen Rahmen bringen. Bemerkenswert ist, dass er völlig den damals vorherrschenden dogmatischen Aristotelimus überwunden hat, und ebenso die konfessionsgebundene Theologie. Sein Wanderleben durch ganz Europa liessen ihn nie an einem bestimmten Ort heimisch fühlen, sondern die ganze Welt als Heimat zu betrachten; auf ähnliche Weise fühlte er sich auch nicht im geistigen Bereich innerhalb einer bestimmen Lehre oder eines bestimmten Dogmas heimisch, sondern lernte überall, wo es etwas zu lernen gab, und arbeitete beständig an einem Denksystem, dass das Gute von allem integrierte und das Undienliche verwarf.

Paracelsus hatte seine Lebensaufgabe erfüllt. Schon im relativ jungen Alter von noch nicht einmal fünfzig Jahren erscheint er auf aktuellen Portraits mit einem alten und verlebten Gesicht, doch immer mit klaren und seelenvollen Augen. Er stirbt im Jahre 1541 in Salzburg. Über die Todesursache gibt es mehrere Spekulationen: die eine besagt, er sei an Leberkrebs aufgrund zu hohen Alkoholgenusses gestorben; die zweite besagt, er sei im Suff die Treppe herunter gestürzt; und die dritte besagt, dass die Salzburger Ärzte ihre Knechte dazu angeheuert hätten, den unliebsamen Konkurrenten von der Höhe hinunter zu stürzen. Eine spätere Exhumierung hat tatsächlich eine noch frische Wunde am Schädel des Paracelsus gezeigt, sodass die zweite oder dritte Möglichkeit eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich in Anspruch nehmen können.

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© Barbara Seiler 2006 - www.spiriforum.net
Dieser Text darf unter Hinzufügung dieser Fussnote gerne weitergegeben werden.

Literatur

Weblinks