Ken Wilber: Eros, Kosmos, Logos

eine Buchbesprechung:

eine Jahrtausend-Vision

Ken Wilber entwirft in seinem gross angelegten Werk "Eros, Kosmos, Logos" eine Jahrtausend-Vision. Dies kann auf verschiedene Arten verstanden werden: es ist eine Vision, die vergangene Jahrtausende an Geschichte als einheitliches Bild der Bewusstseinsentwicklung darstellen will - aber es ist auch eine Vision für die Zukunft und ein Ausblick auf die nächsten Jahrtausende unserer Entwicklung. Die amerikanische Originalausgabe mit dem Titel "Sex, Ecology, Spirituality" ist 1995 erschienen, wodurch bestimmt auch das Anbrechen des neuen Jahrtausends den Blick über weite Zeiträume förderte.

Ähnlich wie David R. Hawkins schlägt auch Wilber ein Modell von Bewusstseinsebenen vor. Anders als Hawkins beruft er sich allerdings nicht auf kinesiologische Tests, sondern auf  die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeiten aus allen Bereichen, von Physik über Biologie bis zu den sozialen und psychologischen Wissenschaften und der Theologie. Der Schwerpunkt liegt allerdings eindeutig auf den sozialen und psychologischen Wissenschaften.. 

Die oft erstaunlichen Schlussfolgerungen, die er in seinem Buch zieht, seien - so sagt er - allesamt sauber belegt:

Die Perlen des Wissens sind bereits akzeptiert; jetzt brauchen wir nur noch den Faden, um sie zu einer Halskette aufzureihen.

Diesen Faden verspricht er mit dem vorliegenden Buch zu liefern, und es gelingt ihm auch zu einem grossen Teil, ein schlüssiges und in sich stimmiges Bild der bekannten Geschichte der Menschheit zu zeichnen, wobei er nicht nur die einzelnen Ereignisse darstellt, sondern Einblicke in die Mechanismen der Evolution des Bewusstseins gewährt. 

Grundaussagen

Ken Wilber formuliert zwanzig Grundaussagen, um die Gesetze der Evolution zu beschreiben. Er selber sagt das so:

Es folgen zunächst zwanzig Grundaussagen (oder Schlussfolgerungen), die für etwas stehen, was wir "Existenzmuster" oder "Evolutionstendenzen" oder "Gesetze der Form" oder "Ausdrucksneigungen nennen könnten. Das sind Muster oder Tendenzen, die nach Auffassung der modernen Systemwissenschaften in allen drei Bereichen der Evolution - Phyiosphäre, Biosphäre und Noosphäre - wirksam sind und so das Universum wahrhaft zum Universum machen - "in eins gekehrt." (EKL S. 54)

Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, auf alle zwanzig Grundaussagen im Detail einzugehen, darum hier eine sehr kurze Zusammenfassung:

Nach Wilber besteht die Wirklichkeit aus sogenannten Holons. Das sind Ganzheiten, die zugleich Teile grösserer, umfassender Ganzheiten sind, und die selbst wiederum aus anderen, kleineren Ganzheiten bestehen. 

Ein Molekül ist ein Holon - es ist eine Ganzheit, in sich abgeschlossen. Das Molekül besteht selbst aus Atomen, die ihrerseits auch Holons sind - und mehrere Moleküle können sich zu übergeordneten Holons verbinden, wie zum Beispiel der Zelle eines Tiers oder einer Pflanze. Es gibt keine Grenze - jedes Holon besteht aus Unter-Holons, jedes Holon ist in ein Ober-Holon eingebunden. 

Diese Holons besitzen vier wichtige Eigenschaften: Selbsterhaltung, SelbstanpassungSelbsttranszendenz und Selbstauflösung.

Die Welt ist aus sehr einfachen Holons entstanden: Beim Urknall gab es viel undifferenzierte Energie. Nach und nach sind daraus Atome, Moleküle, Sterne, Planeten, Lebewesen... emergiert. Es sind immer mehr Klassen von Holons auf derselben Stufe entstanden - zum Beispiel das Periodensystem der chemischen Elemente - und es sind auch immer mehr Stufen der Komplexität entstanden: Atome, Moleküle, Zellen, Vielzeller.

Dabei ist es wichtig zu wissen, dass aus den Eigenschaften der grundlegenden Holons nicht geschlossen werden kann, welche Eigenschaften die höheren, komplexeren Holons haben werden. Aus der Beobachtung einzelner Atome kann nicht auf den Charakter eines Menschen geschlossen werden, der aus eben diesen Atomen besteht. Höhere Stufen der Komplexität bringen auch immer komplexere Eigenschaften ans Licht, die zwar schon als Potenzial in den grundlegenden einfachen Holons angelegt sind, aber erst durch das Emergieren in einem komplexen Holon mit vielen hierarchischen Stufen erlebbar werden. 

vier Quadranten

Die Geschichte der Menschheit kann als Geschichte von Holons dargestellt werden. 

Alle Holons wiederum finden in gewissen Bereichen statt: es gibt die innerlichen und die äusserlichen Aspekte, es gibt die individuellen und die sozialen/gemeinschaftlichen Aspekte. Jedes Holon kann innerhalb dieses Schemas äusserlich/innerlich und individuell/sozial-gemeinschaftlich betrachtet werden.  In jedem dieser verschiedenen Aspekte lässt sich die Geschichte der Menschheit darstellen:

die vier Quadranten nach Ken Wilber: innerlich-äusserlich, individuell-kollektiv

Die Quadranten der linken Seite sind die Quadranten des Inneren, des subjektiven Empfindens. Emotionen, Absichten, kollektive und persönliche Glaubenssätze gehören auf diese Seite. Es geht um das Fühlen, die Beurteilung, die Interpretation, die Deutung. 

Die Quadranten der rechten Seite sind die Quadranten des Aussen. Wo oben links eine Emotion empfunden wird - Wut, Freude, Ärger - kann rechts eine Entsprechung auf der physischen Ebene gefunden werden: eine Reaktion der Gehirnchemie, eine Reaktion der Hormone, und eine Veränderung im Verhalten. Entsprechend findet man für die kollektiven Normen und Werte im linken unteren Quadranten auf der rechten unteren Seite den Ausdruck dieser Werte und Normen: Gebäude, Schriften, Gesetzeswerke - kurz, alles, was sich anfassen lässt. 

Wilber:

Die rechte Hälfte ist sichtbar, die linke jedoch bedarf der Interpretation. Das liegt daran, dass Tiefe im Gegensatz zu Oberfläche nicht direkt wahrnehmbar ist. Auf der rechten Seite fragen wir nach dem Verhalten: "Was tut es?" Auf der linken fragen wir: "Was bedeutet es?" EKL S. 167

Die Quadranten der oberen Hälfte betreffen das Individuum, die Quadranten der unteren Hälfe beziehen sich auf das Kollektiv, auf die Gemeinschaft.

Wilber fasst sie zusammen in den drei Schlüsselworten ICH - WIR - ES, wobei die beiden Quadranten des Aussen zusammengefasst werden und beide zum Bereich des ES gehören.

Der dominierende Quadrant der heutigen Gesellschaft ist sicher der Quadrant des ES. Es ist auch der Quadrant der Wissenschaft: alles muss empirisch überprüfbar sein, bevor es glaubwürdig ist. Wenn etwas im Innen stattfindet, und sei es noch so berührend und tiefgreifend, ohne dass im ES etwas davon sichtbar wird - zum Beispiel bei mystischen Erfahrungen - so gilt es bei manchen Menschen sogar als nicht existent.

Bewusstseinsebenen

Wie Hawkins postuliert Wilber ein System von Bewusstseinsebenen, allerdings aus einer etwas anderen Sichtweise.

Wilber geht davon aus, dass jeder Mensch und jede Kultur eine bestimmte Entwicklung mit festen Stufen durchmacht. Keine dieser Stufen kann übersprungen werden - jede Stufe muss durchlebt werden, um das nächst-komplexere Holon zu erreichen, auch wenn dies nicht lange dauern muss. Es ist nicht möglich, ein rationales Bewusstsein zu erlangen, ohne vorher durch das magisch-animistische und das mythische Bewusstsein hindurch gegangen zu sein. 

Es kann natürlich passieren, dass ein Mensch oder eine Kultur durch einen Selbstauflösungsprozess - durch Krankheit, Krieg, oder andere Katastrophen - auf eine der nächsttieferen Stufen zurück fällt. Es ist natürlich immer so, dass innerhalb einer bestimmten Kultur Menschen mit verschiedenen Bewusstseinsstufen parallel nebeneinander leben. 

Bei uns in Europa ist die vorherrschende Bewussteinsstufe die rationale Ebene - dennoch gibt es aber nach wie vor viele Menschen, die sich innerhalb eines mythologischen Bewusstseins befinden, und eine Minderheit von Pionieren, die in den transpersonalen Bereich vorgestossen ist.

das archaische Bewusstsein

Die ersten Gruppen von Menschen und menschenähnlichen Wesen zeichnen sich durch ein archaisches Bewusstsein aus. Dieses Bewusstsein zeichnet sich durch das Leben in relativ kleinen Familienverbänden aus, als dessen wesentliche Innovation Wilber die Familiarisierung des Mannes nennt: wo bei vielen Tieren eine familiäre Beziehnung nur zwischen Mutter und Kind besteht, ensteht nun die Funktion des Vaters als Rollenidentität. 

Wilber schreibt:

"Erst ein auf Heirag und geregelter Deszendenz beruhendes Familiensystem erlaubt es dem erwachsenen männlichen Mitglied, via Vaterrolle einen Status im Männersystem der Jagdgruppe mit einem Status im Frauen- und Kindersystem zu verbinden und dadurch (a) Funktionen der gesellschaftlichen Arbeit mit Funktionen der Nahrungsvorsorge für die Jungen zu integrieren und überdies (b) Funktionen der männlichen Jagd mit denen des weiblichen Sammelns zu koordinieren. Die Familiarisierung des Mannes.

So begann das, worum alle späteren Zivilisationen mit immer wieder neuen Ansätzen gerungen haben, eine schier endlose Aufgabe, ein Alptraum: die Zähmung des Testosterons. (Eros Kosmos Logos S. 201)

Diese Stufe entspricht bei Hawkins den Ebenen Null bist Achtzig - also der Erde der Erde , wo reine Existenz das beherrschende Thema ist, und dem Wasser der Erde, wo sich Emotionen und auch der Ausdruck von Emotionen durch die Stimme und einfache Sprache ausbilden. Die Namen, die Hawkins diesen Ebenen gab - Schuld, Scham, Apathie und Trauer - entsprechen allerdings dem Bewusstseinszustand moderner Menschen, der sich auf diesen Stufen bewegt - damals war es einfach das Bewusstsein der Menschen in diesem Bereich.

das magisch-animistische Bewusstsein

Die nächste Stufe der Entwicklung ist das magisch-animistische Bewusstsein. Nach wie vor liegt der Fokus auf der Familie bzw. dem Clan. Es gibt Mythen, Bilder und Symbole. Es gibt ein Bewusstsein von Recht und Unrecht, das sich am eigenen körperlichen Wohl oder Schaden bemisst. Gut ist, was mir gut tut - schlecht ist, was schmerzt. 

Physische Objekte werden als belebt wahrgenommen: es gibt Geister in den Steinen, den Bäumen, den Flüssen, in Holzstücken und in allem, was in der Welt ist. Wesentlich in diesem Weltbild ist der Bezug und die Verehrung der gemeinsamen Ahnen, durch die der Stamm definiert wird. Sie werden verehrt, es ranken sich Geschichten und Legenden um diese Ahnen, sie werden um Schutz und Hilfe angerufen. Diese Stämme leben nomadisch oder in Dörfern zusammen. Die Natur wird nach wie vor als belebt empfunden.

Nur die Menschen der eigenen Gemeinschaft wird als "wir" empfunden. Die Israeliten des alten Testaments erhalten via Mose ihr Gesetz, das ihnen vorschreibt "du sollst nicht töten" - und finden gar nichts daran, in ihren Kriegen die Menschen anderer Völker zu töten. Innerhalb eines magisch-animistischen Bewusstseins ist das die einzig einsichtige Variante, denn als "wir Menschen" werden einzig die Blutsverwandten definiert. Alle anderen Menschen sind davon ausgeschlossen - für sie gilt das Gesetz natürlich nicht. 

In der Skala von Hawins entspricht dem magisch-animistischen Bewusstsein ungefähr die Ebenen von 80 - 200 - Angst, Gier/Wut und Stolz. Sie alle sind im Wesentlichen egozentrisch. Die Individualität eines Menschen ist nicht entwickelt, sondern sie ist bestimmt durch seine Position innerhalb der Gruppe, und seine Rechte, Pflichten und sein Ansehen leiten sich aus dieser Position ab.

das mythologische Bewusstsein

Die nächste Stufe ist das mythologische Bewusstsein. Die Notwendigkeit zu einer grundlegenden Veränderung der Bewusstseinsqualität kann sich dann ergeben, wenn aufgrund erfolgreicher landwirtschaftlicher Techniken, die im magisch-animistischen Bewusstsein entwickelt wurde, grössere Siedlungen entstehen.

In überschaubaren Dörfern mit hundert oder vielleicht auch dreihundert Menschen ist es relativ einfach möglich, alle Menschen auf einen einzigen Ahnen zurückzuführen. Leben allerdings tausend oder zweitausend Menschen an einem Ort, so wird es zunehmend schwieriger. Es muss eine neue Möglichkeit geben, wie ein "wir"-Gefühl zustande kommen kann.

Das mythologische Bewusstsein bietet diese Lösung: eine Geschichte, auf die sich alle gemeinsam beziehen können.

Die Christianisierung Nordeuropas ist ein klassisches Beispiel für diesen Übergang. Vor der Christianisierung herrschten in Deutschland viele einzelne Stämme, die sich gegenseitig bekämpften und die sich auf ihre jeweiligen Ahnen beriefen; die ersten deutschen Könige waren gleichzeitig jene, die mit dem Christentum ein gemeinsames Bekenntnis brachten. "Wir", das waren nun jene, die sich zu Christus bekannten. Familie wurde zweitrangig.

Selbstverständlich wurden Familien und Clans nicht abgeschafft; noch heute hat der Familienverband eine grosse Bedeutung im Leben eines Menschen. Doch er ist nicht mehr die umfassendste soziale Struktur, sondern eingebettet in den Kontext eines Landes.

Bei Hawkins entspricht diese Ebene den Stufen des Wassers, wo es sich vor allem darum dreht, sich in eine Gemeinschaft einzufügen. Im Wesentlichen ist diese Stufe nicht mehr egozentrisch, sondern soziozentrisch - auf die Gemeinschaft ausgerichtet. 

das rationale Bewusstsein

Der nächste Schritt ist einer, der heute sehr aktuell ist. Nach wie vor gibt es Gruppen mit mythologischem Hintergrund - zum Beispiel die Islamisten, die sich auf die Geschichte "Koran" als absolut gültige und nicht hinterfragbare Autorität berufen - die die auf dem rationalen Bewusstsein konstruierten europäischen und nordamerikanischen Staaten nicht ausstehen können. Denn, das ist eine Regel: Benachbarte Bewusstseinsstufen mögen sich nicht. Definitiv nicht.

Das rationale Bewusstsein erweitert das Wir-Gefühl weiterhin auf alle Menschen. Dies wird sichtbar in Gesetzen, die für Menschenrechte, Rechtsstaat, die Trennung von Kirche und Staat und die Gleichberechtigung aller Menschen eintreten, unabhängig vom Bekenntnis.

Eng mit dem rationalen Bewusstsein verknüpft ist selbstverständlich die Wissenschaft und die Erforschung der Natur. Die Kehrseite des rationalen Bewusstseins - die Zerstörung der Natur, der einseitige Fokus auf den rechten Quadranten des Aussen mit seiner ES-Sprache - sidn die Herausforderungen, denen die Menschheit heute gegenüber steht und die gelöst werden müssen, damit eine Zukunft für die Menschheit möglich ist.

In der Skala von Hawkins entsprechen die Ebenen der Luft dem rationalen Bewusstsein, wobei die Ebene der "reifen Vernunft" oder "Schau-Logik" bei Wilber den Ebenen der Liebe und der Freude entsprechen dürften.

die transpersonalen Regionen

Der nächste Schritt ist jener in die transpersonalen Ebenen: das Ego wird überschritten und in einen umfassenderen Kontext eingebettet. Es sind die Stufen der Mystik, der Erleuchtung, der Transzendierung. Es sind jene Stufen, die die Avatare der Menschheit wie Jesus und Buddha vorgelebt und gelehrt haben. 

Es sind die Stufen, auf die die Menschheit als Ganzes zustrebt. Ken Wilber sagt, dass die grossen Menschheitslehrer nicht Figuren aus der Vergangenheit seien, sondern Botschafter aus der Zukunft - denn sie zeigen den Menschen, welche Arten von Bewusstsein noch möglich sind.

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© Barbara Seiler 2009 - www.spiriforum.net
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Literatur