Wenn es einen Himmel gibt, dann ist er auf der Erde. Wenn es eine Hölle gibt, dann ist sie auch auf der Erde.
Himmel und Hölle sind nicht Orte, an die wir nach unserem Tod kommen. Himmel und Hölle sind Zustände des Erlebens und Empfindens, während wir als Menschen auf der Erde leben.
Mit Himmel und Hölle sind im europäisch-nordamerikanischen kollektiven Bewusstsein einige Bilder gespeichert, die aus der christlichen Tradition stammen. Zu erwähnen ist dabei, dass sich diese christliche Tradition nur sehr beschränkt auf die Bibel beruft, sondern ihre Vorstellungen aus allen möglichen, gerne auch heidnischen, Quellen bezogen hat und eine neue, eigene Bilderwelt daraus geschaffen hat.
Hölle bedeutet Bosheit,
Chaos, Gewalt, Leid und Schmerz
Hölle ist ein Ort, wo ein ewiges Feuer brennt. Chef der Hölle ist der Teufel, eine menschen ähnliche Gestalt, der als Waffe oder Szepter einen Dreizack trägt und einige Merkmale einer Ziege hat: zum Beispiel einen Bocksfuss, einen Ziegenschwanz und/oder Ziegenhörner. Die Seelen, die nach ihrem Tod als schlecht und und unwürdig befunden werden, gelangen in die Hölle, wo sie mit Feuer, Zangen in alle Ewigkeit gequält werden.
Ein Teil dieser Vorstellungen haben eine Basis in der Bibel – zum Beipsiel in der Apokalypse des Johannes 21.8, wo «die Feigen aber und Ungläubigen und Frevler und Mörder und Unzüchtigen und Zauberer und Götzendiener und alle Lügner» und die anderen Sünder in einen See aus Feuer und Schwefel kommen werden zur ewigen Qual. Die Ziegenattribute hingegen erinnern eher an den griechischen sinnesfreudigen Gott Pan, und den Dreizack könnte er von Neptun haben.
Ausserdem wurden diese Bilder in der Literatur immer wieder aufgenommen, umgestaltet und verfeinert – sowohl in der zeitgeistigen Massenliteratur, aber auch in weltberühmten Werken wie dem Faust von Goethe, wo er den Mephisto als witzigen, ironischen, und eigentlich ganz liebenswürdigen bösen Geist unsterblich machte.
Der Himmel hingegen ist der Ort, an den die guten Menschen nach ihrem Tod kommen. Alle bekommen ein weisses Gewand, Engelsflügel, eine Harfe und verbringen von da an ihre Zeit damit, Halleluja zu singen und sind glückselig.
Dass dieses Leben im Himmel etwas langweilig sein
könnte, war ein Verdacht, den schon viele arme Sünder
und Sünderinnen hegten – und wohl zu Recht, wie
diese charmante Geschichte nach Ludwig Thoma erzählt:
Ein Münchner im Himmel
So farbig, bunt und vielschichtig die Folklore zu Himmel und Hölle auch ist, so ist sie doch nur wenig dienlich, weil sie von einigen Glaubenssätzen ausgeht, die Angst und Schrecken fördern.
Etwas, was Generationen von Menschen Angst eingejagt hat, ist die Idee der ewigen Strafe – und deren Unberechenbarkeit. Ein Erdenleben gibt es, für alle mit anderen Voraussetzungen, nach dem Tod ein Gericht, ein Urteil – und dann Himmel oder Hölle. Wer Glück hat, kommt in den Himmel, wer Pech hat kommt in die Hölle, doch wer wohin kommt, das weiss man im Voraus nicht so genau. Bestimmt ist es nützlich, sich brav und tugendhaft zu benehmen. Doch ob man dann brav genug war...? Das Schlimmste ist nicht einmal die Ewigkeit der Strafe – das Schlimmste ist die totale Unberechenbarkeit. Ein Mensch kann sich nicht sicher sein, genug getan zu haben, den göttlichen Ansprüchen an Tugend zu genügen.
Am besten kommt man dem Thema Himmel und Hölle wohl durch kleine Geschichten, Anekdoten und Witze beim, wie zum Beispiel dieser buddhistischen Geschichte von einem unbekannten Verfasser:
Ein mächtiger Samurai beschloss, eine spirituelle Bildung zu vertiefen. So machte er sich auf, einen berühmten buddhistischen Mönch zu suchen, der als Einsiedler hoch in den Bergen lebte. Als er ihn gefunden hatte, forderte er: "Lehre mich, was Himmel und Hölle sind!" Der alte Mönch sah langsam zu dem Samurai auf, der über ihn stand, und musterte ihn von Kopf bis Fuss. "Dich lehren?" kicherte er. "Du musst sehr dumm sein, wenn du denkst, ich könnte einen wie dich etwas lehren. Schau dich an, du bist unrasiert, du stinkst, und dein Schwert ist wahrscheinlich verrostet." Der Samurai geriet in Wut. Sein Gesicht wurde rot vor Zorn, als er sein Schwert zog, um dem lächerlichen Mönch, der da vor ihm saß, den Kopf abzuschlagen. "Das", sagte der Mönch ruhig, "ist die Hölle." Der Samurai ließ sein Schwert fallen. Erst überkam ihn Reue, dann tiefe Zuneigung zu dem alten Mann. Das dieser Mönch sein Leben riskiert hatte, um einen völlig Fremden etwas zu lehren, erfüllte sein Herz mit Liebe und Mitgefühl. Tränen stiegen in seine Augen. "Und das", sagte der Mönch, "ist der Himmel."
Eine Lektüre der Bibel und besonders des Neuen Testamenes zeigt auch, dass die traditionellen europäischen Höllenvorstellungen viel eher Projektionen menschlicher Ängste sind – die sich die Kirchenoberen durchaus zunutze gemacht haben, an die sie durchaus auch selbst geglaubt haben – dass sie aber keineswegs der Lehre von Jesus entsprechen, und auch im alten Testament keinen Rückhalt finden. Die folkloristischen Vorstellungen von Himmel und Hölle sind vor allem im Lauf der europäisch-christlichen Geschichte gewachsen und allzu oft politisch durch Kirchenobere motiviert, um die Herde der Gläubigen bei der Stange zu halten. Was Jesus sagte, entspricht eher dieser buddhistischen Geschichte.
In Matthäus 13.44-46 wird das Himmelreich folgender massen beschrieben:
Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker. Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte, und als er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.
Das Himmelreich ist etwas, das hier und jetzt zu finden ist; und es ist so kostbar und erzeugt solche Freude, dass es alles andere aufwiegt: es ist wertvoller als jeder Besitz.
In Matthäus 13.31-33 heisst es:
Ein anderes Gleichnis legte er ihnen vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte; das ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist, so ist es grösser als alle Kräuter und wird ein Baum, sodass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen. Ein anderes Gleichnis sagte er ihnen: Das Himmelreich gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter einen halben Zentner Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war.
Das Himmelreich ist nichts Spektakuläres oder Dramatisches. Sein Same ist unscheinbar, klein und gewöhnlich. Doch wenn es den Raum und die Zeit bekam, um sich zu entwickeln, so wird es gross und prägt alles um sich herum; wie die Hefe im Teig durchdringt es den ganzen Teig und schenkt ihm seinen Charakter.
Als letzte Textstelle sei Lukas 15.8-10 genannt:
Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiss, bis sie ihn findet? Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte. So, sage ich euch, wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder , der umkehrt.
Himmel bedeutet Freude,
Glück, Vertrauen und Leichtigkeit
Himmel, das ist wie das Gefühl, wenn man ein Geldstück wieder findet, das man verloren hat... oder wie das Gefühl eines Hirten, der ein Schaf wieder findet, das sich verlaufen hatte. Oder wie die Freude eines Vaters, dessen Kind von zuhause weg zieht, ein liederliches Leben führt und irgendwann wieder nach Hause kommt.
Himmel, das ist innerer Friede, Freude, Zufriedenheit, Glück. Himmel, das bedeutet, in Frieden zu sein mit sich selbst und der Welt, ganz egal, wie sich die Welt in einem bestimmten Moment gerade zeigt.
Himmel bedeutet nicht, dass alles einfach ist, oder gut. Es bedeutet nicht, von Krankheit, Schmerz und Verlusten verschont zu bleiben. Himmel bedeutet, nicht nur das Schöne und Angenehme, sondern auch diese Krisen annehmen zu können. Hiob sagt, nachdem er erfahren hat, dass alle seine Kinder getötet wurden und sein ganzer Besitz verloren gegangen ist: «Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen, der Name des Herrn sei gelobt.». Wer fähig ist, so etwas zu sagen – und es nicht als Floskel zu sagen, sondern aus vollem Herzen, und es zu glauben – ist im Himmel.
Wenn der Himmel innerer Friede ist, so ist die Hölle das Gegenteil davon: Angst, Zweifel, Leid, Trauer, Wut, Schmerz. Sowohl Himmel wie auch Hölle spielen sich im Hier und Jetzt ab, unabhängig davon, ob sich ein Wesen gerade in einem Körper auf der Erde befindet, oder woanders.
Es gibt viele Möglichkeiten zu formulieren, was Hölle ist. Der grosse Visionär Aldous Huxley schrieb: «Die Hölle ist eine vollständige Trennung der Kreatur von Gott und der Teufel ist der Wille zu jener Trennung.»
In der Skala des Bewusstseins nach David R. Hawkins sind Hölle jene Bereiche, die sich im unteren Teil der Skala befinden. Ganz besonders betroffen ist der Bereich der Erde in den Ebenen von 0 – 200, aber die grundlegende Haltung ist bis zur Ebene 500 (bedingungslose Liebe) auf die Erscheinungen der Dualität ausgerichtet und im Irrtum befangen, diese Erscheinungen seien die höchste, wesentlichste Realität. Himmel, das ist die Wahrnehmung von Bereichen über der Ebene 500.
Hölle, das ist auch Irrtum – der Irrtum darüber, was der Mensch ist und was das Wesentlichste ist. «Die Wahrheit macht euch frei», lehrte Jesus. Erst wenn wir nicht mehr im Irrtum sind, dann hängen wir unser Herz nicht mehr an die vergänglichen Dinge, sondern an das, was stabil und solide ist. Stabil und solide, das ist unser Wesenskern, unser ICH-BIN. Vergänglich, das ist unser Körper, unser Besitz, unsere Freunde, unsere Familie, unser Leben als Mensch, unsere Gesundheit. Alle diese Dinge sind vergänglich, und sie werden eines Tages vergehen. Also ist es ein Irrtum, wenn wir uns über sie zu definieren versuchen. Es kann auf Dauer nicht funktionieren.
Die Vergänglichkeit von allem Irdischen bedeutet nicht, dass wir als Menschen nicht nach sozialem und finanziellem Erfolg streben sollten, oder dass wir keine Freundschaften schliessen sollten, oder dass wir keine Familien gründen sollten. Wir sollten nicht im Wissen des zukünftigen Verlustes uns nicht binden, oder nicht ehrgeizig sein.
Wir sollen mit ganzem Herzen und ganzer Seele und vollem Engagement leben. Wir sollen uns freuen über Freundschaft, Reichtum, Vergnügen, Sinnlichkeit und über alles Schöne, was das Leben uns bringt – und es loslassen, wenn es wieder geht, im Wissen, dass all das nur während einer gewissen Zeit da ist. Wir sollen Ziele haben und sie verfolgen, und wir sollen stolz sein, wenn wir sie gegen viele Widerstände erreichen – doch diese Ziele sind nicht das, was uns im Kern ausmacht.
Wir können den Moment geniessen und uns freuen. Wir können dankbar sein für die Geschenke, die das Leben uns macht. Wir können JA sagen zu allem, was geschieht – was immer es ist. Und wenn wir das üben, und es uns immer besser gelingt, so sind wird öfter und öfter im Himmel.
© Barbara
Seiler
2009 - www.spiriforum.net
Dieser Text darf unter Hinzufügung dieser Fussnote gerne
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Aldous Huxley denkt in seinem Klassiker "Schöne neue Welt" in Form einer Zukunftsvision über himmlische und höllische Zustände nach:
Originale Höllenvorstelungen, zu finden in meiner geliebten Zürcher Übersetzung:
Goethes Faust - mit einem der besten Teufel, die es je gab: