Die Trinität oder Dreifaltigkeit war schon immer eines der verwirrenden und schwierigen Themen des Christentum: da ist ein Gott - credo in unum deum, ich glaube an einen Gott, heisst es im Glaubensbekenntnis - und dennoch ist er drei. Drei in einem. Einer, zu dritt. Irgendwie schizophren? Worum könnte es da gehen?
Jedes christliche Gebet endet mit "im Namen des Vaters, und des Sohnes, und des Heiligen Geistes, Amen." Vielleicht mit Ausnahme jener katholischen Gebete , die an das weibliche Prinzip, die Urmutter Maria gerichtet sind, oder an einen oder eine der zahlreichen Heiligen, deren es so viele gibt, dass sich oft zwei oder drei einen Jahrestag teilen müssen. Was, bei einer Überschlagsrechnung, eine Zahl zwischen fünfhundert und tausend Heiligen ergibt, nicht eingerechnet alle die Lokalheiligen, die in den grossen Kalendern nicht erwähnt werden. Und bei dieser Fülle an geistigen HelferInnen scheint die Trinität gar nicht so kompliziert zu sein. Schliesslich sinds nur drei. Also, zurück zum Thema:
Gott kann sich vorgestellt werden als Einheit, die drei hauptsächliche Aspekte hat. Traditionell werden sie genannt: Gott-Vater, Sohn und dem Heiliger Geist.
Mit Vater wird Gott als Potenzial bezeichnet: das Formlose, der Urgrund, die Quelle allen Seins, die Einheit. Gott-Vater ist jener Teil, über den man sich "kein Bild machen kann", da er nicht räumlich und nicht zeitlich ist. Menschliche Sprache, die sich an den Kategorien von Raum und Zeit herausgebildet hat, bietet im besten Fall Metaphern und Symbole, die einige Aspekte beschreiben können. Das, was Gott-Vater in Wirklichkeit ist, lässt sich mit Worten nicht beschreiben. Es lässt sich allerdings erleben, manchmal, in privilegierten Momenten. Am ehesten wird man der Natur von Gott-Vater durch Paradoxa gerecht. Eine mögliche Beschreibung von Gott-Vater könnte «Seiendes Nicht-Sein» sein.
Das chinesische TaoTeKing kommentiert:
"Der SINN, der sich aussprechen lässt, ist nicht der ewige SINN. Der Name, der sich nennen lässt, ist nicht der ewige Name."
Auch das christliche Bilderverbot hat seinen Ursprung darin, dass es nicht möglich ist, mit irdischen Mitteln eine vollständige und erschöpfende Beschreibung der Urquelle zu geben. Auch wenn sich das Gebot am Anfang vor allem auf Statuen und Bilder bezieht, so könne wir heute durchaus diese Anweisung auf Wortbilder und Vorstellungsbilder ausdehnen.
Dieser Zustand, der sich nur in Metaphern beschreiben lässt, ist den Menschen aber durchaus zugänglich und lässt sich erfahren. Er lässt sich nicht erzwingen, aber durch Techniken wie Meditation und Kontemplation unterstützen und fördern, zum Beispiel durch die Meditation über die Worte "ich bin der/die ich bin."
Der Sohn ist materielle Manifestation; der Sohn ist die Welt, die Materie, das Universum. Zwar lässt sich Gott-Vater nicht direkt erkennen, doch die Natur und die Welt ist Seine Manifestation und sein Körper, und durch das Studium der natürlichen Erscheinungen ist es möglich, Schlüsse auf die dahinter liegenden, organisierenden Prinzipien zu ziehen.
"An den Früchten könnt ihr sie erkennen" gilt nicht nur zur Beurteilung anderer Menschen, sondern auch als Leitlinie zur Erkenntnis Gottes.
Mit dem Sohn befassen sich die Naturwissenschaften, die in Form von physikalischen, chemischen und biologischen Formeln und Schemata vom Besonderen auf das Allgemeine schliessen. Sie sind mit dem Sohn und nur mit dem Sohn beschäftigt.
Der nächste Schritt in der wissenschaftlichen Arbeit, der die spirituellen Realitäten mit den physischen Realitäten verbinden wird - der also die Brücke zwischen Vater und Sohn schlagen kann - bereitet noch einige Schwierigkeiten, da er erfordert, das Prinzip der Objektivität neu zu definieren. Die Erkenntnis Gottes kann ausschliesslich subjektiv geschehen.
Die Erkenntnis Gottes hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Nachvollziehen eines mathematischen Beweises: es ist etwas, das in sich selbst geschehen muss. Dann aber, wenn die Erkenntnis da ist, ist sie nicht mehr auszulöschen.
Oder, wie Rudolf Steiner anmerkte: heute ist es möglich, dass Menschen gleichzeitig intelligent und böse sind. Sehr bald wird das nicht mehr möglich sein, da die spirituelle Arbeit an sich selbst zu einem wesentlichen Teil menschlicher Intelligenz werden wird. Innerhalb der Skala des Bewusstseins von David Hawkins bedeutet dieser Schritt der Übergang von der Ratio (Ebene max. 499) in den Bereich der Liebe (Ebenen 500+)
Der Sohn wird oft mit dem Wanderprediger Jesus von Nazareth gleichgesetzt, was ein Irrtum ist, wenn auch ein naheliegender: der menschliche Körper, der hier auf der Erde gelebt hat, ist in Bezug auf die Dreifaltigkeit nicht wichtig. Der Mensch namens Jesus wurde geboren und starb wie alle anderen Menschen. Auch in Bezug auf die Auferstehung hätte sich auch nichts verändert, wenn er in hohem Alter friedlich entschlafen wäre, anstatt als junger Mann ans Kreuz geschlagen zu werden, und danach ist die Leiche verschwunden. Das ist zwar spektakulär und gut fürs Marketing, aber darum gehts wirklich nicht.
Der Heilige Geist ist der Vermittler zwischen Vater und Sohn. Er ist jenes Element, dass die Formlosigkeit und die Form verbindet und zwischen diesen beiden Aspekten kommuniziert. Eine direkte Kommunikation zwischen Vater und Sohn ist nicht möglich ohne den dazwischen stehenden Vermittler, den Heiligen Geist, der auf allen Ebenen zuhause ist und wie eine Nabelschnur zwischen Mutter und Kind In-form-ationen weitergibt.
Der Heilige Geist ist auch der Sitz der Persönlichkeit, die schon aus der Einheit und Nicht-Differenziertheit des Vaters herausgetreten ist, aber noch nicht au der irdischen Ebene mit einem Körper manifestiert ist. Es ist der Heilige Geist, der an der Taufe am Jorden über Jesus ausgegossen wird, und es ist der Heilige Geist, der sich in Form von Feuerzungen an Pfingsten über die Apostel senkt.
Analog zur göttlichen Trinität im Makrokosmos ist der Mensch als Mikrokosmos ("kleiner Schmuck, kleines Universum") ebenfalls aus einem Sohn/materiellem Körper, Heiligem Geist/Seele aufgebaut, der den Menschen zu der Einheit/Gott-Vater verbindet. Die göttliche Dreifaltigkeit, die sich in der Anatomie und der Psychologie des Menschen widerspiegelt, wird in der Schöpfungsgeschichte in 1. Mose 1,27 angesprochen, wo es heisst:
Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er ihn.
Diese Analogie erstreckt sich nicht nur auf den Menschen, sondern auf alles, was existiert, vom Elementarteilchen bis zur Galaxie. Beispiele für die Dreifaltigkeit, die zusammen wiederum ein Ganzes ergeben, sind:
Das Organisationsprinzip ist nicht immer genau dasselbe; so verfügen die Tiere im Gegensatz zum Menschen nicht über eine individuelle Seele/Persönlichkeit, sondern haben teil an der Gruppenseele ihrer Art. Die Übergänge sind allerdings fliessend. Viele höhere Säugetiere haben durchaus eine eigene Persönlichkeit - HaustierbesitzerInnen werden dieser Aussage zustimmen. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die ihre Persönlichkeit nicht stark ausgebildet haben, sondern die sich instinktiv treiben lassen und so das spezifisch menschliche Potenzial nur wenig realisieren.
Aus der Eigenart des Menschen, eine individuelle Seele und damit individuellen Willen und individuelle Persönlichkeit zu besitzen, ergibt sich auch die Richtung der Evolution. Jeder Mensch trägt das mineralische, pflanzliche und tierische Erbe in sich, das die irdische Entwicklung im Text (Gewebe) unseres Körpers eingeschrieben hat. Auf der anderen Seite hat der Mensch die Anlagen eines Engels, eines körperlosen Wesens, und damit eine Sehnsucht nach Schönheit, Harmonie, Vollkommenheit und Ganzheit. Mensch zu sein bedeutet, diese beiden Pole - das Tier und den Engel - zu einer grösseren Einheit zu integrieren und auf diese Weise in die grösste Einheit überhaupt, zu Gott-Vater, zu gelangen. Im Buddhismus wird dieses Streben definiert als das "Lösen von Anhaftungen", und auf der psychologischen Ebene kann man formulieren: dass ein Mensch sich nicht vom Ego unterwerfen lasse, sondern dem Ruf seiner Seele folge, wobei das Ego als Werkzeug dient.
Da ich mich in diesem Text auf das Christentum mit seiner typisch männlichen Diktion beziehe, benutzte ich die männlichen Formen. Selbstverständlich ist es Allen frei überlassen und völlig legitim, die weibliche Form zu wählen, also Mutter Göttin, Tochter, und Heilige Geistin - wobei es korrekter wäre, eine androgyne Form zu wählen, da in Göttin/Gott männliche und weibliche Qualitäten vereinigt sind, wie im Yin und Yang-Zeichen, das sich im Gleichgewicht befindet. Aber androgyne Formen sind sprachlich noch schwieriger umzusetzen als weibliche Formen, die ja schon des öftern Menschen ärgern, weil sie so umständlich sind. Man kann im Deutschen das neutrale "es" benutzen, wie es Sigmund Freud getan hat für jenen Teil des Menschen, der getrieben und instinktiv ist; dies assoziiert aber eher eine Geschlechtslosigkeit und Undifferenziertheit, und nicht eine Androgynität, die beide Aspekte bewusst lebt und differenziert, sie aber in einer höheren Einheit integriert. Ansonsten sehe ich im Moment keine andere Möglichkeit, als halt doch "Mutter Göttin, Vater Gott" zu benutzen und sprachlich zu trennen, was von Gott doch zusammengefügt gemeint ist.
"Im Namen des Vaters, des Sohnes, und des Heiligen Geistes, Amen" - mit dieser christlichen Formel wird also die ganze Schöpfung und ihr Ursprung geehrt, vom Gott als abstraktem Potenzial, wie man ihn im Taoismus findet, über die Persönlichkeit des Heiligen Geistes, der "immer bei uns" ist und mit dem man jederzeit sprechen kann, bis hin zu Gott als Manifestation in der Natur, in der Materie, können wir sagen: Im Namen von Vater-Mutter-Gott-Göttin, und des Kindes, und von Heilig-Geist-Geistin - so ist es. Amen.
© Barbara
Seiler
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