Der Mensch – Gott ähnlich

"Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen nach unserem Bilde, uns ähnlich." heisst es in Genesis 1.26

In diesem Artikel soll untersucht werden, worin diese Ähnlichkeit besteht, nämlich: in der Kreativität, im Selbst-Bewusstsein, in der Individualität und wie das Konzept der Dreieinigkeit oder Trinität sowohl auf Gott wie auch auf den Menschen angewandt werden kann.

Doch als erstes einige Hinweise dazu, worum es nicht geht:

Gott unähnlich – worum es nicht geht

Was damit bestimmt nicht gemeint sein kann, ist eine körperliche Ähnlichkeit: Gott ist kein materielles Wesen, er-sie ist weder Mann noch Frau, weder alt noch jung, Gott hat keine Haut und somit auch keine Hautfarbe

Ebenso wenig kommen soziale Kriterien in Frage: Gott ist nicht reich und nicht arm, er ist nicht Angehöriger einer bestimmten Religion (nein, Gott ist weder Christ noch Buddhist), auch nicht Angehöriger einer bestimmten Nationalität, einer bestimmten Berufsgruppe.

Ich bin der/die ICH BIN

Wenn wir Menschen Gott ähnlich sind, so muss sich das auf Eigenschaften beziehen, die allen Menschen gleichermassen gegeben sind, zumindest als Potenzial, das genutzt werden kann. Auf solche Eigenschaften, die eher im geistigen als im materiellen Bereich zu finden sind.

Ein wesentlicher Aspekt ist, dass wir Menschen mit bewussten Selbst-Bewusstsein begabt sind, also mit der Fähigkeit, über unser Sein und Wesen nachzudenken.

Als Gott sich mit Mose auf dem Berg Horeb unterhält, stellt er sich in Exodus 2.14 folgendermassen vor: Gott sprach zu Mose: "Ich bin der ich bin." Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: der "Ich bin" hat mich zu euch gesandt."

Rudolf Steiner merkt an, dass von allen irdischen Wesen allein der Mensch in der Lage ist, "ich bin" zu sagen, allein der Mensch ein Bewusstsein seiner selbst hat. Heute weiss man, dass das auch für gewisse Tieren gilt, zum Beispiel einige Affen - doch diese stellen lediglich die Ausnahme von der Regel dar. Hält man eine Katze vor den Spiegel, so erkennt sie sich selbst nicht - ein Mensch hingegen schon. Tiere sind nicht fähig, Philosophie zu betreiben, Menschen hingegen schon.

Dieses Wissen um das eigene Sein ist also ein erster Aspekt, der Gott mit den Menschen teilt.

Doch es geht noch tiefer. "der ich-bin hat mich zu euch gesandt", soll Mose zu den Israeliten (übersetzt: Gottesstreitern) sagen, die sich gerade in Ägypten als Sklaven befanden und unter ihrer Situation litten, und deren tiefste Sehnsucht die Befreiung war und ein eigenes Zuhause. Und Gott verspricht ihnen diese Befreiung und führt sie dann auch tatsächlich in ein neues Land, eine neue Heimat. Das "ich bin", das wir Menschen in unserem Innern wahrnehmen, ist also Gott selbst, der zu uns spricht durch unsere tiefsten Wünsche und Sehnsüchte. Das Innerste des Menschen ist Gott, jeder Mensch eine Facette Gottes.

Hier ist es wichtig, zwei Aspekte zu unterschieden: das Ego und die Seele.

Die Identifikation mit dem Ego ist fleischlich, menschlich, irdisch und erzeugt ein Gefühl der Trennung, oder, in christlicher Terminologie: Sünde. Ego ist ein Aspekt des Menschen, aber nur ein kleiner Teil davon. Die Identifikation aber mit der Seele, dem Ganzen, Unzerstörbaren, Freudvollen, ermöglicht den Zugang zu dem, was wir wirklich sind, nämlich ein Ausdruck Gottes. Die Gottähnlichkeit des Menschen bezieht sich auf das göttliche Wesen der Seele – und nicht auf die Projektion und Illusion, die das Ego ist.

Kreativität – schöpferische Kraft

Eine der schönsten und mächtigsten menschlichen Fähigkeiten ist es, Neues zu erschaffen - zwar nicht aus dem Nichts heraus, wie Gott das tat, als er die Welt erschuf, sondern mit jenen Mitteln, die hier und jetzt zur Verfügung stehen, aber dennoch: Mensch-Sein im besten Sinne bedeutet auch immer, schöpferisch zu sein. Oder, anders gesagt: Kunst zu schaffen.

Göttliche Kraft zeigt sich aber gerade in dem, das oft als unnütz betrachtet wird: in der Kunst, in der Schönheit, in der Musik... die alle pure Seelennahrung sind, ohne die ein Mensch zwar existieren kann, aber nicht leben und lebendig sein. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sagte Jesus von Nazareth. Der Mensch lebt ebenso von jedem Wort, das auch Gottes Mund kommt. Schönheit, Wahrheit, Liebe sind solche Worte, die uns nähren bis in die körperliche Ebene hinein.

Künstler und Künstlerinnen erfahren immer wieder, dass es während einer schöpferischen Tätigkeit nicht das Ego ist, sondern etwas Grösseres und Mächtigeres, das sich einen Menschen als Kanal wählt und durch diesen Kanal sich auf der Erde einen Ausdruck sucht. Nicht «ich schaffe Kunst», sondern «es arbeitet durch mich».

Wo es um die "nützlichen" Dinge geht, die Erhaltung des Lebens und der Gesundheit, da unterscheiden sich Menschen nicht grundsätzlich von den Tieren, auch wenn Menschen durch ihre mentalen Fähigkeiten sich Strukturen und Techniken geschaffen haben, die erlauben, sich sehr weit weg von einem Leben in der Natur zu entfernen.

Schöpferische Tätigkeit ist das pure Gegenteil von dem, was uns mit protestantischer Strenge eingebläut wurde und auch immer noch wird: dass man seriös, fleissig und arbeitsam sein müsse, und dass man (ganz wichtig!) vor allem keinen Spass haben dürfe - wenn etwas Spass macht, so ist das schon per se verdächtig. Kunst aber ist reine Freude, Spass und Spiel im besten Sinne. Es kommt noch nicht einmal darauf an, wie das Resultat wird - es ist der Prozess, der zählt. Es ist die Freude daran, mit Farben herumzumantschen, laut (und auch falsch, wenn es gerade so kommt) zu singen, eine CD aufzulegen und durch die Wohnung zu hüpfen, zu schreiben, weil die Worte einfach kommen... das sind die magischen Momente, wo Gott durch uns leben darf. Es darf - es soll - lächerlich, kindisch, unbeherrscht und völlig überflüssig sein.

Als Gott die Welt erschuf - und auch jetzt, wo er sie in jedem Moment erhält und neu erschafft - war er bestimmt in Spiellaune wie ein kleines Kind. Sonst hätte er wohl kaum diese Fülle an verschiedenen Blumen, Pflanzen, Tieren, Steinen und Menschen erschaffen, wovon nie zwei genau gleich sind, alle einzig und einzigartig, wie Er selbst... alle Ausdruck Seiner Freude. Sich selbst in dieses Spiel zu begeben, ist einer der der schönsten Gottesdienst überhaupt - und damit auch Dienst an sich selbst.

Individualität - Unteilbarkeit

Alle Menschen sind Individuen, was auf Deutsch bedeutet: unteilbare Einheiten. Menschen können nicht halbiert werden, ohne dass das Wesentliche verloren geht, nämlich das Leben. Interessanterweise bezeichnet man mit demselben Namen, einfach der griechischen Version, die (so nahm man einmal an) kleinsten Teile der Materie, die Atome - "jene, die nicht zerschnitten werden können" auf Deutsch.

Und so wie die Menschen individuell sind, unterschiedlich und einzigartig, so sind auch alle anderen Wesen und Formen einzigartig. Es gibt keine zwei Tiere, die genau gleich sind, nicht zwei Blumen, auch nicht zwei Moleküle und Atome – alle Wesen unterscheiden sich voneinander, sowohl in ihrer inneren Struktur, als auch in ihren Beziehungen zu anderen Wesen und Dingen.

Dasselbe gilt für Gott: er ist Einer und Einzigartig, unteilbar - und da er alles ist, was ist, sind wir Menschen, aber auch die Welt und alle Wesen, Teil davon - und auch hier Ihm ähnlich, er und wir in unserer Einzigartigkeit und Individualität.

Trinität – Dreifaltigkeit

Eine weitere Enstprechung stellt das christliche Modell der Dreifaltigkeit Gottes dar – eine Dreiheit, die ebenso im Menschen gefunden werden kann.

Die Dreieinigkeit ist in erster Linie ein Modell zur Darstellung des Wesen Gottes:

Im Menschen findet man analog:

Man kann eine Fülle von weiteren Dreiheiten finden:

Kopf, Herz und Hand, die nach Pestalozzi in der Schule geübt werden sollen, nämlich der Verstand, das Mitgefühl und die praktische Arbeit.

Kopf, Herz und Bauch sind drei Möglichkeiten der Wahrnehmung, die in eine ähnliche Richtung gehen wie die Ideen von Pestalozzi, nämlich der Kopf als Symbol für die mentale Verarbeitung von Informationen, der Bauch, der intuitiv wahrnimmt und die unbewussten Anteile zu einer Botschaft zusammenfasst, und das Herz, das in seiner Liebe Kopfdenken und Bauchfühlen zusammenbringt.

Daraus lässt sich auch ableiten, dass alles am Menschen göttlich ist, sowohl der Körper wie auch der Geist. Die Leugnung und Abwertung des Körpers und körperlicher Aktivitäten durch religiöse Organisationen ist nichts, was sich aus dem Studium und der Praxis von Spiritualität notwendigerweise ergibt, um Gegenteil.

Interessanterweise ist es ja so, dass die direkteste Kommunikation mit dem Göttlichen durch den Bauch erfahrbar wird, als Bauchgefühl; ebenfalls befindet sich dort das Innere Kind, das im Modell von Sigmund Freud dem Es entspricht, dem die Triebe und Instinkte zugeordnet sind (also das "Niedrigste" am Menschen), das aber ebenso jener Teil der Egostruktur ist, die den Zugang zur göttlichen Weisheit besitzt. Und zu guter Letzt sind die Organe des Lebens alle im Unterleib angesiedelt, und im Unterleib einer Frau ist es, wo das Leben neu entstehen darf – in der tiefsten Materie manifestiert sich immer neu das höchste Göttliche.

copyright

© Barbara Seiler 2008 - www.spiriforum.net
Dieser Text darf unter Hinzufügung dieser Fussnote gerne weitergegeben werden.