Warum gibt es Krankheiten, warum gibt es Leid? Oder, anders gefragt: wie kann es sein, dass ein allwissender, allmächtiger und allgütiger Gott Leid zulässt?
Die Frage ist womöglich falsch gestellt: nicht rückwärts gerichtet "warum trifft es mich, warum trifft es meine Lieben?" sondern vorwärts gerichtet: Wozu ist Krankheit gut? Welche Entwicklung fördert sie, oder verlangt sie gar?
Die hier vorgeschlagene Antwort lautet: Jede Seele, die sich auf der Erde inkarniert, erklärt sich vor ihrer Inkarnation einverstanden mit den Umständen ihres irdischen Lebens – wozu auch die Aspekte von Gesundheit und Krankheit gehören. Sie wählt die Umstände entsprechend der Entwicklungsmöglichkeiten, die sich daraus ergeben und die zu ihrer individuellen Situation passen.
Wir leben in einer Welt der Polaritäten. Es ist nur möglich, die Qualität "heiss" zu erfahren, weil es auch die Qualität "kalt" gibt; ohne diese Unterschiede wäre es nicht möglich, "Temperatur" zu erfahren, es wäre alles gleich, nicht unterschieden, nicht wahrnehmbar. So ist es auch nur möglich, ein Konzept von "Gesundheit" zu haben, da es als Kontrast dazu "Krankheit" gibt. Und "Schmerz, Leid" kann nur darum erfahren werden, weil es als Kontrast dazu "Wohlbefinden, Freude" gibt. Alle Erfahrung bedingt, dass unterschiedliche Qualitäten wahrgenommen werden können, und folglich, dass es eine Differenzierung gibt.
Dies passt aber nur dann mit dem Konzept des allgütigen, allmächtigen und allwissenden Gottes zusammen, wenn man davon ausgeht, dass eine Seele diese Erfahrungen freiwillig macht, und sich vor der Geburt damit einverstanden erklärt.
Weiter bedingt es die Idee, dass eine Seele nicht erst mit der Schwangerschaft und Geburt entsteht, wie einige der grossen monotheistischen Religionen lehren (mit Ausnahme ihrer esoterischen Versionen, wie der Kabbalah), sondern dass die Seele schon vor ihrer Erfahrung als irdischer Mensch existiert und fähig ist, aus freiem Willen Entscheidungen zu treffen. Auf einer noch tieferen Ebene kommt man sogar zu der Aussage: eine Seele ist ein Aspekt Gottes, eine Facette Gottes, die sich selbst erfahren will - und sich deshalb in diese Welt der Illusion begibt, denn Erfahrung kann nur geschehen, wo es ein Gegenüber gibt, wo es ein Gefühl der Trennung gibt - was der Situation der Sünde im christlichen System von Begriffen entspricht.
Im kleineren Rahmen innerhalb des menschlichen Lebens sind wir vertraut mit der Idee, dass ein Mensch bewusst eine schwierige und anstrengende Zeit in Kauf nimmt, um eine bestimmte Erfahrung zu machen, oder ein bestimmtes Ziel zu erreichen: Dazu gehören Dinge wie eine anspruchsvolle Ausbildung, in die man viel Zeit, Geld und Arbeit investieren muss; aber auch der Wunsch, Eltern zu werden, was nicht nur eine grosse Freude ist, sondern auch Übernächtigung, schmutzige Windeln und weniger persönliche Freiheit für die Eltern bedeutet.
Wenn eine Seele vor ihrer Geburt wählt, Krankheit zu erleben, so geht es um ähnliche Motive; jede Krankheit, aber auch Unfälle und körperliche und geistige Behinderungen, stellen einen Raum zur Verfügung, in dem ganz bestimmte Erfahrungen möglich sind, und die Anlass sein können, zu wachsen, zu lieben, und Mitgefühl zu entwickeln. Und jede Seele, die einen solchen Weg gewählt hat, verdient höchste Achtung und höchsten Respekt.
Man kann zwei Arten von Krankheiten unterscheiden: die erste Sorte betrifft alle Krankheiten, die aus dem Verhalten entstehen. Übermässiger Alkoholkonsum führt zu Leberschäden, übermässiges Arbeiten und zu wenig Schlaf zu einem Burnout, übermässiges Rauchen zu Lungenkrankheiten, übermässiges Essen zu Krankheiten in Verbindung mit Übergewicht. Durch das, was man eine "gesunde Lebensführung" nennt, können die meisten dieser Krankheiten vermindert oder gar ganz verhindert werden, und der Mensch bleibt bis ins hohe Alter gesund. Ein Körper ist eine sehr solide und stabile Sache; so ist oft ein jahrelanger Missbrauch erforderlich, bevor Schädigungen sichtbar werden und Symptome sich zeigen. Typischerweise passiert das um das vierzigste Lebensjahr herum, und nur extremer Missbrauch und extreme Erfahrungen verursachen anhaltende Schädigungen bei jüngeren Menschen.
Die zweite Sorte von Krankheiten sind jene, die wir mitbringen; es sind auch vor allem diese Krankheiten, die Gefühle von Hilflosigkeit und Wut auf Gott hinterlassen, vor allem wenn Kinder davon betroffen sind. Ist es denn fair, wenn ein zehnjähriger Junge an Krebs leidet, oder ein Baby mit Herzproblemen geboren wird, die aufwendige Operationen erfordern und ihm viele Erfahrungen verschliessen, die anderen Kindern möglich sind? Hier kommt auch oft die Frage nach Gottes Güte auf, und nach dem Sinn des Mensch-Seins.
Es steht die Frage da: ist es eine Strafe Gottes? Und wenn ja, wofür wird dieses Kind, diese Familie bestraft? - nein, es ist keine Strafe. Es ist eine Erfahrung - eine sehr schwierige und schmerzhafte Erfahrung - die alle beteiligten Seelen gewählt haben, und womit sie sich einverstanden erklärten. Ego hat natürlich seine Probleme damit, klar; Seele aber nicht. Der göttliche Anteil in uns hat seine Gründe, genau diese Erfahrung zu wählen und auszuleben.
In den meisten Fällen sind diese beiden Ebenen, die Ebene dessen, was man mitbringt, und die Ebene dessen, was man durch Verhalten beeinflussen kann, nicht strikt getrennt. Es wird ja auch gemeinhin akzeptiert und angenommen, dass Menschen verschieden sind. Es gibt eben jene, die jeden Winter "ihre" Grippe haben, und es gibt die andern, die nie an Grippe erkranken, auch wenn sie sich oft unter vergrippten Leuten bewegen und vom Virus regelrecht überschwemmt werden. Es gibt verschiedene Konstitutionen, und es wird als völlig normal betrachtet, dass den einen der Stress auf den Magen schlägt, den andern aber Kopfschmerzen verursacht, und den Dritten allergische Reaktionen manifestiert. Das sind zwar oft lästige Themen, aber sie sind selten lebensbedrohlich, und sie können in aller Regel auch in kurzer Zeit auskuriert werden, sodass die Gesundheit wieder hergestellt ist.
- mal eine Klammer auf - was ist denn überhaupt Gesundheit?
Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Gesundheit folgendermassen:
"Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen."
Was im Klartext bedeutet: kein Mensch ist vollkommen gesund! Niemand erlebt während eines ganzen Lebens, während der ganzen Zeit, in allen Situationen vollkommenes Wohlbefinden. Der Theologe, Philosoph und Arzt Manfred Lütz weist darauf hin, dass gesund nur jene Person ist, die nicht genügend untersucht wurde; spätestens nach fünfzig Untersuchungen wird mit Sicherheit irgend ein pathologischer Wert gefunden werden, den man behandeln könnte. Verschieden ist lediglich das Mass der Krankheit.
Hier scheint eine andere, spirituelle Definition angemessener zu sein. Wir leben in der Welt der Relativität, wo es das Absolute nicht gibt, also auch keine absolute Gesundheit; bestimmt hatte auch Jesus irgend etwas: einen zu hohen Cholesterinwert vielleicht, oder Akne, oder sonst ein Zipperchen, das ihn unter die Kategorie der Kranken gehören liess; von Buddha gar nicht zu reden, der mit seiner Leibesfülle eindeutig adipös war und - nach heutigen medizinischen Standards - womöglich unter einer Essstörung gelitten hat, mit seinen Phasen des Fastens und Essens.
Ein Zustand des Geheilt-Seins, oder auch der Heiligkeit, sowohl körperlich wie geistig verstanden, kann nicht über medizinische Laborwerte definiert werden, auch nicht über vollständiges Wohlbefinden zu jeder Zeit; sinnvoller scheint ein Fokus auf eine Ganzheit, die darin besteht, dass alle Aspekte und Facetten des Menschen auf das gleiche Ziel ausgerichtet sind, sich gegenseitig unterstützen, und so die Quelle inneren Friedens sind.
Innerer Frieden bedeutet nicht, dass immer Wohlbefinden da ist; es bedeutet eher, dass man sich auch in unangenehmen und schmerzhaften Situationen in diesen Frieden begeben kann, und was immer gerade passiert, es ist in Ordnung. Man kann es annehmen, die Wahrheit sehen, sie bejahen, und daraus das Beste machen. Wer in dieser Heiterkeit und in diesem Frieden ist, kann wie Sokrates einen Giftbecher ohne Angst annehmen und trinken, und damit die ultimative Krankheit des menschlichen Körpers, den Tod.
Wie schon oben erwähnt, schafft Krankheit einen ganz bestimmten Erfahrungsraum. Das heisst: jede Krankheit schränkt den Körper oder die geistigen Fähigkeiten auf bestimmte Weisen ein, zwingt zur Ruhe oder zu einer bestimmten Verhaltensweise; je schwerer die Krankheit oder Behinderung ist, desto mehr definiert sie, was ein Mensch unbedingt tun muss, um weiter zu leben, aber auch, was nicht mehr getan werden kann, oder was zumindest deutlich schwerer fällt. Rüdiger Dahlke und Thorwald Dethlefsen haben in ihrem Buch "Krankheit als Weg" viele Vorschläge gebracht, wie einzelne Krankheiten gedeutet werden können, und wie man damit umgehen kann.
Jede Krankheit hat eine bestimmte Sprache und somit auch eine Bedeutung und eine Botschaft - wer Ohren hat zu hören, der höre!
Wer von einer Erkältung eine verstopfte Nase hat, mag sich fragen, wovon habe ich die Nase voll? Wer Rückenschmerzen hat, mag sich fragen, woran trage ich so schwer? Wem der Bauch wehtut, mag fragen, was habe ich da geschluckt, was ich nicht verdauen kann? Krankheit fordert zu Ehrlichkeit auf, sie ist eine Aufforderung: sieh hin! Hier hast du noch etwas zu tun! - und tatsächlich ist es oft, wenn auch nicht immer so, dass eine Auseinandersetzung mit dem symbolischen Aspekt einer Krankheit dazu führt, dass die körperlichen Symptome gelindert werden oder gar ganz verschwinden.
Je akuter und jünger eine Krankheit ist, desto einfacher ist es in der Regel, sie zu behandeln, und desto oberflächlicher sind die damit verbundenen emotionalen und mentalen Themen. Bei der Erkältung im Winter ist es meist völlig ausreichend, sich ein paar Tage mit einer Kanne heissen Tees aufs Sofa zu fläzen, nichts zu tun und dem Körper die Ruhe zu gönnen, die er braucht, um wieder gesund zu werden.
Wenn eine Krankheit die Folge eines Fehlverhaltens ist, das über Jahre stattgefunden hat, geht die Sache schon deutlich tiefer; entsprechend sind auch die emotionalen Themen, die damit verbunden sind, schmerzhaft und schwer anzuschauen. Ganz extrem ist dies bei Essstörungen zu sehen, wo viele Menschen sehr starke körperliche Schmerzen und auch dauerhafte Schädigungen in Kauf nehmen, bloss um sich nicht mit ihren Emotionen auseinander setzen zu müssen; und auch jene, die diesen Schritt wagen und die Emotionen durcharbeiten, werden meist für den Rest ihres Lebens sehr bewusst mit Nahrung umgehen müssen.
Wenn es dann um Krankheiten geht, die man von Geburt her mitbekommen hat, ist es noch einmal anders, da geht es oft um Lebensaufgaben. Es geht dann nicht in erster Linie darum, die körperlichen Symptome zu beseitigen und gesund zu werden im Sinne "normale medizinische Werte" - es geht eher darum, den Frieden mit sich selbst und der Welt zu schliessen, und die Krankheit als Wegweiser für die eigene Entwicklung zu nutzen. Ein Beispiel für diese Art von Krankheit ist der Schriftsteller Aldous Huxley, der vor allem durch seinen visionären Roman "schöne neue Welt" bekannt geworden ist; er selbst litt an einem schweren Augenleiden, woran er fast erblindete. Er fand dann einen Lehrer, der ihm Augen- und Bewusstseinsübungen vermittelte, die die Blindheit abwendeten; das Resultat davon war eine Sehfähigkeit auf der körperlichen Ebene, die zwar nicht perfekt, aber doch annehmbar war - auf der anderen Seite aber sind ihm geistige "Augen" gewachsen und eine sehr scharfe Sicht auf Gesellschaft und ihre mögliche Zukunft.
Fazit: Gott lässt Krankheiten zu, da Er selbst es ist, der Sich in menschliche Gestalt begibt, um eine Vielfalt von Erfahrungen zu erleben; Erfahrungen, die nur möglich sein können, da es Kontraste gibt, so wie der Kontrast von (relativ) krank und (relativ) gesund. Ebenfalls hat er dafür gesorgt, eine Notbremse einzubauen, es gibt eine Grenze des Leides: wo es zu viel wird, verlässt die Seele den menschlichen Körper wieder und geht zurück in die Einheit, reifer, weiser und mitfühlender, als sie es vorher war.
© BarbaraSeiler
2007 - www.spiriforum.net
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