Bewusstsseinsskala nach Hawkins
Ebenen 80-120 - Angst

Der mentale oder Luft-Aspekt der Erde stellt die nächste Herausforderung auf dem Weg durch die Skala dar: Angst, Grübeln, Gedanken wälzen, chronischer Stress und Panik.

Körperliche Ebene

Auf der körperlichen Ebene ist Angst eine gesunde und sinnvolle Reaktion: Das Ego und dessen im Körper gespeicherte Programme reagieren auf eine Gefahr, die das Wohlbefinden oder gar die Existenz des Körpers bedroht. Und der Körper bereitet sich darauf vor, dieser Gefahr zu begegnen. In der Biologie wird dies die "Kampf- oder Flucht-Reaktion" genannt. Deane Juhan beschreibt in Körperarbeit - die Soma-Psyche-Verbindung diese Reaktionen folgendermassen:

Im ersten Schritt kommt es zu einer unmittelbaren Erregung des Zentralnervensystems, ein Zustand erhöhter Wachsamkeit stellt sich ein. Diese Erregung ebnet den Weg für weitere Reaktionen, darunter als unmittelbare Folge die Erhöhung des Muskeltonus und Förderung sensorischer Reflexe und muskulärer Kontraktionen, die die gesamte Muskulatur in höchste Bereitschaft versetzen.

Als Folge dieser Aufladung von Nervensystem und Muskelgewebe vertieft sich zwangsläufig die Atmung, der Puls beschleunigt sich, und der Blutdruck steigt. Zusätzlich verändern die Arteriolen des Kreislaufsystems ihre relativen Durchmesser, um die erhöhten Blutmengen von Magen und Darm umzuleiten und den Skelettmuskeln und dem Nervensystem zuzuführen. Die Milz gibt eine Extraportion roter Blutkörperchen ins Blut ab, um den aufgeladenen Muskeln mehr Sauerstoff zu geben und grössere Kohlendioxidmengen abzutransportieren.

Die Verdauung stockt. Oder genauer, wir verdauen keine Nahrung mehr in Magen und Darm und fangen an, uns selbst zu verdauen. Zellen in der Leber und in anderen eiweissreichen Geweben werden abgebaut, um Glukose, den Schnelltreibstoff für die Muskeln, zu erzeugen. Auch Fettgewebe wird katabolisiert.(...) Damit ist die Liste noch keineswegs vollständig.

Angst bedeutet auf der körperlichen Ebene: einen Teil von sich selbst zu opfern - im wörtlichen Sinn zu verzehren - um den Körper zu retten. Diese Reaktion - die nicht nur durch Angst hervorgerufen werden kann, sondern durch Stress allgemein - ist auch nicht schädlich für den Körper, wenn er nur genug Zeit bekommt, um sich zu regenerieren. Die Yang-Phase der Aktivität und Bereitschaft zum Kampf muss ausgeglichen werden durch eine Yin-Phase von Ruhe und Erholung, in der das Verdauungssystem aktiv ist, wobei dies sowohl für den Körper wie auch für den Geist gilt.

Undienlich wird diese Reaktion, sobald sie chronisch wird. Ständiger Stress - und ständige Angst - können dazu führen, dass der Körper sich selbst vergiftet. Dies begünstigt laut Juhan zahlreiche negative Effekte wie hohen Blutdruck, Magengeschwüre, Arteriosklerose, Unterdrückung des Immunsystems und in Folge davon Anfälligkeit für Krankheiten und Infektionen aller Art.

Emotionale Ebene

Die Emotion, die die Angst begleiten, sind ist eine Spiegelung der körperlichen Vorgänge. Angst ist die Angst des Egos, die Kontrolle zu verlieren. In den Ebenen unter 500 / Liebe herrscht der Glaube, dass die Welt kontrollierbar sei, und dass sie kontrolliert werden muss. Dieser Glaubenssatz ist allerdings ein Irrtum, denn die Welt ist nur sehr begrenzt kontrollierbar. Viele Dinge geschehen, die ausserhalb unseres Einflussbereiches sind. Und die allerwichtigsten Dinge - Gefühle von Geborgenheit, Sicherheit und Liebe - liegen vollständig ausserhalb der Kontrolle des Egos. Sie können nicht gekauft oder erzwungen werden. Es sind Seelenqualitäten, und als solche sind es immer Geschenke und eine Gnade. Diese manifestieren sich ab der Ebene 200/Mut, und dann in ihrer ganzen Fülle ab der Ebene 500 - Liebe.

Eine dauerhafte Angst wirkt sich nicht nur auf der körperlichen, sondern auch auf der emotionalen Ebene belastend aus. Angst blockiert - Angst kann sich anfühlen wie ein böser, dunkler Strudel, wie eine kalte Hand, die alles zusammenpresst, Angst befördert Fantasien der unangenehmsten Art, Angst verzerrt die Wahrnehmung der Realität, Angst ist ein Alptraum...

Es gibt viele Ängste: die Angst zu versagen, die Angst vor Krankheit, die Angst vor Armut, die Angst vor den Reaktionen anderer Menschen... doch alle diese Ängste lassen sihc auf eine Grund-Angst zurück führen: die Angst des Egos, nicht zur existieren. Diese Angst ist durchaus berechtigt, weil das Ego nur eine relative Existenz besitzt. Es ist lediglich ein von der Seele erschaffenes Werkzeug, das dazu dient, hier auf der Erde zu navigieren. Angst entsteht dann, wenn sich ein Mensch mit diesem Ego identifiziert - wenn jemand sagt "ich bin mein Körper, ich bin dieser Mensch" - wo doch der Mensch mehr ist als sein Körper und dessen Eigenschaften. Diese Angst kann überwunden werden durch die Erkenntnis, dass ich nicht ein Ego, und nicht ein Körper bin; sondern ich bin mehr, eine Seele, eine Facette des göttlichen Seins.

Dieser Irrtum - die Identifikation mit dem Ego anstatt der Seele - erzeugt Angst. Der Mensch, der sich mit seinem Ego identifiziert - und das tun die allermeisten, denn so wird es von Kindsbeinen an gelernt und eingeprägt - wird alle Hebel in Bewegung setzen, um diesen Irrtum aufrecht zu erhalten. Und das geschieht durch Versuche, die Welt zu kontrollieren und im Aussen Sicherheit zu finden. Sicherheit durch materiellen Wohlstand, oder durch dicke schützende Wände, oder durch ein gut gepolstertes Bankkonto, oder durch Akzeptanz des Umfelds - da gibt es viele Möglichkeiten. Doch alle diese Möglichkeiten vermögen nicht mehr, als ein kurzfristiges Gefühl von Sicherheit zu schaffen; auf lange Sicht funktionieren sie nicht. Wahre Sicherheit, die unabhängig ist von äusseren Umständen, ergibt sich erst durch die Erkenntnis, dass ein Mensch nicht in erster Linie ein Ego ist, sondern ein Aspekt des Göttlichen. Und erst dann wird die Angst nicht mehr da sein, da es keinen Grund für sie gibt.

Eine Herausforderung in der westlichen Gesellschaft ist, dass viele Gefahren nicht mehr so konkret und einfach wahrnehmbar sind wie ein wildes Tier oder eine Naturkatastrophe, sondern viele Gefahren als abstrakt, unsichtbar und unberechenbar vermittelt werden - die Angst vor unsichtbaren Viren, die Angst vor Terrorismus, aber auch die Angst, die Arbeit zu verlieren, die Angst vor Armut. Es ist hier nicht ein, sondern viele Damoklesschwerter, die über den Köpfen hängen, und die Medien tun ihres dazu, diese Ängste zu verstärken. Mensch fühlt sich gegenüber diesen übermächtigen und heimtückischen Kräften hilflos und macht sich selbst so klein wie möglich in seinem Winkel.

Mentale Ebene

Hier kommt das erste Mal das bewusste Erleben und Nachdenken ins Spiel. In der Ebene 0 - 40 von Scham und Schuld sowie den Ebenen von 40 - 80 von Apathie und Trauer spielt das Denken noch keine besonders grosse oder wichtige Rolle. Die Gedanken sind da und werden passiv erlitten.

Bei der Angst wird das Denken allerdings zu einem Nachdenken und auch zu einem Vor-Denken, zu einem aktiven Prozess, worin viele Menschen eine beachtliche Kreativität entwickeln, indem sie lebhaft und farbig sich alle möglichen Gefahren ausmalen. Angst ist auf die Zukunft ausgerichtet, auf all die schlimmen Dinge, die möglicherweise passieren könnten - und indem über Zukünftiges nachgedacht wird, wird dieses Erleben in der Gegenwart schon manifestiert. Oft werden vor-gedachte angsterregende Situationen als deutlich schlimmer empfunden, als dieselben Situationen, wenn sie dann tatsächlich eintreffen. Dieses Denken ist sehr stark mit der emotionalen Ebene verbunden und interagiert mit ihr. Viele Menschen schränken ihr Leben extrem stark ein, aufgrund von realen oder auch eingebildeten Gefahren, und verwehren sich auf diese Weise selbst viele bereichernde Erfahrungen.

Oft geschieht dieses Denken nicht über sich selbst, sondern für andere Menschen, besonders für die eigenen Kinder, um deren Leben man fürchtet, und die man vor allem Bösen beschützen will.

Angst ist weit verbreitet. Diktatorische Regimes arbeiten sehr gerne mit Angst, indem sie ihre Bürger bedrohen, sie gefangen nehmen, foltern, entführen. Dadurch hoffen sie, die Menschen blockiert, unbeweglich und gehorsam zu halten – und das gelingt ihnen auch immer wieder bei einem grossen Teil der Bevölkerung. Bei uns im Westen sind diese Mechanismen etwas subtiler, aber dennoch stark präsent. In den durchschnittlichen Fernsehnachrichten hat der grösste Teil der gesendeten Themen mit Angst zu tun – Unfälle, Attentate, Krieg, Naturkatastrophen, Firmenschliessungen, Entlassungen... und PolitikerInnen spielen oft auch mit dieser Angst, indem sie sich als RetterInnen in der Not präsentieren, mit dem System: zuerst die Angst schüren, nachher sie auflösen und sich selbst als ErlöserIn präsentieren.

Spirituelle Ebene

Angst ist der mentale Ausdruck des Egos, das erkennt, dass es vergänglich ist, und dabei nicht weiss, dass die Seele das Wesentliche ist. Angst entsteht aufgrund von falschen Vorstellungen, indem der Körper als das Wesentliche und Eigentliche des Menschen identifiziert wird, kombiniert mit dem Wissen und dem Bewusstsein, dass der Körper vergänglich ist und der daraus folgenden Idee, dass unser Sein nach dem Tod zerstört werden wird.

Spiritualität ist, nach dem Sinn des eigenen Lebens zu suchen und diesen Sinn selbst zu kreieren. Spiritualität ist auch das, was unser Herz zum Singen bringt, unsere tiefsten Visionen und Träume - die ihrer Natur nach oft etwas verrückt, unkonventionell und grossartig sind. Sie zu verwirklichen, bedeutet auch immer, Risiken einzugehen. Das können finanzielle Risiken sein, aber auch das Risiko, sich selbst als Persönlichkeit sichtbar zu machen, was auch bedeutet: Stellung zu beziehen und für die eigene Arbeit klar und deutlich einzustehen. Was praktisch notwendigerweise zur Folge hat, dass man auf Widerstand stossen wird. Nicht allen Menschen gefällt, was man tut - einige sind sogar sehr kategorisch dagegen. Angst kann einen Menschen daran hindern, das zu tun, "wofür er/sie gemeint ist", denn Angst sorgt dafür, unauffällig und angepasst zu bleiben. Und umgekehrt bedeutet jeder spirituelle Weg auch, sich früher oder später den eigenen Ängsten zu stellen, durch sie hindurch zu gehen und die Dinge, die getan werden müssen, trotz allem zu tun. Was ein herausfordernder Weg ist, aber auch ein sehr befriedigender Weg.

Literatur
David R. Hawkins: Die Ebenen des Bewusstseins. Von der Kraft, die wir ausstrahlen
Deane Juhan: Körperarbeit - die Soma-Psyche-Verbindung - ein Lehrbuch

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© Barbara Seiler 2008 - www.spiriforum.net
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