Alle Menschen brauchen Mystik. Wir alle brauchen dieses Gefühl von Schwerelosigkeit, Mühelosigkeit und Hingabe, in dem sich das Ego verabschiedet hat und wir wir selbst sein dürfen. Es entspannt, macht glücklich und gesund. Es sagte mal jemand: nur das? Nun, wenn das nicht schon mehr als genug ist...?
Mystik ist etwas Alltägliches, Menschliches - etwas, das zur Basisausrüstung aller Menschen gehört: das Erleben, dass Du Auch Gott Bist. Das Erleben, dass ein Mensch mehr ist als ein auf der Erde lebender Körper. Es geht um jenes Wesen, dass sich dem Mose in Form eines brennenden Dornbuschs vorgestellt hat: «ich bin der/die ich bin»
Es geht nicht darum, Visionen von Engeln und Teufeln zu haben; es ist nicht nötig, sich auf die einsame Insel oder in die Wüste zurück zu ziehen, tagelang zu meditieren, zu fasten oder sich anderem Ungemach auszusetzen, um es zu erleben. Es reicht... die Kontrolle loszulassen, im Moment zu leben und einfach zu SEIN.
Mystik wird von vielen Menschen als etwas wahrgenommen, was ausserhalb ihres Erlebens ist, und als etwas, was sie auch nicht wollen. Etwas unheimlich. Etwas abgehoben. Etwas, was im Alltag keinen Platz findet... und wenn man Berichte über die bekannten MystikerInnen liest, oder auch ihre Werke, so scheint sich der Eindruck zu bestätigen. Da ist die Rede von Visionen, die so klar erscheinen wie die gewöhnliche Welt; es ist die Rede davon, dass nichts mehr wichtig ist, ein Aufgehen im Nichts, möglicherweise auch im Nirvana, ein Zustand, der alles andere als alltagstauglich scheint. Dies alles ist nicht falsch; aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit.
Mystik ist nichts, das nur Heiligen, Verrückten und DrogenkonsumtentInnen vorbehalten ist. Es ist auch nichts Seltenes; die meisten Menschen kennen und erleben regelmässig mystische Zustände, wenn sie sie nicht unbedingt als mystisches Erlebnis definieren würden.
Es ist die Psychologie, die einen anderen, bodenständigeren Zugang zur Mystik anbietet, unter dem neudeutschen Namen "Flow-Erlebnis"
Der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi definiert den Flow folgendermassen:
Es ist das Gefühl, das bei konzentriertem Spiel entstehen kann; das Gefühl, in dem wir einfach handeln, und im richtigen Moment der richtige Handgriff da ist, ohne Anstrengung, ohne dass wir ihn suchen müssten. Es ist das Gefühl, wenn wir so sehr in unserer Tätigkeit versinken, dass wir den Rest der Welt nicht mehr wahrnehmen. Das Ego hat sich verabschiedet; die Kontrollsysteme unseres Seins sind für den Moment ausser Kraft gesetzt. Wir sind reines Tun, reines Sein. Es sind Augenblicke, in denen wir eine Perfektion fühlen, die nicht von dieser Welt ist, und doch sind wir gut und stark in der Welt verankert und handeln in ihr. Es ähnelt dem Surfen: das Wasser liefert die Energie für das Vorwärtskommen, ich als Mensch habe lediglich die Aufgabe, das Gleichgewicht zu behalten und innerhalb der Welle den optimalen Punkt zu finden.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um in den Fluss einzutauchen. Die spirituellen und religiösen Traditionen der Welt haben ein riesiges Arsenal an den verschiedensten Werkzeugen, um dies zu erreichen: Gebete und Meditation, Arbeit mit Klängen, Farben, Gerüchen und Formen, Fasten, die Beschränkung von Sinnesreizen wie bei der sitzenden Zen-Meditation, körperliche Arbeit wie bei christlichen (und anderen) Mönchen, die Arbeit mit Symbolen, Worten und Sätzen... die Auswahl ist fast unbegrenzt, für jeden Geschmack ist etwas dabei.
Um diese Qualität des Erlebens in den Alltag zu integrieren, ist es zu grossen Teilen nicht notwendig, sich extra Zeit für spirituelle Übungen zu reservieren. Das Ziel ist eher, das ganze Leben und jede einzelne Handlung spirituell zu machen – sie mit Achtsamkeit, Konzentration und Hingabe auszuführen. Wenn ich stehe, dann stehe ich – wenn ich koche, dann koche ich – wenn ich singe, dann singe ich – wenn ich putze, dann putze ich.
Flow kann dann entstehen, wenn ich mir erlaube, das, was ich tue, mit dem grössten Bewusstsein und mit der grössten Achtsamkeit zu tun. Flow muss aber allerdings nicht entstehen, und sein Entstehen kann vom Ego kontrolliert werden – Flow ist immer ein Geschenk der Ego und Seele an ihre 3D-Repräsentation, den Menschen. Flow bedeutet, dass das Ego zurück tritt und der Seele Platz zum Wirken lässt.
Dieses Flow-Erlebnis kann grundsätzlich bei allen Tätigkeiten auftreten. In einer grossen Reinheit und Klarheit, und in der Form, wie es sehr vielen (erwachsenen) Menschen zugänglich ist, ist während dem Sex und ganz besonders während des Orgasmus. Der Orgasmus ist ein besonderer, im wörtlichen Sinn unbeschreiblicher Moment, er lässt sich nicht in Worte fassen. Man muss es erlebt haben, um zu wissen, was es ist; es ist nährend, entspannt und schenkt auch lange nachher noch tiefe Freude und ein Gefühl von Wohlbefinden.
In einer weniger intensiven Form kommt das Flow-Erlebnis oft dann, wenn wir etwas tun, was wir sehr gut können und lange geübt haben: während des Musizieren, oder während des Autofahrens, oder während der Arbeit, wenn es hektisch ist und da keine Zeit mehr zum Überlegen ist, sondern man tut, was immer zu tun ist. Die richtigen Handgriffe folgen einander präzise aufeinander, alle im richtigen Moment, es ist nich tmehr ein «ich handle» sondern »es handelt durch mich». Es ist der Zustand, in dem Spitzenleistungen auf allen Gebieten möglich sind – was ironischweise erst dann passieren kann, wenn das Ego darauf verzichtet, an Spitzenleistungen denken zu wollen.
Repetitive Tätigkeiten wie Stricken, Gartenarbeit oder Gemüse schneiden erzeugen oft einen leichten, sehr angenehmen und entspannenden Flow: die Hände arbeiten ruhig vor sich hin, der Geist schweift entspannt umher, die Welt ist in Ordnung. Interessanterweise kommt keine Langeweile auf; Langeweile kann nur dann existieren, wenn sich der Körper nicht bewegt. Sobald wir in Bewegung sind, und sei es nur die kleine Bewegung des Gemüse-Schneidens, können alle möglichen Gefühle und Emotionen hoch kommen, aber keine Langeweile.
Intensiver ist der Flow bei anspruchsvolleren Tätigkeiten, die die ganze Aufmerksamkeit fordern und die intensiv geübt werden müssen. Eine dieser Tätigkeiten ist das Musizieren. Jeder Musiker geht zuerst durch eine lange Phase als Anfänger, in der Musik einfach schrecklich klingt, falsch und ungeschickt; doch durch das Üben kommt die Meisterschaft, und mit der Meisterschaft kommt jene Leichtigkeit, wo nicht mehr der Musiker ein Stück spielt, sondern wo die Musik wie von selbst durch den Musiker fliesst und in die Existenz kommt. Ein analoges Gefühl ist der perfekte Schlag im Tennis, der perfekte Wurf im Basketball, ein in wenigen Minuten gemaltes Aquarell in einer Perfektion, die nur durch langes Üben kommt.
Ein mystisches oder Flow-Erlebnis kann nicht erzwungen werden, da es darum geht, alle Kontrolle loszulassen. Es ist aber möglich, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, damit ein Flow-Erlebnis – oder ein mystisches Erlebnis – eintreten darf.
Bevor sich diese Leichtigkeit einstellt, kommt in der Regel zuerst eine Durststrecke, eine Zeit, in der gar nichts zu funktionieren scheint und alles nur noch mühsam ist. Doch wer durchhält und einfach weitermacht, ganz egal, ob das Resultat befriedigend erscheint oder nicht (auch eine Methode, das Ego loszulassen; es ist das Ego, das bewertet und kritisiert) wird unweigerlich diesen Moment erleben, früher oder später.
Ein scheinbarer Widerspruch besteht darin, dass zuerst eine Tätigkeit bewusst geübt und beherrscht werden muss – also bewusst vom Ego her gearbeitet werden muss – bevor sich ein Flow einstellen kann, bei dem das Ego sich selbst zurück stellt. Wäre es nicht einfacher, das Ego gleich von Anfang an aus dem Spiel zu lassen?
Ken Wilber beschreibt in «Eros, Kosmos, Logos» die Entwicklung des Menschen: geboren wird ein Baby ohne Ego. Ein Baby kann nicht von Geburt an unterscheiden, was zu seinem Körper gehört und was nicht; es hat keinen Begriff von «ich» und «du». Es fühlt sich aufgehoben in einem «ozeanischen» Seinszustand, in dem es keine Differenzierungen gibt.
Im Lauf der Zeit bildet das Kind ein Ego aus. Es lernt wahrzunehmen, dass der eigene Körper verschieden ist von der Umgebung; dass es verschieden ist von seinen Eltern und anderen Menschen. Es lernt den eigenen Körper zu beherrschen bis zum Alter von ungefähr 7 Jahren, es lernt soziale Fähigkeiten bis zum Anfang der Pubertät, es lernt seine mentalen Fähigkeiten und sexuelles Empfinden kennen bis zum Ende der Pubertät. Und während dieser ganzen Zeit besteht eine grosse Chance, dass es vollständig das ozeanische Gefühl der Einheit vergisst und sich selbst je länger je mehr als vom Rest der Welt klar getrenntes Wesen wahrnimmt.
Ein mystisches Erlebnis ist nun ein solches, das das Gefühl der Einheit wieder hervorruft – allerdings ohne dass die Ego-Schicht dabei vergessen geht. Es ist nicht mehr das ozeanische Gefühl, wo sich alles undifferenziert auflöst und ineinander übergeht – es ist eine neue Erfahrung, bei der die Schicht des Ego-Bewusstseins vollständig erhalten bleibt. Zusätzlich dazu kommt die Erkenntnis und das Erleben, dass das, was das Ego definiert, nur ein kleiner Teil dessen ist, was mein «ich bin», mein ganzes Mensch-Sein ausmacht.
Der französische Theologe Jean-Yves Leloup hat geschrieben, dass ein Mensch zuerst ein Ego haben müsse, bevor er es überwinden könne. Mystik bedeutet nicht, dass das Ego zerstört wird. Es bedeutet, dass der Mensch erfährt, mehr als ein Ego zu sein – nämlich eine lebendige Seele. Mystik ist ein Weg vorwärts zu neuen Ufern, nicht ein Weg rückwärts zu einem quasi-kindlichen Zustand. Und darum ist es wichtig, zu üben.
© Barbara
Seiler 2008 - www.spiriforum.net
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Ken Wilbers gross angelegte Schau der menschlichen Entwicklung von der Vergangenheit bis zur näheren Zukunft - mit höchst bereichernden und oft überraschenden Gedankengängen:
In seinen Übersetzungen und Kommentaren apokrypher und kanonischer Evangelien erforscht Jean-Yves Leloup den Urgrund des Seins mit starkem Bezug zu den vielfältigen christlichen Traditionen.