Vom Glauben und Wissen

Eine Famlie zur Weihnachtszeit. "Komm, wir gehen das Christkind suchen - bestimmt ist es irgendwo da draussen und wir können es beobachten, wie es die Geschenke verteilt!" - "Nein, ich will nicht, das Christkind ist bloss ein Märchen! Es ist nämlich Mama, die die Geschenke unter den Baum legt!" antwortet die kleine Schwester mit der ganzen Kraft eines aufgeklärten Kindergartengeistes. "Gehen wir trotzdem!" mischt sich der Vater ein, der die Familientraditionen schätzt und dem es bedeutend an Weihnachtsstimmung fehlen würde, wenn darauf verzichtet würde, in einem Abendspaziergang die Lichter zu geniessen und das Christkind zu suchen....

Was geglaubt wird und was gewusst wird - scheinen auf den ersten Blick eindeutige Schubladen zu sein: Was wir wissen, das ist das Sichere, Unanfechtbare, das Materielle und das Feste - was wir glauben, ist das Wolkige, das Vermutete, das Erahnte, das Unbewiesene. Allerdings:

Was wissen wir mit Sicherheit?

Auf den zweiten Blick ist das, was wir wissen, und das, was wir lediglich glauben, deutlich schwerer zu fassen. 

Ich glaube zu wissen, dass Grippeviren die Grippe verursachen - doch habe ich jemals einen solchen Virus gesehen, wie er krank macht? Nein, ich muss auf die Arbeiten von WissenschaftlerInnen vertrauen, die mir dies plausibel machen. Ich könnte genauso gut glauben, dass es böse Dämonen sind, die in meinen Körper eindringen und mir die Grippe bringen. Und auch wenn die zweite Erklärung eher ungewohnt ist, so ist sie dennoch nicht unbedingt schlechter als die erste Erklärung.

Ich weiss, dass ich ein Mensch bin. Doch weiss ich denn auch, was ein Mensch ist? Ich weiss - wiederum von wissenschaftlichen Arbeiten, über die ich lese - dass ich menschliches Erbgut besitze. Doch auch eine befruchtete Einzelle besitzt dieses, und ist doch kein Mensch. 

Ich weiss, dass Sonnenuntergänge etwas sehr Schönes sind. Doch was ist Schönheit? Warum nenne ich gewisse Dinge schön, andere nicht? Was steckt dahinter?

Und, ganz radikal: wer sagt mir denn, dass das, was ich erlebe und mit meinen Sinnen in mich aufnehme, nicht nur ein Traum und eine Illusion ist, und dass ich in Wirklichkeit etwas ganz anderes bin, als das, wofür ich mich halte?

Alles kann ich in Zweifel ziehen, alles - ausser eines: und das ist das Wissen darüber, dass ich bin. Ich bin mir bewusst, dass ich mich selbst als ein seiendes Wesen empfinde und erkenne. Meine Fähigkeit, darüber nachzudenken, bedingt schon als Basis mein Sein. 

René Descartes nahm diese Erkenntnis als die Basis seiner Philosophie: 

cogito, ergo sum - ich denke, also bin ich.

Was wir glauben müssen

Alles andere ist ein Inhalt unseres Glaubens - von unseren Erkenntnissen über die Welt bis hin zum religiösen Bekenntnis. 

Der Begriff des Glaubens wird auf verschiedene Weise benutzt:

Glaube und die Religion

Beim Wort "Glaube" kommt in der Regel als Erstes ein religiöser Glaube in den Sinn. 

Religiöser Glaube bedeutet als Erstes: ich halte die Tatsache für wahr, dass es einen Gott gibt, und ich bekenne, dass ich für wahr halte, dass dieser Gott bestimmte Eigenschaften hat. Dies drückt sich zum Beispiel im christlichen Glaubensbekenntnis aus, das folgendermassen lautet:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige katholische Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten
und das ewige Leben. Amen.

Als zweites ergeben sich aus diesem Für-Wahr-Halten theologischer Inhalte auch Konsequenzen für den Alltag. Ich glaube an Gott, bedeutet auch: ich vertraue auf die Wahrheit meines Glaubens, und dieser Glaube leitet mich in meinem Leben. 

Der Glaube an die Vergebung der Sünden erlaubt mir, mir selbst und anderen Menschen zu vergeben, was an Bösem und Leidvollem geschah. Der Glaube an einen liebenden Gott erlaubt mir, selbst liebevoll zu sein.

Umgekehrt funktioniert das natürlich ebenso: ein Glaube an einen strafenden, eifersüchtigen Gott erzeugt in mir Angst und Schuldgefühle, die mein Leben wesentlich bestimmen. 

Und was ist mit den Atheisten und Agnostikern, also mit jenen, die nicht wissen, ob es einen Gott gibt, oder die bekennen, dass sie nicht an einen Gott glauben? Der Glaube an das Prinzip namens Gott wird in aller Regel ersetzt durch den Glauben an ein oft sehr ähnliches Prinzip: der Glaube an die Natur, an die Selbstverantwortung des Menschen, an die Ethik... So sehr sich Bekenntnisse voneinander unterscheiden können, dennoch gibt es in aller Regel wenig Unterschiede zwischen den sogenannt Gläubigen und Ungläubigen, wenn es um die Regeln geht, wie der Alltag gestaltet werden muss. Da ist offenbar etwas, was sich für die allermeisten Menschen, unabhängig vom Bekenntnis, gut und richtig anfühlt.

Glaube und die Wissenschaft

Es ist ein Prinzip der Wissenschaft, dass nichts absolut gewusst werden kann. Nicht einmal die Mathematik, die strengste aller Wissenschaften ist vollständig sicher; denn ihre Axiome, die Grundannahmen, können nicht bewiesen werden, sie sind einfach "offensichtlich wahr". 

1 + 3 ist dasselbe wie 3 + 1.

Das kann nicht bewiesen werden, doch der Praxistest - ein einfaches Abzählen der Finger - bringt in allen Fällen dasselbe Resultat, nämlich 4. Und alle die komplexen Ableitungen, die auf einigen wenigen Axiomen aufgebaut werden, gehen von der Hoffnung aus, dass das, was intuitiv als "offensichtlich wahr" erkannt wird, auch tatsächlich wahr ist... und nicht, dass uns unser beschränktes Denken und Verstehen einen Streich spielt.

Noch weniger sicher ist das "Wissen" der Naturwissenschaften. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse gehen von Beobachtungen der Natur aus, und diese Beobachtungen werden dann interpretiert, und, mit etwas Glück und viel Arbeit, gelingt es, die Regeln zu formulieren, nach denen Naturereignisse funktionieren. Wenn durch Hilfe dieser Regeln vorausgesagt werden kann, wie ein bestimmter Vorgang ablaufen wird - und wenn das viele Male geschieht - so gilt diese Regel irgend einmal als bewiesen. Doch keine Regel ist fest und unverrückbar für immer, im Prinzip ist es möglich, dass das bestehende Wissen durch neue Erfahrungen jederzeit umgestossen werden kann. 

In der Naturwissenschaft handelt es sich also nie um ein absolut sicheres Wissen, sondern lediglich um Sachverhalte und Theorien, die durch eine Vielzahl von Beobachtungen sehr plausibel scheinen. Allerdings zeigt die Geschichte der Wissenschaft, dass bestehende Ideen immer wieder umgestossen wurden und durch andere Ideen ersetzt wurden. Sie zeigt auch, wie Ideen, die früher einmal neu, revolutionär und verrückt waren, sich langsam zu allgemein aktzeptierten und kaum mehr hinterfragten Wahrheiten verwandelten - und dann wiederum jene, die weiter gehen und das Selbstverständliche in Frage stellen, als verrückt und revolutionär gelten, bis wiederum ihre Ideen zum Allgemeingut geworden sind. 

Glaube und Wissen im Alltag

Auch im Alltag verlassen wir uns zu einem grossen Teil auf Dinge, die wir nicht wirklich wissen, die wir aber glauben - und von denen wir mit mehr oder weniger Gewissheit annehmen, dass sie eintreffen werden: 

Ein grosser Teil dieser Glaubenssätze ist unbewusst und so selbstverständlich, dass kaum darüber nachgedacht wird. Wichtige Ereignisse können allerdings dazu führen, diese Glaubenssätze zu hinterfragen. So wird heute, im Frühjahr 2009, der Glaubenssatz "mein Geld ist in meiner Bank gut aufgehoben" ziemlich sicher weniger geglaubt werden als noch vor einem Jahr, vor der grossen Finanzkrise, während derer viele Banken grosse Probleme bekamen und einige sogar zugrunde gingen.

Im Gegensatz zu wissenschaftlichen Methoden gibt es im Alltag aber auch eine Menge von Dingen, die wir sicher wissen:

... und das sind alles Dinge, die mit der subjektiven Wahrnehmung zu tun haben. Ich bin mir möglicherweise nicht sicher, was ich genau bin, was ein Mensch ist - vielleicht ist, alles, was ich wahrnehme eine Illusion, vielleicht liegt mein wirkliches Ich wie im Film Matrix in einem Tank und alles, was ich erlebe, wird mir vorgespiegelt - aber dennoch, ich weiss ganz sicher, dass ich das Gras grün sehe. Ich weiss ganz sicher, dass ich die Baumrinde rauh empfinde, wenn ich sie berühre. Daran kann ich nicht zweifeln.

Wie Glaubenssätze unser Leben bestimmen

Unser ganzes Leben wird von unseren Glaubenssätzen bestimmt - und wir haben Tausende, wenn nicht Millionen davon. Sie bestimmen wesentlich, wie wir die Welt wahrnehmen und vor allem, auf welche Weise wir diese Wahrnehmungen deuten und als Folge davon darauf handeln. 

Wer von allen Menschen nur das Beste erwartet, wird das Gute in allen Menschen sehen - wer in allen Menschen nur das Schlimmste erwartet, wird in allen Menschen nur das Schlechte sehen. Glaubenssätze sind wie Brillen, die unsere Wirklichkeit färben, gewisse Aspekte hervorheben und andere Aspekte unsichtbar machen. 

Es ist unser Glaube, der definiert, was wir uns selbst zutrauen, womit wir uns wohl fühlen und wo wir glauben zu versagen. Es ist unser Glaube, der bestimmt, ob wir Projekte anfangen, ob wir bei Schwierigkeiten aufgeben oder weitermachen, ob wir mit Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein auf andere Leute zugehen oder nicht.

Viele dieser Glaubenssätze sind nicht bewusst. Viele stammen aus der Kindheit und werden als so selbstverständlich wahr angenommen, dass sie noch nicht einmal als Glaubenssätze erkannt werden, sondern für unumstössliche Wahrheiten genommen werden. Wir tragen eine Brille und denken, es seien unsere Augen.

Glaubenssätze verändern

Auch wenn viele Glaubenssätze sehr hartnäckig und dazu noch unbewusst sind, sie sind nicht für das ganze Leben fest gemauert. Glaubenssätze können verändert werden, und indem sie sich verändern, verändert sich das ganze Leben.

Dieser Prozess beinhaltet folgende Stufen:

  1. Glaubenssätze identifizieren
  2. Neue, bessere Glaubenssätze finden
  3. die neuen Glaubenssätze verankern.

Der erste Schritt bedingt, das Unbewusste bewusst zu machen. Anlass dafür ist in der Regel, dass etwas im Leben nicht so funktioniert wie es sollte - dass da Ärger, Zweifel oder sogar Versagen ist.

Um das Unbewusste bewusst zu machen, gibt es eine Vielzahl verschiedener Vorgehensweisen aus Psychologie, Körperarbeit, Maltherapie, Musiktherapie und ähnlichen Methoden. Ihnen gemeinsam ist, dass zuerst spontan und ohne bewusste Kontrolle Inhalte produziert werden - im Gespräch, durch das Beantworten von Fragen, durch Malen udn Zeichnen - und dann diese Produktion unbewusster Inhalte analysiert und gedeutet werden. Die amerikanische Autorin Julia Cameron schlägt in ihrem Buch "der Weg des Künstlers" viele Übungen vor, die dabei helfen können, Glaubenssätze sichtbar zu machen.

Wenn ein Glaubenssatz erkannt wird, kann bewusst als zweiter Schritt ein neuer Satz gewählt werden, der den alten ersetzt. Wichtig ist dabei, das Neue positiv zu formulieren. Also nicht: "ich habe keine Angst mehr vor Menschen", sondern eher: "ich gehe selbstbewusst und mit Freude auf Menschen zu.". Nicht: "ich habe keine Mühe mehr, logische Zusammehänge zu verstehen", sondern lieber: "ich verstehe leicht und schnell logische Zusammenhänge."

Der dritte Schritt besteht darin, den neuen Glaubenssatz zu verankern und ihn sich zu eigen machen, und den alten, undienlichen Satz aus dem eigenen Leben zu entlassen. Das bedeutet, den neuen Satz auf allen Ebenen zu verankern: körperlich, mental, emotional und spirituell. Körperlich, indem Handlungen im Bewusstsein des neuen Glaubenssatzes durchgeführt werden; emotional, indem der neue Satz mit angenehmen Emotionen verbunden wird; mental durch die Disziplin des Denkens, indem immer, wenn der alte Satz auftaucht, bewusst der neue Satz gedacht wird; spirituell, indem der Sinn eines neuen Handelns erlebt wird. 

Glaubenssätze verändern - gibt es Abkürzungen?

In der esoterischen und psychologischen Literatur wird häufig Werbung mit Methoden gemacht, die das Verändern von Glaubenssätzen auf schnelle Weise versprechen. 

Eine der bekanntesten dieser Methoden ist das "positive Denken" - denke positiv, ersetze negative Gedanken durch positive Gedanken, alles ist paletti! 

Tatsächlich ist das bewusste Ausrichten auf positive Gedanken ein wesentlicher Aspekt der Arbeit mit den Glaubenssätzen - mentale Disziplin gehört auf alle Fälle dazu. Aber sie ist nicht der einzige Aspekt, und wer sich nur darauf beschränkt, wird nicht mehr als oberflächliche Veränderungen erzielen, während das Thema in der Tiefe immer noch da ist und weiterhin wirkt. Und so haben die Express-Methoden zu Recht an vielen Orten einen schlechten Ruf und gelten als Synonym mit "Realitätsflucht". 

Der Glaube kann Berge versetzen

Trotz aller berechtigten Skepsis an oberflächlichen Methoden ist die Arbeit mit Glaubenssätzen bereichernd und transformierend. Den passenden Glauben zu haben ist tatsächlich die Basis dafür, Berge zu versetzen - und dafür lohnt es sich, bewusst mit dem eigenen Glauben und auch dem eigenen Wissen umzugehen.

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© Barbara Seiler 2009 - www.spiriforum.net
Dieser Text darf unter Hinzufügung dieser Fussnote gerne weitergegeben werden.

Literaturhinweise

Julia Cameron stellt eine Fülle an Übungen vor, die dazu dienen, die eigenen Glaubenssätze bewusst zu machen. Ihr Fokus liegt auf der Aktivierung der Kreativität, doch das Buch lässt sich mit Gewinn auf alle Lebensbereiche anwenden.


In gewohnt amüsanter Manier reflektiert Terry Pratchett im Roman "einfach göttlich" über das, was Glauben ausmacht - über den menschlichen sowie den göttlichen Anteil daran.