Über die Sünde

pecca fortiter – sündige kräftig!

Esto peccator et pecca fortiter – sei ein Sünder und sündige kräftig! hat Martin Luther empfohlen. Also das Gegenteil davon, was üblicherweise von der Predigt eines Pfarrers erwartet wird. Wie, um Himmels (oder Teufels?) Willen kommt Luther auf eine solch absurd scheinende Empfehlung?

Es lohnt sich, den Begriff der Sünde etwas näher zu untersuchen. Denn wie der Begriff "Sünde" verstanden wird, ist eines der schönsten Beispiele davon, wie ein sinnvolles und lebbares Konzept vermurkst und verdreht wird, bis am Schluss nichts mehr davon übrigbleibt, das irgend einen praktischen Wert hat, sondern was im Gegenteil dazu dient, Menschen zu plagen oder sogar bewusst zu unterdrücken und verurteilen.... doch das muss nicht sein.

Was von Vielen unter Sünde verstanden wird

Sünde ist ein vielschichtiges Wort, das auf verschiedene Weisen benutzt wird. Mit Hilfe der Skala nach David Hawkins soll hier der Versuch gemacht werden, diese Vorstellungen in eine gewisse Systematik zu bringen. Die untere Hälfte der Skala von 0 – 500 – die die Ebenen der Erde, des Wassers und die untere Hälfte der Luft enthält – enthalten jene Vorstellungen, mit denen Sünde im kollektiven Bewusstsein verbunden ist.

Die Ebene der Erde – Schuld, Scham, Wut und Strafe

In manchen christlichen Gemeinden wird Sünde in erster Linie als falsches Verhalten verstanden; falsch in dem Sinne, als es ungehorsam gegen Gott sein soll. Falsch in dem Sinne, als Gott angeblich als Folge menschlicher Sünden traurig, wütend oder enttäuscht sein soll – und dass diese beleidigte Leberwurst von Gott dann die Sünder in die Hölle wirft. Ausser, er hat seinen guten Tag und lässt Gnade walten – Glück gehabt!

Die extremsten unter ihnen orientieren sich in ihrem Sündenverständnis an den untersten Stufen der Skala des Bewusstseins, den Ebenen von Scham und Schuld. Der Mensch wird als prinzipiell schlechtes, verdorbenes, böses Wesen definiert; der göttlichen Strafe kann nur dadurch entkommen werden, indem der Mensch seine eigene Schlechtigkeit erkennt und sich vorsorglich selbst bestraft. Dazu kann gehören, lautstark und öffentlich die eigene Schuld zu bekennen. Dazu gehört, sich selbst zu disziplinieren, strenge Askese zu üben, oder gar, sich selbst zu verletzen und verstümmeln im Rahmen religiöser Rituale.

Wenn es nicht gelingt, die Bedürfnisse des Körpers zu unterdrücken – indem zum Beispiel ein junger Mann in der Blüte seiner Jugend oft und häufig sexuelle Gedanken hegt – so wird dies als Beleg für die Schlechtigkeit des Menschen genommen, und als Beweis dafür, dass es einem Menschen unmöglich ist, göttlichen Ansprüchen zu genügen. Es wird auf Gnade gehofft – auf Gottes gute Laune – und darauf, dass das sich selbst zugefügte Leid in der göttlichen Buchhaltung dafür sorgen wird, dass die Waage zu eigenen Gunsten neigt.

Eine andere Variante dieses Verständnisses von Sünde richtet sich gegen aussen. Menschen, die nicht den eigenen Standards entsprechen, werden verachtet, gehasst, gemobbt oder verfolgt. Das Böse soll ausgerottet werden – wenn nötig, mit den Mitteln des Bösen selbst!

Die Folge dieses Bewusstseins sind unschön: vielfältige psychische Probleme, Unehrlichkeit und Heuchelei gegenüber sich selbst und anderen, das Leugnen des Verstandes, Unbarmherzigkeit und Lieblosigkeit gegenüber sich selbst und anderen, Arroganz und Herablassung gegenüber anderen Menschen.

Die Ebene des Wassers – Sünde als Verstoss gegen die Konventionen

In der Ebene des Wassers sind die wichtigsten Themen die Gemeinschaft und die Regeln, die die Gemeinschaft zu einem funktionierenden Ganzen machen. Sünde wird hier also vor allem verstanden als ein Brechen dieser Regeln – unabhängig, aus welchen Gründen es geschieht. Es kann sein, dass diese Regeln aus Ego-Motivationen heraus gebrochen werden, die aus den Ebenen von 0 – 200 stammen, also Scham und Schuld, Apathie und Trauer, Angst, Gier und Wut oder Stolz; oder aber sie können aus Gründen missachtet werden, die in der Skala weiter oben liegen, zum Beispiel wenn soziale Konventionen durch den 400 - Verstand als unsinnig erklärt werden oder als lieblos - Ebene 500 - erkannt werden.

In allen Fällen ist ein Ausbrechen aus den Konventionen und Regeln eine Bedrohung der Gesellschaft: Wenn Menschen sich nicht an die Regeln halten, so geht die Gemeinschaft zugrunde, und Sünde ist alles, was einen Menschen ausserhalb dieser Regeln stellt. In sehr engen Gesellschaften kann schon das Tragen eines Kleidungsstückes, das nicht standesgemäss ist, den Status der Sünde haben, oder das Benutzen von bestimmten Worten.

Diese Art des Fühlens und Handelns ist heute weit verbreitet, auch wenn der religiöse Kontext zu einem grossen Teil weggefallen ist. Es ist notwendig, viele – oft unausgesprochene – Codes zu befolgen, um in einer Gemeinschaft akzeptiert zu werden. Es ist oft notwendig, nicht allzu viele Fragen zu stellen, und nicht auf Ungereimtheiten hinzuweisen. Eine Frau, die ein Spaghettiträgertop zu unrasierten Achseln kombiniert, wird zumindest schräg angeschaut. Ein Mann, der eine allzu bunte Kravatte trägt, wird nicht für den Posten eines höheren Managers vorgeschlagen werden.

Die untere Hälfte der Luftebene – Dummheit

In der unteren Hälfte der Luft ist Dummheit die einzige und grösste Sünde. In unserer mental orientierten Welt ist es auch in gewisser Hinsicht die grösste Sünde – Menschen können gerne egoistisch, seltsam gekleidet, von unangenehmem Charakter oder lieblos sein, aber dumm dürfen sie nicht sein. Wer dumm ist, hat keinen Erfolg in der Schule – und folglich grösste Schwierigkeiten, einen Beruf zu finden und den Lebensunterhalt zu verdienen. Das ist ein Symptom unserer Zeit, das war nicht immer so. Es gab Zeiten, da es durchaus für nützlich empfunden wurde, wenn ein grosser Teil der Bevölkerung dumm war.

Sünde in der unteren Hälfte der Bewusstseinsskala

Es fällt auf, dass in der unteren Hälfte der Skala verschiedene Verhaltensweisen als sündig betrachtet werden, und gesellschaftlich sanktioniert werden – unter Umständen kommt zusätzlich noch die Drohung einer göttlichen Strafe hinzu. Andere Verhaltensweisen hingegen, die sich genauso schädlich auf Menschen und ihr Umfeld auswirken, werden viel nachsichtiger beurteilt. Diese Unterscheidungen sind allerdings nie willkürlich, sondern ergeben sich aus der inneren Logik der jeweiligen Bewusstseinsstufe und der Gruppendynamik.

In der oberen Hälfte der Skala verändert sich das Konzept von Sünde wesentlich. Es geht nicht mehr um Listen von erwünschten und missbilligten Verhaltensweisen, sondern es geht um die Erkenntnis, dass ein Mensch eine lebendige, verkörperte Seele ist – und das vergessen hat.

Trennung von Gott

Von der Etymologie her bedeutet Sünde eine "Absonderung, Trennung" - in dem Fall der Zustand des Getrennt-Seins von Gott. Wichtig ist hier festzuhalten, dass es um einen Zustand geht, und nicht etwas um eine Verhaltensweise; ebenso geht es auch nicht um persönliche Schuld. Die Situation des Menschen ist es, in einem Körper und mit einem Ego zu leben – getrennt von der Einheit. Zu sagen, dass der Mensch ein Sünder sei, ist nicht mehr als eine Aussage über die Situation des Mensch-Seins, ohne Wertung über gut und schlecht. Dies ist es, was in christlicher Sprache mit dem Begriff der Erbsünde gemeint ist.

Sünder oder Sünderin zu sein ist nichts Schlimmes – im Gegenteil, es ist ein Geschenk, zu grösserer Reife zu wachsen, mitfühlender, lebendiger und bewusster zu werden. Dieses Geschenk ist allerdings, wie das englische Wort «Gift» für Gabe andeutet, eine widersprüchliche und zweischneidige Sache – in demselben Sinn, wie das griechische Wort "pharmakon" sowohl ein Heilmittel wie einen giftigen Stoff bezeichnet.

Das Streben nach Wahrheit

In der christlichen Tradition wird Gott als Wahrheit definiert, der Teufel aber ist der Herr der Lüge. Sündig zu sein, bedeutet, dass man sich in gewissen Aspekten belügen lässt, sich selbst oder andere belügt. Das Problem sind nicht jene Lügen, die bewusst gewählt werden, sondern eher diese, die gar nicht bewusst sind, die aber dennoch - oder vielleicht gerade deswegen - einen äusserst starken Einfluss auf das eigene Leben haben. Es geht um jene Situationen, wo man merkt, dass etwas nicht zur Zufriedenheit funktioniert, doch weil es unbewusst ist, fehlt das Wissen, um diesen Zustand des Unfriedens verändern zu können.

Sündiges Handeln ist nicht mehr als ein Symptom des Getrennt-Seins vom Göttlichen. Es ist ein Zeichen dafür, dass ein Mensch sich im Irrtum befindet und sein wahres Wesen nicht erkennt. Der Ausgang aus der Sünde kann also nie darin bestehen, einen Katalog von Verhaltensweisen aufzustellen, sondern nur darin, dass ein Mensch seine Essenz erkennt und es wagt, sie zu leben. Dieser Mensch wird dann automatisch nicht mehr sündigen – er wird keine anderen verletzen, nicht mehr lieblos sein, nicht das zerstören oder wegnehmen, was anderen lieb und teuer ist – ein solcher Mensch braucht keine Verhaltenskataloge. Er wird aber vielleicht sogenannte Sünden begehen, indem er sich nicht an alle gesellschaftlichen Regeln hält, exzentrisch ist, brüskiert, und unangenehme Wahrheiten ausspricht.

Die Sünde in der Essstörung

Hier ein Beispiel: Magersucht, die Essstörung. Anorexie ist in aller Regel mit einer Selbstlüge verbunden, die ungefähr lautet: "ich bin fett, dick, hässlich und widerlich." Diese Lüge ist sehr stark; viele andere Menschen können kommen und erzählen, "nein, du bist nicht dick, du bist dünn; du bist sogar sehr dünn, gefährlich dünn, und du bist nicht hässlich, du bist schön", der betroffenen Person gelingt es einfach nicht, dies anzunehmen und zu glauben. Und sie hungert weiter.

Wohlgemerkt: dass eine anorektische Person unter dieser Definiton als sündig bezeichnet werden kann, bedeutet nicht, dass sie ein schlechter Mensch ist. Es bedeutet auch nicht, dass sie irgend etwas falsch gemacht hat, oder dass sie schuldig ist.

Es kann durchaus sein, dass die Sünde geerbt wird: zum Beispiel, indem Eltern oder Verwandte ein Kind sexuell missbrauchen oder gewalttätige behandeln, und einem Kind eine Last aufladen, dass es nicht anders zu tragen weiss, als seinen Körper mit maximaler Verachtung zu behandeln. Jede Seele, die sich bereit erklärt, eine solche Situation zu erleben, verdient höchste Wertschätzung - auch und gerade dann, wenn sie in ihren dunkelsten Stunden steckt.

Die Befreiung aus der Sünde bedeutet im Beispiel der Magersucht meist einen sehr langen Weg: der Weg, die emotionalen Inhalte zu betrachten und zu fühlen, die Verzweiflung, die Wut und den Schmerz zu erlauben, Wertschätzung für sich selbst zu lernen, wieder - oder überhaupt erst - essen zu lernen, Genuss zu lernen... wahrlich ein Gang durch die Hölle.

noch einmal: sündige kräftig!

Menschen lernen durch Erfahrung. Das Streben, die verlorene Verbindung mit dem Göttlichen wieder herzustellen, macht da keine Ausnahme: durch Erfahrung lernen wir, was weh tut und was gut tut, und wir lernen, wann wir uns im Frieden mit uns und der Welt fühlen, und wann wir hadern und zweifeln.

Zweifel – also Einflüsse des Teufels – können aber nur ausgeräumt werden, indem ihnen auf den Grund gegangen wird. Antworten wie «die Wege des Herrn sind unergründlich» sind nicht dazu geeignet, diese Zweifel auszuräumen und sie durch Gewissheit zu ersetzen. Erfahrungen schon. Wenn wir also alles, was wir tun, mit ganzem Herzen tun – und danach sorgfältig die Folgen unseres Tuns beobachten – so werden wir mit jedem Schritt besser lernen, was uns den himmlischen Frieden bringt, und was nicht.

Auf ein frohes Sündigen – zum Überwinden der Sünde!

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© Barbara Seiler 2009 - www.spiriforum.net
Dieser Text darf unter Hinzufügung dieser Fussnote gerne weitergegeben werden.

Literatur

die Bibel in der Übersetzung von Martin Luther

Die Bibel in der Sprache von Martin Luther ist nicht nur als erste deutsche Übersetzung eine Pioniertat, sondern beeindruckt noch heute durch ihre Sprachgewalt.


Tom Wolfe: Fegefeuer der Eitelkeiten

Ein Roman über den Weg eines Mannes, der die Konsequenzen seiner Sünde auf sich nimmt, und gleichzeitig ein scharf beobachtetes Portrait der amerikanischen Wall Street.