
Die Ebene der Liebe ist die Ebene, in der das Element Luft in seiner grössten Reinheit gelebt wird, die Luft der Luft auf Ebene 500. Es ist die Mitte der Skala, und es ist ein eintscheidender Wendepunkt. Die Ebenen unterhalb der Liebe – die bei Hawkins genau auf der Ebene 500 angesiedelt ist – sind grundsätzlich ego-bestimmt. Die Ebenen über 500 sind grundsätzlich von der Seele bestimmt. Der Fokus des Menschen verändert sich und erhält eine völlig neue Qualität.
Dieser Wendepunkt ist auch eine Grenze, die oft nicht leicht zu überschreiten ist. In der Ebene 499 kommt der Intellekt zu seiner grössten Blüte. Das ist ein Wert, den laut Hawkins viele bedeutende Wissenschaftler wie die Physiker Stephen Hawking und Albert Einstein, aber auch der Psychologe Sigmund Freud erreicht haben. Hier zeigt sich die Luft in ihrer grössten Reinheit, aber auch in ihrer grössten Abgehobenheit. Es ist die Sicht eines Vogels, der hoch über der Erde schwebt und eine hervorragende Übersicht hat – der aber selbst nicht eingebunden ist in das Geschehen. Es ist die Ebene der kühlen Beobachtung und der grösstmöglichen Objektivität. Es ist die Position, wo das Ego im Rahmen des Möglichen maximale Kontrolle ausüben kann. Es ist eine Ebene, die sich sehr gut anfühlt, nach einem Rausch von brillanten Geistesblitzen, schnellem und leichtem Verstehen, eine Losgelöstheit von banalen irdischen Themen...
Die Schattenseite dieser intellektuellen Brillanz ist, dass das Persönliche, das Subjektive, das Innerliche, das Körperliche vergessen geht. Intellektuelle Brillanz kann mit mangelndem Mitgefühl einhergehen, sowohl für sich selbst wie auch für andere. Und sie kann mit der Illusion verbunden sein, dass nur jenes real ist, was mit dem Möglichkeiten von rationaler Untersuchung und wissenschaftlicher Methodik bewiesen wurde. Ein grosser Irrtum, da doch weite Teile der menschlichen Erfahrung nie auf diese Weise bewiesen werden können – nicht das Gefühl, verliebt zu sein, auch nicht das Riechen einer Blume oder das Sehen eines Kunstwerks, nicht die gefühlte Antwort auf die Frage nach dem Sinn... alle diese wesentlichen Teile können nicht durch Nachdenken und Logik erarbeitet werden. Sie brauchen eine andere Qualität – eine Herzensqualität, eine Seelenqualität.
Wer über diesen Punkt der höchsten Ratio hinaus gelangt, kommt in den Bereich der Liebe hinein. Die weitere Bewegung auf der Skala erfährt eine Umkehrung. Indem sich ein Mensch in die höheren Ebenen bewegt, werden im Lauf dieser Entwicklung die bisherigen Ebenen der Luft, des Wassers und der Erde in umgekehrter Reihenfolge noch einmal bearbeitet und auf neue, bewusstere Weise integriert:
Die Ebene 400-500 ist die Ebene des Intellekts und des Verstandes; sobald ein Mensch die 500 überschreitet und in den Bereich der Liebe gerät, so wird er die Themen des Verstandes auf neue Weise, mit Liebe, bewerten. Konkret bedeutet das: Es ist möglich, einen Menschen bedingungslos anzunehmen, auch wenn er andere Ansichten und andere Meinungen hat.
Auf den Ebenen des Feuers von 600-800 werden die Themen des Wassers, also das Emotionale, auf neue Weise integriert. Das bedeutet, in diesem Bereich ist es möglich, einen Menschen bedingungslos anzunehmen und zu lieben, auch wenn er unsympathisch ist und mit negativen Emotionen assoziiert ist.
Auf den Ebenen der Quintessenz von 800-1000 werden dann die körperlichen Themen der Erde integriert: das bedeutet bedingungslose Liebe, auch wenn jemand anders die Existenz bedroht und das Leben des Körpers angreift.
Die Liebe zu leben beinhaltet verschiedene Aspekte und Facetten:
Liebe ist Vergebung. Vergebung wiederum bedeutet, Situationen anzunehmen, wie immer sie sind. Wer vergibt, nimmt die Vergangenheit an, wie sie war – ohne Beschönigungen und ohne Illusionen – und arbeitet auf dieser Basis weiter, ohne Rachegedanken ohne Verbitterung und ohne Grübeln.
Vergebung bedeutet nicht, so zu tun, als sei nichts geschehen oder die Realität zu leugnen; es bedeutet auch nicht, dass Konsequenzen ausbleiben. Ich kann einem Dieb vergeben und ihm nicht mehr böse sein, aber dennoch gleichzeitig von ihm verlangen, das er das Gestohlene zurück gibt oder angemessenen Schadenersatz leistet.
Liebe bedeutet, keine Bedinungen zu stellen. Liebe ist immer ein frei gegebenes Geschenk, und nicht etwas, das man sich verdienen muss, oder das an Bedingungen geknüpft ist: „wenn du brav bist, habe ich dich auch ganz lieb.“ Sobald Bedingungen gefordert werden, ist es nicht mehr Liebe, sondern ein Handel im Bereich der Ebenen der unteren Hälfte.
Das bedeutet nicht, dass man alles gutheissen muss, sondern eher, dass man den Menschen in seiner Würde ehrt, auch und gerade dann, wenn sein Verhalten Anlass zu berechtigter Kritik gibt: „du bist ein Mensch, der mir wichtig ist, und ich liebe und schätze dich; allerdings kann ich nicht akzeptieren, dass du mir dieses Geld gestohlen hast. Du gibst es mir bis morgen vollständig zurück, sonst werde ich die Polizei einschalten.“ Liebe trennt ganz klar zwischen dem Verhalten, das scharf und konkret kritisiert werden kann, und dem Menschen, der auch bei schlimmen und schmerzhaften Fehlern als Mensch liebenswert bleibt und seine Würde bewahrt.
„tout comprendre, c'est tout pardonner“, sagt die französische Redensart: alles zu verstehen bedeutet, alles zu verzeihen. Damit ein Mensch aber fähigt ist, alles zu verstehen, muss er zuerst fähig sein, alles wahrzunehmen, worum es überhaupt geht. Dies betrifft sowohl das Wissen über die Vorgänge, die zu einer Situation geführt haben, wie auch das Mitfühlen mit anderen Wesen: „Ich verstehe, dass du in Panik geraten bist, als dir die Polizei mit Gefängnis drohte wegen unbezahlter Parkbussen. Doch Geld zu stehlen, ist wirklich keine Lösung, sondern bringt dich nur noch mehr in Schwierigkeiten! Es ist nun mal eine Tatsache, dass du Mist gebaut hast, und früher oder später kommst du nicht darum herum, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Mach es nicht schlimmer, als es schon ist.“ Weil ich wahrnehme und nachvollziehen kann, was in und mit meinem Gegenüber geschehen ist, kann ich Verständnis für sein Handeln entwickeln, und daraus folgt, dass ich ihm nicht böse bin; dennoch ist das für mich nicht unbedingtt ein Anlass, die Verantwortung für seine Handlungen zu übernehmen und ihn vor den Folgen seines Tuns zu schützen. Lieben hat nichts mit Nett-Sein zu tun.
© Barbara Seiler 2008 - www.spiriforum.net
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