Über das Essen

Seit der Zeit der Hippies hat es eine wesentliche Verschiebung im Sündenkatalog der westlichen Welt gegeben: nicht mehr die sexuellen Sünden sind des Teufels, sondern jene, die mit dem Genuss von Nahrung zu tun haben. Es sind nicht mehr die Kirchen, deren Priester Absolution erteilen oder verweigern können, heute sind es die Ernährungberaterinnen und die Ärtze.

Die Sünde unserer Zeit

An Ironie fehlt es der Situation nicht: gerade heute, wo in der westlichen Welt das erste Mal seit langer Zeit – oder überhaupt je – genügend Nahrung für alle Menschen zur Verfügung stünde, so dass niemand hungern müsste – wird weiter gehungert im Namen der Gesundheit und im Namen einer idealen Schönheit. Und es wird nicht nur gehungert: es wird geschlungen und erbrochen, mit Abführmitteln herausgespült, der Prozess wird mit Drogen unterstützt, und für jegliche Sünden in Form von guter, schmackhafter Nahrung wird gleich danach eifrig Busse betrieben.

Aber auch: gierig heruntergeschlungen und wieder erbrochen, heruntergeschlungen und mit Abführmitteln herausgespült, heruntergeschlungen und im Magen behalten... und das nicht etwa als Ausnahme, im Gegenteil: viele Menschen üben die eine oder andere Sorte von Kontrolle über ihr Essverhalten aus, und viele leiden darunter, dass diese Kontrolle nicht immer funktioniert; gerade bei Frauen ist ein unbelastetes Verhältnis zur Nahrung eher die Ausnahme als die Regel. Doch die Männer holen in Punkto Essstörungen auf – eines der eher unangenehmeren Zeichen einer immer wirklicheren Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern.

rühr mich nicht an!

Ein schlanker und muskulöser Körper ist heute bei Männern und Frauen in und wird weitherum als das erstrebenswerte Modell für Schönheit propagiert. Allerdings ist mit diesem gestalteten Körper nicht vermehrte Sinnesfreude assoziiert, sondern im Gegenteil urprotestantische Werte wie: Kontrolle, Willensausübung, Ehrgeiz und unermüdliche, fleissige Arbeit an sich selbst: «Schönheit muss leiden.» Was zählt, ist die makellose Optik, die perfekte Oberfläche, die Fassade, das Image... wie sich ein Mensch fühlen mag, das ist in diesem Kontext nicht wichtig. Ebenso wenig wie die Sinnesempfindungen, wenn Menschen sich gegenseitig berühren. Im Gegenteil, Berührung wird besser vermieden, um nicht den Style zu zerstören – eine zerzauste Frisur oder verschmierte Schminke, das darf nicht sein. Das Bild muss stimmen.

Werbung vermittelt die Botschaft: werde dünn, werde muskulös, werde schön – dann wirst du dich besser und selbstbewusster fühlen! Leider funktioniert das nicht. Das Vergnügen, das aus einem erfolgreichen Akt der Selbstkontrolle erwächst, ist gering im Vergleich zum Preis, der dafür bezahlt werden muss. Nicht zuletzt verlangt der Körper sein Recht, dessen optimales Gewicht und optimale Form in der Regel nicht den Anforderungen des kollektiven Schönheitsideals entspricht. Und der Körper mit seinen eingebauten Überlebensmechanismen hat überzeugende Argumente und gibt nicht auf! So kann eine unselige Spirale entstehen von strikter Kontrolle, die immer wieder von Kontrollverlusten durchbrochen wird – ein Pendeln von einem Extrem ins andere. Die Menge an Schuldgefühlen und Scham, die dabei entsteht, findet sich auf ähnliche Weise in religiösen Zusammenhängen, wo genau gleich von Sünde, Schuld und Busse gesprochen wird. Es ist dasselbe Thema, nur auf einen anderen Aspekt des Lebens angewandt.

Dieses seltsam verknorkste Verhältnis zum Essen ist ein Produkt des Wohlstandes, in dem wir leben. Für Menschen, die im Bewusstsein leben, dass das Essen knapp ist, ist es eine Selbstverständlichkeit, immer die bestmögliche Nahrung aufzunehmen, die sie bekommen können, und dies auch entsprechend zu feiern. Für die Schlankheit wird dann von selbst in den mageren Zeiten gesorgt...

die goldene Mitte

Es fehlt an Angemessenheit und Gleichgewicht. Übergewichtig zu sein wird von vielen gleichgesetzt mit Sozialschmarotzern und Asozialen, mit willensschwachen Menschen und mit tierischem Verhalten im schlechtesten Sinn. Extreme Selbstkontrolle wird hoch gelobt und weithin propagiert. Die Wahrnehmung für den Körper und seine Botschaften fehlt oft

Essen wird auf die Zufuhr von Kalorien beschränkt, was eine sehr einseitige Sichtweise ist - was ist denn mit Geschmack, Geruch, Konsistenz, mit all den verschiedenen Empfindungen im Mund und im Magen, das Essen verursacht? Das spielt für viele keine Rolle, obwohl, da liegen doch Welten zwischen dem fast-nicht-fetten Light-Käse, der geschmacklich zwischen geronnenen Wasser und eingeweichtem Karton liegt, und einem nach traditionellen Methoden hergestellten Produkt, das eine Fülle an Geschmack und Geruch, und damit an Genuss bietet...

Hier dürfte die wissenschaftliche Herangehensweise einigen Schaden angerichtet haben, die den Nährwert eines Produktes auf seinen Gehalt an Fett, Proteinen und Kohlehydraten reduziert, und den subjektiven Teil, das innere Empfinden, nicht beachtet. Diese Methode wurde im Lauf der letzten Jahre zwar deutlich verfeinert - heute werden auch noch die Vitamine, die Omega-3-Säuren und andere in Spuren vorhandenen Stoffe mit einbezogen. Das hatte lediglich zur Folge, dass sich die Moden im Ernährungsbereich immer schneller abwechselten, und was heute noch als gesund galt, ist morgen schon der Gipfel des Ungesunden - und umgekehrt, was gestern verteufelt wurde, wird heute in den Himmel gehoben. Und im Fahrwasser der wissenschaftlichen Ernährungslehre - oder dem, was dafür ausgegeben wird - bleibt nur grosse Verwirrung und Menschen, die kein Gefühl dafür haben, was ihnen bekömmlich ist und gut tut, und was nicht.

Ernährungs-Dogmen

Es hat sich allerdings in den letzten Jahren eine Tendenz herauskristallisiert, die lautet: möglichst wenig Fett, möglichst wenig Fleisch, möglichst wenig Kohlenhydrate, und dafür so viel Früchte und Gemüse wie nur möglich, und die am liebsten roh, oder nur sehr kurz gekocht. So schmackhaft Gemüse und Früchte auch sind, das ist doch eine sehr einseitige Diät... und eine, die längst nicht allen Menschen gut bekommt. So schaffen es auch die Wenigsten, sich konsequent daran zu halten, nach einer Weile wird das Bedürfnis des Körpers nach Warmem, Salzigem, Fettigem und Süssem übermächtig, was in unkontrollierten Essanfällen resultieren kann und es auch allzu oft tut.

Traditionelle Ernährungslehren wie die chinesische, die sich über Jahrhunderte bewährt hat, verfolgt eine ganz andere Strategie: die Basis der Ernährung bildet gekochtes Getreide oder Reis, was dann mit relativ kleinen Beilagen aus Fleisch und Gemüse ergänzt wird, mit einem kleinen Anteil an Rohkost. Ebenso werden in allen traditionellen Küchen die langsam und lange gegarten Gerichte geschätzt, oft in Form von reichhaltigen Suppen und Eintöpfen: auch kleine Portionen geben Wärme und Kraft, und sind die ideale Nahrung an kalten Tagen. Während Rohkost abkühlend wirkt und der Körper nicht genug Energie bekommt, um die Nahrung überhaupt korrekt zu verdauen.

Liebe geht durch den Magen

Ein sehr wichtiger Aspekt fehlt in vielen Ernährungsratgebern: die Qualität der Ausgangsprodukte. Es ist aber ein enormer Unterschied, ob Erdbeeren der Saison gegessen werden, womöglich aromatische Wilderdbeeren - oder Erdbeeren, die ausserhalb der Saison von Übersee eingeflogen werden, die zwar sehr gut aussehen, aber die fast kein Aroma haben. Ähnliches gilt für alle anderen Produkte: was frisch, saisonal und aus biologischem Landbau stammt, schmeckt aromatischer und nährt nachhaltiger als das, was eingeflogen wird, stark verarbeitet ist und mit diversen Zusätzen angereichert wurde. Das spürt man auch im Magen: hochwertige Produkte nähren und sättigen auf angenehme Weise, ein grosser Teil der industriell hergestellten Produkte erzeugen einen Klumpen im Magen, schenken aber nicht dieses Gefühl von zufriedener Sattheit - im Gegenteil, sie machen müde und schlapp, bis die Nahrung verdaut wurde, und hinterlassen auch bei grossen Portionen das Bedürfnis, weiter zu essen.

Woran es fehlt, und was auch selten geschult wird, ist das Gefühl des Körpers für das, was er braucht. Es gibt keine allgemeine Wahrheit, die für alle Menschen gilt, höchstens Richtlinien; die Bedürfnisse verändern sich, je nach Jahreszeit, nach Alter, nach Konstitution, auch nach dem aktuellen Befinden, sodass es wichtig ist, auf die Botschaften des Körpers zu hören, die erzählen, was im Moment das Richtige ist. Das ist heute nicht notwendigerweise dasselbe wie gestern. Das verändert sich ständig. Diese Wahrnehmungsfähigkeit ist uns Menschen grundsätzilch mitgegeben, allerdings kann sie durch die Kontrolle der Nahrungsaufnahme nach äusserlichen Kriterien heftig durcheinander geraten. Für Menschen, die eine ausgewachsene Essstörung erlebten, ist es sehr schwierig, dieses Gefühl für das Richtige im Essen wieder zurück zu gewinnen; hier kann es tatsächlich sinnvoll sein, die Portionen bewusst abzuwägen, da das Gefühl für Sattheit und Hunger verloren ging. Doch für alle anderen gilt: der Körper weiss es, der Körper sagt es allen, die nur zuhören wollen.

Die Priorität des guten Gefühls

Wenn es um Sättigung geht, spielen Aromen eine wichtige Rolle: es ist gar nicht so leicht, von geräuchertem Lachs, einem intensiven Käse oder hochwertigen Pralinen zu viel zu essen, vor allem dann nicht, wenn die Produkte auf Zimmertemperatur erwärmt werden und nicht direkt aus dem Kühlschrank konsumiert. Das bewusste Geniessen von relativ kleinen Bissen bei aromatischen Speisen führt meist recht schnell zu der Botschaft «es ist genug» vom Körper – es kann sich sogar ein Gefühl von Ekel einstellen. Es gibt keinen Anlass vor der Angst, zu einem Fresser zu werden, wenn nach den Bedürfnissen des Körpers gegessen wird.

Das Einzige ist: möglicherweise kann es tatsächlich geschehen, dass man leicht an Gewicht zunimmt, wenn man vorher sehr schlank war, und sich der Körper auf sein natürliches Gewicht einpendelt... das mit dem Alter ebenso naturgemäss leicht ansteigt. Und da kann einem die Eitelkeit durchaus etwas in die Quere kommen, wenn beim nächsten Einkauf festgestellt wird, dass die bisher passende Kleidergrösse nicht mehr funktioniert, sondern man zwei oder auch vier Nummern grösser einkaufen muss. Eine Veränderung der Einstellung zum Essen kann Prozesse auslösen, die nicht zu unterschätzen sind - aber es lohnt sich auf alle Fälle. Das Resultat ist eine andere Form von Schönheit als jene, die man auf Plakatwänden sieht - eine Schönheit, die aus Wohlbefinden und dem Akzeptieren des Körpers kommt und aus der Fähigkeit zu geniessen, eine charaktervolle und vielleicht auch etwas ungewohnte Schönheit - Schönheit ist es allemal.

Guten Appetit!

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© Barbara Seiler 2008 - www.spiriforum.net
Dieser Text darf unter Hinzufügung dieser Fussnote gerne weitergegeben werden.

Literatur

Isabelle Allende: Aphrodite: Eine Feier der Sinne Vergnügliches, Erotisches und Kulinarisches - ein wahrer Genuss!