
Tiere haben in der Symbolik aller Kulturen seit jeher eine wichtige Rolle gespielt, und das hat sich bis heute nicht geändert. Von uralten Mythen über die Grimm'schen Märchen und den Fabel von La Fontaine bis zu Harry Potter und Donald Duck - die Tiere sind immer dabei.
Menschen sind Tiere, und Menschen sind Engel.
Tier sind wir,
weil wir einen tierischen Körper
haben, dieselbe Triebe,
Instinkte und Bedürfnisse.
Engel sind wir, weil wir auch bewussten Geist haben: Ich-Bewusstsein , eine sehr differenzierte Sprache, Kunst und die Fähigkeit zu reflektieren. Mensch-Sein bedeutet, diese beiden Pole - Tier und Engel, Ego und Seele , Erde und Himmel - zu integrieren, beide zu umfassen.
Die Tiere in den Geschichten, Märchen und Mythen stellen unerlöste und/oder unbewusste Aspekte der menschlichen Psyche dar und grundlegende Energien und Fähigkeiten. Die Aufgabe des Helden, der Heldin besteht darin, diese unbewussten wirkenden Aspekte bewusst zu machen, zu integrieren und zu transformieren.
Das Ziel ist ein paradiesischer Zustand - ein Zustand, indem der Löwe und das Lamm friedlich nebeneinander liegen, ohne sich gegenseitig zu schaden. Auf der psychischen Ebene bedeutet das: ein Zustand des inneren Friedens, wo innerhalb eines Menschen löwenartige Energien wie Aggression, Macht und Kraft neben sanften, friedlichen, freundlichen Lamm-Energien bestehen können. ein solcher Mensch ist in der Lage, je nach Bedarf als Löwe oder als Lamm zu handeln. In seinem Inneren finden keine Kämpfe mehr statt. Da frisst kein Löwe das Lamm; da kommt auch kein grosses Lamm und erstickt unter den Kuschel- und Harmonieenergien seiner Wolle den kleinen Löwen, der da wachsen möchte.
Wer seine "inneren Tiere" und die damit verbundenen Energien integriert hat, wird ein Heiliger, eine Heilige genannt, oder auch ein Magier. Von den Heiligen aller Kulturen wird berichtet, dass die wilden Tiere sanft und freundlich werden in ihrer Gegenwart, dass sie ihre Sprache verstehen, dass sie ihnen helfen... so hat ein Bär dem Heiligen Gallus geholfen, Holz zu sammeln für ein Feuer; ganz offensichtlich hat Gallus seine eigene Bärenhaftigkeit vollständig angenommen, sodass der Bär im Aussen freundlich und hilfsbereit wurde.
Der Weg des Menschen ist, die unbewussten Anteile - die "Tiere" - sich schrittweise bewusst zu machen und zu integrieren. Auf diesem Weg kann man nach zwei Seiten abweichen: Erstens, wenn alles Tierisch-Körperliche mit aller Macht unterdrückt wird, so wie es viele fundamentalistisch religiöse Gruppen tun; Zweitens, wenn das Tierische pervertiert wird; das heisst, wenn ein Mensch die besonderen menschlichen Fähigkeiten wie den Verstand dazu nutzt, grausamer und unmässiger als jedes Tier zu sein. Der goldene Weg liegt in der Mitte: das Tierische anzuerkennen, ihm Raum zu geben, und diese Ausdrucksform auch zu geniessen; andererseits sich aber nicht damit zu identifizieren, sondern der eigenen göttlichen Herkunft und der spezifisch menschlichen Fähigkeiten bewusst zu bleiben.
In den Märchen wird dieser Vorgang oft so
dargestellt,
dass sich ein Tier in einen Menschen verwandelt: Im
"Froschkönig" nach den Gebrüdern
Grimm verwandelt
sich der Frosch in einen Prinzen; Im Märchen "Jorinde und
Joringel", ebenfalls nach Grimm, verwandelt sich Joringe in eine
Nachtigall und dann wieder zurück in eine junge Frau.
Eine integrierte tierische Energie kann in einer Geschichte so dargestellt werden, dass Tiere einem Menschen von sich aus gehorchen, zahm und freundlich zu ihm sind. Ein Beispiel dafür ist die Tarotkarte "Kraft", in der ein Löwe einer Frau gehorcht, die sanft und freundlich erscheint. Ähnlich wird es in Fantasy-Romanen wie Harry Potter dargestellt: der Hippogryph Buckbeak, ein gefährliches Tier, gehorcht jenen Menschen... die es respektieren, anerkennen und keine Angst vor ihm haben.
In den Fabeln, in denen es eindeutig um die Darstellung menschlicher Charaktere und vor allem auch menschlicher Schwächen geht, ist es anders: da bleiben Tiere Tiere und verwandeln sich nicht in Menschen.
Tiere sind die nächsten Verwandten des Menschen. Wie ihr Name im Englischen und Französischen besagt, sind sie "animals", also beseelte Wesen, die ähnliche Emotionen wie Menschen empfinden und in der Lage sind, diese auszudrücken - zumindest die Säugetiere. Seele wird hier nicht im Sinne des ewigen Wesenskerns benutzt, sondern im Sinn von Psyche - von einer Struktur, die Schmerz, Freude, Übermut, Wut, auch Trauer kennt.
Tiere und Menschen kommunizieren diese Emotionen durch Gesten und durch ihre Stimme. So wie auch menschliche Sprache als erstes ein Ausdruck von Emotionen war, der über den Tonfall und die Lautstärke funktionierte, und erst später abstrakte Inhalte durch Worte vermittelt wurden.
Allerdings fehlt den Tieren weitgehend (und die Ausnahmen bestätigen die Regel) das Ich-Bewusstsein. Tiere haben keine einzelne Seele, sondern eine Gruppenseele, die ihr Verhalten steuert. So müssen die meisten Tiere auch nur wenig lernen: Sie bekommen von Geburt an einen Satz von vollständigen Verhaltensweisen mit, der sich im Laufe ihres Lebens kaum je verändert. Gelernt wird nur in einem sehr beschränkten Mass, das kaum mit menschlichen Lernleistungen verglichen werden kann. Der Vorteil, den Tiere daraus haben, ist einleuchtend: sie lernen nichts Falsches, im Gegensatz zu den Menschen, die in der Regel jede Menge an Fehlhaltungen und undienichen Gedankenmustern mitbekommen, die zur zweiten Natur werden können. Auf der anderen Seite sind Tiere viel weniger flexibel und nicht in der Lage, auf neue Situationen so einfallsreich zu reagieren, wie Menschen es können.
Jedes Tier hat seine besonderen Assoziationen, die von Kultur zu Kultur, aber auch von Mensch zu Mensch verschieden sind. Wer selbst einen Hund besitzt und Hunde liebt, hat eine andere Perspektive als jemand, der auch schon vor kleinen Hunden panische Angst hat... und der Aquarienliebhaber hat ein anderes Verhältnis zu Fischen als eine Arbeiterin in der Fischfabrik, die ihre Tage damit verbringt, mit toten Fischen zu hantieren. Dennoch gibt es für einzelne Tiere wie auch für Tiergruppen, gemeinsame Nenner.
Tiersymbole werden genutzt, um die besonderen Eigenschaften des Tieres für sich selbst zugänglich zu machen und diese Energie zu nutzen.
Raubtiere gehören seit jeher zu den Lieblingssymbolen der Herrschenden: der Löwe, der Bär, der Tiger, der Leopard und ihre Verwandten werden als klug, stark, grosszügig, wild und mächtig, aber auch als skrupellos und grausam empfunden - eine Beschreibung, die tatsächlich auf viele Könige und Diktatoren zutrifft.
Es ist kaum möglich, jemanden mit einem Raubtier-Namen zu beleidigen; ein Vergleich mit einem dieser Tiere wird so gut wie immer als schmeichelhaft empfunden.
Einzige Ausnahme unter den fleischfressenden Tieren bilden hier die Aasfresser wie der Geier und der Schakal, die als Profiteure, Opportunisten und Kriegsgewinnler gelten - solche, die jede Anstrengung vermeiden und dort ernten, wo sie nicht gesät haben. Oder auch die Hunde, deren Treue, Loyalität und Bereitschaft zu gehorchen als Kadavergehorsam interpretiert werden kann. Bei den Hunden liegt der Fall auch noch etwas anders als bei anderen Raubtieren, da sie schon seit langer Zeit domestiziert sind und in enger Gemeinschaft mit den Menschen leben.
Pferde
gelten als elegant und kraftvoll
© barbara seiler
Ganz anders sieht es bei den Grasfressern aus, vor allem bei den domestizierten: "Du dumme Kuh, du blöde Ziege, du Hornochse" sind eindeutige Beleidigungen, die in der Regel die Intelligenz der angesprochenen Person in Frage stellen.
Die Grasfresser gelten in der Regel als sanft, freundlich, liebevoll und naiv wie das Opferlamm, aber auch als ausgesprochen dumm, als Herdentiere, die einen Führer brauchen, da sie nicht in der Lage sind, selbst Entscheidungen zu treffen. So werden gehorsame Menschenmengen gerne mit Schafen verglichen, oder mit einer Herde von Büffeln.
Esel gelten als geduldig, aber stur und eigensinnig, während Pferde ein Ausdruck von Kraft, Eleganz und Feinfühligkeit sind.
Der Elefant, der zwar auch in der Regel sehr sanft und liebevoll ist, ist aber auch äusserst klug und furchtbar in seinem Zorn. Sehr schön wird diesen Energie wahrnehmbar in den Elefantengeschichten aus Indien von Rudyard Kipling. Im Dschungelbuch wird der Elefant Hathi als weiser König und Gesetzgeber des Urwaldes portraitiert; in "Toomai, der Liebling der Elefanten" wird ein kleiner Junge in die intimsten Geheimnisse der wilden Elefanten eingeweiht.
ein
Strauss auf einer Hauswand in Basel
© barbara seiler
Vögel stehen für Leichtigkeit und Grazie, aber auch für die Energie des Luft-Elementes, und sie haben mit ihrer Fähigkeit zu fliegen seit eh und je den Neid der Menschen geweckt - auch heute noch, denn was hat schon ein Flug in einem überfüllten grossen Flugzeug mit dem eleganten Flug einer Schwalbe zu tun?
Die Vögel können fliegen, sie kommen von weither und können an Orte gelangen, wohin Menschen nicht gehen können. Noah liess einen Raben und eine Taube aus der Arche, um herauszufinden, ob das Wasser zurück gegangen sei; Nils Holgersson fliegt mit den wilden Gänsen, und gewinnt dabei nicht nur geografische Ausblicke, sondern entwickelt seinen Charakter dabei; die weise Eule begleitet die griechische Göttin Athene, und der germanische Odin wird von zwei Raben begleitet.
Eine ganz andere Qualität haben die Fische, die die unbewusstesten aller Energien darstellen und die dem Element Wasser verbunden sind. Sie leben im Meer, dessen Tiefen auch heute noch den Menschen unzugänglicher sind als der Mond. Der biblische Prophet Jonas wurde von einem grossen Fisch verschluckt und mitgenommen auf eine Reise in die Tiefen seines Unbewussten; das Seemonster Leviathan gilt als das gefährlichste und unheimlichste Wesen überhaupt. Etwas weniger gefährlich, aber höchst eklig und abstossend wirkt der Frosch im Märchen Froschkönig, der aus seinem Brunnen in den Palast gelangt und aus dem Teller der Prinzessin isst, aus ihrem Becher trinkt und in ihrem Bett schlafen will.
Je unähnlicher ein Tier dem Menschen ist, desto unheimlicher und fremder wirkt es, und folglich desto gefährlicher. Die Angst vor Schlangen ist praktisch allen Menschen eingebaut, auch jenen, die in Gegenden ohne Schlangen leben. Schlangen haben sehr wenig Mimik, die Kommunikation mit ihnen ist also deutlich schwieriger als mit einem Hund oder einem Rind; ausserdem haben sie noch nicht mal Beine, sondern bewegen sich in ihrer seltsam schlängelnden Art mit dem Bauch auf der Erde fort. Eidechsen und ihre Verwandten sind da schon deutlich unbedenklicher.
Je wilder ein Tier, desto unbewusster - je zahmer, desto integrierter und bewusster. Daher auch die vielen Hirten, die in Mythen und biblischen Geschichten vorkommen: also Menschen, die eine Gruppe ihrer Fähigkeiten-Tiere integriert haben, sie hüten, beschützen und kontrollieren können. Als Gegensatz dazu erscheinen in den europäischen Märchen oft die Tiere, die im Dunkel des Waldes leben, die Wölfe und Bären; in der Bibel die Tiere der Wüste, die Löwen und Schlangen; aber auch die noch unbewussteren Potenziale, die Fische und Meeresungeheuer.
© Barbara Seiler 2008 - www.spiriforum.net
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Die
Märchen der Gebrüder Grimm
Die
Fabeln von Jean de LaFontaine
J.K. Rowling: Harry
Potter
Rudyard Kipling: Das
Dschungelbuch