Das Wort und der Geist

Hier sind ein paar Gedanken über das Lesen von Heiligen Schriften, im Speziellen über das Lesen jenes Buches, das die europäische Kultur tief geprägt hat, die Bibel.

Das Wort tötet, der Geist macht lebendig

schrieb der Apostel Paulus. Er wandte sich dabei gegen jene Geisteshaltung, die sich strikt an die Buchstaben eines Gesetzes hält, aber nicht beachtet, wozu dieses Gesetz dienen soll; Er sprach sich dafür aus, zwischen den Zeilen zu lesen und herauszufinden, was der Sinn einer Regel ist.

Gesetze sind dafür da, das Zusammenleben einer Gemeinschaft zu regeln, die Schwachen zu schützen, Konflikte im besten Fall schon im Voraus zu meiden, und Lösungen zu finden, falls es doch zum Konflikt kommt.

Die Basis von Gesetzen bilden allgemeine Prinzipien - zum Beispiel die Idee, dass alle Menschen grundsätzlich gleich viel wert, gleich würdig sind, und daher gleichen Anspruch haben auf den Schutz ihrer Person und ihres Eigentums. Die Gesetze selbst versuchen, diesen Anspruch in die Realität umzusetzen, und dabei allen möglichen Situationen gerecht zu werden, was natürlich nie vollständig gelingt. Die Gesetzestexte der modernen Welt füllen zusammengefasst ganze Bibliotheken, und dennoch bleibt oft unklar und unsicher, welche Gesetze auf welche Weise auf einen konkreten Fall angewendet werden sollen. Es braucht nicht eine mechanische Anwendung, sondern es ist die Beurteilung durch einen Richter notwendig, der sich nicht nur auf sein juristisches Wissen stützen muss, sondern ebenso auf sein Gefühl und seine Menschlichkeit, um das Angemessene zu tun. Wir befinden uns in der Welt der unendlichen Formen, und auch eine Vervielfältigung zur Fast-Unendlichkeit von irdischen Gesetzen kann diese Formen nie vollständig in ein Korsett zwängen - und das ist gut so.

Göttliche Gesetze

Die Heiligen Schriften der Welt haben den Anspruch, dass sie die göttlichen Gesetze erklären und so den Menschen die Möglichkeit geben, sich daran auszurichten und danach zu handeln. Man könnte diese Gesetze auch nennen: kosmische Gesetze - Naturgesetze - die Gesetze der geistigen Natur. Sie beschreiben die Struktur und die Spielregeln dieser Welt, und verweisen auf die absolute Realität, die dahinter steht, und durch die die Welt erschaffen wurde. Bei diesen Gesetzen geht es nicht um Schuld und Strafe, es geht um Wissen und Verantwortung. Es geht darum, zu erfahren, welche Konsequenzen Handlungen haben. Aus diesem Wissen wird ein Mensch fähig zu beurteilen, welche Handlungen seinem Willen tatsächlich entsprechen, und welche nicht.

Das Gesetz der Schwerkraft

Ein Beispiel dafür ist das Naturgesetz der Schwerkraft: wer aus grosser Höhe herunterfällt, wird sich alle Knochen brechen oder gar sterben. Das ist aber nicht darum so, weil dieser Mensch sündig oder schuldig wäre; es ist keine Strafe; sondern es ist eine Konsequenz des Handelns, weil die Naturgesetze nicht beachtet wurden. Eltern, die ihre Kinder davor bewahren, auf Brückengeländern zu balancieren, tun dies nicht um den Spass zu verderben oder weil die Kinder böse wären, sie tun es aus ihrer Verantwortung heraus, um ihre Kinder vor Schaden zu beschützen - um die Kinder vor ihrer eigenen Unwissenheit kosmischer Gesetze zu schützen vor den Folgen, die mit grosser Sicherheit eintreffen würden. Allerdings erlauben Eltern ihren Kindern durchaus, auf Stühle zu klettern, und sie erlauben den Kindern, von Stühlen herunterzufallen. Das tut zwar weh, ist aber nicht sehr gefährlich und erlaubt den Kindern, einen angemessenen Respekt vor grösseren Höhen zu entwickeln und entsprechend wachsam zu sein.

Das Gesetz des Säens und Erntens

Ein Beispiel aus dem geistigen Bereich ist das Gesetz des Karma, oder das Gesetz von Saat und Ernte. Es ist subtiler und in seinen Wirkungen weniger schnell sichtbar als wenn man die Schwerkraft nicht respektiert, doch langfristig wirkt es machtvoll und ebenso sicher: was immer ein Mensch tut, sagt oder denkt, hat seine Konsequenzen, die früher oder später auf ihn zurückfallen werden. Wer Hass sät, wird Hass ernten; wer Freundlichkeit sät, wird Freundlichkeit ernten. Nicht immer und nicht immer sofort, aber auf Dauer wird es so sein. Auch hier geht es nicht um Schuld und Sünde, oder gar um einen erzürnten und wütenden Gott, wie es diverse Religionen propagieren. Es geht ausschliesslich um die Wahl, die ein Mensch trifft, und deren Konsequenzen.

Dabei kommt es weniger auf einmalige Ereignisse, Entscheidungen und Handlungen an. Was wichtig ist, das sind jene Dinge, die regelmässig, täglich gewählt und umgesetzt werden. Jedes Wort ist ein Gebet , es wird ge-hört und er-hört. Es spielt keine besondere Rolle, ob es vielleicht "gar nicht so gemeint" war oder ob es gedankenlos dahin geredet war. Was regelmässig wiederholt wird, wird früher oder später zu einer handfesten, materiellen Realität. In der Psychologie läuft diese Tatsache unter dem Begriff "selbsterfüllende Prophezeihung": Weil ich es sage und glaube, wird es wahr. Es ist also sehr sinnvoll, sich der eigenen Sprache bewusst zu machen und zu wissen: was sage ich da eigentlich den lieben langenTag?

sich am göttlichen Gesetz orientieren

Wer sich an diesen göttlichen und kosmischen Gesetzen ausrichten möchte, bekommt auch in den meisten Traditionen eine einfache Gebrauchsanweisung mitgeliefert: Liebe.

Liebe Gott von ganzem Herzen, und liebe deinen Nächsten wie dich selbst

zitiert Yeshua von Nazareth das alte Testament und liefert gleich noch anschauliche Beispiele, um zu verdeutlichen, was er damit meint: Liebe ist, einem Verunfallten zu helfen, einem Hungrigen etwas zu essen zu geben, Liebe ist, aus Mitgefühl zu handeln.

Liebe, und dann tu was du willst

sagt auch der Kirchenvater Augustinus, dessen Echo Aleister Crowley aufnimmt, ein Mann, der sein Leben gegen die Gesetzlichkeit der Kirche ausrichtete, auf seine ganz besondere Weise:

Liebe sei das ganze Gesetz, Liebe unter Willen - Tu Was Du Willst

menschliche Gesetze

Im Prinzip ist es vollkommen ausreichend, sich über die Natur dieser göttlichen, kosmischen Gesetze klar zu werden, und jede Handlung an diesem Massstab zu messen. In jener idealen Welt, wo dies der Fall wäre, könnte man die gesamten Gesetzbücher ohne Verlust vernichten, die Anwälte und Richter wären arbeitslos, weil, man bräuchte sie nicht mehr, und die heiligen Hallen des Gerichts in Tanzpaläste und Festsäle umwandeln.

Tatsache ist, wir leben nicht in dieser idealen Welt - noch nicht. Die kosmischen Gesetze sind teils unbekannt, teils werden sie nicht ernst genommen, teils nicht verstanden, und so kommt es, dass immer wieder Autoritätspersonen konkrete Gesetze entwarfen und entwerfen, Handlungsanweisungen, wie in dem oder jenem Fall vorzugehen sei. Eines der ältesten Beispiele - und vorbildlich in ihrer Kürze und Prägnanz - sind die biblischen zehn Gebote. Sie beziehen sich sowohl auf die Spiritualität - "du wirst keine anderen Götter haben neben mir" - aber auch auf das alltägliche Leben - "du wirst nicht töten - du wirst nicht ehebrechen - du wirst nicht ein falsches Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten". Doch auch hier reichten diese einfach zu verstehenden Richtlinien nicht aus, und es folgen lange und detaillierte Ausführungen, die diese Grundsätze auf viele Aspekte des Alltags anwendeten und konkretisierten. Die Israeliten des Alten Testaments waren nicht in der Lage, das göttliche Gesetz zu fühlen und danach zu handeln; so entstand die praktische Notwendigkeit nach genaueren Regeln. Dies hat sich seither offensichtlich nicht wesentlich verändert - wozu sonst wären die heutigen Gesetze gut, die noch deutlich ausführlicher sind als das Gesetz des Mose?

Wortklaubereien und Begeisterung

Die Schwierigkeit bei menschlichen Gesetzen ist, dass mit der Zeit die Tendenz entsteht, dass ihr Geist verloren geht, dass der Sinn, der einmal Pate stand, möglicherweise gar nicht mehr erkannt wird, und dass sich die Menschen folglich an die buchstäbliche Befolgung eines Gesetzes halten. Wer sich an das Buchstäbliche hält, muss sich nichts vorwerfen lassen, fügt sich gut in eine Gemeinschaft ein und behält vor Gericht meist recht; dennoch ist es längst nicht immer das Richtige und das Liebevolle, sich an die Buchstaben eines Gesetzes zu halten.

Im Neuen Testament wird erzählt, dass Yeshua oft diese gesetzliche, buchstabengetreue Haltung der israelitischen Priesterschaft kritisierte, die zwar alles bis auf das letzte i-Tüpfelchen einhielt, aber die Liebe war oft nicht vorhanden. Das Gesetz, das einst als Stütze und Hilfe für die Menschen gedacht war, war zu einem einengenden Korsett geworden, dass die Luft (ein Symbol des Heiligen Geistes, und der Be-geist-erung) abschnürte. Er monierte

Das Gesetz ist für den Menschen da, nicht der Mensch für das Gesetz

Es ging Jesus nie darum, die irdischen Gesetze abzuschaffen, seien es nun die traditionellen jüdischen Gesetze, oder die Gesetze der römischen Besatzungsmacht - es ging ihm darum zu zeigen, dass nur eine Ausrichtung auf das göttliche Gesetz, auf den Geist, dazu führen kann, dass die menschlichen Gesetze tatsächlich auch menschlich im besten Sinne sind. Als eine Ehebrecherin gesteinigt werden sollte, plädierte er nicht für die Abschaffung des jüdischen Gesetzes, sondern forderte lediglich dazu auf, jener solle den ersten Stein werfen, der selbst ohne Fehler war. Und niemand warf.

Paulus und die heutigen Christen

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass jener Mann, der selbst so klar den Unterschied zwischen göttlichem Gesetz und menschlichen Gesetzen kannte, und unermüdlich darauf hinwies, heute selbst eine Quelle der am Buchstaben klebenden Gesetzlichkeit bei vielen Christen geworden ist, besonders bei den fundamentalistischen Richtungen: der Apostel Paulus. Kaum ein Bibelautor wird so gründlich missverstanden wie Paulus, und zwar sowohl von seinen Anhängern wie von seinen Gegnern.

Paulus Briefe an die jungen christlichen Gemeinden, bei deren Aufbau er massgeblich beteiligt war, dienten und dienen heute noch dazu, alle möglichen Missstände zu rechtfertigen; vor allem, wenn es darum geht, Frauen zum Schweigen zu bringen. "Die Frau schweige in der Gemeinde", heisst es bei Paulus, und auch "die Frau verhülle ihr Haupt beim Gebet.", und "der Mann ist das Haupt der Frau." Es mag sein, dass diese Anweisungen in den konkreten Situationen von damals angemessen und sinnvoll waren - aber eben nur für jene Situation, nicht allgemein. Viele Stellen sind für heutige LeserInnen auch schlichtwegs rätselhaft und schwer verständlich, was Paulus damit überhaupt aussagen wollte.

Schliesslich kann man bei Paulus auch anderes lesen:

Alles ist mir erlaubt; aber nicht alles ist heilsam. Alles ist mir erlaubt; aber ich darf mich von nichts beherrschen lassen."
(1. Kor. 6.12)

Oder auch über die Stellung der Menschen:

Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Weib; denn ihr alle seid einer in Christus.
(Gal 3.28)

- das klingt schon ganz anders! Da wird zur persönlichen Verantwortung aufgerufen, und da wird die Gleichheit aller Menschen betont, da klebt nichts an gesetzlichen Buchstaben, sondern da ist Freiheit, er jubelt:

Für die Freiheit hat uns Christus frei gemacht!
(Gal. 5.1)

Doch woher kommen diese Widersprüche in den Paulusbriefen, die so viele Interpretationen offen lassen, je nachem, wie man die Prioritäten setzt? Paulus selbst erklärt es so:

Und ich, ihr Brüder, konnte mit euch nicht reden als mit Geistbegabten, sondern als mit Fleischlichen, mit Unmündigen in Christus. Milch habe ich euch zu trinken gegeben, nicht feste Speise; denn ihr vertrugt sie noch nicht. Ja, ihr vertragt sie auch jetzt noch nicht; denn noch seid ihr fleischlich. Denn wo Eifersucht und Zank unter euch ist, seid ihr da nicht fleischlich und wandelt nach menschlicher Weise?"
(1. Kor 3.1-3)

Der hat ja Nerven, der Paulus... erklärt die korinthische Gemeinde kurzerhand zu Babys, die konkrete Führung und genaue Regeln brauchen, weil sie noch nicht fähig sind, den Sinn des göttlichen Gesetzes zu erkennen und zu fühlen. Die Korinther bekommen vorgekaute und vorverdaute Nahrung, mehr können sie noch nicht schlucken und verdauen. Was natürlich auch für alle jene Christen und Christinnen von heute gilt, die sich auf eine "wörtliche" Befolgung der paulinischen Vorschläge beharren, und die sich somit, im Licht dieser Erklärung, selbst zu Unmündigen und Unselbständigen erklären.

Allerdings, es ist an der Zeit, erwachsen zu werden, sich aus "selbstverschuldeter Unmündigkeit" zu befreien, wie Kant schrieb, sodass durch die Buchstaben des Gesetzes der Geist wahrgenommen und gelebt werden kann. Und dazu werden dieQualitäten der Liebe benötigt: Offenheit, die Fähigkeit genau zuzuhören, Achtsamkeit, Respekt und das Streben nach Wahrheit.

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© Barbara Seiler 2008 - www.spiriforum.net
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