Wahrheit und Lüge in Beziehungen

Es ist anspruchsvoll, ein Paar zu sein, klar. Aber dennoch: wie kann es sein, dass oft der Partner, die Partnerin, die letzte Person ist, die wichtige Dinge erfährt? - und das dann noch als normal gilt?

Die Sprachlosigkeit in Beziehungen

Immer wieder tauchen in den Beziehungsecken in den Zeitungen und auf Internetforen dieselben Themen auf: Hilfe, ich bin in einer Beziehung und hab mich anderweitig verliebt! Oder: Hilfe, ich hatte einen One Night Stand, ich habe eine Affäre! Und was mach ich jetzt?

Darauf folgen allerlei Ratschläge, je nach Neigung der ratgebenden Person: Gehe und geniesse es! Nein, hör sofort auf! Besinne dich auf das, was du an deinem Partner hast! Ach was, ein bisschen Spass schadet nie... doch so gut wie nie wird die Frage gestellt: Was meint denn dein offizieller Partner, deine offizielle Partnerin dazu? Der Normalfall scheint zu sein, dass über Beziehungsprobleme mit allen möglichen Leuten gesprochen wird, mit den Freundinnen, dem Fussballclub, mit Leuten auf Internetforen... doch nicht mit jener Person, die am direktesten davon betroffen ist, nicht mit dem Partner oder der Partnerin.

Es scheint tief im kollektiven Unbewussten verankert zu sein, dass dies ein Ding der Unmöglichkeit sei. Da ist es besser, zu schweigen, zu lavieren, zu strategisieren, Hauptsache, das heisse Thema wird verheimlicht.

Wenn ein Paar heiratet, verspricht man sich, in guten und schlechten Zeiten einander beizustehen. Oft wird das auch erfüllt, wenn es um finanzielle Probleme geht, um den Beruf, um die Erziehung der Kinder - doch wenn es um Liebe, Verliebtheit und Begehren mit einer Drittperson geht, funktioniert das offenbar nicht mehr. Warum eigentlich? Dass sich Menschen im Lauf einer mehrjährigen Beziehung verändern, ist völlig normal – schlecht wäre, wenn es da keine Entwicklng stattfinden würde! Ebenfalls sind Menschen in Beziehungen nicht automatisch blind und taub für die Reize anderer Personen... sich von einer Drittperson angezogen zu fühlen, muss nicht bedeuten, dass die Beziehung, die man hat, nichts wert ist. Oder dass man versagt hat. Es ist ein völlig normaler Vorgang. Also – warum nicht darüber sprechen?

es geht zu nah heran

Ein Grund für die Schweigsamkeit zwischen Paaren zu sexuellen und erotischen Themen mag daran liegen, dass es nichts gibt, was näher geht. Keine Nähe ist näher als körperliche Nähe. Im Zauber der ersten Verliebtheit gibt es kein schöneres, begehrenswerteres Wesen als den Geliebten, die Geliebte... Liebesschwüre kommen leicht über die Lippen, und sie sind durchaus ernst gemeint. Wenn dieser Zauber einmal verflogen ist, ist dann nicht die Liebesbeziehung auch zu Ende?

Dazu kommen die Einflüsse von Kultur und Erziehung. Monogamie gilt immer noch als das erstrebenswerte Ideal, und alle, die dieses Ideal nicht erfüllen können, gelten schnell als VersagerInnen. Die Denkweisesn von Jahrhunderten, die die Monogamie propagierten und bewusst förderten, lassen sich nicht so schnell verscheuchen. Diese Vorstellungen, oft religiös untermauert, waren durchaus sinnvoll und eine gute Sache – doch sie haben sich zu einem starren Korsett entwickelt, aus dem wir uns erst seit weniger Jahrzehnten so langsam wieder befreien.

Besitzansprüche melden sich - jene, die man am Partner hat, aber noch viel mehr jene, von denen man glaubt, dass die Partnerin an einem selbst in Anspruch nimmt. Doch, kann man einen Menschen besitzen? - nein, selbstverständlich nicht. Und kann man wünschen, dass eine Person nur darum bei mir bleibt, weil sie über gewisse wichtige Dinge nicht informiert ist? - eigentlich nicht, ich möchte doch, dass mein Partner aus Liebe zu mir bei mir bleibt, und zwar aus Liebe zu mir, wie ich bin, mit meinen Stärken und Schwächen, mit meinen kuscheligen und eckigen Seiten. Ist das denn überhaupt Liebe, wenn sie auf einer Illusion aufgebaut ist? - einer Illusion der sexuellen Treue, oder einer Illusion der emotionalen Treue?

Die Angst vor Verlust meldet sich; die Angst, versagt zu haben, die Angst, aus der Gemeinschaft ausgestossen zu sein, die Angst, nie mehr jemanden zu finden, einsam und allein und alt und unglücklich zu sein. Die Verantwortung für das eigene Glück wird dem Partner, der Partnerin aufgebürdet – eine allzu schwere Bürde, unter der die Liebe sich nicht entwickeln kann – die Liebe, die eine Wesen ist, das nur in Freiheit existieren kann!

All diese Dinge erschweren es, über sexuelle und erotische Wünsche zu sprechen, gerade auch dann, wenn noch weitere Personen in diesen Fantasien vorhanden sind. Viele entscheiden sich dazu, lieber zu schweigen und zu leiden und sich an dem festzuklammern, was sie sicher zu haben glauben.

Wie die Sprachlosigkeit zustande kam

Biologisch gesehen sind Menschen mehr oder weniger monogam - manchmal etwas weniger, manchmal etwas mehr. Aber selten zu hundert Prozent, das ist eindeutig die Ausnahme. Das ist in unseren Zellen drin, in der Genetik, in unserem ganzen Sein... und es sind nicht etwa nur die Männer, die hin und wieder das Gras auf der anderen Seite des Zauns grüner finden und knabbern gehen, das gilt durchaus auch für Frauen. Lebenslange Monogamie ist eindeutig eine Kulturleistung, die die biologischen Bedürfnisse überschreitet und kontrolliert - nichts Naturgegebenes. Wenn die Monogamie naturgegeben wäre, so hätte es nie einen Bedarf gegeben, sie zu idealisieren, zu stilisieren und sie zum Ideal zu erheben – dann wär sie einfach der Normalfall.

Monogamie hängt eng mit patriarchalen Systemen und deren Regelung von Besitz und Erbfolge zusammen. "Pater semper incertus", es ist immer unsicher, wer der Vater ist, war ein römischer Rechtsgrundsatz, der seine Gültigkeit erst vor kurzer Zeit und der Möglichkeit von DNA-Tests verloren hat. Und damit ergaben sich für die Erbfolge in der männlichen Linie das Problem, dass die Väter sich nie ganz sicher sein konnten, dass ihre Söhne auch tatsächlich ihre biologischen Söhne sind. Eheliche Treue, die ganz besonders von den Frauen eingefordert wurde, bekam dadurch einen sehr hohen Wert, inklusive der Forderung, eine Frau habe jungfräulich in den Stand der Ehe einzutreten... mann weiss ja nie! Mit der männlichen Treue wars nicht so tragisch – denn auch wenn ein Mann ausserehelich ein Kind zeugt, so wird damit die eigene Erbfolge keineswegs gefährdet.

Die Zwänge, denen viele Frauen unterlagen und auch heute noch unterliegen, entstammen einem an sich ganz vernünftigen Gedanken: Frauen sind wertvoller für den Erhalt der Familie und der Menschheit als Männer, sie müssen geschützt werden. Ein Kind ist angewiesen darauf, dass es seiner Mutter während der Schwangerschaft gut geht, damit es einen guten Start ins Leben haben kann; es ist angewiesen auf eine Mutter oder Amme, die ihre Milch zur Verfügung stellt. Es ist angewiesen auf eine möglichst stabile Umgebung, die natürlicherweise von Frauengruppen geschaffen wird, wo immer die eine oder die andere schwanger ist oder einen Säugling hat. Frauen müssen geschützt werden – Männer hingegen sind austauschbar. Männer sind jene, die die gefährlichen Arbeiten erledigen müssen, denn wenn ein Mann im Krieg stirbt, so geht der Gemeinschaft dadurch viel weniger verloren, als wenn eine Frau im Krieg stirbt.

Aus diesem Gedanken hat sich jene Ideologie entwickelt, die uns auch heute noch beeinflusst, auch wenn feministische und emanzipatorische Strömungen seit einiger Zeit diese Denkmuster hinterfragen. Eine Ehefrau als Besitz, mit allen rechtlichen Hintergründen – das ist sinnvoll in einer patriarchalisch organisierten Gesellschaft. Die Verherrlichung von Krieg und Kampf ebenso, wo junge Männer dazu motiviert werden sollen, sich als Kanonenfutter zur Verfügung zu stellen, und wo von mehreren Söhnen doch nur einer erben kann. Dass Männer ihre Frauen vor andern Männern schützen wollen, klar – sie wissen ja von sich selbst gut genug, wie Männer denken und wovon sie träumen!

Das alles war während langer Zeit sinnvoll und brauchbar. Doch die Zeiten haben sich geändert, und das patriarchale Gesellschaftsmodell ist nicht mehr geeignet, den Aufgaben unserer Welt zu begegnen. Gleichberechtigung ist jetzt angesagt.

Aus der Sprachlosigkeit heraus

Es ist an der Zeit, diese ganze Erbschaft patriarchalen Denkens zu überwinden. Wir können sie ins Museum stellen und dort gern begucken und uns darüber wundern, wie seltsam die Welt doch früher war – wie anders als heute. Und dann unseren eigenen Weg gehen, der einer in Gleichberechtigung und Freiheit sein kann.

Aus der Sprachlosigkeit herauszutreten ist nicht einfach. Wenn sich ein Mensch mal an die vielen kleineren und grösseren Ausreden, die glatten Lügen, die schamhaft verschwiegenen Träume gewöhnt hat, braucht es eine gute Portion an Mut und Überwindung, darüber zu sprechen. Man macht sich selbst verletzlich und angreifbar. Es passt nicht zu dem, wovon man glaubt, dass es gesellschaftlich erwartet sei. Und es kann durchaus vorkommen, dass nahe stehende Menschen empört und schockiert reagieren.

Liebe kann dort sein, wo Freiheit und Wahrheit ist. Eine "Liebe", wo ein Mensch sich selbst versteckt, verdreht und verleugnet, hat diesen Namen nicht verdient – eine Liebe, die auf Bedingungen und Leistungen aufgebaut ist, hat diesen Namen nicht verdient. Eine Beziehung in Liebe ist da möglich, wo Menschen miteinander sprechen und sich einander anvertraue – dort, wo es möglich ist, auch ungewöhnliche, seltsame, schamhafte Themen anzusprechen.

Der einfachste Weg ist bestimmt, wenn Menschen immer authentisch sind und sich nicht verbiegen. So sind von Anfang an die Positionen klar; wo sich Menschen einander sympathisch sind, werden sie beieinander bleiben, wo sie sich nicht mögen oder ihre Grundsätze zu sehr auseinander klaffen, werden sie sich verabschieden, und die Sache wär erledigt. Einfach gesagt, doch nicht einfach getan! Wahrheiten sind oft nicht sehr beliebt; Wahrheiten können weh tun, sie empören, versetzen die Emotionen in Wallung und sorgen für rote Köpfe. Ausgesprochene Wahrheiten können dafür sorgen, gewisse Vorteile nicht mehr zu geniessen. Wahrheit ist unbequem.

Im ersten Moment.

Auf lange Sicht gilt das allerdings nicht. Auf lange Sicht sorgen Wahrheit und Authentizität für ein erfülltes und zufriedenes Leben. Der Weg der bequemen Ausreden mag im Moment Erleichterung bringen und verhindert Grundsatzdiskussionen. Das Leben geht, anscheinend, normal weiter. Doch wenn diese oft unterschwelligen Themen nicht ausgeräumt werden, so wirken sie eben doch weiter – ebenfalls unterschwellig. Und werden sich andere Bereiche suchen, wo sie sich manifestieren können. Ein Leben mit Anpassung, Ausreden und dem Schielen auf die Meinung der Nachbarn ist auch eine schwere Last. Es führt dazu, sich selbst zu verkrüppeln und nicht jene Fähigkeiten und Talente zu leben, die das eigene Herz zum Singen bringen.

Was im Umgang in der Gesellschaft generell gilt, gilt umso mehr, wenn es um den Ehemann, die Ehefrau geht. Wenn das eigene Heim nicht mehr ein Ort sein kann, wo ein Mensch sich entspannen darf und sich vobehaltslos äussern darf – wo sollte das denn sonst noch möglich sein?

Die Heimlichkeiten in Beziehungen können schon für sich selbst dazu führen, dass das Ersehnte, Verbotene deutlich attraktiver wird, nur schon aus dem Grund, weil es verboten ist. Das Gras ist auf der anderen Seite des Zaunes immer grüner. Ein krankhaft eifersüchtiger Mensch kann allein durch sein eifersüchtiges Verhalten auch den treusten, loyalsten Menschen zu einem Seitensprung bewegen – irgendwann wünschen sich alle, dass die Vorwürfe, die täglich und stündlich zu hören sind, immerhin ihre Berechtigung haben.

Eine Frau träumt davon, einen Bekannten zu küssen. Ein Mann fantasiert, wie es sich wohl anfühlt, mit zwei Frauen Sex zu haben. Eine andere Frau wünscht sich Oralsex, doch ihr Mann tut das nie von sich aus. Ein anderer Mann hat homosexuelle Fantasien, auch wenn ihn seine Ehefrau immer noch erregt.

Über diese Dinge zu sprechen – und zwar in dem Moment, wo sie auftauchen, und nicht erst dann, wenn sie zu einer Obsession geworden sind oder gar schon in einem verheimlichten Seitensprung oder Saunabesuch mit sexueller Komponente resultiert habe – über diese Dinge so selbstverständlich zu sprechen, wie über die Einrichtung der Wohnung, das neue Auto, die Berufswahl oder die Kinder gesprochen wird – das nimmt viel von den Assoziationen von Scham und Schuld und Sünde heraus. Und ermöglicht eine gemeinsame Entwicklung, auch im erotischen Bereich – dort, wo sich Menschen am nächsten kommen.

copyright

© Barbara Seiler 2008 - www.spiriforum.net
Dieser Text darf unter Hinzufügung dieser Fussnote gerne weitergegeben werden.