Das Element Luft

Die Luft ist das Symbol des Verstandes. Wer das Luftelement auf ausgewogene Weise lebt, hat einen klaren, scharfen und schnellen Verstand mit der Fähigkeit, logische Zusammenhänge leicht zu erkennen. In der Skala des Bewusstseins nach David Hawkins entspricht das Luftelement den Ebenen 400 - 600, die mit den Themen Ratio, Vernunft, intellektuelle Exzellenz, Liebe und Freude assoziiert sind.

die Persönlichkeit der Luft

Die Luftqualität hilft einem Menschen, in chaotischen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren und in Krisensituationen angemessen zu handeln – die Emotionen werden für die notwendige Zeit beiseite geschoben. Bei anstehenden Entscheidungen wird das Pro und das Contra gründlich gegeneinander abgewogen, und verschiedene Argumente werden verglichen und bewertet. Im Moment der Entscheidung selbst ist die Luft aber in der Lage, zurückzutreten und der Intuition die Führung zu überlassen, die die Entscheidungsinstanz des Menschen ist.

Luft im Übermass

Wer ein Übermass an Luft lebt, verliert die Verbindung zum Boden und damit zur Erde. Logik und Rationalität erscheinen als die einzig gültigen Entscheidungskriterien, während körperliche, emotionale und spirituelle Bedürfnisse als unwichtig oder illusionär empfunden werden. Nur das, was logisch-rational oder nach naturwissenschaftlichen Standards beschrieben und berechnet werden kann, gilt als real. Das Bild dafür ist jenes eines Vogels, der hoch über der Erde schwebt, alles sieht, aber dennoch sehr weit weg ist von der Erde.

Ein Übermass an Luft kann zu mangelndem Mitgefühl für andere Wesen führen, aber auch dazu, dass die Bedürfnisse des eigenen Körpers und Beziehungen zu anderen Menschen vernachlässigt werden. Dazu kann eine Entscheidungsschwäche kommen, da mit logisch-rationalen Mitteln im Alltag kaum je genügend Informationen zur Verfügung stehen, um eine sinnvolle Entscheidung zu treffen. Wenn der Zugang zum Fühlen und der Intuition fehlt, wird das Entscheiden schwierig, denn es ist kein Massstab vorhanden, anhand dessen die vielen isolierten Einzelheiten und Fakten bewertet und zu einem stimmigen Gesamtbild zusammengefügt werden können.

Zu viel Luft kann dazu führen, sich in unendlichen Denk-Gestrüppen zu verlieren, ohne Klarheit zu finden. Es kann sogar dazu kommen, dass gesagt wird: diese oder jene Frage könne man nicht beantworten, es sei unmöglich... und dies wird meist in Bezug auf die wichtigen Fragen des Mensch-Seins gesagt: wer bin ich? Woher komme ich? Was tue ich auf der Erde? Was ist Leben? Das alles sind tatsächlich Fragen, die mit den Mitteln des Verstandes nicht beantwortet werden können, die andere Werkzeuge benötigen. Doch wo die Luft im Übermass vorhanden ist, wird die Existenz solch anderer Werkzeuge schlicht geleugnet.

Typische Vertreter einer übermässigen Luft-Energie sind die AkademikerInnen im Elfenbeinturm, die nur auf der mentalen Schiene funktionieren, die körperlichen, emotionalen und spirituellen Aspekte aber mit allen Kräften zu eliminieren versuchen - oder sie einfach vergessen. Das Resultat dieser Bemühungen sind weltfremde TheoretikerInnen, die ihre Modelle für realer halten als die Menschen, auf die diese Modelle angewandt werden. Und die dazu neigen, die Wirklichkeit ihren Modellen anpassen zu wollen, nicht umgekehrt.

Der Mangel an Luftqualität

Ein Mangel an Luft-Energie hingegen führt dazu, dass das Denken langsam und schwerfällig ist und dass logische Zusammenhänge nur schwer verstanden werden. Es ist nicht möglich, komplexe Strukturen zu begreifen. Wo ein Mensch mit Luft-Übermass das Problem hat, vor lauter Bäumen den Wald nicht zu sehen – also vor lauter Details den Blick für das Ganze verliert – so ist ein Mensch mit Luft-Mangel gewissermassen kurzsichtig und sieht zwar den Wald, aber nur als undifferenzierte Masse, ohne Blätter, Stämme, Wurzeln, ohne Tiere... Es ist nicht möglich, Details als Elemente einer übergeordneten Struktur zu erkennen, und oft ist es noch nicht einmal möglich, überhaupt Details zu identifizieren. Das Handeln ist spontan, von Emotionen oder Intuition geleitet und wenig reflektiert.

die Luft im Tarot

Im Tarot wird das Luft-Element dargestellt durch das Schwert. Das Schwert ist ein Instrument, das trennt und schneidet; so stellt es auf der übertragenen Ebene die Fähigkeit der Analyse dar, also die Fähigkeit, Situationen bewusst und rational in ihre Aspekte aufzuteilen und jeden Aspekt einzeln zu prüfen.

Das Schwert ist neben dem feurigen Stab, dem wässrigen Kelch und dem erdigen Pentakel eines der vier Werkeuge des Magiers im Rider Waite-Tarot, der mit allen vier Elementen arbeitet, spielt und sie in Form bringt. Auch die Sphinx, die auf dem Rad des Schicksals sitzt, trägt ein Schwert, allerdings nicht so ernst und würdig wie der Magier, sondern eher nonchalant; wer auf dem Rad sitzt, ganz zuoberst, hat eine gute Übersicht und ist in der Lage, den Verstand spielerisch und mit Leichtigkeit zu benutzen. Wiederum ernst und würdig ist die Gerechtigkeit, die Karte Nr. 11 (in manchen Spielen auch die Karte Nr. 8), die die archetypische Kraft der kosmischen Richterin verkörpert und dafür sorgt, dass alle Handlungen ihren perfekten Ausgleich finden. Sie setzt die göttliche Gerechtigkeit auf das irdische Leben um als Frau Karma.

Die Farbe der Schwerter in den kleinen Arkana trägt die härteste, grausamste und kummervollste Energie von allen Farben der kleinen Arkanen. Die Fähigkeit zu unterscheiden bedeutet oft Ent-Täuschung und das Auflösen von oft geliebten Illusionen, was im ersten Moment traurig oder gar schockierend und angsterregend wirkt. Ebenso kann die Energie der Ratio, die die Schwerter vermitteln, dazu benutzt werden, durch Rationalisierungen die Augen vor der Realität zu verschliessen, so lange, bis mensch davon eingeholt wird.

Luft-Tiere

Unsere nächsten Tierverwandten, die sich durch die Luft bewegen, sind die Vögel. Ihre Freiheit, sich durch den Raum zu bewegen, schnell in grosse Höhen zu gelangen und die Übersicht über die Gesamtheit einer Situation zu haben, wurde durch alle Jahrhunderte bewundert, und Menschen sehnten sich danach, ihre Fähigkeiten zu haben.

Es ist kein Zufall, dass dieser Traum mit den Mitteln der luftigen, verstandesbetonten Naturwissenschaften umgesetzt werden konnte, die es möglich machte, Flugzeuge aller Art zu entwickeln. Es ist ebenso wenig kein Zufall, dass der Zeitgeist eben zur Zeit der Aufklärung und der Wissenschaften reif dafür war; denn die Entwicklung von Fluggeräten wie Heissluftballonen wäre schon im antiken Ägypten möglich gewesen, denn die dazu notwendigen Materialien Papier, Korbgeflechte, Seile und der Gebrauch von Feuer waren alle schon bekannt. Allerdings muss man einschränken, dass die Erfahrung des Fliegens, wie sie heute Tausende von Menschen täglich machen, meist wenig mit Freiheit und Übersicht zu tun hat, sondern mehr von Vieh, das gründlich kontrolliert und mit langen Wartezeiten durch die Flughafenmaschine getrieben wird und dann wie Sardinen in der Büchse in den Bauch von Flugmonstern gestopft wird - ein deutliches Abbild der Schattenseite der Luft, wo Technik und Methode alles ist und das Vergnügen sinnlicher Erfahrung nichts zählt.

Die Luft im Körper

Luft ist lebensnotwendig; man kann nicht länger als wenige Minuten auf Luft verzichten, ohne zu sterben, oder ohne dass zumindest das Gehirn schwerwiegende und dauerhafte Schäden davon trägt. So ist auch eine der grössten Ängste, die Angst vor dem Ersticken, mit der Luft-Energie verbunden. Es löst bei vielen Menschen sofortige und heftige Panik aus, wenn ihnen plötzlich und unerwartet die Luft genommen wird - wenn zum Beispiel im Freibad sich jemand den "Scherz" erlaubt, den Kopf anderer Personen unter das Wasser zu drücken.

Die Luft transportiert den Sauerstoff, und somit die Feuerenergie, durch die Lunge in das Blut und in die Zellen; so ist es auch möglich, durch verschiedene Atemtechniken auf das Bewusstsein einzuwirken und es zu verändern. Hier wurden in den verschiedensten Traditionen der Welt eine Vielzahl von Übungen entwickelt.

Auch im übertragenen Sinn transportiert die Luft das Feuer, den Geist, denn zu sprechen bedeutet, Luftströme auf ganz bestimmte Weise zu modulieren, wordurch die Stimme entsteht, vom urtümlichen Schreien und Grunzen und Geräusche-Machen bis hin zu differenziertem Gespräch und komplexem Gesang. In so gut wie allen Weisheitslehren der Menschheit wird der Gebrauch der Luft-Energie in der Stimme dazu benutzt, Zugang zu jenseitigen, höherdimensionalen Welten zu finden und diese auf die Erde zu bringen, in Zaubersprüchen, Mantren und durch Toning.

Tonlage und Lautstärke, generell die Qualität der Stimme, drückt die Emotionen aus, und diese Fähigkeit teilen wir mit vielen Tieren, vor allem den höheren. Zusätzlich beherrschen wir Menschen eine differenzierte Sprache, innerhalb derer eine Vielzahl von abstrakten und konkreten Bedeutungen über die Worte transportiert wird.

copyright

© Barbara Seiler 2007 - www.spiriforum.net
Dieser Text darf unter Hinzufügung dieser Fussnote gerne weitergegeben werden.