Das Ego und die Seele

Es gibt zwei wesentliche und klar voneinander unterschiedene Erlebensqualitäten im Rahmen der menschlichen Erfahrung: Egoqualität und Seelenqualität.

Das Ego, das ist jener Aspekt, der sich darum kümmert, dass wir uns auf der Erde orientieren können und handlungsfähig sind, es ist für Kontrolle zuständig und das Vermeiden von Mangel - die Seele, das sind unsere Talente, die Wünsche, die Sehnsüchte, die Kreativität, ein Wesen, das in unendlicher Fülle und Freude existiert.

Was ist das Ego?

Das Ego dürfte den meisten Erwachsenen bestens bekannt sein: sie ist im Alltag omnipräsent, und die meisten Anforderungen, die von Staat und Gesellschaft an die einzelnen Menschen gestellt werden, beziehen sich auf Egofunktionen.

Man könnte das Ego als den Steuermann in der irdischen Welt nennen. Es ist jene Funktion, die sich um das Wohlbefinden und den Erhalt des Körpers kümmert, Rechnungen bezahlt, auf die Uhr schaut, nach Anerkennung strebt, die Agenda führt und Einkaufslisten aufstellt. Ego denkt rational und ist emotional motiviert.

Die Entwicklung des Egos

Das Ego ist nicht von Geburt an vorhanden, sondern entsteht im Lauf des Lebens: ein Baby hat noch kein Ego: es kann nicht unterscheiden, was zu seinem Körper gehört und was nicht. Erst indem es mit seiner Umgebung in Kontakt kommt, Dinge in die Hand und in den Mund nimmt, sie berührt, riecht, schmeckt, darauf herumkaut, lernt es die Unterschiede kennen und stellt fest: wenn ich auf meinen Zeh beisse, tut es mir weg – wenn ich auf den Schnuller beisse, spüre ich nichts. Es wird, durch die Interaktion des Körpers mit der Umgebung, nach und nach definiert, was «ich» ist und was «nicht ich» ist. 

Später kommen die emotionalen Inhalte dazu - «ich fühle mich traurig, fröhlich, wütend, ich will essen, ich will schlafen, ich sage nein» - der Mensch erlebt sich je länger je mehr als eine separate, vom Rest der Welt abgegrenzte Einheit. Wobei das Wort «Nein!» sehr wichtig ist und die meisten Kinder in der Trotzphase erforschen ganz begeistert dessen Wirkungen auf die Eltern und die Geschwister, sobald sie es entdeckt haben. Da kann man Leute wütend machen – traurig – ärgerlich – das löst jede Menge höchst interessanter Reaktionen aus!

Die Sprache, ein Werkzeug des Ego

Das Ego ist ebenfalls sehr eng mit dem Gebrauch von Sprache verbunden. Sprache beruht auf Trennung und Differenzierung: ein Hund ist ein Hund, ein Hund ist nicht ein Baum. Sprache ist besser geeignet zu trennen als zu verbinden. Unwillkürlich neigen die meisten Menschen dazu, lieber zu widersprechen als zuzustimmen; lieber die Unterschiede zu betonen, nicht die Gemeinsamkeiten; und häufig kommt es vor, dass zwei Menschen aufgrund verschiedener Worte und Bezeichnungen über eine Sache streiten – und irgendwann feststellen, dass sie mit diesen verschiedenen Worten im Grunde denselben Inhalt bezeichnet haben, und der ganze Konflikt nur ein Schein-Konflikt war, nicht einer, der auf echten Differenzen beruht. 

Sprache erzeugt Missverständnisse und Irrtümer; die abstrakten Konzepte, die sie liefern kann, können bis zu Kriegen führen, zwischen Kapitalismus und Kommunismus, zwischen Islam und Christentum, zwischen Katholiken und Protestanten... und das sind ja «nur» Worte! Und allzu oft stehen hinter diesen Worten sehr ähnliche oder gar dieselben Bedürfnisse: nach Schutz, Geborgenheit, nach Wohlstand, nach Genuss, nach Freude. Doch die Sprache kann hier spalten, was doch gar nicht getrennt ist.

Das Ego, ein Mangelwesen

Das Ego ist von Natur aus ein Mangelwesen. Sein Ziel ist es, nirgends einen Mangel entstehen zu lassen: Ego will nicht hungern, nicht dürsten und nicht frieren; Ego will nicht verachtet und allein gelassen werden. Sobald ein Mangel fühlbar wird, wird Ego aktiv und versucht alles, was es kann, um diesen Mangel entweder zu beheben – oder ihn zu verdrängen und vergessen. 

Wenn wir uns einen Menschen vorstellen, der ausschliesslich, vollständig und erfolgreich aus dem Ego lebt, so ist das ein Mensch, der gut verdient, gut gekleidet ist, angesehen in der Gemeinschaft und erfolgreich im Beruf, jemand, der die sozialen Konventionen beherrscht und respektiert. Typischerweise ist es ein Mann, und zwar einer vor seiner Midlifecrisis, wo er sich fragen beginnt: und jetzt? War das schon alles? Warum ist der ganze Erfolg auf einmal schal und leer?

Ein Leben aus dem Ego kann zu materieller Sicherheit und sozialem Erfolg führen; glücklich machen kann es aber nicht. Das ist die Aufgabe der Seele.

Das Ego in der christlichen Tradition

In der christlichen Tradition wird das Anhaften am Ego an sieben Charaktereigenschaften festgemacht, die die sieben Hauptlaster, oder - besser bekannt - die sieben Todsünden genannt werden:

Alle diese Eigenschaften führen dazu, so viel wie möglich an irdischen Gütern, den materiellen wie Geld und Besitz und den immateriellen wie Anerkennung - an sich zu nehmen, und so wenig wie möglich davon anderen zu geben.

Hieronymus Bosch: die sieben TodsündenHieronymus Bosch: die sieben Todsünden
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Was ist die Seele?

Die Seele ist jener Teil von uns, der in dieser Welt ist, aber nicht von dieser Welt. Sie ist die Persönlichkeit, der Wille, die Freude, die Kreativiät – sie ist verspielt und voller Ausdruck. Und sie ist überhaupt nicht an irdischen, vernünftigen Themen interessiert. In der Seele sind unsere tiefsten Sehnsüchte enthalten, unsere Lebensaufgabe, unsere Berufung.

Der Körper ist das Kleid der Seele

Jeder Mensch ist eine verkörperte Seele – eine Seele, die sich eine Wohnung aus Fleisch und Blut geschaffen hat, und den Körper als Kommunikationsinstrument und Werkzeug nutzt, um im Bereich des Irdischen und der Materie zu wirken. Die Aufgabe der Seele ist, zu bestimmen, WAS in einem Leben getan wird. Sie definiert die Fähigkeiten, die ein Mensch hat (und wählt die Eltern und das Umfeld des neuen Menschen entsprechend aus), und sie definiert, welche Erfahrungen dieser Mensch während seines Lebens machen soll, vor welche Aufgaben ein Mensch gestellt wird. Die tiefsten Sehnsüchte und Träume eines Menschen sind Ausdruck der Seele. Oft wissen Kinder schon früh sehr genau, wohin ihre Reise gehen soll. Viele Menschen, die in ihrem Bereich Hervorragendes leisteten, wussten, wohin sie gehen wollten, und sie sagten es auch: «ich will der beste Tennisspieler der Welt werden; ich will die Präsidentin meines Landes werden.» - und sie streben mit aller Kraft auf dieses Ziel zu.

Die Seele trägt den Sinn des Lebens

Diese Seelenimpulse sind keine Eintagsfliegen und Launen, sondern sie sind beständig während vielen Jahren. Sie können über lange Perioden vergessen werden, und tauchen irgendwann wieder auf, mit der gleichen Frische, Stärke und Faszination wie früher. Wenn das Ego der Steuermann ist, so ist die Seele der Stern, dem wir auf unserer Reise folgen und der den Weg zu neuen Horizonten zeigt. 

Die Impulse der Seele können die Bedürfnisse des Egos relativieren und im Extremfall völlig ausser Kraft setzen. Wer einem solchen Impuls folgt, für den ist die materielle Sicherheit, das soziale Ansehen, der Schutz und das Wohlbefinden des Körpers nicht mehr ein Ziel in sich selbst, sondern höchstens ein Mittel zum Zweck – oder es wird gar ganz vernachlässigt. Van Gogh ist ein Beispiel für einen Menschen, der sehr stark aus der Seele lebte: Das Einzige, was ihn interessierte, waren seine Bilder – und das interessierte ihn so sehr, dass er darob auch ohne weiteres seine körperlichen Bedürfnisse vernachlässigte. Ihm fehlte ein starker Ego-Aspekt, der ihn alltagstauglich machte, doch er schaffte wunderbare Kunst.

Die Seele ist ein Fülle-Wesen

Im Gegensatz zum Mangelwesen Ego ist die Seele ein Füllewesen. Ihr Bereich ist die Poesie, die Wahrheit, der Sinn, die Kunst, die Perfektion. Sie fragt nicht, wie das Ego «was fehlt mir?», sie fragt «welchen Ausdruck wähle ich?». Wo das Ego «nein, das will ich nicht» sagt, sagt die Seele «ja, das will ich». Seelenqualität fühlt sich als eine Qualität von Richtigkeit und Frieden an – es ist ein innerer Frieden, der nicht durch äussere Umstände zerstört werden kann. Auch wenn äusserlich vieles schief geht, die Kontrolle über die eigene Situation und das eigene Leben verloren gegangen ist, so kann dennoch das tiefe, beständige Gefühl da sein: alles ist gut so, wie es ist. Da ist kein Hadern, keine Verbitterung – es ist so, wie es ist, und es ist richtig so, wie es ist.

Wie arbeiten Seele und Ego zusammen?

Ego und Seele sind beide Teil der menschlichen Erfahrung: Da ist eine Seele, die wünscht, gewisse irdische Erfahrungen zu erleben – also erschafft sie sich einen Körper, kommt als Kind auf die Welt, und ein Ego entwickelt sich, damit sich diese verkörperte Seele in der Welt orientieren kann und handlungsfähig wird. Wenn alles klappt wie am Schnürchen, so darf diese Seele einerseits ihr Ego entwickeln, andererseits vergisst sie aber auch nicht, die Seelenimpulse wahrzunehmen und sie auf der Erde umzusetzen. Ein solches Kind wird Eltern und Erzieherinnen haben, die seine Seelenbedürfnisse erkennen, fördern und ihm dabei helfen, sie auf der Erde umzusetzen; die aber auch dafür sorgen, dass es in den Dingen des Egos ausgebildet und kompetent ist, sodass es als Erwachsener die sozialen Konventionen kennt und beherrscht, und fähig ist, für die Bedürfnisse seines Körpers zu sorgen, Geld zu verdienen, einen Haushalt zu führen... Ein solcher Mensch wird ein erfülltes, zufriedenes Leben haben. Nicht ein Leben, das keine Herausforderungen und Probleme kennt – aber ein reiches, intensives Leben, und zugleich ein Leben, das auch andere Menschen bereichert.

Stolpersteine in der Zusammenarbeit Ego-Seele

In aller Regel läuft diese Entwicklung allerdings nicht ohne Stolpersteine ab. Unsere Gesellschaft ist vornehmlich auf die Bedürfnisse des Egos ausgerichtet. «Lerne einen anständigen Beruf!» ist eine deutlich häufigere Aussage als «Tu, was immer dich begeistert und beflügelt!» Es wird bedeutend mehr Wert darauf gelegt, dass ein Mensch ein «nützliches Glied der Gesellschaft» wird, Steuern bezahlt, sich Besitz erarbeitet und sich an den herrschenden Normen und Konventionen ausrichtet. Ob dieser Mensch glücklich, zufrieden und erfüllt ist, in dem was er/sie tut, ist dabei nebensächlich, oder vielleicht gerade noch ein netter Bonus – nicht aber etwas, was es mit aller Kraft, mit Herz und Seele anzustreben gilt.

Die Rolle der Seele in der Zukunft der Erde

Dies ist allerdings dabei, sich zu verändern. Die technische Entwicklung ist zumindest im westlichen Raum der Erde so weit gediehen, dass nur noch ein Bruchteil der menschlichen Ressourcen benötigt werden, um für alle Menschen ein angenehmes Leben auf der materiellen Ebene zu garantieren – und die anderen Ressourcen stünden zur Verfügung, um sich den Sehnsüchten der Seele zu widmen und diese zu realisieren. Wir sind in einer Übergangsphase: die Arbeitslosigkeit wird immer noch weitgehend als Problem empfunden, und nicht als Chance und Gelegenheit. Depression – die Krankheit der Sinnlosigkeit, die Krankheit der verloren geglaubten Seele – ist weit verbreitet. Und die Kinder von heute finden sich allzu oft nicht gut zurecht in dieser verrückten, widersprüchlichen Welt, und allzu oft finden sie niemanden, der ihnen helfen kann, ihre Seele zu entdecken. Doch wo die Not am grössten ist, da kommt auch die Lösung – es ist Veränderung in der Welt, und in allen Bereichen des Lebens wird immer mehr Wert gelegt auf Seelenhaftigkeit, auch wenn es nicht unbedingt so genannt wird, sondern vielleicht eher: Lebenssinn, Qualität, Nachhaltigkeit, Schönheit, Liebe.

Ego- und Seelenimpulse unterscheiden

Ego und Seele fühlen sich ganz verschieden an, so wie sie auch in ihrer Natur sehr verschieden sind: das Ego bewegt sich in der Welt der Polarität und versteht nur diese, wohingegen die Seele aus dem Bereich der Einheit stammt und eine Verbindung herstellt zwischen der Welt der Einheit – der göttlichen Welt, dem Himmelreich – und der irdischen Realität, der polaren Realität.

Dualitaet und PolaritaetDualität und Polarität
© Barbara Seiler 2008

Es kann geschehen, dass eine Bewegung in der Polarität verwechselt wird mit einem Seelengefühl – und von aussen können diese verschiedenen Impulse sich auch sehr ähnlich auf das Leben auswirken.

Seelenimpulse sind tiefe Gefühle, die immer wieder auftauchen und die unserem Leben eine Richtung geben können.

Seelenimpulse sind nicht emotional. Eine Emotion befindet sich im irdischen Bereich der Polarität, ist also eine Bewegung auf der waagrechten polaren Achse im Schema: das Angenehme wird als gut und erstrebenswert bewertet, das Unangenehme als schlecht und vermeidenswert. Viel Geld zu haben ist gut, kein Geld zu haben ist schlecht. Keine Schmerzen zu haben ist gut, Schmerzen zu haben ist schlecht – das sind Ego-Dinge.

Impulse der Seele hängen aber nicht davon ab, ob sie als angenehm oder unangenehm empfunden werden. Es geht eher um ein Gefühl von Richtigkeit, das sich unabhängig von der äusseren Situation einstellen kann. Kein Geld zu haben ist unangenehm, macht Angst und das Ego kann dabei verzweifeln – kann sich aus der Perspektive der Seele dennoch gut und richtig anfühlen. Das kann sich sehr eigenartig anfühlen, das zu erleben – ein Mensch steht vor einer beängstigenden, schmerzhaften Situation, das Ego dreht fast durch – und dennoch ist da gleichzeitig völlig unverständliche Ruhe und Sicherheit und die klare Botschaft: alles ist in Ordnung so, wie es ist. Es ist perfekt, wie es ist.

Viele Menschen erleben ihre persönlichen Katastrophen: sie verlieren eine geliebte Arbeit, sie verlieren ihre LebenspartnerInnen, sie beginnen eine Ausbildung und müssen sie kurz vor dem Schluss abbrechen, sie werden krank oder erleben einen schweren Unfall... alles Dinge, die das Ego extrem bedrohen – also Dinge, die das materielle und soziale Wohlbefinden stören, die existenzielle Ängste auslösen. Viele Menschen gehen dann durch diese Krisen hindurch, so wie Menschen das eben tun – mit Gewurstel, mit Zusammenbrüchen, mit hinfallen und wieder aufstehen und weitergehen – und manchmal kann es sein, viele Jahre später, dass sie sagen: diese Katastrophe war das Beste, das mir passieren konnte! 

Sie haben viele alte Glaubenssätze aufgegeben und einen neuen Glauben; sie haben ihre Einstellung zum Leben geändert, ihre Beziehungen zu sich selbst und anderen Menschen verändert, und in der Regel ist das, was sie nachher tun, ihren Seelenwünschen näher als das, was sie vorher taten. Es kann durchaus sein, dass sie ein Leben lang nach diesen Ereignissen weniger Geld haben, weniger Prestige haben, unter dauernden körperlichen Einschränkungen leiden – doch sie tun das, was ihre Seele wünscht, und das ist es, was zählt.

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© Barbara Seiler 2008 - www.spiriforum.net
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Weblinks

Literaturhinweise

Jean-Yves Leloup diskutiert in seinen Übersetzungen der kanonischen und apokryphen Evangelien die Essenz des Christentums und der Wege, die darin aufgezeigt werden, Seele zu leben. Gerade für Frauen besonders interessant ist das Evangelium der Maria Magdalena, indem die bekannte Gestalt aus den kanonischen Evangelien in einem neuen Licht erscheint.