Ein Versuch, Gott zu beschreiben

... und Sie müssen das, wovon dieser Artikel handelt, nicht "Gott" nennen, wenn Sie nicht wollen. Sie können genauso sagen: das Wesentliche, die Quelle, das Sein, der Ursprung... mit Worten ist es nicht zu fassen. Und dennoch, hier ein Versuch, genau das zu tun.

der zeitlose Weg

Interessanterweise habe ich eine der schönsten Beschreibungen dieses Nicht-Beschreibbaren, das Gott ist, in einem Buch über Architektur gefunden, nämlich in "The Timeless Way of Building" von Christopher Alexander. Es ist ein Buch, das sich mit der Frage beschäftigt, wie ein Haus oder eine Stadt gebaut sein muss, damit Menschen sich darin wohl fühlen und gerne an einem Ort leben.

Er schreibt über diese wesentliche "Qualität ohne Namen":

There is a central quality which is the root criterion of life and spirit in a man, a town, a building, or a wilderness. This quality is objecitve and precise, but it cannot be named.

Auf Deutsch: Es gibt eine zentrale Qualität, die das Ur-Kriterium von Leben und Geist in einem Menschen, einer Stadt, einem Gebäude oder einer wilden Landschaft ist. Diese Qualität ist objektiv und präzise, aber sie kann nicht benannt werden."

Er umschreibt diese Qualität als: der Unterschied zwischen Gesundheit und Krankheit; der Unterschied zwischen Ganzheit und Gespaltenheit , zwischen Selbst-Erhaltung und Selbst-Zerstörung. Diese Qualität ist nie zweimal genau gleich, sondern an jedem Ort individuell; sie ist frei von inneren Widersprüchen; sie macht, dass sich Wesen und Dinge lebendig anfühlen; sie ist Ganzheit; sie ist Komfort; sie ist exakt; ego-los; ewig; als Geschmack ist sie süss mit einem Hauch von Bitterkeit.

Alle diese Worte sind nicht fähig, diese Qualität von Richtigkeit vollständig zu beschreiben. Es gibt keine Worte, die fähig sind, diese Qualität  zu vermitteln. Sie muss erlebt und gefühlt werden. Das Wort "Gott" benutzt Christopher Alexander in dem ganzen Text nirgends, doch genau darum geht es: Das Reich Gottes auf der Erde zuzulassen, worum in der Gebetszeile des Vaterunsers "dein Reich komme wie im Himmel so auf Erden" gebetet wird. Es geht darum, ganz Mensch sein zu dürfen. Es geht darum, zu dem zu werden, was man ist. 

Ich bin der ICH-BIN - Mose

Es gibt viele Wege und Beschreibungen des Göttlichen. Ein weiterer wichtiger Zugang ist durch die heiligen Bücher der Menschheit möglich, die viele verschiedene Perspektiven anbieten.

Die Unterschiede in der Beschreibung mystischer Erlebnisse hat im Lauf der Geschichte viele Missverständnisse und sogar Kriege ausgelöst, wenn der Fokus vor allem auf den Unterschieden der verschiedenen spirituellen Lehren lag. Sinnvoller scheint es mir, die gemeinsame Essenz zu suchen, die in allen Religionen und Spiritualitäten der Welt zu finden ist und diese zu betrachten. 

Für die europäische Tradition ist Moses, der im Bericht des Alten Testamentes die Israeliten aus der Sklaverei Ägyptens in die Freiheit des Gelobten Landes führte und die zehn Gebote übermittelte, ohne Zweifel eine wichtige und prägende Figur.

Mose, der einen ägyptischen Aufseher im Zorn erschlagen hatte und fliehen musste, fand Arbeit als Schafhirte. Er befindet sich gerade in der Wildnis mit seiner Herde, als ihm ein seltsam brennendes Gebüsch erscheint, beschrieben in 2. Mose 3.1-13

Mose aber weidete die Herde Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters von Midian. Und er trieb die Herde über die Wüste hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Da erschien ihm der Engel des HERRN in einer Feuerflamme mitten aus dem Dornbusch. Und er sah hin, und siehe, der Dornbusch brannte im Feuer, und der Dornbusch wurde nicht verzehrt. Und Mose sagte sich: Ich will doch hinzutreten und diese grosse Erscheinung sehen, warum der Dornbusch nicht verbrennt.  Als aber der HERR sah, dass er herzutrat, um zu sehen, da rief ihm Gott mitten aus dem Dornbusch zu und sprach: Mose! Mose! Er antwortete: Hier bin ich.  Und er sprach: Tritt nicht näher heran! Zieh deine Sandalen von deinen Füßen, denn die Stätte, auf der du stehst, ist heiliger Boden!

(...)

Mose aber antwortete Gott: Siehe, wenn ich zu den Söhnen Israel komme und ihnen sage: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt, und sie mich fragen: Was ist sein Name?, was soll ich dann zu ihnen sagen? Da sprach Gott zu Mose: "Ich bin, der ich bin." Dann sprach er: So sollst du zu den Söhnen Israel sagen: Der "Ich bin" hat mich zu euch gesandt. Und Gott sprach weiter zu Mose: So sollst du zu den Söhnen Israel sagen: Jahwe, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name in Ewigkeit, und das ist meine Benennung von Generation zu Generation.

"Ich bin" ist die Antwort des Engels aus dem brennenden Busch. "Ich bin", das ist das Einzige, was ein Mensch sicher wissen kann. "Ich bin", das ist das, was wir Menschen zu uns selbst sagen, wie wir uns selbst bezeichnen - es ist unser Kern, unsere Essenz. Es ist das, was wir selbst sind, wenn alle Äusserlichkeiten wegfallen.

Es ist nicht die Oberfläche des Egos, das sich durch den Körper und das Verhältnis zur Welt und zur Gesellschaft definiert.  Das Ego definiert sich folgendermassen: "Ich bin - - - Mann, Frau, Kind, berufstätig, pensioniert, klug, geschickt, hässlich...." All diese Beschreibungen beziehen sich nicht auf unsere Essenz, sondern auf den Ausdruck, auf die Manifestation des Göttlichen als Welt.

Das Ich-Bin, das hier gemeint ist, ist nicht das Aussehen, nicht der Beruf, nicht die Talente und Fähigkeiten, nicht der Familienstand, nicht der soziale Status, nicht eine Vereinszugehörigkeit, nicht der Besitz. All diese Dinge gehören zu der Manifestation. Ich bin, das ist jener geheimnisvolle Aspekt, der macht, dass wir uns unserer selbst bewusst sind.


Gott als Geometer

Gott als Geometer
Frontispiz der Moralisee-Bibel
Frankreich, 13. Jhdt.
© public domain

ICH-BIN-Worte - Johannes

Das Evangelium nach Johannes überliefert verschiedene Worte, mit denen Jesus versucht hat, diese nicht benennbare Qualität zu beschreiben: "Ich Bin das Leben - Ich Bin der Weinstock - Ich Bin der Weg (das Dao) - Ich Bin die Tür." 

Es handelt sich nicht um die Person Jesus, die da spricht - es handelt sich um das grosse ICH-BIN selbst, das durch Jesus spricht und handelt. 

Ich-Bin das Leben - Gott ist Leben, und somit in allen von uns Menschen, aber auch in den Tieren, in den Pflanzen, auch in den Steinen, in allem, was ist. Das Leben ist in der Materie als Potenzial schon seit immer vorhanden. Es gibt keine Materie, die nicht lebendig ist. Jedes Atom und jedes Elementarteilchen hat teil am Leben.

In der Genesis wird erzählt, wie Gott den Menschen zu einer "lebendigen Seele" gemacht hat, indem er dem Adam, dem Prototypen des Menschen, seinen Atem durch die Nasenlöcher einblies. Im Neuen Testament wird diese Idee wieder aufgenommen, indem mit dem griechischen Wort "Pneuma" der Heilige Geist mit dem Wind und der Luft gleichgesetzt wird. Atem ist Leben -  und jeder Atemzug ist ein Gebet. "ich bin lebendig, ich atme - ich atme - ich atme." 

Das bewusste Bewusstsein der Menschen kann hin und wieder vergessen, sich selbst auf Gott und das Leben auszurichten, doch der Körper vergisst es nie. Solange er lebt, atmet er und nimmt den Geist auf, der auf allen Ebenen nährt. 

ICH-BIN der Weinstock - ihr seid die Reben. So wie ein Blatt oder eine Frucht ihr Leben nur durch die Pflanze erhält, an der sie wächst, so erhalten wir Menschen und geschaffene Wesen unser Leben nur durch das "ich bin", dessen Teil wir sind. Manchmal fühlen wir uns einsam, getrennt von allem, trostlos allein - doch dies ist ein Irrtum. Solange wir leben, sind wir eingebettet und geborgen in der grossen Realität, die Gott-Ist und Ich-Bin.

ICH-BIN der Weg - es geht nicht um etwas Statisches, es ist ein Prozess. Es geht nicht darum, ein Ziel zu erreichen, es geht darum, kraftvoll vorwärts zu gehen. Es ist nicht notwendig, perfekt zu sein. Es ist aber erleichternd, befreiend und erlösend, mutig voran zu gehen und den eigenen Weg zu finden, wie immer der auch sei.

ICH-BIN die Tür - Es ist die Einladung, durch jene Tür zu gehen, die Ego-Qualität von Seelen-Qualität trennt. Seelenqualität, das ist, was sich vollständig gut und richtig anfühlt . Was mit unserem Gewissen übereinstimmt. Was keine Fragen offen lässt. Es ist so, wie es ist, und es ist gut so, wie es ist. Diese Gewissheit zu erleben, verleiht einem Leben Kraft und Präsenz. Es ist ein grosses, ein königliches Leben - ein Leben in strahlender Schönheit. Nicht immer ein einfaches Leben, aber eines, das sich immer lohnt. 

Dsa Ego und das Ich-Bin

Das Ich-Bin lädt uns dazu ein, in jedem Moment offen zu sein und zuzulassen dass unser tiefstes Sein, durch uns wirken kann.

Dem Ego, der irdischen, mit dem Körper identifizierten Persönlichkeit, gefällt das nicht immer. Ego-Anforderungen zielen auf das Überleben des Körpers ab, auf das Einfügen in eine Gemeinschaft und ihre Konventionen, auf ein vernünftiges und angepasstes Verhalten. "Lerne einen richtigen Beruf", sagen Eltern ihren Kindern. "Spiele nicht mit dem Essen . Benimm dich anständig." Und das ist gut und richtig, dass sie es sagen, denn es ist Teil ihrer Aufgabe als Eltern, ihrem Kind zu helfen, ein so gesundes, belastbares und solides Ego zu bilden wie nur irgend möglich.

Die Dinge des Ich-Bin sind allerdings nicht anständig. Sie sind verrückt, entlarvend, ausserordentlich, angsterregend und intensiv. Sie sind grenzenlos, experimentierfreudig und ohne Tabu. Sie bringen das Herz zum Singen und zum Zittern. 

"Werdet wie die Kinder", hat Jesus empfohlen. Werdet verspielt, neugierig, offen und zutraulich. Achtet nicht zu sehr auf Standesunterschiede, auf Unterschiede in Bildung und Reichtum und Schönheit. Erkennt im Gegenüber das Ich-Bin, das ihr selbst seid. Traut euch. Seid mutig .

DAO - der Weg

Das Wort vom Weg lässt sich in einem ganz anderen kulturellen wieder Kontext finden: in einem relativ kurzen, aber grundlegenden Text der chinesischen Kultur, dem Tao Te King, oder dem "Buch vom Sinn und Leben"

Das chinesische Wort "Dao", ein Kernbegriff dieses Textes, bedeutet auf Deutsch übertragen: Weg, aber auch: Gott, Vernunft, Logos, Sinn, Richtung, Zustand, Vernunft, Wahrheit... Der Kommentator Richard Wilhelm erwähnt, dass der neutestamentliche Begriff Logos (Wort, Vernunft) in chinesischen Bibelübersetzungen mit dem DAO übertragen wird. Die westliche und die östliche Welt, so verschieden sie auch scheinen mögen, haben Berührungspunkte und kennen Parallelen und sehr ähnliche Konzepte. 

Gleich am Anfang wird darauf die Unfassbarkeit des Dao hingewiesen: 

Das DAO, das sich aussprechen lässt, ist nicht das ewige DAO; der Name, der sich nennen lässt, ist nicht der ewige Name.

Hier lässt sich wiederum der Bogen zurück schlagen zum alten Testament, wo Gott den Israeliten sagte "du wirst dir kein Bild von Mir machen" - weil es nämlich gar nicht möglich ist. Worte, Bilder sind immer nur mehr oder weniger gute Annäherungen, mehr aber nicht.

Ideen westlicher Wissenschaft

Erst mal sagt die Wissenschaft zum Thema Gott gar nichts - denn die Frage nach Gott ist eine ontologische Frage, eine Frage, die das Sein betrifft. Das ist nicht ihr Métier.

Wissenschaft kümmert sich um den Bereich des sinnlich Fassbaren, des Messbaren und Vergleichbaren, und nur um das. Das ist ein sehr beschränktes Tätigkeitsfeld. Doch gerade weil sie sich so sehr beschränkt, sind in den Naturwissenschaften Erkenntnisse gelungen, die unsere Sicht auf das Ich Bin erweitern, die sehr abstrakt sind, und die von keinem sogenannt "gesunden Menschenverstand" verzerrt werden.

Einstein hat in seiner Relativitätstheorie beschrieben, dass Raum und Zeit eine Einheit sind, die Raumzeit. Es gibt keinen Raum ohne Zeit und es gibt keine Zeit ohne Raum. Raum und Zeit gehören so eng zusammen wie die Vorderseite und Rückseite einer Münze. 

Des weiteren hat Einstein beschrieben, dass Raum und Zeit relativ sind - das heisst, dass sie verschieden wahrgenommen werden, je nachdem, wo sich der Körper eines Beobachter (eines Bewusstseinfunken, einer Facette Gottes) innerhalb der Welt gerade befindet. Je nach Standpunkt werden Ereignisse in verschiedenen Reihenfolgen erlebt. Das Paar "vorher-nachher" ist genauso willkürlich und vom Standpunkt eines Beobachters abhängig wie das Paar "links-rechts". Spätestens hier wurde klar, dass es in der Wissenschaft nur Relation gibt, nur Beziehung - einen festen Bezugspunkt findet man in der Welt nicht. 

Das Absolute, Göttliche, ist nicht innerhalb dieser Welt der Formen zu finden. Es ist ausserhalb - wo immer dieses "Ausserhalb" sein mag. Nach der Relativitätstheorie wurde die Quantenphysik entwickelt - jenes Modell der Welt, das es ermöglichte, Atombomben und Computer und Handys zu bauen und Laser zu konstruieren. Also ein Konzept, das enorme Auswirkungen auf unseren Alltag hat. 

Dieses Konzept, mit all seinen Auswirkungen in den Alltag, ist selbst allerdings sehr esoterisch, sehr seltsam, sehr schwer zu begreifen. Eine der Ideen ist: es ist der Beobachter - das Bewusstsein - das ein Materieteilchen in seine Existenz ruft. Es ist Bewusstsein, das die Welt in die Existenz bringt. Es benötigt mindestens zwei Bewusstseinsfacetten - meist Elementarteilchen im Zusammenhang der Physik - die durch die gemeinsame Interaktion die materielle Realität erschaffen. 

Viele Experimente haben seither bestätigt, dass dem tatsächlich so ist. Wo kein Bewusstsein ist - da ist keine Wirklichkeit. Es muss noch nicht einmal das komplexe menschliche Bewusstsein sein, das viel einfachere Bewusstsein einer Maschine genügt völlig, um Realität entstehen zu lassen. Und dieses höchste Bewusstsein, das die Raumzeit aufspannt und der Urgrund von allem ist, was existiert - wie könnte man das anders nennen ausser göttlich?

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© Barbara Seiler 2007 - www.spiriforum.net.
Letzte Veränderung: 29. November 2009

Dieser Text darf unter Hinzufügung dieser Fussnote gerne weitergegeben werden.

Literatur




externe Links