Das Element Erde

Die Erde ist das wohl wichtigste Element in der spirituellen Arbeit, wenn auch jenes, das allzu leicht vergessen geht - denn eine lebendige Spiritualität bedeutet auch immer: eine geerdete Spiritualität. Das wiederum bedeutet: Bodenständigkeit, Alltagsbezug, die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, und last but not least die Fähigkeit, spirituelle Prinzipien angemessen auf Einzelfälle und konkrete Situationen anwenden zu können.

In der Skala des Bewusstseins von David R. Hawkins entspricht der Erde-Bereich den Ebenen von 0 – 200, denen folgende Themen zugeordnet sind:

Die Situation spirituell orientierter Menschen

Heute haben die meisten spirituell interessierten Menschen überhaupt kein Problem damit, einen Kontakt mit den höheren Dimensionen aufzubauen. Wohin man auch immer sieht, es wird nach Kräften gechannelt, geweissagt, sich mit Engeln unterhalten, Energien gelenkt, auf Meridianpunkten rumgeklopft und meditiert. Das ist für viele Menschen einfach und ohne grössere Vorbereitung zu bewerkstelligen. Es ist das Bewusstsein, mit dem wir geboren wurden - und das die Kinder heute noch viel stärker haben als die Erwachsenen. Die Informationen für spirituelle Arbeit sind immer stärker vorhanden, und wir können sie nutzen und tun das auch.

Erdung im Gleichgewicht

Die Herausforderung besteht nun darin, diese Erlebnisse der höheren Sphähren auch auf die Erde zu bringen. Nur allzu gerne halten sich viele Menschen im feurigen Bereich des Spirit auf, wo eine tiefe Begeisterung erfahren werden kann; im luftigen Bereich des Mentals, dem Ort der ausgeklügelten Gedankenkonstruktionen; oder im wässrigen Bereich der Emotionen... was alles eine gute Sache ist, aber wenig sinnvoll, wenn keine solide Erdung vorhanden ist, die dafür sorgt, all diese Erkenntnisse und Träume auch im Alltag umzusetzen.

Eine gute Erdung sorgt für die Verbindung zur irdischen Wirklichkeit und für eine präzise und differenzierte Wahrnehmung von Situationen aller Art. Die stofflichen und feinstofflichen Sinne sind geschärft und offen, der eigene Körper und dessen Bedürfnisse werden wahr- und angenommen. Er wird freundlich und aufmerksam gepflegt und gereinigt durch angemessene Ernährung, regelmässige Körperpflege, einen anregenden Rhythmus von Aktivität und Entspannung, vielleicht auch durch verschiedene Formen von Körperarbeit wie Massagen, Bewegung oder auch Wahrnehmungsübungen aller Art.

Eine gute Portion Urvertrauen hilft, Schwierigkeiten konstruktiv anzugehen und das Leben auf der Erde zu geniessen, trotz aller Herausforderungen, Beschränkungen und Unannehmlichkeiten, die das Leben auf der Erde mit sich bringt.

Die Erde ist auch der Bereich der Naturwissenschaften, die im Lauf der letzten Jahrhunderte die Erforschung der materiellen Realitäten perfektioniert haben und dadurch erreicht haben, dass heute sehr viel mehr Menschen in materieller Bequemlichkeit und Komfort leben können, als das früher möglich war. Aus der Lebensgeschichte der berühmten Wissenschaftler – Newton, Einstein, Heisenberg, Descartes – tritt immer wieder als Muster hervor, dass sie ihre Intuitionen über das Wesen der Natur und der Materie erden konnten und in der mathematischen Sprache der Physik formulieren konnten. Sie waren – und sind – Brückenbauer zwischen Himmel und Erde.

Erde im Übermass - mangelnde Erde

Ein generelles Übermass an Erde ist bei spirituell orientierten Menschen eher selten. Häufiger kommt es aber vor, dass in einzelnen Lebensbereichen, als Gegensatz und Gegengewicht zu den überirdischen Träumereien und Erlebnissen, ein Übermass an Erde geschaffen wird. Weit verbreitet ist allerdings der Mangel an Erdung.

Generell führt ein Übermass an Erde zu Starrheit, Trägheit, Materialismus und der Angst vor Veränderungen, während ein Zuwenig an Erde zu Realitätsflucht und Fantastereien führt - die nicht dasselbe sind wie ehrgeizige Lebensentwürfe, wenn auch oft die beiden Varianten schwer voneinander zu unterscheiden sind.

In den verschiedenen Seinsbereichen unserer irdischen “Spielwiese” äussern sich Mangel und Übermass an Erde folgendermassen:

Die Erde und die materielle Ebene

Auf der materiellen Ebene ist die Absicherung durch Ersparnisse, langfristige Verträge, Grundbesitz, Besitz an "sicheren Werten", Lebensversicherungen und stabile, berechenbare Arbeits- und Lebensverhältnisse äusserst wichtig. Der erdig-materielle Mensch betet nicht "unser tägliches Brot gib uns heute", er betet "gib mir doch heute alles, dass ich bis zum Ende meines Lebens versorgt bin! Und meine Kinder, Enkel und Urururenkel gleich auch noch!" Hier wird von Kindern typischerweise verlangt, einen "rechten Beruf" zu lernen, etwas Solides, Ordentliches - etwas, das mit grosser Wahrscheinlichkeit ein regelmässiges Einkommen bringt. Das ganze Leben soll klar strukturiert und überschaubar sein. Nicht-materielle Realitäten wie Gefühle, Gedanken und Kunst werden wenig geschätzt und als überflüssiger Luxus eingestuft. Alle Werte werden in Geld gemessen, und Themen auf der materiellen Ebene gelebt. Zum Beispiel Krankheiten sinken bis in den Körper herab, da die mentalen und emotionalen Warnzeichen entweder nicht wahrgenommen, oder nicht respektiert werden.

Ein Mangel an Erde auf der materiellen Ebene führt dazu, dass die irdischen Realitäten nicht ernst genommen werden. Der Körper wird nicht gepflegt, Rechnungen nicht bezahlt, die Ernährung ist ungenügend und nicht mehr als ein notwendiges Übel, ebenso wie auch die Bedürfnisse nach Schlaf und Erholung einerseits, oder auch nach Bewegung und Aktivität andererseits nicht respektiert werden. Die mangelnde Wahrnehmung der irdischen Ebene führt zu schusseligem, zerstreutem Verhalten, schlechter Beherrschung der Motorik und daraus folgend häufig zu kleinen Unfällen, Schrammen und Beulen. Ebenso kann es sein, dass pflanzliche oder synthetisch hergestellte Substanzen, sprich Drogen, dazu benutzt werden, aus dem Körper zu fliehen und das Elend der Welt zu vergessen. "Die Erde ist ein Jammertal" ist eine Aussage, die zu dieser mangelnden Erdung passt. Und diesem Jammertal gilt es so schnell wie möglich zu entfliehen! Selbstmord hingegen muss nicht eine Option sein – denn um den eigenen Körper zu töten, braucht es eine gute, irdische Vorbereitung, und das wiederum benötigt Erdung. Die ja nicht vorhanden ist. Am liebsten werden irdische Realitäten einfach verdrängt und vergessen, so gut es geht.

Der Körper hat seinen eigenen Willen und seine eigene Weisheit und will ernst genommen werden; wenn er vernachlässigt wird, ruft er nach Beachtung. Zuerst meist noch auf relativ harmlose Weise, durch ein Zipperlein hier und ein Zipperlein da. Dies bewegt Menschen mit mangelnder Verankerung im Körper dazu, sich noch weiter wegzubewegen, was den Körper dazu veranlasst, heftiger, lauter, schmerzhafter zu rufen - ein Teufelskreis entsteht, der zu chronischen Krankheiten führt und der nur durchbrochen werden kann durch die Entscheidung, sich wieder in den Körper hinein zu bewegen, so angstmachend das auch ist.

Die Erde und die emotionale Ebene

Wenn die emotionale Ebene gut geerdet ist, so ist ein angemessener Ausdruck möglich. Ein Mensch ist fähig zu kommunizieren, wie er sich fühlt, was sie sich wünscht, was er fordert, was sie zu geben bereit ist. Die irdischen Realitäten und Begebenheiten werden dabei berücksichtigt, und die Handlungen werden entsprechend angepasst. Emotionen bleiben nicht im Energiefeld stecken, sondern können durchfliessen. Wer geerdete Emotionen hat, hat das ganze Repertoire zur Verfügung, kann schimpfen, trösten, lachen, weinen... aber auch still und ruhig sein.

Ein Zuviel an Erde lässt die Emotionen erstarren - das Wasser gefriert zu Eis. Die eigenen Gefühle und Bedürfnisse werden nicht mehr wahrgenommen, sondern es installiert sich ein fester Satz von gesellschaftlich akzeptablen Emotionen. In unserer Kultur sind es sehr oft Emotionen, die auf Zerstörung und Verurteilung ausgerichtet sind, die dabei helfen, von den eigenen Themen abzulenken. Es ist oft einfacher, empört über einen Kinderschänder zu sein, und dabei zu vergessen, dass man (Mann oder Frau) ziemlich regelmässig die eigenen Kinder beschimpft oder die Untergebenen mobbt. Es ist einfacher, auf die Ausländer, die Homosexuellen, die Frömmlerischen oder irgend eine andere Gruppe zu schimpfen, als sich selbst für eine bessere Welt zu engagieren und diese zu kreieren. Emotionen werden zu automatischen Reflexen, zu Programmen, die mit grosser Berechenbarkeit abgespult werden, wenn nur der richtige Knopf gedrückt wird.

Ein Zuwenig an Erde wirkt auf andere Weise auf die Emotionen: entweder sie werden sprunghaft und flatterhaft, da der Emotionalkörper weit ausgedehnt und ständig aufgewühlt ist, ein ständiges Drama findet statt - oder aber der Emotionalkörper schrumpft so klein zusammen, dass da schon kaum mehr Emotionen sind, sondern Leere und Gleichgültigkeit. Beide Mechanismen sorgen dafür, dass irdische Realitäten nicht mehr wahrgenommen werden. Im ersten Fall, bei den aufgewühlten Emotionen, wird die Wahrnehmung der Wirklichkeit sehr stark durch den eigenen Film überlagert - im zweiten Fall, der Gleichgültigkeit, wird nicht nur die materielle, sondern auch die emotionale Ebene schlicht geleugnet - was häufig bei Menschen vorkommt, die sehr stark in den Gedanken leben.

Die Erde und die mentale Ebene

Wenn die mentale Ebene gut geerdet ist, so sind die Gedanken stark, mühelos, flexibel und klar. Neue Inhalte können leicht aufgenommen und in das bestehende Wissen integriert werden; Widersprüche werden angenommen und bearbeitet, bis eine Lösung gefunden wird. Die vielen Gedanken, die der Mentalkörper im Laufe des Tages produziert, sind im Grossen und Ganzen freundlich, stimmig und liebevoll. Widerspruch wird nicht gefürchtet, sondern als willkommene Bereicherung empfangen und untersucht.

Ein Zuviel an Erde bringt, wie auf den anderen Ebenen, eine Erstarrung mit sich. Bestimmt Gedankensysteme werden bevorzugt, andere abgelehnt, ohne dass dafür eine mental stimmige Begründung vorhanden wäre. Dies ist häufig der Fall bei Menschen, die sehr auf Wissenschaft orientiert sind. Unser aktuelles Schulsystem trägt auch dazu bei, diese Kopfigkeit zu fördern und zu verankern, die den Kontakt zur Wirklichkeit verloren hat und die stur und starr um sich selbst dreht, und die die körperliche Basis verachtet. Die Denksysteme mögen zwar in sich selbst stimmig und auch in sich selbst gut verankert sein; doch es fehlt ihnen der Kontakt zur Materie, und oft auch der Kontakt zu den Emotionen und dem Sinn.

Ein Zuwenig an Erde im mentalen Bereich hat zur Folge, dass es jemandem schwer fällt, zu lernen. Ketten von logischen Aussagen und Zusammenhänge werden nicht spontan gesehen und nur schwer verstanden. Worte und Texte nur mit Schwierigkeit auswendig gelernt. Das Denken wird als anstrengend, freudlos und mühevoll wahrgenommen, und deshalb oft so weit wie möglich vermieden. Ein typisches Verhalten in der Spiri-und-Eso-Szene ist es, sich von der als kalt und hartherzig wahrgenommenen Ratio abzuwenden und sich mit Begeisterung ins emotionale Drama zu stürzen. Ein anderes Muster findet man oft bei Menschen, die "einfach"* genannt werden - wahlweise auch mit den abschätzigen Worten Unterschicht, Prekariat oder Proletariat bezeichnet werden - die sich auf die irdische Ebene und die körperlichen Bedürfnisse konzentrieren und die mentalen Inhalte für die "G'schtudierten" nicht für sich in Anspruch nehmen wollen - sich das Recht dazu auch nicht erteilen.

Die Erde und die spirituelle Ebene

Wenn die spirituelle Ebene gut geerdet ist, so ist der Mensch tätig, zufrieden und glücklich. Er oder sie empfindet das eigene Leben als sinnvoll, reich und zufriedenstellend, wobei das Gefühl von Reichtum und Zufriedenheit unabhängig von äusseren Umständen beständig vorhanden ist. Es ist ein innerer Reichtum, eine innerer Frieden, ein inneres Glück.

Eine übermässig starke Erde im spirituellen Bereich kann Fanatismus und Dogmatismus zur Folge haben. Es reicht nicht mehr, für sich selbst den Sinn des Lebens zu suchen und zu verwirklichen; nein, er muss auch gleich allen anderen Menschen aufgepflanzt werden. Aussagen über Gott, die Aufgabe des Menschen und andere Fragen nach Sinn und Ursprung werden absolut beantwortet und oft in strenge Glaubenssysteme gezwängt. Paulus schrieb: "Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig". Die persönliche Suche nach dem Sinn wird ersetzt durch ein Streben nach moralischer und gesetzlicher Richtigkeit - wobei nach längerer Zeit oft nur noch eine Illusion von Sinn zurück bleibt, eine leere Hülle. Die Zufriedenheit schwindet, es wird versucht, sie durch noch mehr Beten, noch genauere Befolgung der Gebote, noch strengere Askese oder noch übermässigere Ausschweifungen wieder zu finden... auch hier wieder ein Teufelskreis, der nur durchbrochen werden kann, indem den anderen Elementen wieder mehr Zugang und Offenheit gegeben wird.

Eine schwache Erde im spirituellen Bereich ist oft nicht problematisch - mensch lebt einfach vor sich hin und ist zufrieden in seinem Alltag, mit dem Beruf, mit der Familie, es plagen ihn keine "dummen Fragen", die eh kein Mensch beantworten kann. So kann jemand ohne weiteres glücklich und sorglos leben. Schwierig wird es dann, wenn grosse Lebenskrisen kommen - Todesfälle, Arbeitslosigkeit, schwere Krankheiten - die die Frage nach dem Sinn unweigerlich mit sich bringen. In solchen Situationen kann ein Mensch verbittern, resignieren, apathisch werden, depressiv werden... und muss sehr viel Arbeit investieren, auf allen Ebenen, um Heilung finden zu können. Das ist eine sehr herausfordernde Arbeit.

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© Barbara Seiler 2007 - www.spiriforum.net
Dieser Text darf unter Hinzufügung dieser Fussnote gerne weitergegeben werden.

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