Was ist Bewusstsein?

Verschiedene Definitionen von Bewusstsein

Bewusstsein ist ein schillernder, vieldeutiger Begriff, der schwer zu fassen ist – ähnlich wie die Begriffe Gott, Leben, Energie... und der auf viele verschiedene Weisen benutzt wird.

Bewusstsein ist das "Wissen vom Sein" - das Wissen darum, dass ich ein ICH bin, und dass ich BIN. Aus diesem Wissen vom Sein leitet sich der ganze Rest ab.

In den verschiedenen Bereichen der Wissenschaft, der Philosophie und des Alltags gibt es bis heute keine allgemein verbindliche Definition von Bewusstsein, sondern viele verschiedene Versuche, das Bewusstsein zu beschreiben und zu definieren. Hier sind einige dieser Beschreibungsversuche:

Häufig wird mit Bewusstsein das bewusste Ich-Bewusstsein bezeichnet – die Tatsache, dass sich ein Mensch seiner selbst bewusst ist, der eigenen Körpergrenzen, im Gegensatz zu einem Du, zu einer Aussenwelt. Diese Beschreibung beinhaltet nur den Fokus des Menschen, also die Ego-Perspektive - ein Aspekt, der nicht einmal ein Promille dessen ausmacht, was ein Mensch alles ist, sondern ledilgich jene Anteile benennt, die nur den Menschen eigen sind, und die wir nicht mit den Tieren teilen. 

Diese Ansicht ist problematisch, da es nicht möglich ist, bewusste und unbewusste Erfahrungen scharf zu trennen. Körperliche Funktionen wie Atem und Herzschlag funktionieren in der Regel unbewusst; dennoch ist es leicht möglich, ihnen bewusst Aufmerksamkeit zu schenken und sie bewusst zu steuern. Techniken wie autogenes Training oder das mentale Training von Spitzensportlern beeinflussen sehr bewusst ihre körperlichen Funktionen auf die von ihnen gewünschte Weise. Umgekehrt sind Menschen fähig, offensichtliche Realitäten schlicht nicht wahrzunehmen, wenn sie nicht in ihr Weltbild passen.

Bewusstsein = Ego ist auch die Bedeutung, die in jenen Situationen verwendet wird, wenn ein Mensch verantwortlich und handlungsfähig ist - im Gegensatz zum bewusstlosen Menschen, wo das Ich nicht anwesend ist: Bei Menschen, die aus Schwäche zusammenbrechen und bewusstlos werden, schlafende Menschen, aber auch schlafwandelnde Menschen, wo es nicht das Ego ist, das den Körper steuert, sondern unbewusste Anteile. Strafrechtlich führt es zu einer Milderung eines Urteils, wenn plausibel gemacht werden kann, dass ein Mensch nicht vollkommen bei Bewusstsein und somit nicht vollkommen verantwortlich war.

Im Englischen und Französischen ist "conscience", der entsprechende Begriff für Bewusstsein vom lateinischen "conscientia", "Mitwissen" abgeleitet, was im Deutschen auch auf den Begriff des guten und schlechten Gewissens hinweist, auf die Wahrnehmung von gut und böse, von richtig und falsch.

Die wissenschaftliche Diskussion der letzten Jahre, sowohl in der neurologischen Forschung, der Forschung in Bezug auf künstliche Intelligenz und dem philosophischen Denken darüber, hat eine grosse Anzahl von Ansätzen geliefert, die die Natur des Bewusstseins zu beschreiben versuche. Eine gute Übersicht liefert der Wikipedia-Artikel:

Bewusstsein in Wikipedia

Besonders wichtig ist die Qualia-Diskussion, also die Frage: wie kommt es, dass chemische, elektrische, hormonelle Impulse und Vorgänge im Körper als Qualitäten empfunden werden - als "warm" oder "blau" oder "angenehm" oder "durstig"... die Beantwortung dieser Frage dürfte eine Revolution in der Wissenschaft auslösen, die ziemlich sicher von spirituellen Ansätzen her kommen wird.

Bewusstsein ist die Grundsubstanz alles Existierenden

Bewusstsein ist das "Wissen um das Sein". Dieses Wissen um das Sein findet auf verschiedenen Ebenen statt. Der Fokus des Ego ist nur ein winziger Teil davon. Das meiste "Wissen um das Sein" ist ein unbewusstes Wissen.

"Unbewusstes Wissen" ist auf den ersten Blick ein paradoxer Begriff. Die Verwirrung kann daraus entstehen, dass wir Menschen mit europäischer Kultivierung es gewohnt sind, nur das mentale, messbare, berechenbare, abrufbare Wissen überhaupt als Wissen anzuerkennen. Doch natürlich wissen wir noch viel mehr als das, was wir bewusst wissen.

Ein Gedankenexperiment kann das verdeutlichen: Mit grosser Wahrscheinlichkeit sind Sie in der Lage, innerhalb weniger Sekunden ihre Schuhe zu binden. Sie machen den richtigen Knoten, üben nicht zuviel und nicht zuwenig Zug aus, und zupfen sorgfältig die Enden, sodass sie auf beiden Seiten gleich lang sind und gut aussehen. Diesen Vorgang beherrschen Sie sogar bis zur Perfektion, wenn sie müde sind, krank sind oder Ihre Gedanken anderswo haben. Sie wissen genau, wie Schuhe gebunden werden müssen.

Allerdings - wenn Sie nicht gerade ein fünfjähriges Kind begleiten, dürfte es ihnen recht schwer fallen und ohne weiteres mehr als eine Minute in Anspruch nehmen, bevor sie erklären können, wie Schuhe gebunden werden müssen. Noch schwerer wird es, wenn sie Ihre Hände nicht zu Hilfe nehmen dürfen, sondern die Hände bewegungslos bleiben müssen. Wissen ist also nicht nur mentales Wissen, das in Sprache gefasst werden kann, sondern beinhaltet ebenso Handlungskompetenz. 

Handlungskompetenz ist allerdings kein menschliches Privileg. Eine Katze weiss genau, wie sie jagen muss - auch wenn sie es nicht in Worte fassen kann. Ebenso weiss eine Sonnenblume, wo die Sonne ist, und wohin sie ihre Blätter und Blüten drehen muss. Dies alles sind Leistungen, die das "Wissen um das eigene Sein".

Nicht einmal die kleinsten Einheiten der Materie, die Elementarteilchen, sind davon ausgenommen: Sie verwandeln einen Status der vielen  möglichen Existenzen in einen Status von einer verwirklichten Existenz, indem sie sich gegenseitig beobachten. Existenz ensteht, indem  Bewusstseinsfunken gegenseitig miteinander interagieren.

In einem Interview mit dem PM-Magazin sagt der Quantenphysiker Hans-Peter Dürr:

Im Grunde gibt es Materie gar nicht. Jedenfalls nicht im geläufigen Sinne. Es gibt nur ein Beziehungsgefüge, ständigen Wandel, Lebendigkeit. Wir tun uns schwer, uns dies vorzustellen. Primär existiert nur Zusammenhang, das Verbindende ohne materielle Grundlage. Wir könnten es auch Geist nennen. Etwas, was wir nur spontan erleben und nicht greifen können. Materie und Energie treten erst sekundär in Erscheinung – gewissermassen als geronnener, erstarrter Geist. Nach Albert Einstein ist Materie nur eine verdünnte Form der Energie. Ihr Untergrund jedoch ist nicht eine noch verfeinerte Energie, sondern etwas ganz Andersartiges, eben Lebendigkeit. Wir können sie etwa mit der Software in einem Computer vergleichen.

Alles, was existiert, ist manifestiertes Bewusstsein. Die Steine, die Pflanzen, die Tiere, die Menschen, die Engel, die Geistwesen, die psychischen Energien, die Gedanken, die Gefühle, die Atome, die Elementarteilchen, Raum, Zeit – alles ist Bewusstsein. All diese Entitäten sind verschiedene Formen von Bewusstsein. Das menschliche Bewusstsein seiner selbst und die intellektuelen und emotionalen Leistungen, zu denen Menschen fähig sind, ist nur eine Spezialform dieses umfassenden Verständnisses von Bewusstsein.

Bewusstsein und Körper

Der Körper ist das Gefäss und das Kommunikationsinstrument, durch das sich Bewusstseinspotenziale verwirklichen. Jeder Körper, vom kleinsten Elektron bis hin zu Galaxien und Universen ist der konkrete Ausdruck einer Idee. Jeder Körper ist das Symbol jener Bewusstseinsfacette, die sich durch ihn verwirklicht.

Ein Körper ist vielschichtig. Diese Vielschichtigkeit betrifft die Organisation der Materie, aber sie betrifft auch die geistigen Welten: die emotionalen, mentalen und spirituellen Aspekte. 

Physisch ist der Körper vielschichtig, da er aus einer Hierarchie einer Vielzahl von unabhängigen Einheiten, den sogenannten Holons, aufgebaut ist: Atome bilden Mokeküle bilden Zellen bilden Organe bilden Lebewesen bilden Familien bilden Staaten... jede dieser Einheiten ist ein Individuum - ein Unteilbares - mit einem eigenen Charakter und kann sich mit anderen Individuen derselben Komplexitätsstufe zu einem grösseren Ganzen zusammenschliessen, das mehr ist und mehr kann als die einzelnen Teile jedes für sich: einzelne Zellen können nicht philosophieren, das System Mensch, das auch einer Vielzahl von Zellen in einem komplexen und sehr spezifischen Muster besteht, kann philosophieren. 

Das unbewusste, nicht-mentale Wissen ist im ganzen Körper gespeichert - und nicht etwa nur im Gehirn, wie häufig vorausgesetzt wird. Das Wissen um die Verdauung ist im Darm zu finden - und nicht im Kopf. Darum funktionieren Light-Produkte nicht wie gewünscht: das bewusste Bewusstsein lässt sich durch Pseudo-Zucker und Pseudo-Fett täuschen, die unbewussten Darmfunktionen nicht. Das Wissen um das Schreiben ist genauso sehr in der Hand zu finden, wie in den motorischen Zentren des Gehirns. 

Das bewusste Bewusstsein des Menschen, sein Ego, emergiert im Lauf der Entwicklung auf dem unbewussten Bewusstsein, indem durch den Körper das Verhältnis des Menschen zur Welt definiert wird. Die Strukturen des Gehirns bilden sich daran, wie der Körper mit der Welt um ihn herum interagiert. Der Körper ist eine Datenbank und speichert alle Erfahrungen; er ist auch ein Prozessor, der Informationen verarbeitet. Und mit den geeigneten "Codes" bzw. den geeigneten Techniken ist es möglich, auch tief verschüttete Erinnerungen ins Bewusstsein zu holen. Es ist immer alles vorhanden - nur nicht immer im bewussten Bewusstsein.

Selbstverständlich ist nicht nur der menschliche Körper ein Kommunikationsinstrument, sondern alle materiellen Einheiten - Pflanzen, Tiere, Mineralien, Planeten, Galaxien, Atome... alle mit ihren besonderen Eigenschaften und Facetten. Und mit ihnen allen können wir Menschen kommunizieren, da wir im Grunde ein und dasselbe sind - Brüder und Schwestern, Cousins und Cousinen. 

Bewusstsein und der freie Wille

Wenn es um die Frage des Bewusstseins geht, geht es natürlich auch immer um die Frage, ob es einen freien Willen gäbe. Und wenn ja, woraus der bestünde.

Die klassische Physik – und auch noch viele heute lebende Gehirn- und NeuroforscherInnen, die körperliche Vorgänge in Begriffen der klassischen Physik zu erklären versuchen – sind grosse VerfechterInnen der Unfreiheit des Willens. Es ist eine auch heute noch sehr starke Idee, die aus der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts bis heute überlebt hat: alles ist festgelegt! Wenn eine Billardkugel angestossen wird, so kann bei genaustem Wissen über ihre Masse, Geschwindigkeit, Winkel, Eigenschaften der Unterlage genau berechnet werden, wohin sie in welcher Zeit rollen wird. Wenn nur der Anfangszustand hinreichen genau bekannt ist, dann ist damit die Zukunft geschrieben. 

Apophysis-Fraktal: ein Virus Auch ein Virus besitzt, innerhalb
seiner Möglichkeiten, einen freien Willen

Für Billard- und Kanonenkugeln funktioniert dieses Verfahren tatsächlich ganz gut. Nun wird daraus weiter geschlossen: Menschen und Lebewesen sind auch eine Art Billardkugeln, nur etwas komplizierter – also sind auch Menschen vollkommen determiniert, auch wenn es meist nicht gelingt, aller Faktoren habhaft zu werden, die einen Einfluss haben. Aber, ganz grundsätzlich, könnte man den Lauf der Welt bis zu ihrem Ende vorhersagen, wenn man nur die Position und Geschwindigkeit aller Elementarteilchen kennen würde.

Diese Position widerstrebt nun vielen Menschen intuitiv. Und auch hier liefert die Quantenphysik Ansätze, die auf einen möglichen Ausweg aus dem Dilemma hindeuten. Die moderne Biologie geht grösstenteils immer noch von den Gebäuden der klassischen Physik aus, wenn sie Lebewesen untersucht; das heisst, sie geht davon aus, dass Quantenvorgänge in Lebewesen keine Rolle spielen, sondern dass alles determiniert ist. Wenn ein Vorgang mal am Laufen ist, so die Klassischen, wo sollte denn etwas wie Wille oder Absicht eingreifen können?

Die moderne Physik allerdings sagt uns, dass es prinzipiell nicht möglich ist, aus einem Anfangszustand eindeutig auf einen nachfollgenden Zustand zu schliessen - nicht einmal dann, wenn alle Details vollständig bekannt sind. 

Ein Beispiel ist der Zerfall von radioaktiven Atomen: von einer grossen Anzahl Atome kann genau gesagt werden, wie viele in welcher Zeit zerfallen werden. Es kann aber nicht gesagt werden, zu welchem Zeitpunkt ein individuelles Atom zerfallen wird. Das ist etwas, was aus wissenschaftlicher Sicht "ohne Grund" geschieht. Einfach so. Zufälligerweise. Womit das Weltbild der Kausalität - jedes Phänomen hat eine Ursache - ausgehebelt wird, denn ganz offensichtlich zerfallen Atome ohne eine Ursache. 

Manche Leute argumentieren nun, dass dies auf der Ebene des Kleinsten - also der Atome und Elementarteilchen - zwar durchaus so sei, dass dies aber im grösseren Bereich des menschlichen Alltags keine Rolle spiele. Bei den Makroobjekten, zu denen der Mensch gehört, sei es nach wie vor so, dass bei hinreichend genauer Bestimmung der Anfangsbedingungen theoretisch gewusst werden kann, wie es weiter geht - auch wenn es praktisch aufgrund der Komplextät der Welt nicht möglich sei.

Es ist allerdings möglich – und nicht im Widerspruch zu physikalischen Tatsachen – schon den einzelnen Teilchen Wille und Absicht zuzugestehen. Der französische Theologe und Naturwissenschaftler Pierre Teilhard de Chardin hat diese Idee folgendermassen formuliert:

Bisher ist dieses elementare Korn (das Atom) immer als zugleich jeden Anzeichens von Bewusstsein und jeder Spur von Freiheit beraubt angesehen worden. Wir wollen es demgegenüber so definieren, dass es die drei folgenden Eigenschaften besitzt:

  1. Ein rudimentäres Innen (oder eine rudimentäre Immanenz)
  2. Einen Radius und einen Winkel (so begrenzt sie auch sein mögen) der Self-Determination
  3. Eine psychische Polarisation, die es grundlegend dazu geneigt sein lässt, sich mit anderen Korpuskeln derart zu verbinden, dass es mit diesen immer komplexere Einheiten bildet, wobei diese Komplexität (auf Grund einer ursprünglichen und wesentlichen Eigenschaft des kosmischen Seins) zur Wirkung hat, in der Korpuskel, die die Komplexität erwirbt, zugleich den Grad der Immanenz und die Möglichkeiten der Entscheidung zu vermehren.

Teilhard de Chardin gesteht also schon den kleinsten Elementarteilchen Eigenschaften wie Wille, Vorlieben und einen Spielraum der Handlungsfreiheit zu. Wenn also ein Atom zerfällt, oder ein Elektron sich als Teilchen manifestiert, so ist das kein Vorgang des Zufalls, sondern ein Vorgang, in dem das Teilchen selbst durchaus sein Wort zu sagen hat. Dessen Abneigungen und Zuneigungen spielen eine Rolle, und dessen Absichten... und diese Teilchen neigen dazu, sich zu immer grösseren und komplexeren Einheiten zu verbinden. Und hier, in dem Radius der Unbestimmtheit, über den jedes einzelne Teilchen verfügt, ist es auch möglich, ein Tor für den Eingang des freien Willens in die Biologie zu finden.

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© Barbara Seiler 2008 - www.spiriforum.net
Dieser Text darf unter Hinzufügung dieser Fussnote gerne weitergegeben werden.

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