Bewusstseinsskala nach Hawkins
0 - 40 - Schuld und Scham

In diesem untersten Bereich der Skala des Bewusstseins ist die Existenz auf der Erde selbst das Thema. Habe ich eine Existenzberechtigung? Was geschieht mit mir, wenn ich mich frei ausdrücke? Was geschieht, wenn ich gesellschaftliche Normen nicht beachte? Welche meiner Aspekte darf ich zeigen und leben, welche muss ich verstecken? Was muss ich tun, um zu überleben? Im Bereich von 0-40, der Erde der Erde, wird dieses Thema in voller Schärfe erlebt.

Die Erde in der Kindheit

Ein Kind kommt auf die Welt und sieht sich vor die Aufgabe gestellt, sich an das Leben in einem Körper zu gewöhnen.  Die ersten Jahre auch grösstenteils der Aufgabe gewidmet, mit dem eigenen Körper umzugehen lernen: seine Grenzen und Fähigkeiten kennen zu lernen, sich bewegen zu lernen, gehen zu lernen, sprechen zu lernen... eine herausfordernde Aufgabe! - nicht zuletzt darum, weil sich der Körper eines Kindes mit grosser Geschwindigkeit immer wieder verändert. Es gibt extreme Wachstumsphasen, bei denen oft die verschiedenen Körpersysteme Anpassungsschwierigkeiten haben, eine Einheit zu bilden; es gibt Kinderkrankheiten, die Milchzähne fallen aus und werden durch die Erwachsenenzähne ersetzt... 

Die ersten ungefähr sieben Jahre sind stark der Erde und ihren Themen gewidmet. Während die zweite siebenjährige Phase (jene der obligatorischen Schulzeit) dem Thema Wasser gehört, der Gemeinschaft, Freundschaft, den Beziehungen zu anderen Menschen, den Umgangsformen, den Konventionen. Die Phase der Erde ist eine, die zu jedem Menschenleben dazu gehört, die aber in dieser Heftigkeit nach den ersten sieben Jahren abgeschlossen ist, wenn alles gut läuft.

Dies gilt allerdings nicht für die ärmsten Gebiete der Erde, wo der Kampf um das Überleben eine tägliche Aufgabe ist; an all jenen Orten, wo es an Nahrung, Kleidung, Wärme und Schutz mangelt.

Das Reptiliengehirn

Der Ausdruck dieser Ebene im Körper ist das Stammhirn - jene Gehirnstruktur, die wir mit allen Lebewesen bis hin zu den Reptilien teilen. Jener Teil des Gehirns, der das Überleben sicherstellt, und der sich deshalb an dem Ort mit maximalen Schutz, in der Mitte des Schädels, befindet. Nur schon kleinste Verletzungen an diesem Ort können verheerende Folgen für den Körper haben, bis hin zu sofortigem Tod.

Das Stammhirn ist zuständig für die Regelung und Steuerung der lebenswichtigen Funktionen wie der Körpertemperatur, des Wasserhaushalts und der Blutzuckerspiegels , was das Hungergefühl reguliert. Beständig werden verschiedenste Parameter im vorbeiströmenden Blut gemessen, mit einem Sollwert verglichen und die Körpersysteme werden entsprechend angepasst.

Vom Hirnstamm gemessene Abweichungen äussern sich nicht nur in körperlichen Reaktionen, sondern ebenso Gefühlen und typischen Emotionen. Je stärker und je länger ein Wert von seinem Soll abweicht, desto dringlicher werden die Symptome empfunden, bis der Normalzustand wieder hergestellt wurde. Der Körper dominiert und setzt seine Bedürfnisse durch. Es ist nur begrenzt und mit grosser Übung möglich, diese körperlichen Botschaften zu ignorieren. Hunger, Durst und Atemnot sind so übewältigend, dass alle anderen Emotionen und Gedanken in den Hintergrund treten, bis das Überleben des Körpers gesichert ist. Am schnellsten und extremsten zeigen sich diese Symptome natürlich bei der Atemnot. Menschen, die am Atmen gehindert werden, verfallen innert weniger Sekunden in extreme Reaktionen und empfinden grosse Angst, bis der nächste Atemzug möglich ist.

Es ist nicht selbstverständlich, genährt und geschützt zu sein, und jeden Tag muss aufs Neue gekämpft werden, den Magen auch nur halbwegs zu füllen. Ethische Ideen und Moral spielen auf dieser Ebene eine sehr geringe Rolle; jedes Mittel ist recht, um sich das Überleben zu sichern. Es bleibt auch gar nichts anderes übrig.

Das Leben in der Erde der Erde - Scham und Schuld

Wenn ein Mensch chronisch am Existenzminimum lebt, wird sich sein Körper nicht korrekt entwickeln, sondern klein, schwach und krankheitsanfällig sein. Ein Mangel an Nahrungsmitteln, sauberem Wasser und Schutz kann bis zu einem gewissen Mass durch ausreichende und liebevolle Berührung kompensiert werden. Katastrophal für die Entwicklung von Kindern und für das Wohlbefinden von allen Menschen und Tieren ist aber ein Mangel an liebevoller körperlicher Zuwendung.

Die Gedankenformen in der Erde der Erde sind die ausgesprochenen Zweifel am Recht auf Leben.

Typische Sätze sind:

Solche Sätze sind auch Menschen bekannt, deren BW deutlich höher ist. Doch alle tragen Aspekte in sich, die mit Scham und/oder Schuld beladen sind, und die durch geeignete Trigger zum Vorschein kommen können. Viele dieser Scham- und Schuldgefühle sind durch die Erziehung bedingt. Wir lernen sehr früh, uns unseres Körpers zu schämen und ihn sehr streng zu kontrollieren. Wir lernen, dass viele spontane Verhaltensweisen nicht akzeptiert sind. Wir versuchen, mit den Widersprüchen unserer Kultur zurecht zu kommen: Sei sexy, aber lass dich nicht gehen - so wird der Genuss am Sex erschwert. Betone deinen Körper durch sorgfältig gewählte Kleidung und Make-Up, doch sorge dafür, dass er nie in seinen natürlichen Funktionen auffällt, besonders nicht in der Ausscheidung.

Ein typischer moderner Ausdruck von Scham sind diverse Essstörungen. Das idealisierte Bild eines perfekten Körpers, eine Askese, auf die jeder mittelalterliche Mönch stolz sein könnte, ein religiöse Hingabe - tatsächlich wird der Genuss von Essen als "sündig" bezeichnet, der Versuch, extrem viel Kontrolle über sich auszuüben und eine grosse Heimlichkeit, die die Essstörung vor allen anderen Menschen versteckt. Dazu kommt ein stachliger Charakter, Nervosität und Reizbarkeit und eine Erleichterung, wenn durch Fressanfälle oder Hunger körperliche Schmerzen auftreten, die von den emotionalen Schmerzen ablenken können. Die Gedanken drehen sich obsessiv ums Essen - um das, was man sich zu essen erlaubt, um das, was man gerne essen würde, sich aber nicht erlaubt. Die eigene Körperwahrnehmung ist verzerrt, und der Körper erscheint fremd und feindlich mit seinen sündigen, fleischlichen Bedürfnissen. Essgestörte Menschen können äusserst intelligent und sehr ehrgeizig sein. Ihr Ehrgeiz treibt sie dazu, immer mehr und extremer zu handeln. Auf der mentalen Ebene fehlt manchen die Einsicht in ihre Störung; andere haben die Einsicht, doch dies hilft ihnen noch nicht, auch etwas zu verändern. Magersucht (Anorexia nervosa) ist eine Krankheit , die sehr häufig zum Tod führt und wo der Kampf um die Existenz verloren geht. Und auch jene Menschen, die aus ihrer Essstörung heraus kommen, tragen oft ihr Leben lang an den körperlichen und psychischen Folgen und finden es schwierig, zu einem gesunden Essverhalten zu finden.

Essstörungen sind die Spitze des Eisberges; die Basis des Eisberges besteht darin, dass es kaum noch Menschen gibt, die in der Lage sind, Essen ohne Vorbehalte zu geniessen. Ständig sind ein paar Gedanken bei Kalorientabellen und modernen Mythen darüber, was akzeptabel sei oder nicht. Der Genuss und die Freude am Essen gehen dabei verloren - was ja das Wichtigste wäre. Der menschliche Geschmack und der Appetit ist so ausgerichtet, dass ein gesunder Mensch darauf Appetit hat, was ihm oder ihr gut tut. Voraussetzung ist es, frische und wenig verarbeitete Produkte zu verwenden. Fertigprodukte mit ihrer Vielzahl an künstlichen Aromen und Betrug am Magen verwirren den Körper und lassen ihn seine natürlichen Fähigkeiten verlieren, bzw. sie werden nicht kultiviert. Glücklicherweise gibt es immer mehr Stimmen, die zu mehr Genuss und Lebensfreude raten und vorleben, dass der Genuss am Essen nicht notwendigerweise zu Verfettung und Erkrankungen führt. Sowieso sind die Erkrankungen, die durch allzu reichliches Essen und allzu wenige Bewegung entstehen, relativ harmlos im Vergleich zu jenen Essstörungen, die zu Unterernährung oder zu regelmässigem Erbrechen führen. Auch mit grossem Übergewicht kann man ohne Weiteres Jahre und Jahrzehnte leben, während Untergewicht bei mehr als einem Zehntel aller Fälle innerhalb von fünf Jahren zum Tod führt. In der ganzen Berichterstattung und Ratgeberliteratur rund um das Thema Ernährung ist nicht nur die Sicht einiger weniger Kranker verschoben und schambesetzt, sondern es ist eine kollektive Hysterie, die die religiöse Hysterie der sexuellen Jungfräulichkeit zu grossen Teilen abgelöst hat in Europa. In anderen Ländern, wo die Familienehre und die Jungfräulichkeit bis zur Ehe noch hoch gehalten wird, wird in der Regel besser und nahrhafter gegessen. Ungesund schambesetzt sind beide Verhaltensweisen, und sie geben einen Grundton vor, der die ganze Gesellschaft und viele Verhaltensweisen bewusst - oft auch unbewusst - durchdringt.

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© Barbara Seiler 2007 - www.spiriforum.net
Dieser Text darf unter Hinzufügung dieser Fussnote gerne weitergegeben werden.

externe Links:

Literatur

David R. Hawkins: Die Ebenen des Bewusstseins

David R. Hawkins stellt in seinem ersten Buch zu den Ebenen des Bewusstseins die Skala vor mit zahlreichen Anwendungsbeispielen.