Paracelsus-Medizin
das Ens Veneni

Fünf Ursachen von Krankheit gibt es laut Paracelsus . Mit dem Ens Veneni beschreibt jene Krankheiten, deren Ursache Nahrung und Gifte sind:

der leib ist uns on gifft geben, und in ihm ist kein gifft: aber das, das wir dem leib müssen geben zu seiner narung, im selbigen ist gifft.

Dies ist eine Krankheitsursache, die von der modernen Medizin akzeptiert ist und in Betracht gezogen wird, wenn auch mit einigen Abweichungen. So gibt es heute die Tendenz, Nahrungsmittel in gute und schädliche einzuteilen; und nicht, wie es Paracelsus vorschlägt, in aller Nahrung nährende und positive Anteile - die essenzia - aber gleichzeitig auch schädliche und negative Anteile - das venenum. Heute gibt es Nahrungsmittel, die in weiten Kreisen als gesund und erstrebenswert gelten, allen voran die Früchte und Gemüse. Doch die Erfahrung zeigt, dass auch diese nicht allgemein verträglich sind; zum Beispiel ist Rohkost und Vollkorngetreide durchaus nicht immer die beste Lösung.

Die Dosis macht das Gift

Jede Nahrung, die wir aufnehmen, beinhaltet nährende und aufbauende Stoffe, Essentia genannt, aber auch Gifte, Venenum genannt, die der Körper ausscheiden muss, um gesund zu bleiben. Was ein Gift ist, muss dabei relativ betrachtet werden: der Körper eines Tieres oder die Frucht einer Pflanze sind für sich selbst nicht giftig, sehr wohl aber in Bezug auf andere Lebewesen, denen sie als Nahrung dienen. Alles ist für sich selbst vollkommen erschaffen worden, aber unvollkommen in Bezug auf die anderen Wesen.

Wie schon erwähnt, betrifft dies sogenannt gesunde Nahrungsmittel wie Früchte und Gemüse, die auch ihr venenum in sich tragen - aber es betrifft auch giftige Substanzen wie Arsen oder Quecksilber, die in kleinen und sorgfältig angewandten Dosen nicht Gift, sondern Heilmittel sind. Paracelsus selbst arbeitete häufig mit diesen hoch giftigen Mitteln, die er allerdings - im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen seiner Zeit - mit Bedacht und Vorsicht anwandte.

Diese Doppelnatur aller Materie, sowohl schädlich wie nützlich je nach Menge und Anwendungsweise, ist im griechischen Wort pharmakon ausgedrückt, das gleichzeitig sowohl „Gift“ wie „Medikament“ bedeutet. Auch im Wort „Gift“ klingt dieser Aspekt noch an, bedeutet es doch nicht nur „schädliche Substanz“, sondern ist in der englischen Sprache ein „Geschenk“. Im Deutschen ist die Geschenk-Natur des Giftes noch im etwas altertümlichen und nicht mehr häufig gebrauchten Wort „Mitgift“ überliefert, also all den Haushaltsgegenständen, die die Braut traditionellerweise in die Ehe mitbringt.

der innere Alchemist - der Archaeus

Damit wir nun in der Lage sind, das Gute und das Böse zu trennen, hat Gott in uns einen Alchemisten gesetzt, den Paracelsus auch den Archaeus nennt. Denn da der Mensch essen und trinken muss, ist er gezwungen, sein eigenes Gift, Verderben und Tod einzunehmen, doch der Alchemist verhindert alle schädlichen Folgen. Jede Art von Tieren und auch der Mensch hat einen besonderen Alchemisten erhalten, was dazu führt, dass den verschiedenen Arten und den verschiedenen Menschen nicht dieselben Speisen zuträglich sind.

Nachdem der innere Alchemist das Böse vom Guten geschieden hat, verwandelt er das Gute in eine Tinktur, das er in den Leib eingehen lässt, und sodass sich die Nahrung in Fleisch und Blut verwandeln kann. Der Alchemist wohnt im Magen in dem er kocht und arbeitet, und wenn der Alchemist gesund und stark ist, so ist er fähig, alle Nahrung korrekt aufzuteilen und den Menschen gesund zu erhalten. Nahrungsunverträglichkeiten hingegen deuten darauf hin, dass der Alchemist nicht richtig arbeitet. Paracelsus lobt die Kunst des Archaeus hoch, der die Kunst aller menschlicher Alchemisten bei weitem übersteigt. Denn wer sonst kann schon Brot und Milch in lebendiges, menschliches Fleisch und Blut verwandeln? Ein innerer Alchemist, der seine Aufgabe nicht zu erfüllen vermag, führt allerdings zu Krankheit:

so merckt, so der alchimist bresthafftig ist, dass das gifft nicht mag nach vollkommener künstlicher art vom guten gescheiden werden, und wird also auss dem gifft und guten eine vereinigte putrefactio, und darnach ein digestio: dasselbig ist das, das uns anzeigt die kranckheit des menschen.

Fäule as Ursache von Krankheit

Die Folge daraus ist, dass der Körper aus der Nahrung auch das Giftige aufnimmt, und sich somit selbst vergiftet. Diese Vergiftung kann auf zweierlei Arten geschehen: Erstens, wenn der innere Alchemist nicht das Gute vom Bösen vollkommen scheidet, so entsteht eine Fäule, die die "Mutter eines tödlichen Gifts" ist; und zweitens, wenn der Körper das Verdaute nicht mehr richtig ausscheidet, so dass sich Gifte, im Körper speichern und ablagern. Paracelsus berücksichtigt dabei nicht nur die Ausscheidung über den Darm und die Blase, sondern auch die Ausscheidungen über die Nase, die Ohren und den Schweiss. Jedes dieser Organe scheidet eine andere Qualität von Giften aus, und so ist es wesentlich, dass sie alle zuverlässig funktionieren.

Daher weist Paracelsus auf die Wichtigkeit einer differenzierten und sorgfältigen Diagnose hin. Das Gift, das den Alchemisten schwächt, kann nicht nur durch Essen und Getränke in den Leib gelangen, sondern auch durch schlechte Luft. Und im Gegensatz zu den radikalen Schwitz- und Hungerkuren, die damals üblich waren, rät Paracelsus zu einer genauen Untersuchung, sodass der Patient durch die Kur nicht zusätzlich und unnötig geschwächt wird oder gar stirbt:

Als wenn ihr essen fleisch, olus, gemüss, gewürz, und also unter denen essenden wird im magen ein corruptio geboren, so sind sie nit alle schuldig daran, allein eins: entweder das krautgifft, oder das fleischgifft, oder gemüssgifft, oder gewürtzgifft. Dass solt ihr für ein grosse heimligkeit halten, wann ihr das wol erkennt, welchs gifft die mutter sey der kranckheit: alss dann mögt ihr wohl artzt geheissen werden.

Die Nahrung ist also "ein gewaltiges Ens über unseren Leib". Die Aufgabe des Artzes/der Ärztin besteht darin, den inneren Alchemisten wieder gesund zu machen, wenn er krank und schwach geworden ist. Der erste Teil der Aufgabe besteht darin, unverträgliche Nahrung und in der Luft aufgenommene Gifte zu erkennen und diese zu meiden. Die andere Aufgabe des Arztes ist, ein Heilmittel zu finden und zuzubereiten, das den Alchemisten stärkt und gesund macht, sodass möglicherweise auch Speisen, die lange Zeit unverträglich waren, aufs Neue wieder ohne Unwohlsein verarbeitet werden können.

copyright

© Barbara Seiler 2006 - www.spiriforum.net
Dieser Text darf unter Hinzufügung dieser Fussnote gerne weitergegeben werden.

Literatur

externe Links