Carl Gustav Jung - Psychoanalytiker, Arzt, Mystiker

Kindheit und Jugend

An einem schönen Sommertag des Jahres 1887 verlässt ein zwölfjähriger Junge am Mittag die Schule und geht über den Basler Münsterplatz, wo ihn ein herrlich blauer Himmel und eine strahlende Sonne begrüssen. Das Dach des Münsters glitzert heiter und schön im Licht der Sonne; der Junge ist überwältigt von diesem Anblick, er denkt an die Schönheit der Welt und die Schönheit dieser Kirche, und an Gott auf seinem Thron und.... in diesem Moment stocken seine Gedanken, ein erstickendes Gefühl schnürt ihm die Kehle zusammen, jetzt bloss nicht weiter denken, bloss nicht!

Der nicht zu Ende gedachte Gedanke wirft den Knaben in eine Gewissensnot, die drei Tage und drei Nächte andauert. Er schläft nicht mehr, er ist verstört, er hat Angst und fühlt sich krank. Was ist das für ein starker Wille, der ihn dazu treiben will, das Undenkbare zu denken? Woher kommt er? Warum wird er so gequält?

In der dritten Nacht, die Erlösung. Aber lassen wir ihn selbst erzählen, aus der Distanz von mehr als einem halben Jahrhundert:

“Ich fasste allen Mut zusammen, wie wenn ich in das Höllenfeuer zu springen hätte und liess den Gedanken kommen. Vor meinen Augen stand das schöne Münster, darüber der blaue Himmel, Gott sitzt auf goldenem Thron, hoch über der Welt, und unter dem Thron fällt ein ungeheures Exkrement auf das neue bunte Kirchendach, zerschmettert es und bricht die Kirchenwände auseinander. Das war es also. Ich spürte eine ungeheure Erleichterung und eine unbeschreibliche Erlösung. An Stelle der erwarteten Verdamnis war Gnade über mich gekommen und damit eine unaussprechliche Seligkeit, wie ich sie nie gekannt hatte. (...) Aber der Gehorsam ist es gewesen, der mir die Gnade gebracht hat, und seit jenem Erlebnis wusste ich, was göttliche Gnade ist.”

Dieser Zwölfjährige war Carl Gustav Jung.

Jung hatte von Jugend an eine ausserordentlich grosse Sensibilität und einen Zugang zur geistigen Welt. Geistererscheinungen und visionäre Träume waren für ihn alltäglich und begleiteten ihn sein Leben lang. Diese Erlebnisse trugen viel dazu bei, dass er sein Leben der Erforschung des Bewusstseins widmete. Es ist ein sehr persönlicher Ansatz den er wählte, ausgehend von seinen eigenen Erfahrungen mit sich selbst und den vielen Patientinnen und Patienten, die er im Laufe seines Lebens behandelte.

Studium

Lange zögerte er als junger Mann, welche Richtung er einschlagen wollte: Er hatte ein bedeutendes Interesse an theologischen Themen. Das Fachgebiet der Theologie war ihm durch seinen Vater und seine vielen Onkel nahe gebracht worden, die allesamt Theologen und Pfarrer waren, doch dieser Umstand wirkte durchaus auch abschreckend: Jung wurde nie das Gefühl los, dass all diese Menschen über etwas sprachen, dass sie nur in der Theorie kannten, nicht aber in der Praxis erfahren hatten, dass da Religion nur auf einer sehr oberflächlichen Ebene betrieben wurde. Es fehlte ihnen offenbar an eigenen Erfahrungen des Göttlichen, im Gegensatz zu Carl, dessen Vision von Gott auf seinem goldenen Thron über dem Basler Münster ihn tief berührte und mit Fragen zurück liess, die sich nicht mit gedankenlos reproduzierten Dogmen beantworten liessen.

Theologie wollte Jung nicht studieren, doch er schwankte lange Zeit zwischen den verschiedenen Fächern, naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen: Geschichte, Literatur, Archäologie? Oder was sonst? Er fand in der Medizin einen Studiengang, der ihm sowohl im naturwissenschaftlichen wie im geisteswissenschaftlichen Bereich viele Möglichkeiten offen liess und ihm folglich eine relativ grosse Freiheit liess, sich später erst entscheiden zu müssen. Also entschied er sich für das Studium der Medizin.

Als im Lauf des Studiums sich die Frage stellte, in welche Richtung er sich spezialisieren wolle, zögerte er lange, bis er auf ein Lehrbuch der Psychiatrie stiess, das ihm den entscheidenden Impuls vermittelte: er wollte Psychiater werden! Diese Wahl stiess bei seinen Kollegen und Professoren auf Unverständnis und auch Enttäuschung, da er eine attraktive Assistentenstelle im Bereich der inneren Medizin zugunsten der wenig glanzvollen Karriere als Psychiater ablehnte.

Jung schreibt zum Gefühl, das diesen Entschluss begleitete:

“Ich sah ein, dass ich offenbar wieder einmal auf ein Seitengeleise geraten war, auf dem mir niemand folgen wollte oder konnte. Aber ich wusste – und in dieser Überzeugung hätte mich niemand und nichts irre machen können – dass mein Entschluss feststand und ein Fatum {Schicksal} war. Es war, wie wenn zwei Ströme sich vereinigt hätten und in einer grossen Bewegung mit unwiderruflich zu fernen Zielen führten.”

Jung stützte sich immer stark auf seine Intuition; und diese war es denn auch, die ihn Schritt für Schritt durch die Wirrnis seines Berufs als Jungpsychiater in der Zürcher Klinik Burghölzli führte. Auf Hilfe von Älteren, Erfahreneren konnte er nicht hoffen, denn:

“es war der Eintritt ins Weltkloster, und die Unterwerfung unter das Gelübde, nur das Wahrscheinliche, das Durchschnittliche, das Banale und das Sinnarme zu glauben, allem Fremden und Bedeutendem abzusagen und alles Ungewöhnliche auf das Gewöhnliche zu reduzieren.”.

Diese Reduzierung auf das Mittelmässige und Gewöhnliche war für ihn mit seiner Sensibilität und seinem Bedürfnis, die Wahrheit zu erfahren, keine mögliche Option und veranlasste ihn zum Ausruf: “Da stak ich nun in einem Beruf, in dem ich mich überhaupt nicht auskannte!”

Therapeutische Arbeit

Schritt für Schritt erarbeitete sich Jung in der Arbeit mit seinen PatientInnen seine Therapiemethode – obwohl “Methode” kein Wort ist, das Jungs Absichten entsprochen hätte. Er misstraute den geistigen Schubladen und Schemata, die die Komplexität und die tausend Nuancen des menschlichen Seins in ein oft allzu enges Korsett sperren, und es war ihm ein Anliegen, allen seinen PatientInnen als gleichberechtigter Mensch gegenüber zu treten, und nicht als gottähnliche Autorität, wie sich die Ärzte damals (und manchmal noch heute, leider) verstehen. Er legte sehr viel Wert auf die Botschaften des Unbewussten und arbeitete intensiv mit Träumen und Bildern, die er die PatientInnen malen liess. Ebenso empfing er sehr viele Impulse durch eigene Träume und Visionen, die er in die Behandlungen einfliessen liess.

Zu Beginn seiner Arbeit als Psychiater interessierte er sich weniger für seine PatientInnen, und mehr für seine Kollegen, die ihm seltsam genug schienen; durch die Untersuchung der sogenannten Normalität hoffte er, über das Funktionieren der Psyche Aufschluss zu gewinnen, was ihm dann wiederum die Möglichkeit gab zu verstehen, was in der Psyche eines kranken Menschen vor sich ging. Er lernte die schmale Grenze zwischen Normalität und Verrücktheit kennen, die oft auf überraschende Weise in seinen Patienten aufblitzte – und zwar in beide Richtungen, sodass die Normalen plötzlich von Verrückheit bedroht schienen, aber auch dass die Verrückten, Schizophrenen und psychisch Kranken in ihren wirren Aussagen mehr Vernunft und Logik vermittelten, als es auf den ersten Blick schien:

Im Grunde genommen entdecken wir im Geisteskranken nichts Neues und Unbekanntes, sondern wir begegnen dem Untergrund unseres eigenen Wesens.

Jung war in erster Linie Praktiker und Therapeut, und erst in zweiter Linie ein Theoretiker. Er äusserte sich dazu folgendermassen:

Wir brauchen eine praktische Psychologie, die praktisch richtig ist, das heisst diejenigen Erklärungen liefert, die sich in ihren praktischen Ergebnissen bestätigen lässt. Auf dem Kampfplatz der praktischen Psychotherapie sind wir auf lebensfähige Resultate angewiesen, wo wir dann nicht nur Theorien aufstellen können, die den Patienten nichts angehen oder ihn sogar schädigen. Hier kommt es nun, oft in lebensbedrohender Weise, darauf an, ob man aus der Physis oder aus dem Geist erklärt.

Häufig arbeitete Jung mit Assoziationsexperimenten, die Aufschluss über das unbewusste Leben eines Menschen geben können und viele jener Aspekte aufdecken, die die PatientInnen nicht von sich aus erzählen. Jung bezeichnet diese persönliche Geschichte als das “Geheimnis des Patienten”, und die eigentliche Therapie kann erst beginnen, nachdem der Arzt diese Geschichte – oder zumindest Aspekte davon – in Erfahrung gebracht hat und zu den essentiellen Dingen vorgestossen ist. Hier genügt es selten, sich auf die von den Patienten bewusst vermittelten Informationen zu verlassen, denn gerade die problematischen Bereiche werden verdrängt und im Unbewussten gehalten. Assoziationsübungen, das Deuten von Träumen, aber auch der lange und geduldige Kontakt von Mensch zu Mensch können diese Geschichte herausarbeiten und langsam bewusst machen; und indem die Geschichte bewusst wird, kann der Patient daran gehen, sie anzunehmen und sie zu verändern. Jung liebte es nicht, über seine Patienten zu bestimmen; er verstand sich viel mehr als ein Begleiter, der die natürliche und organische Entwicklung eines Menschen förderte und begleitete.

Zwei Persönlichkeiten

Dass Jung dieses Verfahren nutzte, lag wohl in erster Linie daran, dass sein eigener Charakter ihn dazu trieb.

Schon als Fünfzehnjähriger empfand er stark, dass er aus zwei Persönlichkeiten bestünde, aus Seele und Ego, was er folgendermassen formulierte:

Alle diese Eigenschaften wie Lächerlichkeit, Gemeinheit, Dummheit, Lügenhaftigkeit und diese abscheuliche Eigenliebe kannte ich nur zu gut aus mir selbst, d.h. aus jener Persönlichkeit Nr. 1, dem Schuljungen von 1890. Daneben gab es jedoch einen Bereich, wie einen Tempel, in dem jeder Eintretende gewandelt wurde. Von der Anschauung des Weltganzen überwältigt und seiner selbst vergessend konnte er nur noch wundern und bewundern. Hier lebte “der Andere”, der Gott als ein heimliches, persönliches und zugleich überpersönliches Geheimnis kannte. Hier trennte nichts den Menschen von Gott. Ja, es war, wie wenn der menschliche Geist zugleich mit Gott auf die Schöpfung blickte.

mythologische Wesen: zwei griechische Göttinnen zwei griechische Göttinnen

Sein Leben lang hat diese zweite Persönlichkeit, die Seele, die Hauptrolle in Jungs Leben gespielt, und er hat versucht, den Inhalten und Informationen freien Lauf zu lassen, die von Innen an ihn heranwollten. Er machte auch immer wieder die Erfahrung, dass sich sofort körperliche Symptome manifestierten, sobald er versuchte, gegen sein inneres Wissen zu handeln; doch sobald er dem Ruf seiner Seele folgte, verschwanden die Symtpome sofort.

Jung war ein Schüler und während einer gewissen Zeit auch ein Freund von Sigmund Freud, den er bewunderte und als “die erste wirklich bedeutende Persönlichkeit, die mir je begegnete”, bezeichnete. Allerdings störte sich Jung bald an dem sehr engen Dogma von Freud, das alle psychischen Vorgänge auf den sexuellen Trieb und den Todestrieb reduzierte. Jung widersprach Freud öffentlich in einem seiner Bücher, und opferte bewusst die Freundschaft und Verbindung mit ihm – bezeichnenderweise in einem Kapitel, das selbst den Titel “Opfer” trägt und wo es um das Thema Inzest geht.

Darauf folgte für Jung eine Zeit der Verwirrung und Desorientiertheit. Er fand daraus heraus, als er nach vielen Widerständen von Seiten des Ego seinem Impuls folgte und spielte wie ein Kind, um sich bewusst auf sein eigenes Unbewusstes einzulassen und zu forschen. Sein Spiel bestand darin, aus Kieseln eine Stadt zu bauen, er malte täglich Mandalas, und es erschienen ihm zwei Geistwesen namens Philomen und Salome, die während dieser Zeit seine Geistführer waren. Er zeichnete in einem “Roten Buch” endlose Gespräche seiner inneren Aspekte auf, und channelte von einem “Basilides in Alexandria” die “Septem Sermones ad Mortuos”, die “Sieben Belehrungen der Toten”. Im Haus der Familie Jung spukte es häufig zu dieser Zeit (was offenbar die ganze Familie völlig normal fand), und Jung selbst hatte häufig intensive Träume und Visionen im Wachzustand. In dieser Zeit wurden in symbolischer und bildlicher Form alle Informationen heruntergeladen, die Jungs Lebenswerk ausmachen – und die restlichen fünfzig Jahre seines Lebens verbrachte er damit, diese Informationen zu erden und in Worte zu fassen:

“Ich sah, dass soviel Fantasie festen Bodens bedurfte, und dass ich zuerst ganz in die menschliche Wirklichkeit zurückkommen musste.”

Er war dankbar für die Anwesenheit seiner Familie und für seine Praxis als Arzt, die es nicht erlaubten, ständig in höherdimensionalen Sphären zu schweben, sondern die ihn immer wieder auf den Boden der 3D-Realität herunter holten und ihn auf der Erde verankerten. Es war ihm bewusst, dass er sich oft an der Grenze zur Verrücktheit bewegte, so wie er sie an seinen Patienten und Patientinnen in der Irrenanstalt beobachtet hatte.

Ebenso war es Jung klar, dass er für diese Informationen die Verantwortung übernehmen musste:

“Denn wer seine Erkenntnis nicht als ethische Verpflichtung anschaut, verfällt dem Machtprinzip. Es können daraus destruktive Wirkungen entstehen, die nicht nur andere zerstören, sondern auch den Wissenden selber.”

Jung schaffte diese heikle Gratwanderung, indem er einerseits dem Ruf seiner Seele folgte und seine Intuitionen, Träume und Visionen ernst nahm – ihretwegen verzichtete er sogar auf eine akademische Karriere, weil er fühlte, dass diese Inhalte wichtiger waren als die äusserliche Anerkennung, die er als Professor erfahren konnte – und andererseits suchte und fand er die Mittel und Wege, um sich immer wieder zu erden. Er wurde zum Kenner der europäischen, aber auch der östlichen Mythologien, studierte intensiv die christliche Tradition und die Alchemie, auch das Leben des Paracelsus, und setzte dieses Wissen mit seinen Patienten und Patientinnen um, wobei er genauso von den Menschen lernte, die ihn um Hilfe baten, wie diese von ihm lernten.

Es gäbe noch viel zu sagen über Carl Gustav Jung, der einer der grossen Pioniere und Lehrer der Bewusstseinsarbeit unserer Zeit war und der eine wertvolle Plattform geschaffen hat, von der wir heute für unsere eigene spirituelle Arbeit profitieren dürfen.

In diesem Sinne noch ein letztes Wort von ihm, das beschreibt, auf welche Weise er das Leben fühlte:

“Das Leben ist mir immer wie eine Pflanze vorgekommen, die aus ihrem Rhizom lebt. Ihr eigentliches Leben ist nicht sichtbar, es steckt im Rhizom. Das, was über dem Boden sichtbar wird, hält nur einen Sommer. Dann verwelkt es – eine ephemere Erscheinung. Wenn man an das endlose Werden und Vergehen des Lebens und der Kulturen denkt, erhält man den Eindruck absoluter Nichtigkeit; aber ich habe nie das Gefühl verloren für etwas, das unter dem ewigen Wechsel lebt und dauert. Was man sieht, ist die Blüte, und die vergeht. Das Rhizom dauert.”

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© Barbara Seiler 2006 - www.spiriforum.net

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Literatur


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