10 Gebote des Atheismus

Der "neue Atheist" Alexander Smoltczyk aus dem Umfeld des Evolutionsbiologen Richard Dawkins, die der Brights-Bewegung nahestehen, fasst die Prinzipien der Bewegung in folgenden zehn Geboten zusammen:

  1. Du sollst nicht glauben.
  2. Du sollst dir kein Selbstbildnis machen und es Gott nennen.
  3. Du sollst keine Götter neben dir dulden.
  4. Du sollst keinen Schöpfer haben.
  5. Du sollst deine Kinder ehren und sie deshalb mit Gott in Frieden lassen.
  6. Sei gut auch ohne Gott.
  7. Du sollst keine Götter neben der Wissenschaft haben
  8. Liebe deinen Nächsten - ohne schlechtes Gewissen.
  9. Du sollst den Sabbat nicht ehren.
  10. Du sollst nicht knien als Schöpfer.

Quelle

Interessant - die atheistische Bewegung orientiert sich beim Formulieren ihrer Leitsätze... am jüdisch-christlichen Alten Testament. Honni soit qui mal y pense!

Allerdings erreicht diese neue Formulierung bei weitem nicht die Qualität des Originals, die man bei 2. Mose 1-17 findet:

Und Gott redete alle diese Worte:
Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, weder die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausend Generationen derer, die mich lieben und meine Gebote halten.
Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.
Gedenke des Sabbattages, daß du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.
Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.
Du sollst nicht töten. Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.

Doch nun zu den Details:

1. Du sollst nicht glauben.

Und wie könnte das gehen? Menschen müssen glauben: dass die Sonne morgen wieder aufgeht, dass der Bäcker bereit sein wird, mir Brötchen zu verkaufen, dass der Bus rechtzeitig kommen wird, dass die Bank mein Geld auf dem Konto lassen wird und es nicht unterschlägt... jeder Mensch dürfte im Lauf seines Lebens mehrere tausend solcher Glaubenssätze entwickeln. Ohne sie wäre Leben als Mensch nicht möglich.

Ach, es geht nicht darum? Gut, meinetwegen. Ergänzen wir also den Satz und schreiben: "Du sollst nicht an Gott glauben." Aber auch das heisst noch nichts. Es gibt ziemlich genau gleich viele Möglichkeiten und Varianten des Glaubens an Gott oder an Götter, wie es Menschen gibt - vom naiv-kindlichen Glauben mit abergläubischen Zügen bis hin zu einem sehr abstrakten, philosophischen Glauben, wie ihn der Taoismus vermittelt, und alles dazwischen. Und der wird von Smoltczyk in Bausch und Bogen in den gleichen Topf geworfen, ohne Differenzierung.

Dazu kommt, dass zwischen alltäglichen Glaubenssätzen in Bezug auf Fahrpläne und Brötchen einerseits und religiösen Glaubenssätzen andererseits lediglich ein Unterschied im Inhalt besteht, nicht aber ein grundsätzlicher qualitativer Unterschied.

Im christlichen Umfeld wird das Wort "glauben" oft übertragen mit "vertrauen auf". Eine gläubige Person ist also eine, die auf Gott vertraut - und wenn sich jemand dabei besser, wohler oder geborgener fühlt, gibt es keinen vernünftigen Grund, dies nicht zu tun.

2. Du sollst dir kein Selbstbildnis machen und es Gott nennen.

Hierzu gibt es nicht viel zu sagen - es entspricht genau dem biblischen Verbot, sich ein Bild zu machen von Gott. In beiden Fällen geht es darum, ein vom Ego geschaffenes Gebilde als das Höchste überhaupt zu definieren, ganz im Sinne der Definition von Carl Gustav Jung: das Mächtigste, das die Menschen kennen, nennen sie Gott.

3. Du sollst keine Götter neben dir dulden.

Der Kommentar von Alexander Smoltczyk zu diesem Gebot lautet: "Die friedliche Koexistenz mit den Gläubigen ist vorbei. Die Neuen Atheisten sind keine agnostischen Gläubigenversteher. Seit der Fatwa gegen Salman Rushdie, seit der Erklärung des neuen Dschihad gegen die Moderne ist Schluss mit religiösem Multikulti..."

... doch wie wäre es mit "leben und leben lassen"? Das Problem diverser Fundamentalisten ist nicht die Tatsache, dass sie jeden Freitag, Samstag oder Sonntag in der Moschee, Synagoge oder Kirche zu ihrem Gott beten, sondern dass sie gegenüber Andersgläubigen Gewalt anwenden. Wozu es auf der ganzen Welt, oder zumindest im westlichen Kulturkreis, gesetzliche Sanktionen gibt. Wenn jetzt atheistische Gruppierungen zur Missionierung im selben Stil aufrufen, so ist das einfach mehr vom gleichen Übel, nur neu mit atheistischer Dekoration anstelle von christlicher oder muslimischer Dekoration. Und somit unterscheiden sich religiöse FanatikerInnen immer weniger von atheistischen FanatikerInnen. Unsympathisch sind alle gleichermassen. 

4. Du sollst keinen Schöpfer haben.

Der Kommentar von Alexander Smoltczyk hierzu: "Die Theorie Darwins liefert eine schlüssige Erklärung, weshalb aus Chaos Ordnung wird."

Nein, liefert sie nicht. Sie beschreibt lediglich, wie es (ungefähr) passiert sein könnte. Die Frage, wie Leben aus "toter" Materie entstehen kann, ist auf wissenschaftlicher Ebene noch längst nicht gelöst - und wird bisher auch nicht besonders intensiv in Angriff genommen, da zu "esoterisch", zu wenig objektiv, zu wenig wissenschaftlich. Nur in der Physik mit den Quantenphänomenen und dem Urknallproblem wird solchen Fragen nachgegangen, und auch dort oft nicht während der offiziellen Arbeitszeit, sondern nach dem Feierabend oder erst nach der Pensionierung - siehe zum Beispiel Amit Goswami oder Markold Niemtz als zwei Vertreter dieser Richtung, die ihre interessanten Spekulationen nur privat und ausserhalb der Uni zu vertreten wagen.

Ausserdem lehrt mich meine Erfahrung, dass ich mich als Mensch nicht selbst erschaffen habe... da waren zumindest meine Eltern wesentlich  daran beteiligt ;-) Und deren Eltern, und deren Eltern, ad infinitum, beziehungsweise ad Urknallum. Ich bin ein Geschöpf, und es ist nichts Ehrenrühriges daran. 

5. Du sollst deine Kinder ehren und sie deshalb mit Gott in Frieden lassen.

Religiöse Indoktrinierung ist keinesfalls zu empfehlen - aber Kinder werden, sobald sie sprechen können, viele neugierige Fragen stellen, von denen viele nicht oder nur schwer zu beantworten sein werden. Ein Grundwissen über Religion, als Wissensangebot und nicht als Verpflichtung und alleinige Wahrheit, gehört zu jeder vollständigen Erziehung und Bildung. Eltern und ErzieherInnen sollen sich durchaus mit ihren Haltungen und Meinungen sichtbar machen und diese den ihnen anvertrauten Kindern erklären und vor allem vorleben. Das ist kein Problem, solange sie auch klar definieren, ob sie gerade von sicherem Wissen, von Glauben, oder von Vermutungen sprechen. Wohingegen ein völliges Meiden religiöser Themen genauso Indoktrination ist wie das fanatische und absolute Vertreten religiöser Glaubenssätze.

Die Aufgabe von Eltern ist es nicht, sie auf eine bestimmte Weltanschauung zu programmieren. Es ist die Aufgabe von Eltern, ihre Kinder darin zu unterstützen, zu selbstbewussten, aufrechten Menschen zu werden.

6. Sei gut auch ohne Gott.

Das kann ich nur unterschreiben. Wobei ich auch kein Problem damit habe, mit Gott gut zu sein. Ist nicht Gott das Gute selbst... ? Oder, anders formuliert: Entsteht irdisch gutes Verhalten nicht dann, wenn sich ein Mensch bewusst als Kanal oder Gefäss für das Wirken des Heiligen Geistes zur Verfügung stellt?

Umformuliert würde das dann heissen: "Sei mit Gott auch ohne Gott", oder auch - "sei gut auch ohne das Gute" - ein Satz mit den Qualitäten eines paradoxen Zen-Koans, hervorragend geeignet zur Meditation. 

7. Du sollst keine anderen Götter neben der Wissenschaft haben.

Anders gesagt: die Wissenschaft ist dein Gott, an den du glauben sollst. Was eindeutig im Widerspruch zum ersten Gebot des Atheismus steht, das verlangt, gar nicht zu glauben, und schon gar nicht an einen Gott.

Was von den Brights in erster Linie kritisiert wird, ist jener Glaube, der sich in den Stufen des Bewusstseins bei Hawkins in den Ebenen 0 - 399 finden lässt, was den Ebenen der Erde und des Wassers entspricht, und der bei Ken Wilber das "mythische Bewusstsein" genannt wird. Es gibt viele gute Gründe, diese Art des Glaubens zu kritisieren. 

Allerdings kommt man vom Regen in die Traufe, wenn versucht wird, das rationale Bewusstsein bzw bei Hawkins die Ebenen der Luft zum Absolutum zu erheben. Wobei zusätzlich die Gefahr besteht, sich nicht mehr im rationalen Bewusstsein halten zu können, sondern auf die Ebene 190 - Stolz und Arroganz herunterzufallen.

8. Liebe deinen Nächsten - ohne schlechtes Gewissen.

Das unterscheidet sich nicht wesentlich vom christlichen "Liebe Gott von ganzem Herzen, liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Ein schlechtes Gewissen wird in der Bibel nirgends verlangt - allerdings gibt es durchaus diverse kirchliche Traditionen mit einer Neigung, Schuldgefühle einzupflanzen und zu pflegen. Das ist allerdings nicht eine Frage der Spiritualität , sondern eine der Politik, da es darum geht, eine Institution mächtig zu machen und in der Institution selbst hohe Positionen zu besetzen, hat aber nichts mit der Botschaft des Jesus von Nazareth zu tun. Hier vermisse ich eine Differenzierung zwischen der christlichen Botschaft - auch der Botschaft der zehn Gebote - und dem, was im Lauf der Jahrhunderte alles daraus gemacht wurde.

9. Du sollst den Sabbat nicht ehren.

Ganz schlechte Idee! Auch auf der empirisch-biologischen Ebene dürfte es  klar sein, dass ein Mensch nicht ständig arbeiten kann, sondern regelmässige Pausen benötigt, um langfristig leistungsfähig zu bleiben. 

Der Aufruf, den Sabbat nicht zu ehren, führt direkt in den Burnout hinein - eine Krankheit unserer Leistungsgesellschaft, die gesellschaftlich je länger je problematischer wird.

Ob es dann der Samstag oder Sonntag oder sonst ein Tag ist, spielt dabei weniger eine Rolle, als dass regelmässig mindestens ein Tag pro Woche dazu genutzt wird, wieder zu sich selbst zu finden, sich auszuruhen - und durchaus auch, um sich zu fragen, was man eigentlich auf dieser Erde macht.

Das biblische Gebot, das auch ausdrücklich die Kinder, die Angestellten, die Fremden und sogar die Tiere in das Sabbatgebot einschliesst, dürfte zu seiner Zeit eine der umfassendsten Sozialgesetzgebungen gewesen sein - und ein Standard, der auch heute noch längst nicht überall erreicht ist.

10. Du sollst nicht knien als Schöpfer.

Kommentar von Alexander Smoltczyk: "Auch ohne Glauben lässt sich Demut empfinden gegenüber allem Schönen, Wahren, Guten."

Nun, was jetzt? Soll ich knien oder nicht? Denn was ist Demut zu empfinden Anderes, als mich vor etwas zu knien - zum Beispiel diese kleine wunderschöne perfekte Blume, die ich nur auf meinen Knien genau betrachten kann?

... zu guter Letzt

... enttäuscht es mich etwas, dass Anhängern der luftigen Ratio und der Wissenschaft so offensichtliche logische Fehler passieren können. Da dürfte schon etwas mehr an Geist erwartet werden. Und etwas weniger an fundamentalistischen Mustern, die die Atheisten ja selbst bei den Fundi-Religiösen kritisieren.

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© Barbara Seiler 2007 - www.spiriforum.net
Dieser Text darf unter Hinzufügung dieser Fussnote gerne weitergegeben werden.

Literatur

Weblinks