Das Vaterunser

Das Vaterunser ist eines der wichtigsten Gebete des Christentums, oder sogar das wichtigste - und enthält alles, worum ein Mensch nur bitten kann. Es ist für jede Situation geeignet, und enthält in sich die Essenz eines spirituellen Weges.

Hier der vollständige Text, wie er in Matthäus 6.9-13 in der Bergpredigt überliefert ist:

Vater unser im Himmel
geheiliget werde dein Name
dein Reich komme
dein Wille geschehe
wie im Himmel, so auf Erden
unser tägliches Brot gib uns heute
und vergib uns unsere Schuld
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen
Denn dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit
in Ewigkeit, Amen

Die lange Tradition des Christentums und dessen grosser Einfluss auf die europäische Kultur hat dazu geführt, dass dieser Text einerseits zu einer Selbstverständlichkeit wurde - andererseits aber auch dazu, dass vor lauter Selbstverständlichkeit oft nicht gefragt wird: was wird da eigentlich gesagt? Auch die Dogmen verschiedener Kirchen sind da nicht immer hilfreich, da sie die Tendenz haben, mehr zur Verwirrung beizutragen, anstatt Erleuchtung zu bringen. Die Geschichte der christlichen Lehre trägt dazu bei, die sich während langer Zeit an einer kritiklosen Dogmengläubigkeit orientiert hat. Was in unserem Zeitalter des Intellekts und der Ratio nicht mehr angemessen ist.

Auch die Begriffe wie "Himmel, Reich, heilig" haben oft einen starken emotionalen Wert, doch ohne den mentalen Hintergrund, der eine klare Definition liefern könnte. Was hier versucht wird, ist eben diesen mentalen, rationalen Hintergrund etwas zu beleuchten.

Vater unser im Himmel

Jesus stellte die Urquelle allen Seins als Vater vor, und das als liebevoller, weiser Vater, der für seine Kinder da ist, wenn sie zu ihm kommen, der sich allerdings aber auch nicht aufdrängt. Er portraitiert diesen Vater im Gleichnis vom verlorenen und wieder gefundenen Sohn (Lukas 15.11-32), und an zahlreichen anderen Stellen. Es war eine Vorstellung, die zur Zeit von Jesus von den meisten Menschen verstanden wurde - eine Vorstellung, die darauf angelegt war, Geborgenheit, Sicherheit und ein Gefühl des Akzeptiert-werdens zu vermitteln.

Doch Gott hat kein Geschlecht, und in den zehn Geboten wird erläutert: "Du wirst dir kein Götterbild machen" - kein geschnitztes, keins aus Stein, doch auch keins in der Vorstellung. Und doch, es lässt sich nicht vermeiden, ein Bild herzustellen, wer oder wie Gott ist, und sei es ein sehr abstraktes Bild. Indem wir Gott als Vater ansprechen, weist Jesus darauf hin, dass die Beziehung von Mensch zu Gott eine persönliche und intime ist - keine, die Priester oder Gurus als Vermittler braucht. Es sind auch keine aufwendigen Rituale notwendig, um den Kontakt herzustellen. Die Verbindung mit dem Göttlichen darf dieselbe Selbstverständlichkeit haben wie das Sprechen mit Freunden und Familienmitgliedern.

Wer sich mit dem Begriff "Vater" unwohl fühlt, hat selbstverständlich das Recht, umzuformulieren: Vater Gott-Mutter Göttin; Ursprung; Urquelle; Dao; Urgrund allen Seins; Quelle des Lebens; Grund der Wahrheit; Liebe in Aktion; die grösste Freude... Gott hat viele Namen, und er hört auf sie alle. Das Wichtigste dabei ist, beim Nennen dieses Namens diese Verbindung fühlen zu können.

...und er/sie befindet sich im "Himmel". Im Englischen ist es klar, dass nicht der sichtbare, materielle Himmel, der "sky" gemeint ist, sondern der unsichtbare, immaterielle "heaven", der auch mit dem "haven", dem Hafen (für Schiffe) assoziiert werden kann, ein Ort der Sicherheit und Ruhe. Die Urquelle befindet sich nicht innerhalb der Raumzeit und kann folglich nicht mit den fünf Sinnen wahrgenommen werden, sondern ist die Matrix (Mutter-Struktur), die erst die Raumzeit in sich trägt und erschaffen hat, und jedes ihrer Atome durchdringt. "Himmel" wird der Zustand inneren Friedens genannt, der unabhängig von äusseren Umständen empfunden werden kann. Himmel, das ist Heiterkeit, Gelassenheit, und das volle Annehmen von allem, was immer da kommen mag.

geheiliget werde dein Name

Der Name eines Wesens ist seine Essenz. Indem wir den Namen Gottes heiligen, anerkennen wir seine Essenz und verbinden uns bewusst mit dieser höheren Realität, aus der die materielle, alltägliche Realität erst hervorgegangen ist.

Heilig ist, was heil und ganz ist. Heilig ist, was keine innerenWidersprüche, keine Zweifel und keine Ängste hat. Heil und ganz ist auch unser "ich bin", die Essenz des Menschen, die von göttlicher Natur ist.

Es geht in dieser Zeile nicht darum, Gott etwas zu geben; denn Gott, der Heil und Ganzheit ist, ist nicht auf Verehrung angewiesen. Es geht darum, sich selbst an die eigene Ganzheit und Göttlichkeit zu erinnern, an das, was wir Menschen wirklich sind hinter all den Oberflächen des Egos. Es geht um die Erkenntnis, dass all unsere Sorgen und Ängste nur eine illusionäre Realität haben, dass die Wirklichkeit aber stabil und sicher ist. Es geht darum, dass wir unser Haus nicht auf den Sand des Egos bauen, sondern auf den Fels der Wahrheit.

dein Reich komme

... und wir bitten darum, dass sich das Reich Gottes, also die Wahrnehmung und das Bewusstsein des Ursprungs, auch hier im Alltag manifestiere und zeige, in unserem Leben und durch unseren Körper. Wir bitten um den inneren Frieden, der aus der Erkenntnis der Wahrheit und der Liebe entsteht. Das ist nicht nur eine intellektuelle Erkenntnis, es ist in erster Linie ein Gefühl des Aufgehobenseins, eine Sicherheit, die nicht von dieser Welt ist.

"Das Himmelreich befindet sich in eurer Mitte", sagte Jesus, also in unserem Inneren. "The kingdom of god is within you", wird dieser Satz in englischen Übersetzungen formuliert. Es ist nichts, was mit den irdischen Augen sichtbar ist, sondern es bedeutet, die Liebe zu leben, die Gott ist, und der Liebe zu erlauben, uns zu ihrem Werkzeug zu machen. Es bedeutet, übermässige Kontrolle loszulassen und zu erlauben, dass die Liebe und die Wahrheit geschieht.

"Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen". Zwei sind das Bewusste und Unbewusste, das Männliche und Weibliche, das Linke und das Rechte... und wenn diese zwei, die sich in jedem Menschen befinden, in Einheit und Übereinstimmung sind, so kann der Geist Gottes durch diesen Menschen wirken. Drei sind der Kopf, das Herz, der Bauch; die Intelligenz, der Wille und das Gefühl; und wo diese drei in Übereinstimmung sind und miteinander arbeiten, da kann der Heilige Geist durchfliessen und wirken.

dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden

An dieser Zeile habe ich lange, während Jahren, geknabbert und verdaut... was ist denn der Wille Gottes, dass ich ihm erlauben könnte, so bedingungslos durch mich zu wirken? Unterwerfe ich mich da nicht einer Kraft, die ich vielleicht gar nicht will?

Die (Er-)Lösung war, dass Ich Auch Gott Bin - meine innersten Sehnsüchte und Wünsche und Hoffnungen und meine Freude sind der göttliche Funke in mir. Und indem ich "Deinen Willen" anrufe, erlaube ich diesen tiefen Sehnsüchten, in die Realität zu kommen, und zwar auf allen Stufen des Seins. Das ist ein herausfordernder Prozess, denn das Ego wird dabei aufgefordert, zur Seite zu treten, und all die illusionären, materiellen Sicherheiten gehen zu lassen, an denen es sich so gerne festhält. Es geht darum, das Richtige zu tun, und es geht um Vertrauen. Die Folgen unserer Handlungen sind oft nicht absehbar; und gerade wenn ein Mensch das Risiko eingeht, eine ungern gehörte Wahrheit auszusprechen oder sich weltlichen Autoritäten zu widersetzen, so kann das ohne weiteres dazu führen, das Einkommen, die materielle Sicherheit und die Geborgenheit in einer Gemeinschaft zu verlieren. Es braucht Vertrauen, einen solchen Schritt zu wagen, auf einem Weg, wo oft nur gerade die nächsten ein, zwei Schritte sichtbar sind, und wo weder das Ziel noch der Weg zu diesem Ziel wahrnehmbar ist. Die nächste Zeile beschäftigt sich mit gerade diesem Vertrauen:

unser tägliches Brot gib uns heute

Gebet ist... Vertrauen in die göttliche Fülle

Gebet ist...
Vertrauen in die göttliche Fülle

© barbara seiler

Lebe im Moment! Die Zeile heisst nicht "einen Brotvorrat gib uns heute, der bis ans Ende des Lebens reicht." Es ist ein Ausdruck des Vertrauens, dass Gott - das Universum, die Urquelle - mir, dem Menschen, an jedem Tag das zukommen lässt, was ich gerade brauche, auch auf der Ebene der körperlichen, materiellen und sozialen Bedürfnisse. Es ist das Vertrauen in die göttliche Fülle, die nicht nur eine Sorte Blumen geschaffen hat, sondern Tausende... die jeden Baum nicht nur so viele Früchte tragen lässt, wie er zu seiner Fortpflanzung braucht, sondern Tausende an jedem Baum. Es drückt auch Hingabe aus, die mit dem Vertrauen kommt, die jeden Moment begrüsst und ehrt und schätzt.

Es bedeutet nicht, keine langfristigen Pläne zu haben und die Absicht zu bekunden, diese auch umzusetzen; es bedeutet auch nicht, alle Vernunft in den Wind zu schlagen. Es bedeutet lediglich, sich auf das zu konzentrieren, was jetzt und heute gerade ansteht, und sich weder Sorgen zu machen über mögliche Unglücksfälle und Katastrophen der Zukunft, noch ständig einer (angeblich) schöneren und heileren Vergangenheit nachzutrauern. "Jeder Tag hat an seiner eigenen Plage genug zu tragen", kommentierte Jesus. Es ist mehr als genug, sich mit der Gegenwart auseinander zu setzen. Was morgen alles kommen mag, darum kann ich mich dann kümmern, wenn es kommt - wenn es denn überhaupt kommt.

und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Jesus erklärte gleich nach dem Text des Vaterunsers: "denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, wird euer himmlischer Vater euch auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, wird euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben." Indem ich vergebe, wird mir vergeben; Da ich in meiner Essenz auch "der Vater" bin, so ist jedes Schuldgefühl und jeder Mangel an Vergebung ein Mangel an Vergebung von mir selbst an mir selbst. Dies gilt auch, wenn ich den Menschen meiner Umgebung böse bin, oder auf die Umstände, die Gesellschaft, die Welt, oder sonst irgend etwas... was "aussen" passiert ist ein Spiegel dessen, was ich "innen" bin, und jenen Begrenzungen, die zwischen Ego-mir und dem göttlichen Seelen-Ich bestehen.

und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen

Dieser Vers wird oft verstanden im Sinn von "und führe uns in der Versuchung" - es ist die Bitte von Weisheit, und die Bitte, nicht dem Irrtum anheim zu fallen; denn das Böse, das Abwenden vom richtigen Weg, ist immer ein Irren.

Es gibt eine einzige Versuchung, und die besteht darin, die Illusion für Realität zu halten - die Oberfläche für die Tiefe zu halten. Es ist die Versuchung, bei Widersprüchen zwischen den Bedürfnissen und Wünschen des Egos, und den Wünschen der Seele, dem Ego zu folgen. Es ist der breite Weg, der einfach erscheint, der aber auf lange Sicht seine Konsequenzen hat und zu allen möglichen Problemen führt. Es ist der Weg, um eines schnellen Vorteils willen nicht in der Liebe und in der Wahrheit zu bleiben.

denn Dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit, in Ewigkeit, Amen

Diese Schlussformel bestätigt die Identität des einzigen Gottes, der Einheit, nach der der Betende hinstrebt und schliesst ab mit Amen - "so sei es".

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© Barbara Seiler 2007 - www.spiriforum.net
Dieser Text darf unter Hinzufügung dieser Fussnote gerne weitergegeben werden.